A MOST VIOLENT YEAR: Kritik zum Crime-Drama mit Oscar Isaac & Jessica Chastain (DVD)

Story

Winter im New York des Jahres 1981: in einem der verbrechen- und gewaltverbreitetsten Jahre in der Geschichte der Stadt hat es der stets auf Ehrlichkeit und legale Methoden bedachte Immigrant Abel Morales zu einem gehobenen Lebensstandart gebracht, seit vor einigen Jahren der Heizölhandel seines Schwiegervaters in seinen Besitz übergegangen ist. Doch Abel verfolgt ehrgeizig seine Ziele: er will weiter expandieren und die Käufer mit dem wesentlich besseren Produkt und Service von den Leistungen seiner Firma überzeugen. Mit einem jüdischen Geschäftsmann handelt Abel daher den Kauf eines Ölterminals aus, günstig direkt am Fluss gelegen und mit mächtigem Lagervolumen. Als Anzahlung leistet er 40 Prozent der Kaufsumme, der Restbetrag soll in dreißig Tagen fällig sein. In diesem Zeitraum sieht sich Abel dem unerbittlichen Konkurrenzkampf der Heizölhändler jedoch so erschütternd wie nie zuvor ausgesetzt: seine Truckfahrer werden überfallen und bestohlen, seine Vertreter während der Kundenakquise verprügelt, sogar seine Familie ist vor Übergriffen nicht sicher. Zudem ermittelt der Staatsanwalt Lawrence gegen die Branche und hat es scheinbar besonders auf Abel abgesehen und erhebt ausgerechnet gegen sein Unternehmen Anklage, obwohl Abel trotz allem Druck weiterhin versucht, dem kriminellen Strudel zu entgehen, der seine Träume fortzureißen droht…

Die Filmkritik

Oscar Isaac und Albert Brooks in A MOST VIOLENT YEAR
Der New Jersey‘aners J. C. Chandor hat einen langen Anlauf benötigt: seinem College-Abschluss im Jahr 1996 folgte erst fünfzehn Jahre später mit dem Finanz-Thriller „Margin Call“ das Spielfilmdebüt, und nun, nach dem 2013er-Hochseeüberlebenskampf-Solo „All Is Lost“ und dem Period-Crime-Drama „A Most Violent Year“, kann man den mittlerweile bereits 42jährigen Ex-Werbefilmer aufgrund dieses Existenzkampf-Trios zu den spannendsten Regisseuren der US-Gegenwart zählen. Starke Leistung, starke Filme. Einmal mehr als atmosphärebewusster und moralisch komplexer Krisen-Chronist erweist sich Chandor mit dem New York-Thriller „A Most Violent Year“, einer der sträflich vernachlässigten Filme der diesjährigen Award Season, für den nicht mehr als eine Golden Globe-Nominierung für Jessica Chastain heraussprang. Ein Drama über kapitalistischen Konkurrenzkampf in den ausgeblichenen Bildern einer Epoche, in der Business-Oneironauten den amerikanischen Traum mit Gewalt für sich zu erfüllen suchen und die Prinzipien-Standhaftigkeit eines Mannes im Sog des Verbrechens auf eine harte Probe gestellt wird.

Mit intensiven Blicken, die im Verkauf zu seiner Geschäftsstrategie gehören und oft genug seine eigene Seele öffnen, spielt Oscar Isaac diesen Abel Morales, der sich seinen Besitz mit Fleiß, charmanter Überzeugungskraft und Aufrichtigkeit erarbeitet hat, ohne den Versuchungen des kriminellen, des einfachen Weges nachzugeben. Der seine Integrität zu wahren und zunehmend verzweifelt gegen den Strom der Gewalt und Interessenmunkeleien anzugehen versucht, ohne selbst zu den Mitteln zu greifen, die er verabscheut, nach deren Regeln er sein Geschäft nicht zu führen bereit ist. Den Fahrern seiner Trucks Waffen geben, weil Männer mit Waffen sie überfallen? Kommt für Abel nicht in Frage, denn er ist kein Reaktionär, sondern ein Visionär, der die direkte Auswirkung, aber auch die Folge sieht: antworte der Gewalt mit Gegengewalt und sie wird dich nur umso härter wieder treffen.
Jessica Chastain in A MOST VIOLENT YEAR
„A Most Violent Year“ ist in einer bedrohlichen, schwellenden Ruhe erzählt und trotzdem fühlt der Film sich straff und gerafft an, da Chandor den Handlungsstrudel nicht als repetitiven Kreislauf, sondern als unerbittlich an Protagonist Abel zerrende Abwärtsspirale inszeniert. Mit jeder weiteren Entwicklung verschärft sich seine Lage und der Film zieht enormen Trieb aus der vibrierenden Vorahnung von Eskalation, die sich durch die Dialoge, die Bilder und die ausgezeichnete Musik von Alex Ebert abzeichnet und die scheinbar unaufhaltsam auf einen breaking point zusteuert: wann gibt Abel seine Prinzipien auf, wann wird er Teil der Gewalt und der Kriminalität, statt sich ihrer Auswüchse entwinden zu können…

Wie Scorsese im unvergessen-intensiven Psychogramm „Taxi Driver“ baut Chandor diesen Ausbruch in „A Most Violent Year“ auf, löst ihn aber ganz anders, weniger schlagzeilenträchtig, weniger öffentlich, sondern in einem intimen, buchstäblich nackten Moment der Erkenntnis, in dem Abel mal nicht in adretter Kleidung und mit seinem auffälligen pastellgelben Mantel die Rüstung des Wohlstandes und der moralischen Integrität stolzen Schrittes trägt, ein Moment, in dem beharrliche Ehrlichkeit und der Drang zur Selbstverwirklichung unter gefälliger oberster Priorität von Rechtmäßigkeit und moralischer Überlegenheit auf die Einsicht zurückfallen: es ist dafür schon längst zu spät. Denn am Ende entscheidet nicht die Gewalt auf den Straßen, nicht der Kampf mit der Waffe und nicht die Kriminalität im Schlund und den Gassen der Großstadt, es entscheiden nicht Schläge und gebrochene Knochen über Saat und Ernte des Verbrechens – sondern Zahlen und Mauschelei, der gebundene Betrug.
Oscar Isaac und David Oyelowo in A MOST VIOLENT YEAR
Ein eiskalter Winter umschließt die Handlungswochen von „A Most Violent Year“ und kriecht in das Gerüst der Aufrechten und setzt sich fest als ein beißender, ewiger Frost: mit Ehrlichkeit allein ist in der (Geschäfts)Welt kein Ziel zu erreichen und kein Erfolg ist dir länger gegönnt als bis zu der Sekunde, an der er für einen anderen Verlust bedeutet. Wie in „Margin Call“ und „All Is Lost“ ist der Übertrag vom Speziellen auf’s Universelle bei Chandor fließend, der aufstrebende Heizöl-Magnat Abel sieht sich keiner branchenspezifischen Kleinhaltungsmethodik ausgesetzt, sondern der allgebräuchlichen Sprache der Missgunst und der Vorteilsversessenheit, woraus in „A Most Violent Year“ ein stimmungsschweres und einfangendes Beinahe-Meisterwerk voller präziser Charakter-Momente wird, eine Geschichte von Begünstigten und Günstlingen ebenso wie von den Verlierern, die auf ihrem Weg zur Spitze von der Leiter gestoßen werden. Großes Schauspielkino, ein atmosphärisch in seiner Kunst der Ruhe fesselndes Drama, das die Auswirkungen der Gewalt, körperlich wie staatlich, und Kriminalität, organisiert wie mehr oder weniger zufällig, als stetiges Plottriebwerk nutzt, meist ohne sie direkt zu zeigen.

Wertung & Fazit

Action: 0.5/5

Kaum ein Kriterium, bis auf eine fiebrige Verfolgungsjagd im letzten Drittel. Hochkonzentriert erzählt.

Spannung: 4/5

Brodelt unablässig und unterschwellig und wird von einem ausgezeichneten Score unterstrichen.

Anspruch: 4/5

Schon bisweilen auf Extreme zugespitzt und konstruiert, aber dennoch komplex.

Humor: 0/5

Kein Kriterium.

Darsteller: 4.5/5

Großartig besetzt, großartig gespielt: Oscar Isaac und Jessica Chastain spielen eine komplexe Ehe-Dynamik und alle anderen Facetten des Films hervorragend aus, die Nebenrollen sind ebenso auf den Punkt.

Regie: 4.5/5

Siehste, Til Schweiger, so geht Sepia-Sättigung, um damit Atmosphäre zu erzeugen. Ganz dichte und hervorragende Inszenierung von J.C. Chandor, der sich mit „A Most Violent Year“ endgültig als einer der momentan interessantesten US-Regisseure beweist.

Film: 8.5/10

Ganz starker Film, ein erzählerisch/visuell hervorragender Zusammenschluss aus Stil und Gehalt, großes Schauspielkino und einer der besten US-Filme des Jahres 2014.

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Ein Kommentar

  1. Ich fand die Schauspielleistung wenig eindrucksvoll, die Handlung gänzlich uninteressant, kulminierend in einem sehr gekünstelt wirkenden Ende. Von der Musik ist mir nichts in Erinnerung geblieben – was kein gutes Zeichen ist.

    Hatte ich mir nach all den positiven Kritiken mehr von erwartet, aber du scheinst ja – so liest es sich jedenfalls stellenweise – generell Mr. Chandor sehr zugeneigt zu sein. Für mich war schon ALL IS LOST ein Rückschritt nach seinem soliden Debüt.

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