Classic: ALIEN

Story

Der Erzfrachter Nostromo befindet sich nach langer Reise durch die Weiten des Alls auf Heimatflug, die siebenköpfige Crew verweilt im Kälteschlaf. Bis MU/TH/UR, der Zentralcomputer des Raumschiffs, ein Signal unbekannten Ursprungs auffängt, die Nostromo zu einem fremden Planeten umleitet und die Besatzung aufweckt. Gegen den Unwillen einiger ohnehin frustrierter Crewmitglieder gibt Captain Dallas zu Bedenken, dass einem vermeintlichen Notsignal laut Vorschrift nachgegangen werden müsse und so landet die Mannschaft auf dem lebensfeindlichen Planetoiden LV-426. Als Ursprung des Signals orten sie das Wrack eines außerirdischen Raumschiffs mit einem skelettierten, nichtmenschlichen Wesen an Bord. Bei weiteren Untersuchungen stößt der Executive Officer Kane in einer riesigen Höhle unterhalb des Raumschiffs auf seltsame, eiförmige Gebilde, während an Bord des Landeschiffs der Nostromo Warrant Officer Ripley nach eingehender Analyse der Verdacht kommt, dass es sich bei dem aufgefangenen Signal eher um eine Warnung, denn einen Notruf handelt. Kane indes wird urplötzlich von einer Kreatur aus einem der Eier befallen, die sich um sein Gesicht schließt, ihn bewegungsunfähig macht, aber nicht tötet. Zurück an Bord der Nostromo findet sich keine Möglichkeit, den fremdartigen Organismus von Kane zu lösen – bis er schließlich leblos von selbst abfällt und Kane sich scheinbar ohne erkennbare Nachwirkungen erholt. Bis…

Der Film

…eine Szene folgt, die wie der Film um sie herum Geschichte geschrieben hat. Die Crew sitzt beim Essen, die Anspannung beginnt sich zu lösen, jenes klauenartige Gebilde, das Kane umfangen gehalten hat, scheint keine Bedrohung mehr darzustellen und Science Officer Ash kann sich der Untersuchung des Organismus widmen. Ein letztes Nudelgericht wird vertilgt, ehe sich die Besatzung der Nostromo wieder zur Ruhe legen will und der ungewöhnliche Vorfall nur eine Notiz im Protokoll ihrer monatelangen Reise bleiben wird. Und dann beginnt Kane nach ein paar Happen zu röcheln. Hat er sich verschluckt? Nein. Von schmerzhaften Krämpfen geschüttelt versucht die Zweckgemeinschaft der Weltallkameraden ihn ruhig zu halten, drückt ihn auf den Tisch nieder, redet auf ihn ein – und wird von Kanes Blut besudelt, als sich sein Brustkorb plötzlich aufwölbt und ein quieckender, ohne erkennbare Augen in die entsetze Runde starrender Parasit daraus hervor bricht und in den verwinkelten Eingeweiden des Schiffs verschwindet, sechs fassungslose Männer und Frauen zurück lässt, deren Verstand nicht einmal im Ansatz zu begreifen bereit ist, was da gerade in ihrer Mitte vorgefallen ist. Es ist nicht unbedingt Betroffenheit, die sich trotz des bestialischen Todes eines der ihren breit macht, so eng sind die Bande zwischen den Crewmitgliedern nicht genüpft. Es ist Unvermögen, das Unerklärliche zu begreifen, das Grauen zu deuten, das sich nun durch ihr Schiff bewegt, es sind die Furcht und auch die Entschlossenheit, das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt zu töten, bevor es sie tötet.



Ein Unterfangen, zum Scheitern verdammt. Denn dieses rasend schnell heranwachsende Alien lebt, um zu Überleben. Während die Crew fürchtet, zu sterben. Ein existenzieller Unterschied, der die Bedrohung und die gewissenlose Grausamkeit der außerirdischen Lebensform unüberwindbar macht, erst Recht von einem Haufen zusammengewürfelter und uneiner Weltraumarbeiter, die sich gerade noch um Prozente und Quarantänevorschriften gestritten haben. Mit der blutigen Geburt des Aliens lieferte Ridley Scott 1979 eine der schockierendsten Szenen aller Zeiten, die innerhalb des Films den endgültigen Punkt markiert, an dem es keinen Ausweg mehr gibt, keine Flucht vor einem Grauen, das sich behutsam hineingeschlichten hat, das den langen und ruhigen Kamerafahrten durch die entleerten Gänge der Nostromo bereits inne wohnt, bevor die Kreatur an Bord kommt. Denn nicht die Crew findet in ihrem heruntergekommenen Frachter Schutz, sondern die unbarmherzige und anpassungsfähige Killermaschine nutzt die Dunkelheit, das Labyrinth der Luftschächte, die Uneinsehbarkeit einzelner Abteilungen auf den Decks, die Enge und die Grenzen des Schiffs, von dem es kein Entkommen gibt, wo doch außerhalb nur das kalte, tote All wartet. Kaum ein zweiter Film komponierte vom ersten Unbehagen zur Verunsicherung, über Entsetzen zu Angst und Verzweiflung bis hin zur blanken Panik sein Schreckensszenario so kompromisslos, so fühlbar und mit einem solch starken Übertrag des Gefühls der Hilflosigkeit, des ausgeliefert Seins vom Film auf sein Publikum durch.

Es gibt keinen Plan und kein Prozedere gegen den sinfonischen Schrecken, den das Alien entfesselt. Als Captain Dallas im Herz des Schiffes den Zentralcomputer nach Möglichkeiten zur Vernichtung des Organismus befragt hat auch die MU/TH/UR keine Antwort für ihre Kinder, obwohl die Gefühllosigkeit des Xenomorphs der technisierten Allmacht eigentlich näher steht, als die Regungen der Menschen. Aber sowieso offenbart sich im Laufe des Films auch die Technik als unabwendbares Schicksal der Nostromo und der Crew, sie ist als Vertreter eines gesichtslosen Konzerns mit an Bord, ihr kaltes Kalkül offenbart sich als ein weiteres Nest für das Alien. »Nostromo rerouted to new co-ordinates. Investigate life form. Gather specimen. Priority One. Insure return of organism for analysis. All other considerations secondary. Crew expendable.« Die Anwesenheit der Kreatur bekommt eine unfassbare Berechtigung, sie selbst aber weiterhin keine Erklärung, im Gegenteil, der Film wirft übergeordnete Fragen auf, die weiter als er selbst reichen: es gibt eine Welt und ein Interesse, konkret einen Konzern, der diese tödliche Lebensform in seinen Besitz bringen will, der wusste, dass sie da draußen in den Tiefen des Alls lauert. Mehr noch in den Sequels und den unsäglichen Alien vs. Predator-Prequels wird der Weyland-Yutani-Konzern eine Rolle spielen, im ‘79-Original ist er noch ein weiterer Schatten, der dem Alien geboten ist, die Crew nicht nur dem Monstrum, sondern auch den entmenschlichten Geschäftsinteressen ihres Arbeitgebers ausgeliefert. Cause they owe their souls to the company store.



Als Sciene Fiction-Film könnte Ridley Scotts Alien sein Genre nicht trostloser interpretieren, als Horrorfilm könnte er nicht mitleidloser sein und die in Design und Aufbau nahezu perfekte Form könnte kein fruchtbarerer Nährboden des an sich einfachen Schemas der Glied für Glied dahin dezimierten Crew sein. Das preisgekrönte Creature Design des schweizer Neo-Surrealisten H. R. Giger ist einmalig in seiner abstoßend-grauenerregenden wie zugleich faszinierenden Formvollendung, reichend vom Facehugger bis zum ausgewachsenen, übermannsgroßen Alien sorgt es neben dem blanken Horror und in seiner Fremdartigkeit im Bedienen von Urängsten vor allem für eines: einen psychosexuellen Trip. Die „Vergewaltigung“ durch den Facehugger, der schockierende Geburtsprozess, umso bizarrer und verstörender, weil hier der ansonsten gebärrechtlich benachteiligte Mann das „Kind“ zur Welt bringt, die sich wiederholenden Penetrationsvorgänge, zunächst durch den Befruchtungsschlauch des Facehuggers, später ungleich martialischer durch den inneren Kiefer und in einer Szene sogar den sich am Bein der Navigatorin Lambert empor schiebenden Schwanz der Bestie, dazu sein phallusförmiger Schädel und die Auswüchse auf dem Rücken. Metall und Fleisch, Sex und Tod, Schönheit und Gewalt, hypnotische Ruhe und hämmernder Terror – Film als Kunstform, selten näher zueinander geführt, als in Alien.

Nach dem komplett entschleunigten Beginn, in den Jerry Goldsmiths Score das Unbehagen hinein weht, hinein flüstert, und dem folgenden Horror nach Slasherprinzip ist der Schlussakt von Alien der pure Terror, aus dem sich außergewöhnlicherweise eine Frau zum letzten Kampf ums Überleben erhebt. Die dröhnenden Alarmsirenen des Schiffs, die kreisenden Leuchten und das flackernde Licht fressen sich in Seh- und Hörnerven und ohne das das Alien sonderlich oft zu sehen wäre ist seine Bedrohung nie näher als dann, wenn die Nostromo sich schließlich endgültig nicht mehr bereit erklärt, ihrer Besatzung beizustehen. Als erste Actionheldin der Kinogeschichte setzt sich die wie alle Crewmitglieder nie beim Vornamen genannte Ripley gegen die endgültig zusammenbrechende Mikrozivilisation des Schiffes und die Ungeheuer, von denen sie befallen ist, zur Wehr. Und das zum Schluss, wenn der Existenzkampf sich auf dem denkbar verengtesten Raum zuspitzt, sogar in Unterwäsche. Die zuvor spröde, gar unweiblich wahrgenommene Sigourney Weaver stellt der denaturierten Erotik des Aliens plötzlich eine weibliche Zerbrechlichkeit und feminine Reize (Po und Brüste werden frontal ins Bild gerückt) entgegen, aus der sich der Wille und die Entschlossenheit emanzipieren, die Kreatur, das System, die Fremdbestimmung zu überwinden, ihre Gleichwertigkeit einzufordern. Und so erhob Alien gleich zwei Figuren zur Leinwandlegende.



Dreiunddreißig Jahre bekommen nicht jedem Film, aber die überalterten 1979er Visionen von knatternden Bordcomputern, Blinkelichtchen und der nach Weihnachtsschmuck aussehenden Unterbodenbeleuchtung des Landesschiffs der Nostromo oder den gemächlichen Spannungsaufbau ernsthaft als Kritikpunkte an einem in so vieler Hinsicht wegweisenden und zeitlosen Film anzubringen – nun ja… Die beklemmende Atmosphäre auf der Nostromo ergibt sich gerade auch aus dieser unsterilen, lärmenden low tech-Ausstattung, die ständig ihren Dienst versagt und ohne die Langsamkeit und Sorgfalt des Beginns wären die späteren Sannungsspitzen gar nicht erst möglich. Zum aus dem Sessel springen nervenzerreißend zum Beispiel die Sequenz, in der Techniker Brett das Schiff durchwandert und der Film eine bohrende Ewigkeit wartet, ehe er das Alien aus der Dunkelheit schält und es erstmals detaillierter offenbart, ohne die Bestie komplett zu entblößen. Weniger ist mehr und mehr in diesem Fall nicht noch besser, denn WENN es eine Sache gibt, bei der das Alter dem Film zu schaffen macht, dann sind es einige Aufnahmen des Aliens, dessen Auftritte zwar meist bereits durch ein Zwinkern verpasst sind, das aber in einigen etwas längeren und helleren Einstellungen zu deutlich nach einem man in a rubber suit aussieht. Da hat der acht Jahre später auf der Bildfläche des SciFi-Horrors erschienene, von seiner Körperform her mehr humanoide Predator seinem Killerkollege etwas voraus. Vom Genrethron vertreibt Alien trotzdem weder der außerirdische Jäger, noch sonst ein Nachahmer. Weder die Giger-Schöpfung Sil aus Species, Jar Jar Binks aus den Star Wars-Prequels oder sonst ein extraterrestrischer Schrecken verbreitete je wieder so ein existenzielles, vieldeutiges Grauen.

Wertung & Fazit

Action: 1/5
Spannung: 5/5
Anspruch: 4/5
Humor: 0/5
Darsteller: 4,5/5
Regie: 5/5
Fazit: 9,5/10
Berechtigter kann ein Film gar nicht als Klassiker gelten: Ridley Scotts Alien ist bis heute DIE unübersprungene Messlatte im SciFi-Horror-Genre, mit den veränderten Sehgewohnheiten von heute immer noch ein schockierendes, nervenzerfressendes und ungemein vieldeutiges Meisterwerk.

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2 Kommentare

  1. Na den halben Punkt hättest du ruhig noch drauflegen können. Einer meiner Lieblingsfilme. Ganz groß.

    Du schaust nun wohl in Vorbereitung zu Prometheus noch einmal die Alien-Reihe?

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