BIRDMAN: Kritik zu Alejandro González Iñárritus Meta-Tragikkomödie mit Michael Keaton (Kino)

Story

In einer Zeit, bevor jedem zweit- und drittklassigen Schauspieler Kostüm und Cape angelegt wurden, ebnete Riggan Thomson mit seiner Darstellung des „Birdman“ den Weg für Comicverfilmungen und Superhelden auf der Leinwand. Die Trilogie machte ihn Anfang der 1990er zum Hollywoodstar, doch mittlerweile, nachdem er „Birdman 4“ vor Jahren abgelehnt hat, ist Riggan in der künstlerischen Bedeutungslosigkeit verschwunden. Zurück ins Rampenlicht und zum ernstzunehmenden Schauspieler ohne Federn und Schnabel soll ihn eine Bühnenadaption von Raymond Carvers „What We Talk About When We Talk About Love“ katapultieren. Als Hauptdarsteller, Autor und Regisseur will Riggan endlich etwas Bedeutendes schaffen, endlich wieder beachtet und geschätzt werden. Am Abend vor der ersten Probe vor Publikum scheidet nach einem (vermeintlichen…) Unfall einer seiner Schauspieler aus, doch in dem kapriziösen Method Actor Mike Shiner findet sich hochkarätiger Ersatz. Shiners Mitwirken kurbelt die Ticketverkäufe nochmals an, seine extravaganten Touren kosten Riggan allerdings auch noch mehr Nerven, als er eh schon an das ambitionierte Projekt verliert…

Der Film

Eine fürstliche 15 Millionen-Offerte lehnte Michael Keaton Mitte der 1990er ab, als man ihn zur dritten Fledermausrunde in „Batman Forever“ überreden wollte. Doch mit dem scheidenden Regiekumpel Tim Burton und einem Studio, das sich den dunklen Ritter familientauglicher und bunter wünschte, entschied sich Keaton gegen die Bat-Travestie unter der Leitung von Joel Schumacher und für künstlerischen Anspruch. Die Assoziation mit seinem leicht huschigen Bruce Wayne und dessen Alter Ego in Cape und Maske ist der Mann aber trotz beständiger Leinwandpräsenz und Nachfolgern im Batsuit wie George Clooney und Christian Bale nie losgeworden. Letztes Jahr unterhielten sich zum Beispiel Seth Rogen und Zac Efron in „Bad Neighbors“ über den besten Darsteller des Spitzohrs – Keaton oder Bale? Ein Leben nach einer Ikone gleich eine Karriere als Popkulturreferenz. Alejandro González Iñárritus Award-Abräumer „Birdman“ ist nun die verrückte Fiebertraum-„Doku“ dieser Stardom-Schattenseite, und auch wenn Keaton im Interview meint, mit dem verzweifelnden Ex-Star Riggan Thomson weniger als mit jeder anderen seiner Figuren gemeinsam zu haben, so hat‘s doch trotzdem ein besonderes Geschmäckle, den Ex-Batman hier in der neuen Rolle seines Lebens zu sehen…
Michael Keaton und Edward Norton in BIRDMAN
…in Unterhose erhebt sich Keaton aus seinem schwebenden Schneidersitz, kurz geskypt, die Jazz Drums setzen ein und dann geht sie los, eine der genialsten Kinoerfahrungen der letzten paar Jahre: Emmanuel Lubezkis Kamera heftet sich an Riggan Thomson, sie ist kein Beobachter, sie ist ein Begleiter. Diese Kamera ist kein statisches Filmaufzeichnungsobjekt, sie drängt sich an die Seite und in die Mitte und vor die Figuren, verliert mal kurz den Blick, findet etwas anderes dem sie hinterhergeht, diese Kamera hat Bedürfnisse, ist getrieben von Hunger und Durst, ist schlaflos und kann kaum mal stillstehen. Mit Trickserei und Schnittmanipulation wird „Birdman“ zu einer einzigen Tour de Farce-Plansequenz, Schwenks und ein gelegentliches Verweilen ersetzen Schnitte und die Narration wird zum Weitermachen getrieben wie Riggan, der selbst vor Stress und Anspannung und Nervosität nicht mehr schläft. Lange Plansequenzen sind als Erzählmittel gar nicht ungewöhnlich, wurden eingesetzt von Meistern wie Hitchcock, Welles, Godard, Altman oder Tarkowski und mit Alexandr Sokurovs Museumsdurchwanderung „Russian Ark“ von 2002 gab’s den One Shot auch schon in abendfüllend…

…doch in „Birdman“ bekommt das in Kombination mit dem jazzigen Getrommel, das lostickert sobald sich die Kamera in Bewegung setzt, einem brillanten Schauspielensemble und den ganzen Meta-Bezügen, Sub-Subtexten und Seitenhieben, Iñárritus ungebremster Theatralik, dem blanken Irrsinn und der Sprache seines Films, die jede Regung abdeckt zwischen laut und leise, bedacht und impulsiv, leidend und liebend, mit all dem jedenfalls bekommt das einen ganz eigenen Vibe. Akzeleriert und affektiert entfaltet sich hinter der Bühne und in den Eingeweiden eines heruntergeramschten Broadway-Theaters ein Stück im Stück… im Stück im Stück, in dem abgehalfterte Leinwandikonen mit Comeback-Visionen und ruhmverhaftetem Gottkomplex auf eitel-naturalistische Stanislawski/Strasberg-Zöglinge treffen, die nur noch auf der Bühne einen hochkriegen, wo die Wahrhaftigkeit des Moments auf den Brettern der Weiterverbreitung per Smartphone und Reichweitenzahlen in den sozialen Netzwerken begegnet, naive Hübschchen hecheln nach Bestätigung und einen kalten Entzug hat nicht allein Riggans Tochter Sam hinter sich. Und noch so vieles mehr rund um die Proben und kurz vor der Uraufführung von „What We Talk About When We Talk About Love“…
Zach Galifianakis, Naomi Watts und Michael Keaton in BIRDMAN
…eine Showbiz-Satire, eine Röntgenaufnahme und Abrechnung mit verschiedenen Modellen von Rollenbewusstsein und Subjektion, ein Entlarven der nussschalengroßen Kosmen und Perzeptions- und Kohärenz-Horizonte von Kunstschaffenden – dem getripplten und quadruplizierten Metabewusstsein von „Birdman“ kann man anlasten, genau wie seine Hauptfigur um Aufmerksamkeit, um Würdigung und Bewunderung zu buhlen, vor allem wenn man egomanem Star-Gehabe und diversen Hollywood-Blockbustergesetzen missbilligend gegenübersteht, dann ist Iñárritus „Birdman“ ein in seiner hyperironischen Anspielungslaune fortlaufend-alternierendes Schulterklopfen zwischen sich und dem kundigen Zuschauer. Anbiederei? Mainstreamfeindliches Rangekuschel an die Academy, die sich bei Fan Favs wie Comicverfilmungen und viel anderem nicht Oscar-typischen Stoff seit jeher knatschig und fern vom Puls der Zeit zeigt? Aaaach, who gives a bird?! Was soll’s, soll’s einem „Birdman“ ruhig leicht machen, seinen Meta-Dampf wie einen Highmacher zu schnupfen, Film muss nicht immer nur fordern, um zu stimulieren…

…und wohlmöglich quintaddiert Iñárritu auch einfach noch eine weitere Meta-Ebene dazu, wenn er Comicverfilmungen und Blockbuster als kunstfremdes Opium einer actiongeilen Masse hinstellt und sich die aufgebrachte Kritik an Kritikern von Riggan und Method Mike, gerichtet an eine miefige Kulturmätresse, in die gleichen Schubladen flüchtet, die sie anprangert und angepieselt die Argumente der kritikfeindlichen und auseinandersetzungsablehnenden Fraggles zitiert, die hinter Rezension stets Scheitern und Verbitterung vermuten. Immerhin bedient sich auch „Birdman“ selbst bei schubladischer Einordnung, der Film ist in seinen Ansätzen weder originell noch innovativ, ähnlich experientialistisch-gratinierte Künstler-Pics haben beispielsweise die Coens mit „Barton Fink“ oder Spike Jonze und Charlie Kaufman mit „Adaptation“ vorgelegt, für seine spöttischen Trivialitätenkabinette und zynischen Branchenverrisse arrangiert Iñárritu im Grunde eine ganz typische Charakterkonstellation – ein paar Sprenkler Vogelschiss hat also sicher auch „Birdman“ im Käfig, die „selbstsüchtiger Dad, vernachlässigte Tochter, abgenervte Ex-Frau“-Szenen können Keaton, druggy Emma Stone und Amy Ryan noch so gut spielen, hierin wirkt „Birdman“ dennoch am ehesten wie etwas, das man halt doch schon etliche Mal gesehen hat, ob mit Schnitten oder ohne…
Michael Keaton in BIRDMAN
…aber Iñárritus eigene Kunst und die seines Films besteht schlussendlich darin, aus der Bezugsvielfalt, den technischen Kniffen und seinen hervorragenden Darstellern in präzisen Rollen wie zuvor in den mehrgeschichtigen „Amores Perros“, „21 Grams“ und „Babel“ ein Ganzes zu bilden und außerdem noch neben intellektueller und kreativer Anregung einen Entertainer erster Güte zu liefern. „Birdman“ ist irre. Und absolut genial. Soll Bay ruhig jedes Jahr einen „Transformers“ drehen, die Comic- und YA-Wellen weiterschwappen und sollen ruhig jede Woche fünf berechenbare Formelfilme starten, solange im Jahr nur einer wie „Birdman“ dazwischen ist geht’s dem Kino und dem Medium Film trotzdem gar nicht so schlecht. Eine beeindruckende Meta-Dekonstruktion von Schauspieler und Schauspiel und Rollenprojektion, ein wahnwitziger Stunt-Akt von Keaton und Edward Norton, der hier auch locker seine bemerkenswerteste Performance seit Jahren raushaut. Das Kunst gegen Kommerz-Thema, Lubezkis unabwimmelbare Stalkerkamera, vor der sich die Darsteller nie verbergen können und wo in langen Fahrten kein Schnitt einen Abfall ihrer Leistung kaschieren könnte, der Jazz Drummer, der den Film aus dem Film selbst heraus anheizt, einer der subtileren und komplexeren Späße, und noch so viel mehr…

Wertung & Fazit

Action: 0,5/5
Zeigt mal kurz in einer furiosen Sequenz für die actiongeile Deppenmasse, wie „Birdman 4“ ausgesehen hätte, ansonsten kein Kriterium.
Spannung: 2/5
Nicht zuvorderst Spannungskino, dialogreich, aber trotzdem mit Tempo und über die volle Laufzeit mitziehend.
Anspruch: 4/5
Meta, Meta und noch mehr Meta – Neues an Showbiz-Erkenntnis eröffnet „Birdman“ nicht, er spielt es aber genial und facettenreich aus.
Humor: 3/5
Von subtilen Subtextbezügen bis hin nach Irrenhausen, wo sich Ed Norton in Unterbuchse mit Michael Keaton kloppt – irre witzig.
Darsteller: 5/5
Das schreit mal wieder nach der Einführung eines Ensemble-Oscars, und den würde „Birdman“ sowas von verdient abräumen. Geniale Stunt-Performances von Keaton und Norton, aber denen stehen Naomi Watts, Emma Stone, Andrea Riseborough und Zach Galifianakis mit der Güte ihrer Leistung in nichts nach.
Regie: 5/5
Iñárritus Meisterstück.
Fazit: 10/10
Kunstwerk, Meisterwerk, unterhaltsamer als die meisten Blockbuster: „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“. Genial. Knapp, aber doch verdient ist das die erste Vergabe der Höchstwertung auf Cellurizon seit über zwei Jahren wert 🙂

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