DIE TOTALE ERINNERUNG – TOTAL RECALL: Kritik zu Paul Verhoevens SciFi-Actioner mit Arnold Schwarzenegger

Story

Das Jahr 2084. Der Bauarbeiter Douglas Quaid träumt seit einiger Zeit Nacht für Nacht vom Mars und einer geheimnisvollen Frau. Seine Gattin Lori ist wenig begeistert und auch nicht wirklich willens, eine Reise zum roten Planeten anzutreten, während in Quaid das Gefühl immer stärker wird, mehr aus seinem durchschnittlichen Leben machen zu wollen. Die Firma REKALL Inc. scheint eine Alternative zu bieten: statt den Mars oder sonst einen Ort tatsächlich zu bereisen wird dem Kunden die Implantation künstlicher Erinnerungen angeboten, vom Gehirn nicht von wirklich erlebter Realität zu unterscheiden und daher vollkommen emotionsecht. Gegen den Rat seines Arbeitskollegen Harry beschließt Quaid, den Eingriff durchführen zu lassen und entscheidet sich statt einer normalen Reiseerinnerung für das Ego-Trip-Paket, das ihn zusätzlich zum Geheimagenten macht – mit unerwarteten und verheerenden Folgen. Noch bevor die eigentlichen Erinnerungen eingepflanzt werden reagiert Quaid auf die Hirnstimulation und behauptet, tatsächlich ein Agent zu sein. Von den REKALL-Mitarbeitern gerade so unter Kontrolle gebracht wird ihm die Erinnerung an seinen Besuch geraubt und Quaid erwacht auf dem Weg nach Hause. Doch dort heftet sich plötzlich ein ganzes Rudel von Killern an seine Fersen und Quaid erhält Hinweise, dass er nicht ist, wer er immer zu sein glaubte. Doch was ist Traum, Einbildung, und was Realität? Die Antworten auf seine Fragen sind nur auf dem Mars zu finden…

Die Filmkritik

Wie in einem Traum dürfte sich auch der Steirer Arnold Schwarzenegger an diversen Punkten seiner Karriere gefühlt haben. Vom streng erzogenen Gendarmensohn zum fünffachen Mr. Universum und prägenden Figur des Bodybuildingsports zu einem der höchst bezahlten Schauspieler in der Geschichte Hollywoods zum 38. Gouverneur von Kalifornien und nach seinem 65. Geburtstag noch mal eine Station wieder zurück. Das liest sich auch nicht weniger nach falscher Erinnerung, als ein implantiertes Agentenabenteuer auf dem Mars mitsamt außeriridisch-fantastischem Einschlag, wie Big Arnie es anno 1990 in Paul Verhoevens zweitem US-Film Total Recall erlebte. Wie zwei von drei SciFi-Produktionen basiert auch diese auf einer Geschichte Philip K. Dicks, in diesem Fall auf We Can Remember It For You Wholesale, und wie ebenfalls nicht unüblich bleiben von den philosophischen Gedankenspielen des Autoren nur die gröbsten Grundzüge übrig, die aber (und darin liegt ja eine Stärke der Dick’schen Literatur) selbst in dieser gestutzten und umgedeuteten Ausarbeitung noch dafür sorgen, dass Total Recall nicht an eher minderbemittelten Schwarzenegger-Vehikeln wie Raw Deal oder Commando hängen bleibt, sondern sich neben den Cameron-Kollaborationen Terminator I & II, sowie Conan und Predator zu DEN herausragenden Filmen mit dem Muskelmann zählen lässt.

Im Interview spricht Regisseur Verhoeven ganz offen darüber (warum auch das Offensichtliche verschweigen?), dass ein „ernster“ Film mit dem Nicht-Schauspieler Schwarzenegger im Falle von Total Recall nie möglich gewesen wäre. Dennoch und außerdem trotz dessen, dass der Niederländer nicht nur den mimisch begrenzten und ganz auf sein unvergleichliches Charisma beschränkten Österreicher, sondern auch den einundvierzigsten (!) Scriptentwurf vorgesetzt bekam, wirkt Total Recall nie wie ein Film der falschen Kompromisse. Das ursprüngliche Drehbuch der Alien-Autoren Dan O’Bannon und Ronald Shusett wanderte von Anfang bis in die späten 1980er durch die development hell, mit Akteuren wie Richard Dreyfuss und Patrick Swayze, also more regular guys, im Gespräch für die Hauptrolle und mit einem für zwölf Monate involvierten David Cronenberg auf dem Regiestuhl, womit der Film jeweils näher an der Vorlage Philip K. Dicks geblieben wäre. Mit Schwarzeneggers Partizipation bekam das Projekt neuen Schwung und einen anderen Turn, der einfache Büroangestellte und Pantoffelheld Douglas Quail wurde zum muskelbepackten Bauarbeiter Doug Quaid, nebenbei eine der gelungeneren „Erklärungen“ für Arnies im Vergleich zu jedem anderen am Set überproportionalen Körperbau. Das Schwarzenegger-Vehikel an sich war zu dieser Zeit längst in den Köpfen des Publikums verankert und Verhoeven gelingt ein selten erlebter Naturalismus im Einsatz der überlebensgroßen Ikone, gestützt durch das über den Actionstar transportierte und gleichzeitig von seiner Gegenständlichkeit losgelöste Spiel mit Realitäts- und Traumebenen.

Der Wandel vom abenteuersehnsüchtigen Arbeiter, der überfordert in ein tödliches Agentenszenario stolpert und schließlich Oneliner raushauend durch Gegnermengen ballert und bohrt erlaubt eine schritthafte und plausible Heldenentwicklung, bei der einige Schwarzenegger-Trademarks nicht fehlen dürfen, wie das typische Mundwinkel-runter-Augen-zusammenkneifen-und-alle-ummähen-ohne-selbst-auch-nur-einen-Kratzer-zu-kassieren. Vor allem begünstigt dies aber die bis zum Schluss ungeklärte Suche danach, was Realität und was Traum, implantierte Erinnerung ist. Immer wieder wird beides für eine Möglichkeit gehalten oder in Frage gestellt und Total Recall spielt in seinen parallaktischen Hinweisen, den verborgenen wie den ausgesprochenen, so geschickt mit der Hauptfigur wie mit dem Publikum. Träumt Quaid zu Anfang eine Erinnerung? Geht er überhaupt zu REKALL oder ist auch dies und die gesamte Handlung bloß ein tiefer Traum nach einem harten Arbeitstag, in dem Quaids Unterbewusstsein die Eindrücke seiner Marssehnsucht und die tagesaktuellen Nachrichten verarbeitet? Ist seine Reaktion bei REKALL Teil des Programms? Oder sitzt Quaid tatsächlich mit einer schizophrenen Embolie in den Windungen seines Gehirns fest? Der Film hintet in alle Richtungen und die Struktur der Hinweise lässt die Gewissheit, dass die Macher keine finale Antwort geben wollen ebenso zu wie die Ahnung, dass sie sie selbst nicht geben können. Aber zwanzig Jahre nach Total Recall wies Christopher Nolans Inception nochmals alle darauf hin: es ist egal, ob der Kreisel fällt…

Den Raum zu füllen, den Total Recall für Spekulationen und Interpretationen öffnet, überlässt er dem Zuschauer, der dies auch einfach sein lassen kann, da der Film als reines Actionspektakel genauso funktioniert. Psychologische Vertiefung bleibt aus, obwohl den Fragen um Realität und Traum mit einem Twist gen Schluss noch eine Ebene um Entscheidung und Bestimmung zugeordnet wird. Dennoch fehlen hier natürlich die Szenen, in denen ein Schauspieler um seinen Verstand ringt, möglicherweise (verrückte Idee) sogar mal ohne Knarre in der Hand. Obwohl Schwarzenegger eine durchaus beachtliche Performance liefert, wie erwähnt kontextuellen Sinn macht und längst keine so eindimensionale Tötungsmaschine gibt, wie man sie oft von ihm gesehen hat, sind seine mimischen Grenzen eben schnell ausgelotet. Dennoch besitzt Total Recall einen IQ im zumindest messbaren Bereich, auch wenn der Film spätestens ab Ankunft auf dem Mars etwas zu sehr auf Dauerballereien und –verfolgungsjagden setzt, die man ihres marsianischen Rotstichs und des formidablen Mutanten-MakeUps beraubt so auch ziemlich wahllos in den Running Man oder Red Heat implementieren könnte. Die Ballerei im Freudenhaus Last Resort beispielsweise, in der sich missgestaltete Nutten einen ShootOut mit Quaids Verfolgern liefern, lässt in ihrem ausartenden Vortrag jede Kopplung an die Story vermissen und gerät extrem Selbstzweckhaft und auf Pose getrimmt.

Im Jahr zwischen James Camerons Tricktechnikquantensprüngen The Abyss (1989) und Terminator 2 (1991) erschienen wirkt Total Recall in diesem Bereich noch mehr wie ein Relikt. Aber keines, das in Vergessenheit zu geraten droht. Die Special Effects- und Maskenarbeit von Eric Brevig und Rob Bottin hat nichts an Reiz und Qualität verloren, Matte Paintings und Miniaturen ergänzen sich perfekt mit praktischen Sets und auch die Integration der Schauspieler ist in einem höchst möglichen Maße übergangslos, das MakeUp der marsianischen Mutantenriege so fremdartig wie faszinierend, vom entstellten kleinen Mädchen über die berühmte dreitittige Nutte bis zum Rebellenanführer Kuato, der den Widerstand gegen den Gouverneur und Sauerstoffoligarchen Cohaagen anführt. Die auf dem Mars errichteten Wohn- und Wirtschaftsstrukturen, die unterirdischen und aus Felsformationen herausgearbeiteten Anlagen, die Verbindungszüge und Bohrfahrzeuge und die Kuppelanlagen – alles wirkt homogen, durchdacht und benutzt, und ist sogar für einen Anflug von Selektions- und Monopolismuskritik gut. Wenig zimperlich: die brutalen Actionszenen, in denen Kopfschüsse en masse verteilt, Gliedmaßen abgetrennt und Kollateralschäden nicht vermieden werden. Nichts, was das jahrezehntelange Dahinvegetieren des Films auf der Liste der jugendgefährdenden Medien unbedingt rechtfertig, wohl aber seine mittlerweile vergebene 18er-Freigabe.

Total Recall beschneidet sich phasenweise unnötig heftig um eine etwas tiefere Ausdeutung (nicht unbedingt ausführlichere Erklärung) seiner spannenden Storyansätze und setzt zu sehr auf den Ereignisfaktor Schwarzenegger und das charakteristische Boom-Peng-Punch, was auch deshalb etwas overblown erscheint, weil der Actionrecke sich wirklich um ein paar Nuancen mehr bemüht und bisweilen sogar überzeugend rüberbringt. Da hätte Paul Verhoeven vielleicht doch Gelegeneheit gehabt, ein wenig mehr aus dem Schauspieler zu kitzeln und weniger die Ikonographie Schwarzenegger zu bedienen. Ansonsten inszeniert der eigenwillige Niederländer aber mit der gewohnten Finesse und viel visuellem Einfalls- und Detailreichtum (die sich umfärbenden Fingernägel oder die tatsächlich der Zukunft vorausgreifenden wandfüllenden Fernseher und Nacktscanner seien als einige wenige Beispiele genannt), mit satirischen und ironischen Einschlägen und der Intelligenz des Stoffes zumindest im Interpretationsspielraum gerecht werdend. Neben der steirischen Eiche gibt’s mit der verschlagenen Sharon „it’s gettin hot in here“ Stone und der spröden Rachel Ticotin gleich zwei Frauenfiguren, die sich Schwarzenegges Manneskraft als gewachsen erweisen. Als Quaids schärfster Verfolger Richter wird Michael Ironside ein paar Mal zu oft düpiert (ein Hinweis auf Traum/Realiät?), um über sein sadistisches Gebaren hinaus eine Bedrohung aufzubauen, dafür treibt ihn ein äußerst nachvollziehbar-rationales Motiv an. Ronny Cox indes bleibt als Befehle bellender und auf Autorität beharrender Vilos Cohaagen ziemlich blass, zu wenig hassenswert.

Wertung & Fazit

Action: 4.5/5

Spannung: 3/5

Anspruch: 2/5

Humor: 1.5/5

Darsteller: 4/5

Regie: 4.5/5

Film: 8/10

Nicht so visionär, wie DIE Philip K. Dick-Adaption, Ridley Scotts Blade Runner, dennoch eine der besten vom SciFi-Papst inspirierten Arbeiten und eines der erlebenswertesten Schwarzenegger-Vehikel zugleich.

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