10 CLOVERFIELD LANE: Kritik zum Bunker-Thriller mit John Goodman & Mary Elizabeth Winstead (Kino)

Die Story

Überstürzt und ohne auf ihre Entscheidung zurückblicken zu wollen verlässt die junge Michelle New Orleans und damit ihren Verlobten Ben. Auf ihrer Fahrt durch das ländliche Louisiana ignoriert sie seine flehentlichen Anrufe und hört im Radio eine Meldung über mysteriöse Stromausfälle in Großstädten – als sie plötzlich von einem anderen Wagen in einen Unfall verwickelt und von der Straße gerammt wird. Erwachend aus ihrer Bewusstlosigkeit findet sich Michelle verletzt und angekettet in einem kargen Kellerraum wider und glaubt zunächst voller Schrecken an eine Entführung. Doch als sich ihr ein älterer, voluminöser Mann namens Howard vorstellt, scheint alles noch entsetzlicher: der Besitzer des Kellers, der Teil eines gut ausgestatteten unterirdischen Schutzbunkers ist, berichtet Michelle von einem verheerenden Angriff auf die Erde und versucht ihr einzuschärfen, dass die Luft außerhalb des Bunkers verseucht, die Welt unbewohnbar und die Menschheit ausgerottet ist. Doch kann das tatsächlich die Wahrheit sein, oder haben es Michelle und der ebenfalls im Bunker befindliche Emmett mit einem Psychopathen zu tun?…

Die Filmkritik

Kein Empfang - Mary Elizabeth Winstead in 10 CLOVERFIELD LANE
Oops! … J.J. Did It Again! Gerade hatte das (Marketing-)Mastermind mit „Star Wars: The Force Awakens“ zwei Milliarden eingespielt und somit den dritterfolgreichsten Film aller Zeiten abgeliefert, da droppte Mitte Januar aus dem Nichts ein Trailer zu einem bis dahin komplett abseits jeder Aufmerksamkeit entstandenen Projekts mit März-Release Date namens „10 Cloverfield Lane“. Waaaaaaas, „10 CLOVERFIELD Lane“, ein Sequel zum Found Footage-Kaiju-Viral Stunt-Kracher und keiner hat’s gemerkt?!? Na ja, so ähnlich, aber doch ganz anders: der Teaser mit John Goodman, Mary Elizabeth Winstead und John Gallagher Jr. weckte auf ganz andere Art Erwartungen, als seinerzeit der „Cloverfield“-Tease mit dem abgetrennten und durch New York segelnden Kopf der Freiheitsstatue und in der kurzen Zeit zwischen Öffentlichmachung und Kinostart gaben sich die Macher um J.J. Abrams alle Mühe, „10 Cloverfield Lane“ unter der Tagline »Monsters come in many forms« nicht als direktes Sequel, sondern als eine Variation des Monster-Themas zu deklarieren, als Teil einer Anthologie, die vermutlich noch um weitere Einträge thematisch grob verwandter und lose verknüpfter Genre-Filme unter dem „Cloverfield“-Banner vergrößert wird, wie „Twilight Zone“ oder „Amazing Stories“ für’s Kino.

Also, um’s gleich richtig einzuordnen: „10 Cloverfield Lane“ ist auf den ersten Blick so wenig „Cloverfield 2“, wie Tommy Wiseaus so bad it’s good-Hilariocity (thanks for the term, Chris Stuckmann) „The Room“ und Lenny Abrahamsons Oscar-prämierter „Room“ etwas miteinander gemein haben. Das Handkameragewackel und der großflächige, Manhattan plättende Kaiju-Krawall von Matt Reeves’ Vorgänger wird in Dan Trachtenbergs Film von einer suspensegefüllten, Hitchcock’esquen Thriller- und Kammerspiel-Inszenierung abgelöst. Das Setting schrumpft von Skyscraper-Kollaps und Hindernislauf durch eine zerstörte Millionenmetropole auf Bunkerbefindlichkeiten und Einschauplatzstück. Die Minuten bis zur Titeleinblendung sind das stilistisch komplette Gegenteil von „Cloverfield“, denn wo der mit seiner unorthodoxen DigiCam-Optik Gimmickreize setzte, wird „10 Cloverfield Lane“ eingeleitet von grazilen Establishing- und Revealing-Shots und dialoglos von Bear McCrearys schwerer, unheilvoller Filmmusik getragen, auf deren Einsatz „Cloverfield“ seiner Mockumentary-Machart wegen noch komplett verzichtet hatte.
John Goodman und Mary Elizabeth Winstead in 10 CLOVERFIELD LANE
Die inhaltlichen Verbindungen zwischen den beiden „Cloververse“-Einträgen sind schlaglichtartig und vage, werden mehr von den viralen Schnipseln rund um „10 Cloverfield Lane“ überhaupt benannt, als vom Film. Thematisch allerdings und was die Deutungsebenen der 9/11- und war on terror-Allegorie und des Nachfolgers angeht: darüber verdient sich der Zusammenschluss aus den Projekten „The Cellar“ (von den Drehbuchautoren John Campbell und Matt Stuecken) und „Valencia“ (von Regisseur Trachtenberg) seine Zugehörigkeit und sogar seine Sequel-Rangfolge. Wie in „Cloverfield“ geht es auch in „10 Lane Cloverfield“ nicht um ein Monster als solches, sondern darum, wofür dieses steht. Monster treten in vielen Formen auf und hier ist es die korpulente Gestalt eines brilliant aufspielenden John Goodman, der eine noch weit facettenreichere Monstrosität verkörpert, als das wütende Kaiju aus dem ersten Teil. Hinter dem irre scheinenden Verschwörungstheoretiker verbirgt sich eine geschickt ausgetüftelte Weiterdenke der „Cloverfield“-Betrachtungen zum Zustand eines Landes in Angst.

[Ab hier wird’s deutungs- und in Folge dessen SPOILERreich!]Goodmans Howard versteht sich als Hüter und Schützer vor einem unvermeidlichen Wandel, die Welt mag verloren und die Menschheit vernichtet sein, seine Werte allerdings will Howard erhalten wissen. Die gesamte, altmodische Ausstattung des eigenhändig errichteten Bunkers, in dem nicht iPod- und Flatscreen-Luxus samt Streaming- und Game-Services herrschen, sondern eine Jukebox, alte VHS-Kassetten und Brettspiel-Klassiker zur nostalgischen Freizeitgestaltung einladen (und eine gestalterische Verwandtschaft zu Bethesdas postapokalyptischer „Fallout“-Videospielreihe herstellen) unterstreichen einen Charakter, der sich zurücksehnt, etwas zu wahren versucht, einen Geist von Vergangenheit in diesen paar Quadratmetern konservieren will, materialistisch wie gesinnungstechnisch. Ein Mann, der mit der neuen Weltordnung nicht einverstanden ist, ein Patriarch mit erzkonservativen Geschlechtervorstellungen, wenn er Michelle sagt, sie werde sich bald schon ans Kochen gewöhnen. Howard will seinen Bunker frei von Liberalismus, will eine Gesellschaft und eine Herrscher-Hierarchie nach alten Vorstellungen, duldet niemanden von Außen in seinem Refugium und meint nicht nur die Luft, wenn er von einer globalen Verseuchung spricht.
Was geht draußen vor - John Goodman und Mary Elizabeth Winstead und John Gallagher, Jr. in 10 CLOVERFIELD LANE
Howard ist eine andere Ausprägung des Post-9/11-Menschen, als noch die ahnungslos-überforderten Yuppies im ersten Teil. Der Navy-Veteran, ehemalige Satelliten-Techniker und Telemetry Analyst des Tagruato-Tochterunternehmens Bold Futura (aaaaaha, there’s your „Cloverfield“-Connection!) lebt in der unerschütterlichen Gewissheit, dass Dinge geschehen werden, nicht in unterbewusster Panik davor und ergreift die für ihn gerechtfertigten Mittel, um eine große, permanent bedrohliche und bedrohte Welt klein und beherrschbar zu machen: indem er sie versiegelt vor fremden Einflüssen, die Gefahr rigoros jenseits seiner Demarkationslinien hält und sie ausmerzt, sollte sie sich doch hinein schleichen. Howard ist ein politischer und anthropologischer Extremist, der die Fundamente seiner Gesellschaft erschüttert sieht, ihren Einsturz und kulturellen Umbruch verhindern will, indem er Mauern und verschlossene Türen um sich und seinen ideologischen Kern und im Innern einen Subkontinent errichtet, in dem anschauungsdifferente Meinungen ebensowenig Platz haben, wie staatserschütternder Terror und kulturelle Vielfalt. Howard ist Argwohn und Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und verallgemeinernder Hass, dennoch rational und klar und deshalb so gefährlich.

Gleichzeitig stellt „10 Cloverfield Lane“ über Howard die Frage, wie weit das individuelle Recht auf eine Waffe zur Bestimmungsgewalt über andere führt und wie weit Überwachungsstaatlichkeit zum Schutz der Menschen und zur Protektion des Landes, auch wider dem Recht auf Privatspähre und Individualsimus gehen darf. Howard lässt Michelle buchstäblich nichtmal beim Scheißen in Ruhe und schwört darauf, nur Sicherheit gewährleisten zu wollen und wundert sich offen, wie gewisse Menschen aus seiner Vergangenheit das nicht verstehen, sich dem nicht unterordnen konnten. Durch Goodmans Performance allein steigt der Thrill-Pegel des Films immer wieder bedrohlich an, da er von bäriger Fürsorge innerhalb eines Herzschlags in einen Jähzorn umschlägt, der selbst seiner eigenen Choleriker-Kultfigur Walter Sobchak aus „The Big Lebowski“ Respekt einflößen würde. Im zentralen Zusammenspiel mit Mary Elizabeth Winstead ergibt sich daraus auch noch eine vielschichtige Vater-Kind-Konstellation, denn so unkar „10 Cloverfield Lane“ lange lässt, ob Howard nun Prophet oder Wahnsinniger oder von beidem etwas ist: er ist zumindest kein geifernder Klischee-Triebtäter.
Mary Elizabeth Winstead und John Gallagher, Jr. in 10 CLOVERFIELD LANE
Howards Unfähigkeit, Michelle beim Begrifferaten-Spiel als „Frau“ zu bennenen und stattdessen fortwährend auf der Bezeichnung „Mädchen“ herumzustammeln, sein Ausraster, nachdem sich als finaler Trigger einer aufgeladenen Szene ihre und Emmets Hände berühren, seine Einschüchterungen und Hinweise auf Sitten und gutes Benehmen: dieser Mann zieht keinen Lustgewinn aus devot-dominanten Fetischphantasien mit jungen Erwachsenen, sondern will, wiederum innerhalb seiner Werteparameter, eine Tochter erziehen, umsorgen und (über)behüten. Knüpfend an eine Geschichte aus Michelles Vergangenheit, die sie Emmet offenbart, wird ihr Aufenthalt im Bunker ein Kampf um Befreiung, Loslösung aus einer missbräuchlichen und zerstörerischen Unterdrückung, der Film eine Parabel auf elterliche Gewalt und Fremdbestimmung, der sich Michelle zu widersetzen beginnt, ihre Fesseln abschüttelt und zu einer Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit reift, die ihr zu Beginn des Films nicht gegeben waren, als sie weglief und vor Verantwortungen floh. „10 Cloverfield Lane“ ist somit natürlich auch eine Emanzipationsgeschichte, Winstead überlistet im Final Girl-Outfit mit Tanktop den unterdrückenden Terror eines Geschlechterdiktats.

Und rechtfertigt den erzählerischen Bogen des finalen Akts von „10 Cloverfield Lane“, den viele als einen Einbruch zum vorangeganenen Film werten. Obwohl man über gestalterische Aspekte streiten kann (aber das Creature Design in „Cloverfield“ gefiel auch nicht jedem…) ist das allerdings eine in ihrer Ausführung und für Michelles Genese vollkommen verdiente Auflösung: sie hat ihre mental seit Jahren an ihr klammernde und durch Howard erneut personifizierte Unterdrückung durch gewalttätige Männer- und Vaterfiguren überwunden und tritt gestärkt in jeden weiteren Kampf, ob um ihre Rechte als Frau – oder um’s Überleben in einer abrupten Alieninvasion. Ja, nach dem nervenzerrenden stetigen Tropfen der ersten neunzig Minuten dreht „10 Cloverfield Lane“ in der letzten Viertelstunde den Hahn extrem weit und das Becken überflutend auf, aber erneut: es kommt darauf an, wofür die Monster stehen. Und die am Ende des Films stehen für die ekelhaften Kreaturen unserer Gesellschaft, die immer noch mit Gewalt besitzen, den feministischen Gedanken verschlingen wollen, und derer sich Michelle nun zu erwehren versteht und auch weiterhin den Weg (zu einem weiteren Sequel?) wählt und die Mittel besitzt, sich ihnen entgegen zu setzen. »You have all the weapons you need. Now fight.« Die Botschaft von „Sucker Punch“ weniger bombastogastisch und ohne Nerd-Erektion präsentiert, if you will.[SPOILER Ende]
Fies und überraschend - die Säureszene in 10 CLOVERFIELD LANE
Phhewww, viel reininterpretiert und eventuell gar nicht viel gesagt über „10 Cloverfield Lane“. Die thematischen und theoretischen Muster, die der Film aus dem Vorgänger aufgreift und eigens hinzufügt, machen aus dem Bunker-Thriller ein interessantes und gelungenes Querquel, dessen Praxisumsetzung aber dennoch ein bißchen hinter den Qualitäten von „Cloverfield“ zurückfällt. Man merkt dem Script an ein paar Stellen relativ deutlich an, wann die Autoren keinen eleganteren erzählerischen Ausweg gefunden haben und drum einen passenden Zufall oder eine Konstruiertheit bemühen mussten; das ein Pedant wie Howard (schon der Name keine Zufall, „ward“ = Gewahrsam, „under ward“ = unter Aufsicht) einfach entscheidende Misstrauenshinweise gegen sich besser zu tarnen oder gänzlich zu entsorgen übersieht wirkt mehrmals nicht sehr wahrscheinlich und da die Handlung und die Figurenbezogenheit insgesamt und im Detail weit komplexer und wichtiger sind, als noch im Experience-Ride „Cloverfield“, fällt sowas hier etwas negativer auf. Der Suspensegehalt des Szenarios, das eigentlich nach dreißig Minuten auserzählt ist, erreicht außerdem nicht ansatzweise durchgehend die Spitzen, die es in einigen herausragend angespannten Szenen offenbart. „10 Cloverfield Lane“ frisst einen nicht auf, er nagt und knabbert letztlich nur ein bißchen.

Wertung & Fazit

Action: 1.5/5

Zieht im Finale plötzlich mächtig auf, davor ist das Kammerspiel eben ein solches.

Spannung: 3/5

Mir hat blöderweise einen Tag vor’m Kinobesuch ein Poster zum Film dessen Auflösung gespoilert. Das minderte für mich natürlich die Ungewissheiten, mit denen der Film ganz bewusst arbeitet.

Anspruch: 3/5

Wie im Vorgänger, so stecken auch in diesem thematischen Sequel zu „Cloverfield“ viel Interpretationsspielraum und viele allegorische Zustandsbetrachtungen unserer Gesellschaft, hier noch etwas vielfältiger und über die besseren Figuren geschickter arrangiert.

Humor: 0/5

Kein Kriterium.

Darsteller: 4.5/5

John Goodman ist glänzend aufgelegt als komplexer Bunker-Patriarch, auch Mary Elizabeth Winstead macht einen prima Job. Als dritter im Bunde fällt John Gallagher, Jr.’s etwas leichtere Figur dagegen ab, der spielt das aber trotzdem sympathisch und solide

Regie: 3.5/5

Das es sich bei „10 Cloverfield Lane“ um Dan Trachtenbergs Spielfilmdebüt handelt merkt man seiner Regie nur ganz selten an, der zeigt viel Sinn für Szenen-Arrangements und Perspketiven, ganz nach klassischen Thriller-Mustern, aber doch nicht nur simpel nachgeahmt.

Film: 7/10

„10 Cloverfield Lane“ ist ein subtextreicher, komprimierter Thriller mit starken Darstellern, dessen simple Prämisse im Gegensatz zu den komplexen Charakteren die einhundert Minuten Laufzeit nicht immer voll ausfüllen kann. Nicht so erlebnisdicht wie „Cloverfield“, mit diesem ansonsten von der Machart her gar nicht zu vergleichen, dafür eine thematisch interessante Fortführung und Andersdenkung.

5 Kommentare

  1. Ja, der JJ… so Geheimniskrämerei kann er ja ganz gut (auch wenn gewisse neue Poster und Trailer schon den kompletten Film verraten). Ich war überrascht und das ziemlich positiv. Allerdings gebe ich dir bei den Charakteren schon recht, wenn Goodman nicht gewesen wäre, wäre das vielleicht ein ganz anderer Film gewesen.

    Ich bin ja echt gespannt, wie sie da jetzt so Fortsetzungen anknüpfen werden.

    1. Ich würde mich freuen, wenn das Konzept der thematisch verwandten, aber inhaltlich nur lose und über kleine Hinweise verknüpften Anthologie-Filme beibehalten werden würde, kann dann auch gerne wieder weitere acht Jahre bis zum nächsten Teil dauern. Denn obwohl ich das Ende im Hinblick auf den emanzipatorischen Subtext sehr rund fand möchte ich trotzdem nicht sehen, wie die Winstead jetzt SpoilerSpoilerSpoilerin Houston Alienärsche kicken gehtSpoilerSpoilerSpoiler 😉

    2. 😀 Den Gedanken hatte ich auch gerade. 😀 Das wäre dann eventuell nur ein weiterer #*!§$%>>&*’… aber lassen wir das, sonst verderben wir den ganzen Film noch den Leserinnen und Lesern. 🙂

  2. Hurra, der Boss hat was geschrieben. 😀 Zum Glück habe ich nicht dieses Plakat gesehen (wie auch immer es aussehen mag), was Dir den Filmgenuss ein wenig verdorben hat, deshalb würde dieser Film bei Spannung 4 von 5 von mir bekommen. Da ich nicht so wortgewandt bin, sage ich einfach mal: Der Film hat mir SEHR (!) gut gefallen. 😉

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