Classic: STIRB LANGSAM: JETZT ERST RECHT

Bruce Willis‘ Karriere war im Jahr 1995 genau da, wohin es seinen berühmtesten Charakter, den Cop John McClane, oftmals verschlagen hatte: kurz vor ihrem Ende. Mit Stirb langsam und Stirb langsam 2 zum Megastar aufgestiegen war es 1991 der kolossale Flop der wirren Gaunerkomödie Hudson Hawk, ein Wunschprojekt des Schauspielers, an dessen Drehbuch er mitgearbeitet hatte, der mächtig Dellen in Willis‘ Stern kloppte. Mit dem klischeetriefenden Actionkrimi Tödliche Nähe und seiner Schwengelshow im Basic Instinct-Trittbrettfahrer Color of Night häuften sich plötzlich statt der Millioneneinnahmen lediglich die Goldenen Himbeeren, ehe das Stehaufmännchen sich als solches erwies: verlacht und für vom Fenster gewischt erklärt comeback’te Willis ähnlich spektakulär wie Co-Star John Travolta in Quentin Tarantinos Definition des Begriffes „Kult“, Pulp Fiction. Auch Terry Gilliams SciFi-Groteske Twelve Monkeys sorgte für Aufsehen und den ganz dicken BoxOffice-Erfolg brachte die Besinnung auf alte Tugenden zurück: mit Stirb langsam: Jetzt erst recht (aka Die Hard with a Vengeance) kehrte Willis in seine Leib- und Magenrolle zurück. Kommerziell erfolgreich ja, aus gewissen Gründen aber nicht mehr ganz so überragend gut, wie die beiden Vorgänger.

Story

Sommer in der Stadt und Bomben in New York! Ein Terrorist, der sich selbst Simon nennt, sprengt ein Kaufhaus in die Luft und droht mit weiteren Anschlägen, sollte seinen Anweisungen nicht Folge geleistet werden. Doch statt Geld oder politischer Ziele hat Simon es explizit auf einen einzelnen Mann abgesehen: den Cop John McClane, mittlerweile wieder in Diensten des NYPD – oder auch nicht. Nach dem Scheitern seiner Ehe hat sich McClane dem hemmungslosen Suff ergeben und seine Marke verloren. Simons Befehle reißen den abgebrannten Helden von einst aus seiner Lethargie und ein perfides Spiel beginnt, bei dem der Terrorist alle Trümpfe in der Hand hält. Gleich seine erste Aufgabe führt McClane mit dem Ladenbesitzer Zeus Carver zusammen, der dem Cop gerade so die Haut rettet und fortan zur Teilnahme an Simons Plan gezwungen wird. Gemeinsam werden die beiden quer durch New York gehetzt, um weitere Bombenattentate zu verhindern. Als Simon jedoch die Sprengung einer Schule ankündigt scheint die Lage aussichtlos – und das eigentliche Vorhaben des vermeintlichen Privatfeldzuglers ist ohnehin ein ganz anderes…

Der Film

Einige der Paradigmenwechsel macht bereits die Inhaltsangabe deutlich: es ist nicht Weihnachten, erstmals stolpert McClane nicht über und in die Ereignisse, sondern wird als Zielscheibe einer persönlichen Vendetta als Teil davon bewusst ausgewählt. Die nie besonders autoritätsfügsame Kodderschnauze muss sich dem Willen und makaberen Humor eines zunächst gesichtslosen live or die-Terrorhasardeurs beugen und ist mit dem „Pech“ geschlagen, dass dieser ihn in der miesest möglichen Verfassung zum Tanz bittet. McClane ist fertig mit sich und der Welt, noch bevor ihm die ersten Kugeln um die Ohren schwirren, noch bevor der Feinripp sich braun von Dreck und blutrot zu verfärben beginnt. So richtig good old McClane ist das erstmal nicht mehr, so richtig mag man den zwar schnodderigen, aber prinzipien- und pflichtbewussten Cop in diesem Daueraspirinschlucker nicht wiedererkennen. Die Figur wird einigermaßen extremistisch fortgedacht und für leichte Anpassungsschwierigkeiten sorgt nicht nur der falsche Synchronsprecher (Thomas Danneberg statt des verhinderten Manfred Lehmann). Ihm mit dem ebenfalls nicht auf den Mund gefallenen Zeus einen unfreiwilligen Partner direkt an die Seite zu stellen (wo es vorher allenfalls Funkverbindungen und kleine Helferdienste von Randfiguren gab) und Stirb langsam: Jetzt erst recht Charakteristika des buddy movies beizumengen, gehört indes zu den Dingen, die sich vom Fleck weg ganz gut ins Schema integrieren.



Zumal Samuel L. Jackson und sein Zeus dem Haudegen McClane nicht sein Kerngeschäft streitig machen, nämlich die Drecksarbeit. Stirb langsam: Jetzt erst recht legt sehr viel direkter als die Vorgänger sofort los, prescht mitten ins Geschehen vor, Aufgabe folgt Aufgabe und erste ordentlich krachende Actionwummsen werden von der Leine gelassen (U-Bahn-Crash) und als Willis ob der Unwahrscheinlichkeit seines Überlebens seinen trademark’igen irren Lachanfall auspackt ist auch McClane wieder da. Sobald sich jedoch zur Sezessionskrieg-Hymne ♫When Johnny Comes Marching Home♫ die wahren Absichten der Terroristen aus dem vengeance scheme herausschälen wird alsbald klar, dass der ganze Plot für einen Stirb langsam-Film eigentlich relativ ungeeignet und widersinnig ist. Erstmals in der Reihe nicht auf einer Romanvorlage basierend war Jonathan Hensleighs spec script (also ein unbeauftragtes Drehbuch auf Verdacht) ursprünglich als möglicher Lethal Weapon 4 gehandelt worden, wohingegen für Stirb langsam 3 ein gekapertes Karibikkreuzfahrtschiff als Handlungsort in Betracht gezogen wurde, woraus später stattdessen Speed 2 – Cruise Control gebar und man sich für McClanes dritten Einsatz gegen eine weitere Kopie und für einen Aufbruch des bisherigen Konzeptes entschied. Der Bulle aus New Yersey hat erstmals ein Heimspiel, Spielwiese ist nicht ein einziger, abgegrenzter Ort, sondern ganz New York, der Faktor Zeit spielt eine wichtigere Rolle als das Maß Raum – alles soweit okay und eine gelungene Kombination aus geographischer Weitläufigkeit und den verrinnenden Minuten als Ersatz für klaustrophobische Enge. ABER: sobald sich der persönliche Feldzug gegen McClane als penibel geplantes Ablenkungsmanöver offenbart wird’s haarig in der Suppe.

Ohne Simons Bombenspielchen hätte der abgehalfterte und vom Dienst freigestellte McClane seinen Tag mit der Pulle am Hals verbracht und hätte so vor sich hin oxidiert, vom Bombenterror in NY bestenfalls im Fernsehen erfahren, in seinem kopfschmerzbelasteten Zustand aber wohl kaum ins Geschehen eingegriffen. Stattdessen aber wird McClane von Simons Rätseln und Kinderspielchen und den zugehörigen Szenarien bei der Ehre und den Eiern gepackt und damit überhaupt erst in die Situation gehievt, mal wieder mit aller Beharrlichkeit gegen den Terror anzutreten, Simon züchtet sich das unberechenbarste und widerstandsfähigste aller Risiken bei der Umsetzung seines Masterplans also selbst heran, päppelt McClane wie ein angeschlagenes Küken auf und hat es schließlich mit einem Raubvogel zu tun. Und DAS unterläuft das Stirb langsam-Muster dann doch radikal, wo doch McClane sonst die unerwünscht heiß lodernde Flamme unter dem Kochtopf des Terrorimus und sein unbrechbares Durchhaltevermögen der ständige Biss in den Arsch der bad guys ist und nicht deren Wöllknäuel. Mehrere Gelegenheiten, McClane auszuschalten und seinen Plan nicht weiter zu gefährden, lässt Simon ungenutzt verstreichen, ehe sein Rachemotiv zuletzt ohnehin relativ platt weggehandelt wird und das eigentlich zugedachte Ende McClanes denkbar stumpf und unpersönlich ausgefallen wäre, wäre es dazu gekommen (SPOILER: irgendein gesichtsloser Sniper hätte Bruderkiller McClane im Yankees-Stadion umgeknallt? DAS wäre die Vergeltung gewesen?!?)



Das macht aus dem Film in einer Zeit, in der zunehmend CGI und die Hochglanzästethik gepaart mit Millitärpropaganda und Debilhumor eines Michael Bay Einzug im Genre hielten, immer noch einen weit über Durchschnitt anzusiedelnden Actioner, dem nicht komplett die Stirb langsam-Identität abhanden kommt, dem aber dieses gewisse Feeling etwas verloren geht, der ein paar der prägnantesten Alleinstellungsmerkmale der Reihe zu weit von ihrem Kern wegvariiert, beziehungsweise sie zu hart in ein Gegenteil verkehrt. Stirb langsam: Jetzt erst recht vertauscht Spannung und Rasanz mit, teils kopfloser, Hast und Hektik. Die Rätselelemente sind zwar ein frisches neues Element, generieren die Aufregung aus brutalem Zeitdruck und drohender explosiver Konsequenz, rauben dem Film aber auch viel von der Moments- und Strömungsunabhängigkeit der Vorgänger: die sind Actionklassiker, die immer und vor allem immer wieder gehen, wohingegen Teil Drei sich seines Wiedersehwerts beschneidet, da das Rumgerate ein Mal und mit viel Abstand dazwischen auch noch ein zweites Mal funktioniert, diese Mechanik den Film aber hemmt, sobald man die Lösungen der Aufgaben kennt. Dann wird das Gezeter um Männer, die im Morgengrauen nach St. Ives gehen, und die Füllmenge von Gallonenkanistern eben zu nichts anderem als das: Gezeter. Auch schaltet Stirb langsam: Jetzt erst recht im letzten Drittel ein paar Parallelschauplätze zu viel nebeneinander, einige Enthüllungen geraten weit weniger dramatisch als gewünscht, da die Lücke zwischen Wissensvorsprung des Zuschauers und Ahnungslosigkeit der aufgescheuchten Polizei einfach zu breit auseinanderklafft.

Das Trilogiegesetz hält (auch wenn Stirb langsam demnächst zum Quintett anwächst): dritte Teile flachen meist am deutlichsten ab. Stirb langsam: Jetzt erst recht ist immer noch ein oftmals erstklassiger Actioner, den Glanztaten seiner Vorgänger eifert er aber letztlich vergebens nach. Das nicht zuerst deswegen, weil das Konzept aufgebläht und umgeändert wird, sondern weil von diesen Änderungen Einzelteil für Einzelteil betrachtet nur einige auf die vollen einhundert Prozent kommen und die Reihe um begünstigende Aspekte ergänzen, andere aber zu heftig an ihren wichtigsten Organen herumreißen. Willis bekommt McClane im Laufe des Films wieder auf Betriebstemperatur, die Verweise und Bezugspunkte zum ersten Teil (der zweite wird komplett ignoriert) sind zahlreich, mal versteckt, mal offensichtlich, mal entscheidender Teil der Handlung, mal easter egg. Dennoch verliert Stirb langsam: Jetzt erst recht gerade das interne Kräftemessen mit dem Original, Jeremy Irons bleibt blasser als Alan Rickman und wo der schmierig grinsend noch selbst die Hirnmasse einiger Geiseln über den Fußboden verteilte und William Sadler im zweiten Teil mit sardonischer Befehlsgewalt ein voll besetztes Flugzeug zum Absturz zwang beschränkt sich Irons auf… Kinderreime. Für ihn müssen sich Sängerin Sam Phillips und Nicholas Wyman als fiese Ostblockkarikaturen die Hände dreckig machen. Und der drangeklatschte Showdown darf sich leider zu einem echten Lowlight der Reihe zählen, dem es in der deutschen Synchronfassung sogar am berühmten »Yippee-ki-yay, Motherfucker« fehlt.

Wertung & Fazit

Action: 4,5/5
Spannung: 3/5
Anspruch: 0,5/5
Humor: 1,5/5
Darsteller: 4/5
Regie: 3,5/5
Fazit: 7,5/10
Das ist „Scheitern“ auf hohem Niveau: immer noch einer der besseren Actionfilme der 1990er, nur gemessen an den überragenden Vorgängern wird’s aufgrund einiger weniger geschickter Änderungen am bekannten Konzept eng.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Liken/Teilen

5 Kommentare

  1. Ich weiß nur, dass ich dem zweiten Teil der Reihe am wenigsten abgewinnen kann. Teil 1 ist unangefochten ein Klassiker und einer der besten Filme des Actiongenres. Teil 2 davon bloß ein lahmer Aufguss. Dieser Film gewinnt mit Samuel L. Jackson einen wunderbaren fast ebenbürtigen Sidekick. Die Wortgefechte zwischen Zeus und McClane sind einfach immer wieder toll anzusehen. Schade nur, dass der Bösewicht einfach zu lahm ist.
    Insgesamt aber nach dem ersten Teil meiner Meinung nach der beste der Reihe.

  2. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich damals bei der Erstsichtung etwas irritiert war bzw. leicht überfordert, mit McClane jetzt als Buddy Cop auf Schnitzeljagd zu gehen. Auch wenn ich bei Teil 2 ja kommentierte, dass man das Szenario aufdröseln sollte, im Endeffekt kämpft er hier ja doch “wieder nur” gegen Terroristen. Für mich zieht sich der Film ungemein, speziell der “Bombe in der Schule”-Subplot ist zäh wie Kaugummi, auch wenn ich McClanes Vorgesetzten und die Kollegen eigentlich ganz gern mochte.

    Eines meiner absoluten Lieblingszitate – sogar in der Synchronfassung – ist dafür aber, wenn McClane erfährt, wer Simon Gruber ist. Simon Gruber ist Hans Grubers Bruder – grandios betont und irgendwie auch charmant, dass McClane da nicht von selbst drauf gekommen ist. 🙂

    1. Aus dem Gedächtnis stand der bei mir sogar bei 8,5. Die konnte er aber nicht halten, im Gegensatz zu den Vorgängern, die ihre Wertungen gestern und vorgestern bestätigt haben 😉

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code