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Das große SchleFaZ – Deasaster 2016 #3: Libero

Von Janick Lynch vor 6 Monaten geschrieben08 / 2016Recap1 Kommentar

Tooor! Der dritte SchleFaZ der diesjährigen Sommerstaffel hat das Ziel getroffen. Der Zuschauer ist am Ende und der Scheißfilm wird wieder in dem Mülleimer versenkt, aus dem er hervorgezogen wurde. Franz Beckenbauer: der Libero. Eine Lichtgestalt der Fußballgeschichte und jetzt auch offiziell eine Lichtgestalt der deutschen Scheißfilmindustrie, in der er jedoch sogar noch von Perlen wie „Kartoffelsalat“ oder „Daniel der Zauberer“ (die Vorfreude auf August steigt!) übertroffen wurde. Wir gehen jetzt hier in die dritte Halbzeit und lassen die neueste SchleFaZ-Ausgabe Revue passieren.

Worum geht es in „Libero“?

Franz Beckenbauer. Der Kaiser. Der Libero. Die Lichtgestalt. Eine Ikone für eine ganze Nation. Ein Fußballgott. Tragisches Opfer der Boulevardpresse. Fürsorglicher Familienvater. Vernünftiger Diplomat. Treuer Freund. Gern gesehener Kneipen-Gast. Terrorisiert von seinem eigenen Erfolg….

Jetzt werden sich einige fragen, was zur Hölle das alles soll. Ich weiß es auch nicht. Dennoch möchte ich einige Erklärungsversuche wagen, warum „Libero“ innerhalb der SchleFaZe noch einmal in ganz neue Sphären der kläglichen Kackfilmkalauer vordringt. Die Kamera gleitet langsam durch das Münchener Stadion. Noch ist kein Mensch auf den Tribünen zu sehen. Die Ruhe vor dem Sturm. Erinnerungen an Stanley Kubricks Kulthorror „Shining“ kehren wieder in den Geist des verängstigten Zuschauers zurück. Untermalt von bedrohlicher Oboen- und Flötenmusik wird dem Zuschauer sofort klar, dass hier schon bald dramatische Dinge geschehen werden. Dann setzt der Vorspann ein. Dramatische Dinge werden im Laufe des Films tatsächlich passieren, aber nicht innerhalb der Story, sondern im heimischen Wohnzimmer. Hier sitzt der verstörte Zuschauer, dessen Herzschlag sich fortwährend beschleunigt. Dessen verschwitzte Hände sich in die Armlehnen des geliebten Fernsehsessels krallen. Der panisch versucht, gleichmäßig ein- und auszuatmen. Der am liebsten diesem Schrecken ein Ende bereiten möchte. Der trotzdem nicht wegsehen kann. Der sich noch nie in seinem ganzen Leben so gelangweilt hat. Der sich immer wieder selbst sagt, dass er sich das freiwillig antut. Es ist doch nur Fernsehunterhaltung! Comedy! Satire! Wir alle haben bei „SchleFaZ“ bereits die Nackedei-Absenz „Pudelnackt in Oberbayern“ und die lahme Luschenmonsterschlägerei „Dracula jagt Frankenstein“ mit dem wackeren Werwolf Waldemar in der Hauptrolle überstanden. Dann muss doch auch dieser Beckenbauer-Kaiserschmarrn zu bewältigen sein.

Tatsächlich. Man kann ihn überstehen, immerhin sind die Kommentare und Moderationen von Oliver Kalkofe und Peter Rütten, deren Fußballspiel ich lieber noch länger gesehen hätte als diesen Film, mal wieder spitzenmäßig ausgefallen. Wer hat denn aber nun eigentlich diese Mockumentary verbrochen? Ein gewisser Herr namens Wigbert Wicker. Ein deutscher Regisseur, der es in seiner Filmographie auf nur vier Einträge gebracht hat. Darunter das Hallervorden-Spektakel „Didi auf vollen Touren“ oder auch die Krimikomödie „Car-Napping – Bestellt, geklaut, geliefert“. Immerhin war „Libero“ sein Regiedebüt, bei dem man ja bekanntlich über den einen oder anderen Fehler hinwegsehen kann. Böse Zungen mögen jetzt jedoch behaupten, dass man nach diesem Regiedebüt weiß, warum Wicker eben am Ende doch nur vier Filme inszenieren durfte: normalerweise kann man über die ein oder andere kleinere Fehlentscheidung hinwegsehen, aber nicht bei „Libero“, der ist so ärgerlich wie ein meisterschaftsentscheidendes Abseitstor in der Nachspielzeit, nachdem der Schiri zuvor ein klares Foul des Gegners als Schwalbe gewertet, dem eigenen Torhüter unberechtigt die rote Karte und den Trainer nach einer selbst angezettelten Rempelei auf die Tribüne verwiesen hat.

Wenn man nun einen Film über den Kaiser dreht, dann muss man das so realistisch wie möglich tun, hat sich der gute Wigbert gedacht. Also warum nicht eine Mockumentary drehen, also eine Fake-Dokumentation? Nur leider bemerkt man als Zuschauer viel zu spät, dass der Film dokumentarisch sein soll. Vorher wundert man sich eher darüber, dass einige Dialoge überhaupt nicht zu verstehen sind, weil sich der Regisseur scheinbar gedacht hat, dass es realistisch wirkt, wenn in so einer Dokumentation die Dialoge nicht zu verstehen sind. Wenn die Dialoge dann zu verstehen sind, wird es aber leider auch nicht besser. Im Gegenteil. Selbst bei den schlimmsten Asylum-Produktionen sind die Dialoge teilweise sinnvoller und das ist wohl eine schockierende Aussage für die Ewigkeit, wenn man an die letzten Trashperlen zurückdenkt. Frauen haben in dieser von Männern dominierten Welt eh fast nichts zu sagen. Stattdessen konzentriert sich der Film auf eine feinfühlige Charakterzeichnung von Franz Beckenbauer. Der Kaiser wird seinem Ruf in allen Belangen gerecht. Er ist immer hilfsbereit, immer freundlich, bescheiden, seinen Freunden und Kameraden immer treu und er hat natürlich immer ein Foto von sich für Krankenschwester Irene (Helma Seitz) dabei. Und wie lautet Ihre Diagnose, Schwester Irene? Der Beckenbauer wirkt ganz schön müde. Echt merkwürdig. Genau so ergeht es doch auch dem Zuschauer!? Wollte der Regisseur mit seiner bewusst inszenierten Langeweile vielleicht nur dafür sorgen, dass sich der Zuschauer noch mehr mit Beckenbauer identifizieren kann? Mit seiner Erschöpfung, seiner Anstrengung durch seine herausragende Karriere? Später sagt er im knallgrünen Zimmer zu einer unwichtigen Nebenfigur: »Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr!« Damit spricht er dem Zuschauer doch aus der gepeinigten Seele.
Udo Lattek, Uli Hoeness und Franz Beckenbauer in LIBERO
Erwähnen sollte man unbedingt noch die Szene, in der der Beckenbauer todesmutig das Haus in der Nacht verlässt, als sich eine Gruppe aufgebrachter Hooligans vor seinem Etablissement einfindet. »Hört´s, i glab´s Beste is, ihr geht´s glei´wieda nach Haus.« Mit diesem ehrfurchtgebietenden Satz schickt er die Wüteriche ins Bett. Dabei könnte man doch heutzutage bei sportlichen Großveranstaltungen so viel Polizeiarbeit einsparen. Schickt doch einfach den Beckenbauer auf die Straße, der regelt das schon! Dann gibt es ja auch noch den berühmten Humor in „Libero“. Wer muss sich denn nicht ein Schmunzeln verkneifen, wenn Beckenbauer in den ersten Filmminuten in einem Restaurant von seinen skurrilen Erlebnissen bercihtet, »Damals bin ich Arm in Arm mit dem Schiedsrichter vom Platz gegangen. Das war vielleicht ein Bild. Die Leute haben gelacht!«

Super! Grandios! So ein Scherzkeks aber auch, der Herr Beckenbauer. Der Kaiser weiß eben, wie er seine Fans zum Lachen bringt. Und natürlich auch die Nebenfiguren, darunter der Grill- und Feuermeister des Restaurants, der wie einer von den Drei Musketieren aussieht, oder auch andere schillernde Persönlichkeiten wie Uli Hoeneß oder Günter Netzer. Einer muss ja hier für Spaß sorgen, schließlich hat der Großteil der anderen Figuren fast gar keinen Text.
Nach etwa 20 Minuten erreicht „Libero“ zum ersten Mal einen verstörenden Höhepunkt, wenn der Film unterbrochen wird und eine vier Minuten (!) lange Zeitlupenmontage mit einigen seiner schönsten Fußballmomente zu kitschiger Musik gezeigt wird. Wer jedoch glaubt, dass man es bei dieser Sequenz belässt, der irrt gewaltig. Immer wieder wird die „Handlung“ unterbrochen und es werden lieber noch ein paar stinklangweilige Ausschnitte aus Beckenbauers Fußballspielen gezeigt, bei denen man nicht einmal weiß, wer hier wann und vor allem gegen wen gerade spielt und in denen der einzige Höhepunkt ist, dass der Kaiser plötzlich Nasenbluten bekommt.

„Libero“ ist eben ein Film, der Fußballhassern vor Augen führt, warum es eben doch interessantere Dinge gibt als dabei zuzusehen, wie ein paar Männer einem Ball hinterher rennen, und auch Fußballfans darüber nachdenken lässt, ob man sich nicht lieber eine andere Sportart aussuchen sollte. Damit inszeniert „Libero“ schon einmal ein spektakuläres Wechselbad der Gefühle. Vor allem aber ist das hier ein Film für die ganze Familie, bei dem man das Hirn mal so richtig schön abschalten kann. Man muss ihn auch gar nicht von Anfang an sehen, denn man kann jederzeit in „Libero“ einsteigen, weil die Handlung sowieso bis zum Ende mit Abwesenheit glänzt, was ich an dieser Stelle übrigens todernst meine. Das Ende selbst ist dabei die einzige überraschende Wendung im Film. Man hat sich schon seelisch und moralisch darauf eingestellt, dass einen der Film noch fünf weitere Stunden mit Fußballspielausschnitten terrorisiert, aber plötzlich ist der Film vorbei. Jetzt schon? Aber es gab doch noch gar keine Handlung? Stattdessen durften wir kurz vor Ende noch sehen, wie die Beckenbauers von der einen Sekunde auf die andere plötzlich in Jerusalem Urlaub machen. Verstörendes Highlight ist darüber hinaus noch eine Joggingszene des Kaisers, in der er erschöpft durch die Ruinenlandschaft eines Armenviertels rennt, während im Hintergrund permanent das Pfeifen der wilden Fußballfans im Münchener Stadion zu hören ist. Erinnert sich noch jemand an Lars von Triers „Melancholia“, in dem kurz vor Weltuntergang permanent ein panisches Pferdewiehern zu hören war? „Libero“ nutzt dieses Stilmittel geschickt aus, um die gequälte Psyche einer schillernden Persönlichkeit aufzuzeigen. Ich habe jedenfalls auch heute noch ein Rauschen im Ohr von dieser Szene. Ein kleiner Fan des Kaisers sagt irgendwann im Film: »Wenn Beckenbauer spielt, sieht es so aus wie ein Kinderspiel. Er spielt so leicht. So lässig.« Tatsächlich. So lässig, dass man am liebsten davonlaufen und sich begraben möchte.

Trommelwirbel und La-Ola- Welle, bitte! 0 Punkte für „Libero“, einem Film, der Langeweile auf eine neue Ebene hebt. „Gute Freunde kann niemand trennen. Gute Freunde sind nie allein…“ Nein, vielleicht nicht. Aber von diesem Schundfilm möchte man sich ganz schnell trennen.

Kommentare

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  • Lasse Vogt 32 Kommentar(e)

    Wow, du schreibst echt klasse! Dein Stil und die Wortwahl sind genau mein Humor und passen bestens zu dem besprochenen Format. Weiter so, gefällt mir echt gut!

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