Stars im Portrait: ANGELINA JOLIE

Portrait

Angelina Jolie – die Frauen wollen so sein wie sie, die Männer wollen mit ihr zusammen sein. Und jeder für sich würde schnell feststellen, was das für ein stressiger Job ist. Selbst ein Brad Pitt wirkt an ihrer Seite irgendwie degradiert, an die Hand genommen und ausgeliefert. Jolie selbst hat mit gerade mal Mitte Dreißig schon eine Menge Leben hinter sich und hat persönlich dafür gesorgt, dass dies in höchst übersteigertem Maß in voller Öffentlichkeit und unter ständiger sensationslüsterner Beobachtung stattfand und -findet. In ihren verschiedenen Phasen scheute sie keine Skandale und Extreme, vergaß dabei aber nicht, sich persönlich und merklich weiterzuentwickeln, sich einem Sinn zu verschreiben, worauf viele Kolleginnen und Kollegen, deren Ruf auf einer ähnlichen Basis des Klatsches geborenen ist, gerne verzichten. Doch im Gegensatz zu solchen Exemplaren ist Angelina Jolie mit zuviel funktionsfähigem und -willigem Geist ausgestattet. Zur besten, wichtigsten Schauspielerin oder gar Person macht sie das nun nicht, aber doch zu einem der gegenwärtig größten weiblichen Stars und jemandem, der man das Attribut ‚bedeutend‘ nicht völlig absprechen kann. Immerhin.

Angelina Jolie erlebte in aller frühester Kindheit die Trennung ihrer Eltern, der Schauspieler Jon Voight und Marcheline Bertrand und Pädagogen hätten wohl ihre helle Freude daran, aus ihrem späteren Verhalten das Fehlen väterlicher Führung abzuleiten. Klein Angie hätte sicher einige Zeit in Wuthöhlen verbracht. Bertrand gab für die Erziehung ihrer Tochter und des Sohnes, James Haven Voight, ihre Schauspielkarriere auf und zog mit den Kindern von Los Angeles nach New York. Obwohl die Eltern und Angelina 1982 gemeinsam in der Komödie Lookin‘ to get out auftraten, war die Beziehung zu Vater Jon von Beginn an gestört und Jolie begründet ihre eigenen Schauspielambitionen nicht mit der Berühmheit ihres Erzeugers, sondern führt die gemeinsamen Kinobesuche mit ihrer Mutter an. Mit elf Jahren, zurück in L.A., besuchte sie zwei Jahre lang das Lee Strasberg Theater Institute und spielte in einigen Bühnenstücken. Aus ihrem Außenseiterstatus an der Beverly Hills Highschool und allgemeiner Unzufriedenheit heraus entwickelte Jolie autoaggressives Verhalten, brach die Schauspielausbildung vorübergehend ab und ihrer morbiden Ader entsprechend hätte sie sich die Arbeit als Bestattungsunternehmerin vorstellen können.



Neben ihren Jobs als Modell und Auftritten in Musikvideos kehrte Angelina Jolie letztlich aber doch zum Schauspiel zurück, spielte am Theater eine deutsche Domina und trat in mehreren Studentenfilmen ihres Bruders, sowie Steven Shainbergs Kurzfilmen Angela & Viril und Alice & Viril (beide 1993) auf. Ihren ersten Filmauftritt absolvierte sie im nicht gerade herausragenden SciFi-Trash Cyborg 2 (1993), auch der Thriller Without Evidence (1995) blieb alles andere, als in guter Erinnerung. Erst Iain Softleys Hackers (1995), der zwar im Kino floppte, nach seiner Videoveröffentlichung aber Kultstatus erlangte, brachte Jolie wohlwollende Aufmerksamkeit. Diese widmete ihr auch Drehpartner Johnny Lee Miller, den Jolie 1996 heiratete. Die Beziehung endete ein, die Ehe drei Jahre später friedlich. Schauspielerisch ging es weiter mit Love is all there is, eine ins moderne New York verlegte Interpretation von Shakespears Rome & Julia, der Thriller-Romanze Mojave Moon und dem Drama Foxfire (alle 1996), wobei Jolie nur in letzterem eine größere Rolle spielte und mehr durch ihr Bekenntnis zur Bisexualität und der lesbischen Beziehung mit Jenny Shimizu ins Gespräch kam. Nach den TV-Filmen True Woman, George Wallace (für den sie ihren ersten GoldenGlobe als Beste Nebendarstellerin gewann) und dem Kinofilm Paying God (alle 1997) an der Seite von David Duchovny, verhalf ihr ein weiterer Fernsehauftritt zum Durchbruch. In Gia (1998) spielte Jolie ein drogensüchtiges Supermodell und erhielt hierfür eine Emmy-Nominierung, gewann einen weiteren GoldenGlobe, sowie den Screen Actors Guild Award. Hinzu kam eine Auszeichnung in der Kategorie Breakthrough Performance mit dem National Board of Review Award in Willard Carrolls Playing by Heart (1998).

In ihre zweite Ehe, diesmal mit dem zwanzig Jahre älteren Billy Bob Thornton, mündete der Dreh zu Turbulenzen – und andere Katastrophen (1999). Mit Phiolen, mit dem Blut des anderen gefüllt um den Hals, einem Oberarmtattoo mit Thorntons Namen und der Erwähnung ihres wilden Sexlebens bei jeder Gelegenheit sorgte die Liasson für ordentlich Aufsehen. Ebenso wie Jolies Auftritt bei der Oscar-Verleihung 2000, bei der sie den Preis als Beste Nebendarstellerin für ihre Leistung in Durchgeknallt erhielt und auf dem roten Teppich leidenschaftliche Küsse mit ihrem Bruder austauschte. Dazwischen lag außerdem ein Auftritt in Phillip Noyce‘ Serienkiller-Thriller Der Knochenjäger (1999). Bei Jolie war allerdings inzwischen die Frage angebracht, was sie mit der öffentlichen Auslebung ihres Privat- und vor allem Sexlebens und der damit verbundenen Ablenkung von ihrem sichtbar vorhandenen Schauspieltalent eigentlich erreichen wollte. Die Presse nahm die Steilvorlagen selbstredend dankend auf und stilisierte die vollbusige und -lippige Jolie förmlich zum Inbegriff des verruchten Vamps mit abnormen Neigungen.



In Sachen neuer Projekte und Rollen ging es für Angelina Jolie nach der Flut an Darstellerpreisen eher leichtgewichtig, dafür teils erstmals kassenträchtig weiter. Blondiert fegte sie durch die hohle Bruckheimer-Raserei Nur noch 60 Sekunden (2000), ein Jahr später wurde sie in Simon Wests halbwegs unterhaltsamer Videospieladaption Lara Croft: Tomb Raider zur perfekten Verkörperung der heldenhaften Grabjägerin. Kritik und Häme ernteten der harmlose Erotikthriller Original Sin (2001), die blasse Komödie Leben oder so ähnlich (2002) und auch das von Martin Campbell inszenierte Äthiopien-Drama Jenseits aller Grenzen (2003). Letztgenannter Film und schon der erste Tomb Raider-Teil begründeten Jolies Engagement für humanitäre Zwecke. Der Besuch diverser notständiger Länder Afrikas öffnete, so abgedroschen dies auch klingen mag, Jolies Augen für die Leiden der Welt und bereits 2001 wurde sie vom UN-Flüchtlingswerk UNHCR zur Sonderbotschafterin ernannt, im selben Jahr adoptierte sie einen kambotschanischen Jungen. Auf ausgedehnten Reise besuchte Jolie Krisengebiete unter anderem in Sierra Leone, Tansania, Pakistan, Thailand und Sri Lanka. Sie traf sich mit Politikern, trat bei öffentlichen Veranstaltungen auf und spendete Millionenbeträge für Projekte wie Global Action For Children und Ärzte ohne Grenzen. Die Beziehung zu Billy Bob Thornton ging über Jolies Selbstfindung kaputt und wurde Mitte 2003 geschieden.

Der Wandel von der richtungslosen Wilden zur aufopferungsvollen Wohltäterin war vollzogen, wobei man Angelina Jolie ihren ehrlichen Willen, ihre Bekanntheit für gute Zwecke einzusetzen, vorbehaltlos abnehmen kann (was so auch nicht auf jeden Promi zutrifft, der sich in afrikanischen Dörfern ablichten lässt). Ihre Filmkarriere ging mit dem kommerziell und künstlerisch gefloppten Sequel Lara Croft: Tomb Raider – Die Wiege des Lebens (2003), D.J. Carusos Taking Lives und dem aufwendigen CGI-Experiment Sky Captain and the World of Tomorrow durchwachsen weiter, Oliver Stones Historienepos Alexander (alle 2004) geriet gar zur Katastrophe an den Kassen. In die wirtschaftliche Erfolgsspur fand sie mit Mr. & Mrs. Smith (2005) zurück, wobei die Gerüchte um eine Affäre mit dem verheirateten Brad Pitt den Erfolg des Films anheizten. Einen Ehebruch abstreitend bekannten sich beide später zu ihrer Beziehung – Brangelina erhob sich aus den Tiefen journalistischen Einfallsreichtums. In Pitt fand Jolie einen Gleichgesinnten hinsichtlich ihrer humanitären Ambitionen und mit drei adoptierten und ebensovielen eigenen Kindern ist aus dem Traumpaar eine Großfamilie geworden. Mit Robert De Niros Der gute Hirte (2006) und Michael Winterbottoms Ein mutiger Weg (2007), für den sie GoldenGlobe- und Screen Actors Guild-Nominierungen erhielt, wandte sich Angelina Jolie wieder filmisch anspruchsvolleren Stoffen zu. Im computeranimierten Die Legende von Beowulf (2007) hatte sie einen heißen Auftritt, im Jahr 2008 landete sie mit der abgedrehten Comicverfilmung Wanted einen Publikums- und mit Clint Eastwoods Der fremde Sohn einen Kritikerhit, der ihr eine verdiente zweite Oscar-Nominierung brachte. Für 2010, bzw. 2011, sind der Agententhriller Salt und Florian Henckel von Donnersmarcks The Tourist mit Johnny Depp angekündigt.
verruchten Vamps mit abnormen Neigungen.



Ihr zwischenzeitlicher Lebenswandel und eine Vielzahl ihrer Rollen können einige Argumente liefern, die nicht gerade für Angelina Jolie als Mensch und Schauspielerin sprechen. Viele Jahre ziellos und als wandelnder Skandal unterwegs und in ihrer Offenheit eines der ganzheitlichsten medialen Produkte, drohte ihr mimisches Talent dahinter zu verschwinden. Die platten Action-Spektakel, die in die Zeit ihrer Besinnung fielen, ließen wenig Raum für mimisches Können, wohl aber für Jolies Power und Leinwanddominanz. Den Hype und Firlefanz, der noch immer um sie herrscht, beispielsweise wenn es um Trennungsgerüchte und Sexiest Woman-Wahlen geht, kann sie darstellerisch nicht in Gänze abfangen, dennoch kann Jolie gerade Rollen, die zuallererst ihr selbst einen emotionalen Zugang bieten (wie die verzweifelt gegen die Staatsgewalt angehende Mutter in Der fremde Sohn), immer wieder überzeugend ausfüllen. Soll sie also ruhig sein wer sie will und zusammen sein, mit wem sie will. Es ist ja niemand gezwungen, ihr dabei zuzusehen. Nur ihre guten Filme sollte man dabei nicht übersehen.

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