Stars im Portrait: CHRISTOPH WALTZ

Portrait

Eigentlich ein seltsamer, was die deutsche Filmlandschaft angeht sogar irgendwie beschämender Umstand: da muss erst ein Regie-Radiaker, ein Violence-Virtuose und Obligat-Opputurnist wie Quentin Tarantino daherkommen, sich einen Haufen deutschsprachiger Akteure zusammen suchen und eine wilde Hommage an Kriegsfilme und Spaghetti-Westren drehen, damit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wird, wieviel teils unentdeckte Klasse in diesen Darstellern steckt. Ganz weit abseits von verkopftem (Pseudo)Intellektuellenkino und albern-blöden Beziehungskomödchen. Ob August Diehl, Gedeon Burhard oder sogar ein unter ‚hoffnungslos‘ abgestempelter Til Schweiger, Tarantino zeigt, wie man diese Jungs ihren Möglichkeiten entsprechend zu inszenieren hat. Doch einer trumpft besonders lautstark auf in Inglourious Basterds und sorgt als Nazi-Oberst dafür, dass Brüno-Sasha Baron Cohens freches Vorhaben, der berühmeste Österreicher seit Hitler zu werden, scheitern dürfte. Eine Ironie, über die sich Hans Landa sicherlich köstlich amüsieren würde…

Nicht Depp, nicht Bale, nicht Pitt,…
…DIE schauspielerische Sensation des Jahres 2009 hat seinen Kollegen nicht nur einen zusätzlichen Buchstaben im Nachnamen voraus. Christoph Waltz hatte zudem die Erwartungshaltung auf seiner Seite, denn wer hätte für die Vergabe dieser Position schon an ihn gedacht? Gleichwohl kann man bei Waltz natürlich nicht von einem Newcomer sprechen, ebensowenig von einem puren Glücksgriff Tarantinos und einer mimischen Eintagsfliege in der Karriere des Wieners. Eher von soetwas wie dem überfälligen, verdienten Durchbruch. Geboren in eine Theaterfamilie, führte es auch Christoph Waltz hin zur und in seinem Fall auf die Bühne (seine Eltern waren Köstum- und Bühnentechniker). Er absolvierte das Max-Reinhardt-Seminar und studierte später in New York am Lee Strasberg Theatre and Film Institute, jener berühmten Schauspielschule, an der Größen wie Robert De Niro und Al Pacino die Prinzipien des Method Acting erlernten. 19jährig gibt Waltz sein Theaterdebüt am Zürcher Schauspielhaus und spielt die Titelfigur des Stückes Amadeus (1975), 1977 tritt er erstmals in seiner Heimat Wien auf. Es folge weitere Engagements in Zürich, Köln, Frankfurt am Main, Hamburg und Salzburg, wobei Waltz Rollen in klassichen Stücken, etwa Shakespears Hamlet, spielt. 1982 verleiht man ihm den O.E. Hasse-Preis.



Aus dem Schatten ins Zwielicht; von Mördern und Psychopathen
Seit 1977 ist Christoph Waltz außerdem im Fernsehen zu sehen, erstmals in Der Einstand. Er wirkte in deutschen und österreichischen Produktionen mit, als Saubermann oder gar strahlender Held wird er dabei nicht besetzt. Waltz ist, und das oft in bemerkenswerter und bravouröser Manier, für die Gestalten am Abgrund zuständig. In Krimiserien wie Tatort, Polizeiruf 110, Schimanski oder Derrick ist er auf böser Seite, wahlweise ein zurückgezogener Labiler, der plötzlich in Gewalttaten ausbricht. Waltz eignet sich diesen Rollentypus meisterhaft an und weiß mit seiner leicht entrückt-skurillen, bedrohlichen Ausstrahlung Unbehagen in den Wohnzimmern der Zuseher zu erzeugen und der Täter lässt sich stets vorausahnen, sobald der Name Waltz im Vorspann auftaucht. Im Kino tritt er zum ersten Mal in Kopfstand (1981) und Veith von Fürstenbergs Feuer und Schwert – Die Legende von Tristan und Isolde (1982) auf, in der Rolle des Tristan sogar als romantischer Held. Zu sehen ist er außerdem in der US/deutschen Mark Twain-Verfilmung The Mysterious Stranger (1982), Der Sandmann (1983) und als Friedrich Nietzsche in Wahnfried (1986).

Regarde-moi! – Look at me! – Ma guarda te!
Christoph Waltz, der neben Deutsch drei weitere Sprachen fließend spricht (Französisch, Englisch und Italienisch), wurde auch zum Teil internationaler Produktionen, beispielsweise im australischen The Alien Years (1988) und hochgelobt in Krzysztof Zanussis Zycie za zycie (1991), in dem er einen ehemaligen KZ-Häftling spielt. Einer wiederkehrenden Rolle in der britischen Mini-Serie The Gravy Train Goes East (1991) folgten eine große Zahl weiterer TV-Auftritte; an der Seite von Catherine Zeta-Jones und John Rhys-Davis spielte er in Catherine the Great (1995). Im Gegensatz zum Film selbst erhielt Waltz eine Unmenge an Lob für seine Darstellung des Schlager-Beaus Gerhard Höllerich, besser bekannt als Roy Black, in Peter Keglevic‘ Du bist nicht allein – Die Roy Black Story (1996). Nicht gerade die auf den ersten Blick naheliegendste Wahl, portraitierte Waltz umso überzeugender die seelischen Abgründe des alkoholabhängigen Stars und wurde bei den Baden-Badener Tagen des Fernsehspiels und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Mit Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit (1998) verbuchte er dann einen beachtlichen Kinoerfolg und war neben Kevin Spacey und Colin Farrell in Ein ganz gewöhnlicher Dieb (2000) zu sehen. Erneut unter Keglevic‘ Regie spielte er in Der Tanz mit dem Teufel (2000) den Entführer des Richard Oetker, Dieter Cilov. Hierfür wurde Waltz mit dem Adolf-Grimme-Preis geehrt. Nach dem Beziehungsdrama Der alte Affe Angst gab es für Jagd auf den Flammenmann (beide 2003) den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie Bester Nebendarsteller. Mit der Goldenen Kamera wird seine Leistung als Polizeipsychologe in Der Mörder ist unter uns (ebenfalls 2003) belohnt, erneut mit dem Adolf-Grimme-Preis überdies 2004 sein Spiel in Stephan Wagners Dienstreise – Was für eine Nacht. In letzterem und einigen anderen Produktionen lässt Waltz immer mal wieder sein komödiantisches Talent aufblitzen.



Inglourious Basterds, glorious Christoph Waltz
Im Kino ist Waltz unter anderem noch in Leander Haußmanns Romanadaption Herr Lehmann (2003) und Lapislazuli – Im Auge des Bären (2006) zu sehen, gemessen an seinem Talent findet er jedoch auf der großen Leinwand weiterhin viel zu sehr im Verborgenen oder eben überhaupt nicht statt. Darum sammelt Waltz weiterhin TV-Auftritte an und ist in den Serien Stolberg (2006), Der Staatsanwalt und Der letzte Zeuge (beide 2007) zu sehen. Unterdessen ist für die Rolle des Hans Landa in Inglourious Basterds Leonardo DiCaprio im Gespräch, doch da Regisseur Quentin Tarantino auf unbedingte Authentizität in der Besetzung erpicht ist kommt dieser nicht in Frage. Tatsächlich steht Tarantino in Ermangelung eines geeigneten Kandidaten kurz vor Abbruch des gesamten Projektes, bis Christoph Waltz zum Casting erscheint. Der Rest hat das Zeug, Geschichte zu schreiben. Waltz bietet eine phänomenale Leistung in elaborierter Eiseskälte und makaberer Eloquenz und wird bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Darstellerpreis versehen – was nur der Anfang des Preisregens sein dürfte.

Christoph Waltz bietet, und das mittlerweile seit Jahrzehnten, die Art von Schauspiel, wie man sie in deutschen Landen zumeist einzig zu Schurkenzwecken in Krimis einzusetzen weiß. Statt sich darin zu ergeben und diese Beschränktheit immer wieder zu bedienen, hat Waltz jedoch vorm Weltmarkt nicht Halt gemacht und ein ordentliches Polster zwischen sich und jene festzurrenden Fesseln gebracht. Inglourious Basterds und Hans Landa dürften da nur die Spitze dessen markieren, was auch in Zukunft noch, unter anderem in der Comicverfilmung The Green Hornet (2010) und David Cronenbergs The Talking Cure (2011), von ihm zu erwarten ist, denn weiterhin und nun erst recht wird er Autoren und Regisseure finden, die aus ambivalenten Charakteren nicht bloß Abziehbilder, sondern Originale zu schaffen wissen – und denen mit Christoph Waltz ein Schauspieler zur Verfügung steht, der sie mit unverkennbarem Gesicht, Sprache und mimisch/gestischer Schattierung auszustatten weiß.

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