AUGE UM AUGE – OUT OF THE FURNACE: Kritik zum Drama-Thriller mit Christian Bale und Woody Harrelson (DVD)

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Story

Der Stahlarbeiter Russell Baze führt ein hartes, aber ehrliches Leben in der wirtschaftlich gebeutelten Gemeinde von North Braddock, Pennsylvania. Mit seiner Freundin Lena will er sich eine gemeinsame Zukunft aufbauen, muss sich jedoch auch um die Vergangenheit und Gegenwart kümmern: Russell sorgt für seinen bettlägerigen Vater und hat immer mindestens ein Auge auf seinen jüngeren Bruder Rodney. Für den etwas naiven Irak-Veteranen ist das Leben in der Arbeitergegend North Braddocks ein Graus und so versucht er sich mit dubiosen Geschäften über Wasser zu halten. Einer verlorenen Wette beim Pferderennen hat Rodney nun Schulden beim Buchmacher John Petty zu verdanken, die Russell zumindest in Ansatz zu begleichen versucht, um seinen Bruder vor größeren Schwierigkeiten zu bewahren. Doch eines Abends ist er unter Alkoholeinfluss in einen tragischen Autounfall verwickelt. Russell muss ins Gefängnis und seine Liebsten und Angehörigen sich selbst überlassen. Nach verbüßter Haft ist für ihn nichts mehr wie zuvor: sein Vater ist in der Zwischenzeit verstorben, Lena hat ihn verlassen und Rodney hat sich auf illegale Straßenboxkämpfe eingelassen, um seine Rückstände bei Petty zu begleichen. Dabei gerät er in einem abgelegenen Dorf in den Appalachen, wo ganz eigene Regeln und Gesetze herrschen, an den soziopathischen Drogendealer und Gewalttäter Harlan DeGroat…

Der Film

Wer für seinen erst zweiten Spielfilm ein Ensemble aus geballter Charaktermimenklasse mit Oscar-Preisträgern wie „Batman“ Christian Bale und Forest Whitaker, Woody Harrelson, Casey Affleck, Willem Dafoe, Sam Sheparda und dazu noch Space-Amazone Zoë Saldaña gewinnt, der muss mit seinem Debüt einiges richtig gemacht haben. Kann man bei actor-turned-director Scott Cooper wohl von ausgehen, der lieferte nach einer Kleinrollen- und Nebendarstellerkarriere in Film und hauptsächlich Fernsehen mit der melancholischen Country-Ballade „Crazy Heart“ eine Oscar-Bühne für den Dude Jeff Bridges und legt mit der in den vorangegangenen Zeilen aufgezählten Besetzung nun die Milieu-Studie „Out of the Furnace“ nach. Neben den durchgehend großartigen Schauspielleistungen überzeugt das Charakterdrama aber lediglich zwei Akte lang, ehe sich das finale Drittel thematisch dem deutschen Titel „Auge um Auge“ widmet und darin vergleichbar ungelenk wirkt.



„Out of the Furnace“ (also eigentlich „aus dem/außerhalb des Schmelzofens“) baut zunächst behutsam die Geschichte der Figuren an einem ehemals blühenden und nun verdorrten Wirtschaftsstandort auf, niedere Mittel- und Unterschichtler, die ihr Leben der Arbeit widmen, eine Blue-Collar-Gemeinde, die zu Hoffen wagt, aber das Träumen aufgegeben hat, inmitten eines Amerikas, das am Vorabend der Obama-Regierung im »Yes We Can«-Rausch schunkelt. Eine Welt der desillusionierten Männer in verschlissener, pragmatischer Kleidung, ihre Werte längst von der Realität der Gegenwart eingeholt: der Vater der Baze-Brüder, nach jahrzehntelanger klagloser Buckelei im Stahlwerk schwer erkrankt, der junge Rodney, die Seele zerschunden von seinen Einsätzen in einem unverständlichen Krieg, und schließlich Russell, eine ehrliche Haut auf der Schwelle zum Bedarfsfall einer mindergeregelten Sozialversorgung, denn das Stahlwerk wird schließen, sein Arbeitsplatz verschwinden. Importieren aus China ist billiger. Yes We Can? No We’re Damned…

Solange „Out of the Furnace“ um die Brüder und ihre Schicksalswege kreist ist der Film stark, wenn sich diese Wege ab dem Ausklingen obiger Inhaltsangabe abrupt trennen und die Story sich zum „Auge um Auge“-Part zuspitzt nicht mehr so sehr. Bis dahin trägt den Film die Schauspielkunst der Darsteller in Zusammenkunft mit der Ruhe und Bedachtsamkeit, die Charaktere emotional aufzuladen, sie aber nicht zu melodramatisieren. Doch ab einem einschneidenden Punkt gerät „Out of the Furnace“ in trudelnde Nöte, einen erzählerischen Umschwung zu initiieren und umzusetzen, banale Konstruktionselemente wie ein zufällig aufgezeichnetes Handygespräch und überflüssige Thrill-/Suspense-Szenen inklusive. Der elegische Fortgang wird gegen plakative Motive eingetauscht, denen die Überzeugungskraft fehlt, sich aus den Charakteren zu erschließen. „Out of the Furnace“ wird zwar nicht plötzlich von einem sehr guten zu einem richtig schlechten Film, aber zu einem, dessen Elemente nicht zueinander finden wollen, zumindest nicht so zufriedenstellend, wie der Aufbau es noch versprochen hat.



Es bleibt an den Darstellern, „Out of the Furnace“ in ein unausweichliches, doch unbefriedigendes Ziel zu retten: Christian Bale hat den grimmigen Vigilanten aus Gotham City nur zwei Jahre nach dem Trilogieabschluss „The Dark Knight Rises“ bereits deutlich hinter sich gelassen, spielt Russell mit einer ergreifenden Aufrichtigkeit, die besonders die Szenen des tragischen Verkehrsunfalls und seine erste Wiederbegegnung mit Liebe Lena auszeichnet. Casey Affleck vereint die Verscheutheit und Traumatisierung eines geschlagenen Tieres mit brodelnder Veteranenwut, Woody »I got a problem with everybody« Harrelson gibt einen Unbehagen verursachenden Backwood-Psycho und Willem Dafoe sowie Forest Whitaker und Sam Shepard glänzen in kleineren Rollen. Zoë Saldaña kann recht überzeugend zu Heulen anfangen, sich ansonsten aber nicht unbedingt auszeichnen, da ihre Frauenrolle auf Gebärfunktionen und die Hoffnungsprojektionen von Männern reduziert bleibt.

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 1/5
Ruhig erzählt, eine spätere „die Guten schleichen sich bei den Bösen ein und es wird heikel“-Szene wirkt deplatziert.
Anspruch: 3/5
Anfangs sehr einnehmendes Charakterdrama mit aktuellen und emotional vielschichtigen Bezügen zum Wirtschaftsabschwung in ländlich-industriellen Gegenden der USA.
Humor: 0/5
Kein Kriterium.
Darsteller: 5/5
Ausgezeichnet gespielt von sämtlichen Darstellern.
Regie: 3/5
Mit der anfänglichen Milieustudie und dem Charakterdrama der Baze-Brüder kann Scott Cooper gut umgehenden, mit dem anschließenden Rache-Plot nicht.
Fazit: 6,5/10
Raues Milieu-Drama, das in einen unausgegorenen Racheplot rutscht, aber von herausragenden Darstellern und ihren präzisen Leistungen getragen wird.

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