ABOUT TIME: Kritik zum Zeitreise-Liebesfilm mit Domhnall Gleeson & Rachel McAdams

Story

An seinem 21. Geburtstag bekommt Tim Lake von seinem Dad das unglaubliche Geheimnis ihrer Familie offenbart: die männlichen Lakes können innerhalb der eigenen Erinnerungen in der Zeit zurück reisen und so zwar nicht die große Historie umschreiben, aber innerhalb ihrer Leben Ereignisse und Erlebnisse korrigieren und verändern. Der zweifelnde Tim probiert das Prozedere gemäß Dads Ratschlägen aus und landet tatsächlich in der letzten Sylvesternacht, in der er es um Mitternacht verpaddelt hatte, ein offensichtlich williges Mädchen zu küssen. Fortan ist für ihn klar: seine außergewöhnliche Gabe soll ihm vor allem in Liebesdingen nutzen. Als über den Sommer Tims Schwester Kit Kat Besuch von der umwerfenden Charlotte bekommt nutzt Tim mehrfach kleine Zeitsprünge, um die Blondine rumzukriegen, muss aber feststellen, dass sich Liebe trotz alledem nicht erzwingen lässt. Charlotte weist ihn ab und nach dem Sommer verlässt Tim sein Idyll des ländlichen Cornwall, zieht in den großstädtischen Trubel Londons und wird Anwalt. Bald darauf lernt er die bezaubernde Mary kennen und verliebt sich auf der Stelle, nutzt anschließend jedoch seine Zeitreisegabe, um am selben Abend einem Freund zu helfen – womit er die Begegnung mit Mary versehentlich ungeschehen macht…

Die Filmkritik

Was dem Fantasy-Freund sein „Lord of the Rings“ ist dem Romantiker sein „Love Actually“. Alljährliches Pflichtprogramm. Mit seinem Regiedebüt schuf der „Mr. Bean“- und „Notting Hill“-Autor Richard Curtis einen Instant Classic des Liebes- und Episodenfilms, an dem sich amerikanische Multi Story-Epigonen wie „Valentine’s Day“ und „New Year’s Eve“ ein nicht zu erreichendes Vorbild nahmen. Das richtig gute britische Romantikkino macht halt vieles besser als die DIN-normierten Vorlagen der US-RomCom (von den deutschen Beziehungseskapaden muss man ja gar nicht erst anfangen…): Rollenbilder müssen nicht über Mario Barth’esque Geschlechts(vor)urteile gebildet werden, Konfliktentstehung und –bewältigung ist nicht bloß formeller Musterzwang sondern Teil einer echten Entwicklung, der trockene Brit-Humor setzt die Pointen der Beziehungsgeschichten besser als Pipi/Kacka-Slapstick und Fremdschamkrampfigkeit. Kann man so erstmal auch von „About Time“ behaupten, Curtis‘ dritter Regiearbeit. Domhnall Gleeson als Lovefool und Rachel McAdams müssen sich nicht am Ablehnung-Annäherung-Bruch-Versöhnung-Lineal entlang hangeln, der Humor ist fein und so weiter – aber da ist noch mehr, nämlich der Zeitreise-Bonus…

…der zunächst nur Gimmick zur Auffrischung der Genremechanik zu sein scheint, diese aber tatsächlich aushebelt, ihr zuwiderläuft, sie zerpflückt und persifliert, ähnlich wie es zuletzt David O. Russell mit „Silver Linings Playbook“ tat. Zumindest, ohne vermessene Ansprüche auf Endgültigkeit draufmauern zu wollen, lässt „About Time“ eine solche Deutungsebene zu. Das Geheimnis der Lake-Männer tritt nach wenigen Minuten und beinahe schon beiläufig in die Handlung und allein das und wie Bill Nighy es mit seiner mergeligen »take it or leave it…«-Gestik eröffnet sagt einiges aus. Keine »With great power…«-Moralhinweise, keine seit Jahrzehnten(hunderten) andauernde Suche der Lakes nach Ursprung und Wirkung ihrer restaurativen Kräfte. Dazu stellt Curtis ein provokant wiedersprüchliches und unschlüssiges Regelwerk für die Zeitsprünge auf, konsequente Untererklärung, die bereits nach der ersten Ereignisumgestaltung an ihre brüchigen Grenzen stößt, mit denen Gültigkeit und Auswirkungen später regelrecht Seilspringen gespielt wird. Bewusst verzichtet Curtis auf zu viel Erklärung und riskiert’s (oder fordert es sogar heraus?), dass man als Zuschauer der Illusion des Films fragenden »Hää?«‘s entgleitet.

Gemeinsam mit der ständig schwellenden Erwartungshaltung, dass durch Tims Zeitsprünge gleich! jetzt! beim nächsten Mal! etwas ganz fatales passieren wird! muss! könnte! schöpft Curtis seine Story aus einem eigenwilligen Trog der fast völligen Konfliktbefreitheit aus, jedenfalls betreffs des boy meets girl-Parts. Typischen RomCom-Situationen begegnet er mit dem Zeitreise-Trick, entlarvt diese immer widerkehrenden Patterns als belanglos, da Tim in Sekundenbruchteilen alles rückgängig zu machen in der Lage ist, was er sich einbrockt. Der Abschluss obiger Inhaltsangabe ließe sich in einen ganz anderen Film überleiten, den auch der Trailer impliziert, nämlich Tims anderthalbstündige Wiedereroberungsversuche der schnuckeligen Mary. Aber daran hält Curtis sich nicht lange auf, nach ein paar Pannen und von-vorne-Versuchen biegt Tim sich ein perfektes Kennenlernen mit Mary hin, eine ultimativ-romantische Vorstellung, mit außergewöhnlichem „ersten“ Date und, beim dritten Anlauf, dem atemberaubenden ersten gemeinsamen Sex. Nebenbei verbaut Tim seiner Angebeteten auch noch die Möglichkeit auf ein eventuelles Glück mit einem anderen und bessert seinen Premiereneindruck bei ihren konservativen Eltern auf. Aus dem klassischen romantischen Helden und seiner Geschichte formt Curtis eine auf den zweiten Blick ambivalente, vielleicht sogar selbstsüchtige Figur und im Ablauf des Films damit einen Zuwiederläufer jener Genreverwandschaft, die einem das Ideal der Liebe vorzugaukeln und emotional aufzuschwatzen versucht und möglichst viel Projektionsfläche für einen Empfindungsabgleich mit den Wünschen und Bedürfnissen ihrer Zuseher sucht. Sauclever – von mir vielleicht aber auch komplett missgedeutet.

„About Time“ geht durchaus auch auf andere Weise auf, wenn man da nichts weiter herausdeuten will ist’s trotzdem eine weit überdurchschnittlich unterhaltsame Liebeskomödie mit herzlichst sympathischen und charmanten Darstellern und nicht ausgereizter, aber immer wieder nett und belustigend eingesetzter Erzählmechanik rund um die Zeitreisefähigkeit des Protagonisten. Aufwühlend und aufrichtig berührend wird die Geschichte, wenn Tim bei gewissen Ereignissen nicht (mehr) in der Lage ist, sie per Rewind-Button zu korrigieren und die Zeit sich nicht austricksen lässt. Hier macht sich dann zwar auch noch viel deutlicher bemerkbar, an wie vielen Stellen und um wie viele Schlüsse sich Curtis keine Gedanken um sein Konzept gemacht hat (oder sie zumindest unausgesprochen lässt), aber die von schrullig bis tragisch angelegten Figuren tragen über die Ungereimtheiten locker hinweg. Was am Schluss als Botschaft stehen bleibt ist sicher nicht der große Augenöffner, eher eine zeitlose Erinnerung an ein paar nutzbringende Grundsätze. Carpe diem und so fort. Tolle Songauswahl und Musik von Nick Laird-Clowes drunter und schon steht da ein ganz wunderbarer Kuschelfilm, der sich in den Subversionen gegenüber seinem Genre einen bemerkenswerten Unterbau schafft.

Wertung & Fazit

Action: 0/5

Kein Kriterium.

Spannung: 2/5

Baut die ständige Erwartung auf, dass Tims Eingriffe in die Zeit etwas Fatales zur Folge haben, Stichwort Butterfly Effect.

Anspruch: 2/5

Clever erfüllt und karikiert Curtis den Bedarf des Publikums nach perfekter Kuschelromantik, unterläuft Erwartungs- und Bedienebenen und lässt deren Hinterfragung zu. Einfach als Familiendramedy betrachtet aber auch sehr fein.

Humor: 2/5

Brit-Humor. Unwiderstehlich halt, sogar wenn’s mal um Oralverkehr und ähnlichen Schlüpperkram geht.

Darsteller: 4.5/5

Domhnall Gleeson („Dredd“, „Anna Karenina“) ist zu Recht groß im Kommen, Rachel McAdams („Passion“, „The Vow“) spielt herzerwärmend-schnuckelig und Bill Nighy („The Best Exotic Marigold Hotel“) sollte sowieso überall mitspielen, weil der alles schräg verdelt.

Regie: 4/5

Keine Ahnung, ob Curtis’ Intention irgendwo Deckungsnähe mit meiner Deutung aufweist, aber das sein Film sie zulässt und trotzdem noch als romantische Komödie funktioniert verdeutlicht nur den Vorsprung, den der Brite zur US-Konkurrenz hat, die das selbige Genre nur seicht und glatt und fluffi-puschi zu bedienen weiß.

Film: 8.5/10

Hinter einem schönen und berührenden Liebesfilm mit Kniff steckt eine Genredekonstruktion mit Pfiff. Bleibt einem ganzen Katalog an Fragen über Sinn und Logik seiner Zeitreiseidee die Antwort schuldig, instrumentalisiert diese Idee aber so clever über’s bloße Gimmick hinaus, dass zumindest mich das nicht wertungsbeeinträchtigend gestört hat.

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