12 YEARS A SLAVE: Kritik zum Sklaven-Drama mit Chiwetel Ejiofor und Michael Fassbender (DVD)

Story

Saratoga Springs, New York, 1841: geboren als Sohn eines befreiten Sklaven lebt der farbige Solomon Northup als freier Mann mit Frau und Kindern in den USA, hat sich einen hohen Bildungsstand erworben und wird für seine Künste an der Violine gefeiert. Auf eben jene sprechen ihn zwei Männer an und überreden ihn zu einem lukrativen Auftritt in Washington, D.C. Doch nach einer ausgelassenen Nacht und ein paar Drinks zu viel erwacht Northup am nächsten Tag in Ketten, seiner Papiere, seiner Identität, von einem Tag auf den anderen seiner Freiheit beraubt. Unter dem Namen Platt wird er zusammen mit weiteren Sklaven, manche wie er entführt, andere schon in Knechtschaft geboren, nach New Orleans verschifft, wo ihn der Plantagenbesitzer William Ford erwirbt. Dieser erkennt schnell, dass er es nicht mit einem gewöhnlichen Sklaven zu tun hat, lässt Solomon einige Bevorzugungen entgegen kommen, kann ihn jedoch nicht schützen, als er in einen Konflikt mit dem sadistischen Vorarbeiter Tibeats gerät. Ford ist gezwungen, Solomon an Edwin Epps weiterzuverkaufen, der sich mit seinem Ruf als „Niggerbrecher“ brüstet. Unter Epps‘ Tyrannei wird Solomon des ganzen Grauens und der Entmenschlichung der Sklaverei gewahr, während er den Glauben aufrecht zu erhalten versucht, irgendwann wieder ein freier Mann zu sein…

Der Film

Am 1. Januar 1808 trat in den USA der Act Prohibiting Importation of Slaves in Kraft, ein Gesetz zum Verbot der Einfuhr weiterer Sklaven aus Afrika und anderen Ländern nach Amerika, zur Beendigung der Legalität transatlantischen Sklavenhandels. „12 Years a Slave“, Steve McQueens Adaption des Lebens und Leidens Solomon Northups, beginnt im Grunde bereits hier. Der „Hunger“- und „Shame“-Regisseur suchte nach einer bestimmten Perspektive auf eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte und fand sie in einem weiteren fassungslos machenden Auswuchs rassistischer Ausbeutung, der Entführung und Versklavung freier Schwarzer. Über Nacht und unrechtmäßig wurde unzähligen Schwarzen ihr erworbenes Recht auf ein freies Leben entrissen, noch am Abend wird Northup in kultivierten Kreisen für sein Violinenspiel geehrt, am nächsten Morgen liegt er in Ketten und in einer frühen, nachhaltigen und entsetzlichen Szene von „12 Years a Slave“ wird sein Recht auf Rede, das Recht auf seinen Namen, seinen Stand, seine Identität aus ihm heraus geprügelt.



Aus einem Einzelschicksal knüpft McQueens „12 Years a Slave“ einen breiten Flickenteppich, eine Betrachtung des „Niggers“ im Amerika des 19. Jahrhunderts. Er zeigt den integrierten Northup, einem weißen Lebensstil angepasst, eine Fähigkeit besitzend, die unter Weißen geschätzt wird, an deren Stolz man appelieren kann, um Northup für eine Fahrt von New York nach Washington D.C. zu gewinnen, so unverzüglich, dass er nichtmal seine Kleidung wechselt. McQueen zeigt, genau wie Tarantinos „Django Unchained“, eine Form des Rassismus der Schwarzen untereinander, einen nicht allein durch sein Schicksal geeinten Sklaven, wenn von den frei oder privilegierter Lebenden geringschätzig über Wert und Nutzen der in Ergebenheit Geborenen geurteilt wird. Northup ist nicht in die Ergebenheit geboren, er muss sie sich aneignen, will er überleben, „12 Years a Slave“ zeigt (und das vielleicht am schonungslosesten) den Verlust des Individuums und des Selbst, es ertragen zu müssen, seiner Persönlichkeit vollkommen enteignet, beherrscht zu werden, auf Knien unter dem Joch einer grausam entarteten Vorstellung vom (Minder)Wert eines Lebens wie Vieh gehalten zu werden.

»A man does how he pleases with his property«, zürnt Plantagenbesitzer Epps nach einem nahe der Unerträglichkeit inszenierten Gewaltakt an einer seiner Sklavinnen. Eine abscheuliche und im Glauben Epps‘ und seiner Gleichtäter vor Gottes Gnaden gerechtfertigte Betrachtung von Herrschaftsrecht, ein grausamer ethnischer Utilitarismus, der den Schwarzen dem Weißen seiner Natur wegen und per Gesetz unterstellt, von McQueen bis ins Bizarre getrieben, wenn der zwischen Dämon und Harlekin schwankende Epps seine Sklaven des Nachts Musik und Tanz zu seiner Belustigung aufführen lässt. Und am nächsten Tag die Peitsche auf ihre Leiber knallen lässt, wenn die Baumwollernte nicht üppig genug ausfällt. So sehr McQueens Bilder eindeutig sind: der britische Regisseur ist in ihnen weder Kläger noch Richter des Geschehens, dem er sich nicht auf Ebenen ausgestellten Bei- oder Mitleides nähert, zu dem er in den stärksten Momenten von „12 Years a Slave“ vielmehr eine fast grüblerische Distanz wahrt und nicht en détail zu verstehen vorgibt, was nicht zu verstehen ist: die Unterdrückung an sich, ihren Gedanken, ihre Ausprägungen, nicht nur in über zwei Jahrhunderten amerikanischer Geschichte, sondern überall, egal wo, egal wann, egal von wem gegen wen gerichtet.



Wie die Glut eines entzündeten Briefes im Dunkeln vergeht, wie die zuvor vom Tumult wie verängstigte Hühner verscheuchten Sklaven ihre Tätigkeit wieder aufnehmen, während Northup stundenlang aufgeknüpft um sein Leben ringt – „12 Years a Slave“, McQueen und Kameramann Sean Bobbitt zeichnen bewegte Gemälde, die ohne Worte auskommen. Northup ist kein großer Botschaftsträger, er ist kein Hoffnungsstifter unter den Sklaven, er lernt zu sagen, was er sagen muss und im Stillen, für sich allein zu hoffen. Sein frühes Aufbegehren wird gebrochen, er fügt sich wie die anderen und kann doch nie ganz zwischen denen untertauchen, denen es vollends ausgetrieben wurde oder die es nie gerlent haben, eine Persönlichkeit zu besitzen. Gerade dieser Aspekt wirkt so viel stärker in „12 Years a Slave“, als wenn der Film eine „bequeme“ Geschichte von Auflehnung erzählen würde, vom Aufbegehren gegen die Unterdrückung,[SPOILER voraus] denn auch wenn Northups Martyrium ihn am Ende zurück in die Freiheit führt, so bleibt sie doch den anderen verwehrt. Northup blickt nicht zurück und als er heimkehrt zu seiner Familie fällt er ihnen nicht in die Arme. Er steht da. Und fleht um Verzeihung. Verzeihung dafür, wie er aussieht. Dass er nicht da war, dass er seine Kinder nicht hat aufwachsen sehen. Und vielleicht auch dafür, dass er nichts hat tun können, um irgendjemanden zu retten, zu erlösen.[SPOILER Ende]

Wie viel Kraft ihn über die Jahre allein der Kampf um den Erhalt der eigenen Seele kostet drückt ein herausragender Chiwetel Ejiofor über Mimik und Gestik aus, der in Freiheit edel einherschreitende Northup zieht sich in eine zunehmend gebücktere Körperhaltung zurück, seine einst gewählten Worte werden rar und bescheiden. Mit Paul Giamatti, Benedict Cumberbatch, Paul Dano, Michael Fassbender und schließlich Brad Pitt trifft Ejiofor auf eine Reihe spektraler Charaktere, überwiegend exzellent gespielt unterschiedliche Facetten der Sklaverei durchdeklinierend. Narrativ ist das allerdings nicht ganz flüssig, wenn die vier erstgenannten in kurz aufeinanderfolgenden Abständen im Film auftauchen hat das fast ein bißchen was von Happening, „The Expendables“ mit Edelmimen. Trotz stattlicher Lauflänge von über zwei Stunden hat „12 Years a Slave“ bis zur Ankunft auf Epps‘ Plantage etwas von einem Panoptikum und am Ende fühlt sich der Handlungszeitraum nicht nach zwölf, sondern zwei, höchstens drei Jahren an, zumal der Film auf optische Alterungsmerkmale verzichtet, bis auf ein paar krause graue Haarlöckchen auf Ejiofors Kopf. Pitts späte und schwach ausgeführte Rolle ist zudem zwiespältig, einerseits historisch wohl korrekt eingeordnet, andererseits so geschrieben, als müsse „12 Years a Slave“ doch noch schnell ein Gewissen bekommen, einen mahnenden »na na na, denk nochmal drüber nach…«-Zeigefinger aufstellen.



Die Oscars für Film und Drehbuch sind dennoch nicht ganz unverdient an „12 Years a Slave“ gegangen und das nicht nur, weil Hollywood und die Academy sich ansonsten als Rassisten entlarvt hätten, wie Ellen Degeneres flapsig bei der Verleihung anmerkte. Der Film ist über die längsten Strecken ein eindrucksvolles und bedrückendes Drama, in vielen Szenen und Sequenzen formvollendet umgesetzt, ohne sich gängigen Bedienbildern des Betroffenheitskinos hingeben zu müssen. Ebenfalls verdient zu Oscar-Ehren gekommen und bisher unerwähnt geblieben: Lupita Nyong’o, deren Figur Patsey McQueen eine weitere Perspektive auf die Sklaverei eröffnet, nämlich die des sexuellen Begehrs der Plantagenbesitzer am ihnen gehörigen schwarzen Fleisch, die Möglichkeit, sich dadurch ein besseres Leben zu verschaffen, wie Mistress Shaw auf der Nachbarplantage – oder ein verheerendes Eifersuchtsdrama heraufzubeschwören wie um Patsey, Epps und seine Frau Mary, die die bevorzugte Sklavin mit umso härterer Verachtung straft.

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 2/5
Nicht darauf ausgelegt, eine spannende Geschichte zu erzählen, sondern sie lediglich zu betrachten.
Anspruch: 4,5/5
McQueen zeigt ein weitreichendes Bild von Sklaverei und Unterdrückung, durchaus hinausreichend über die Geschichte Northups und die der USA. Da bleibt, wenn der Film möglichst viel Sichtweise unterbringen will, der Eindruck von Anordnung nicht ganz aus.
Humor: 0/5
Kein Kriterium.
Darsteller: 4,5/5
Chiwetel Ejiofor ist als Solomon Northup fantastisch, auch Lupita Nyong’o großartig. Die hochkarätigen (weißen) Nebendarsteller kriegen (so doof das in dem Zusammenhang klingen mag) dankbare Rollen zwischen manischem Sadismus und gütigem Helfer.
Regie: 4/5
McQueen verzichtet darauf, sein Historien-Drama in den üblichen Bildern nachzuzeichnen, „12 Years a Slave“ ist ohne viele Worte wahnsinnig ausdrucksstark.
Fazit: 8/10
Dem Grauen von Unterdrückung und dem Verlust der Freiheit nähert McQueens „12 Years a Slave“ sich nüchtern beobachtend und gerade deshalb zutiefst aufwühlend. Ein bewegendes Einzelschicksal, das ohne falsche Emotionalität und aus der Perspektive der Hauptfigur heraus einen Abriss über den generellen Begriff der Sklaverei bietet.

Mehr zum Film

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