Stars im Portrait: CLINT EASTWOOD

Portrait

Manche Schauspieler sind vor der Kamera, man könnte meinem ihrem Beruf entsprechend, immer jemand anderes. Vielseitige Stars wie Johnny Depp, Kevin Spacey oder Robert De Niro verändern sich durch Frisuren, Outfits, aber und nicht zuletzt auch durch die Möglichkeiten, die ihnen durch ihre mimischen Fähigkeiten geboten werden. Dann gibt es Schauspieler, die voll und ganz in eine einzige, unverwechselbare Leinwandidentität hineinwachsen. Mit seinen Auftritten als wortkarger Cowboy und das Faustrecht praktizierenden Cops hat Clint Eastwood dies in beispiellos prägender Form getan, kaum einer verkörpert so konsequent und glaubwürdig das Image des unnachgiebig-harten Kerls, hat damit Erfolge gefeiert und Rückschläge verkraftet und ist letztlich, vor allem mit dem Wechsel hinter die Kamera, weit darüber hinausgewachsen, wurde zu einer Legende des Kinos und dem großen weisen Mann Hollywoods.



»You see, in this world there’s two kinds of people, my friend: Those with loaded guns and those who dig. You dig.« (Der Blonde, Il buono, il brutto, il cattivo)
Auch Clinton Eastwood Jr., Sohn eines Buchhalters und einer Fabrikarbeiterin, gehörte in seiner Jugend und ersten Erwachsenenjahren eher zu denen, die zu graben hatten. Die große Depression hatte die USA heimgesucht, so dass Clinton Eastwood Sr. nur schwerlich regelmäßig Arbeit fand, die Familie zu zahlreichen Umzügen gezwungen war und der Vater sich unter anderem als Tankwart und Stahlarbeiter quer über die Westküste Amerikas verdingte. Clint Eastwood wurde zum schüchternen Einzelgänger, der während seiner Schulzeit in Piedmont, Kalifornien, noch keinerlei Schauspielinteressen hegte, sondern Automechanikerkurse belegte und sein musikalisches Talent am Piano bewies und schulte. Wenngleich großgewachsen und athletisch mied Eastwood angesagte Gruppensportarten wie Basketball und spielte lieber Tennis und Golf.
Nach seinem Wechsel an die Oakland Technical High School ermutigte ein Lehrer ihn zur Teilnahme an Schultheateraufführungen, doch der einzig an »fast cars and easy girls« interessierte Eastwood lehnte ab. Nach seinem Abschluss 1948 zog er nach Seattle, arbeitete wie der Vater als Tankwart und nach Erhalt eines Zertifikats des Roten Kreuz für kurze Zeit als Rettungsschwimmer. Während seines Studiums an der Seattle University wurde Eastwood 1950 in die Armee eingezogen und war in Ford Ord als Schwimmlehrer tätig. Nach Beendigung seines zweijährigen Dienstes zog er nach Los Angeles und jobbte als Poolreiniger, schrieb sich am Los Angeles City College ein und heiratete, im Dezember 1953, Maggie Johnson.
Mitte der 1950er schließlich, nachdem in Ford Ord ein Mann namens Chuck Hill Überzeugungsarbeit geleitet hatte, absolvierte Eastwood Testaufnahmen bei Universal Pictures, wurde aufgrund seiner schmucken Erscheinung mit einem Halbjahresvertrag und Schauspielunterricht ausgestattet und bekam Nebenrollen in B-Horrormovies wie Revenge of the Creature und dem Riesenspinnenklassiker Tarantula (beide 1955), in dem er als Kampfpilot auf den Achtbeiner feuert. Zum großen Durchbruch langte es damit natürlich längst noch nicht und nachdem Universal Eastwoods Vertrag 1957 nicht verlängerte, seine Frau schwer erkrankte und sich die Filmgesellschaft RKO Pictures kurz nach Vertragsschließung aus der Branche zurück zog, sah es eine Zeit lang alles andere als rosig aus.
Aber mit dem Western kam die Wende. Eastwood ergatterte ein Engagement bei der CBS-Serie Rawhide (1959 – 1964) und spielte in insgesamt 217 Folgen den Cowboy Rowdy Yates. Doch es sollte eine ganz andere Art des amerikanischen Ur-Genres und ein ganz neuer Typ des Revolverhelden sein, die schließlich den Weltruhm mit sich brachten.



»Get out of the way, Hammerhead.« (Harry Callahan, Dirty Harry)
Clint Eastwood bekam ein Angebot für die Hauptrolle in einem Film namens Per un pugno di dollari (Für eine Handvoll Dollar, 1964) von einem damals recht unbekannten italienischen Regisseurs namens Sergio Leone. Mit einem schmalen Budget von gerade einmal 15.000 Dollar sollte der Film in der spanischen Provinz entstehen und Eastwood sah darin die Gelegenheit, sowohl Rawhide, als auch generell den Staaten zu entkommen. Leones Story über einen einsamen Reiter, der zwei rivalisierende Banden gegeneinander ausspielt, wurde zum Begründer des Italo-Westerns und zu einem weltweiten Erfolg, den der indirekte Nachfolger Per qualche dollaro in più (Für ein paar Dollar mehr, 1965) noch toppte. Zum absoluten Meisterwerk wurde dann 1966 der enorm aufwendige Il buono, il brutto, il cattivo (Zwei glorreiche Halunken). Nicht nur, dass der Film allein in den USA sensationelle 25 Millionen einspielte, er ist auch einer der unbestreitbaren Höhepunkte der Kinogeschichte, wird zum Beispiel vom Regieverrückten Quentin Tarantino als All Time Favorite genannt und Eastwoods Darstellung des wortkargen, zynischen Gunslingers fernab jeder moralischen Grenze wurde endgültig zur Ikone der Westernkultur.
Nach seinen Triumpfen in Europa kehrte Eastwood nach Hollywood zurück, nun als wohl gefragtester Star seiner Zeit. Er spielte in der Kreuzung aus US- und Italo-Western Hängt ihn höher, Don Siegels Coogan’s Bluff, dem Kriegsfilm Where Eagles Dare (alle 1968) und als singender Siedler im Western-Musical Paint your Wagon (1969). In Ein Fressen für die Geier beschütze Eastwood als Söldner eine geschwätzige, als Nonne verkleidete Prostituierte, bei der Kurzfilmdokumentation The Beguiled (beide 1970) und dem Psychothriller Sadistico (1971) führte Eastwood erstmals Regie, wurde für letzteren jedoch für seine mangelnden schauspielerischen Fähigkeiten kritisiert. Siegel verhalf ihm anschließend zu einer weiteren ikonographischen Figur: in Dirty Harry (1971) spielte Eastwood den knallharten Cop Harry Callahan, der das loose-cannon cop-Genre erfand und seiner Methoden wegen durchaus kritisch betrachtet und kontrovers diskutiert wurde.

»I’m just a fella now. I ain’t no different than anyone else no more.« (Bill Munny, Erbarmungslos)
Ob in Ein Fremder ohne Namen, Dirty Harry 2 (beide 1973), Im Auftrag des Drachen, Der Texaner (beide 1975), Dirty Harry 3 (1976) oder Der Mann, der niemals aufgibt (1977) – Clint Eastwood führte als Schauspieler und sich selbst inszenierender Regisseur seinen Mythos fort, ohne am auf die Leinwände gebrannten Bild des harten Mannes und seiner teils brutalen Methoden zu rütteln. So vielen Nachahmern und Respektzollern er mittlerweile als Vorbild diente, so sehr war Eastwood selbst zur Routine geworden. Daran änderten auch Siegels Flucht von Alcatraz (1979) und der Versuch, sein Macho-Image durch Humor aufzubrechen, Bronco Billy (1980), recht wenig. Durchweg überzeugend blieben hingegen Eastwoods Einspielergebnisse, nach Mit Vollgas durch San Fernando (1980) und dem Spionageactionthriller Firefox (1981) erwies sich ausgerechnet der nostalgisch-berührende Honkytonk Man (1982) als Flop, in dem Eastwood neben seinem ältesten Sohn Kyle einen Countrymusiker und ganz untypischen Charakter spielt. Dirty Harry kommt zurück (1983), Der Wolf hetzt die Meute, die Actionkomödie City Heat (beide 1984) nebst Burt Reynolds und der Western Pale Rider (1985) kehrten zum bekannten Schema zurück, ohne an die Klasse ihrer selbst geschaffenen Vorbilder anknüpfen zu können. In Heartbreak Ridge (1986) gab Eastwood einen vorschriftswidrig handelnden Gunnery Sergeant, in Das Todespiel zum letzten Mal Harry Callahan, in Pink Cadillac (1989) einen alternden Kopfgeld- und in Weißer Jäger, schwarzes Herz (1990) einen Großwildjäger. Die letzten beiden, sowie die Actionkomödie Rookie (1990) liefen nun auch kommerziell ins Leere und Eastwood sah die Zeit gekommen, nun endlich Abstand von seinem Image zu gewinnen.



»This kind of certainty comes but once in a lifetime.« (Robert Kincaid, Die Brücken am Fluss)
Aus dieser Gewissheit sollte nun Clint Eastwoods bis heute anhaltende künstlerisch stärkste Phase hervorgehen. Mit dem ultimativen Spät-Western Erbarmungslos (1992) brach er auf bitter-ironische Art mit den Klischees seiner Gunslinger-Antihelden, der Film wurde mit vier Oscars ausgezeichnet, von denen Eastwood zwei (für Regie und Film) erhielt und erstmals als Darsteller für die Trophäe nominiert wurde. In Wolfgang Petersens Thriller In the Line of Fire war er anschließend letztmals unter fremder Regie vor der Kamera zu sehen, ehe er Kevin Costner durch das Kidnapper-Roadmovie Perfect World (beide 1993) schickte und gemeinsam mit Meryl Streep in Die Brücken am Fluss (1995) eine völlig neue, romantische Seite zeigte. Es folgten der Polit-Thriller Absolute Power, die starbesetze Literaturverfilmung Mitternacht im Garten von Gut und Böse (beide 1997), unter anderem mit John Cusack, Kevin Spacey, Jude Law und Alison Eastwood, das Todesstrafendrama Ein wahres Verbrechen (1999) und der Auftritt der NASA-Rentner in Space Cowboys (2000), sowie der Thriller Blood Work (2002)

»Well, you’ve got me.« (Frankie Dunn, Million Dollar Baby)
Mit dem sechsfach Oscar-nominierten und für Sean Penns und Tim Robbins schauspielerische Leistungen ausgezeichneten Mystic River (2003) legte Eastwood ein weiteres vielgelobtes Meisterwerk nach, dessen Kritiker-, Award- und Publikumserfolg er mit dem Box-Drama Million Dollar Baby (2004) noch überbot. Zum zweiten Mal erhielt Eastwood den Oscar für die beste Regie und den besten Film, ebenso wurden seine Darsteller Hilary Swank und Morgan Freeman ausgezeichnet. Auch das Weltkriegsdoppel Flags of our Fathers und Letters from Iwo Jima (2006), in dem auf einzigartige Weise die Schlacht um Iwojima aus der Sicht der Amerikaner und Japaner gezeigt wird, zogen allerlei Award-Ehren nach sich und Eastwoods konzentriert-präzise Arbeiten hatten ihm nun endgültig den Ruf als meisterhafter Regisseur eingebracht. Diesen bestätigte er mit dem ruhig-intensiven Drama Der fremde Sohn, in dem Angelina Jolie um ihr verschwundenes Kind kämpft, und dem ultimativen Abgesang und der letzten großen Abrechnung mit dem frühen Selbst, Gran Torino (beide 2008).



»Ever notice how you come across somebody once in a while you shouldn’t have fucked with? That’s me.« (Walt Kowalski, Gran Torino)
Das nimmt man Clint Eastwood, dem Archetypen des “somebody you shouldn’t have fucked with”, natürlich sofort ab, kneift alles, was einem vor seinem Angesicht noch an Männlichkeit bleibt, zusammen und sucht das Weite. Aber natürlich sollte man nicht weiter, als bis zum nächstgelegen (Kino)Sessel flüchten, um den kommenden Eastwood nicht zu verpassen, denn der große alte Mann hat zu einer solchen Ruhe und Reife gefunden, dass seine Filme auch ohne rasante Schnittgewitter, ausgefallene Montagen und aufgeblähte Actionszenen zu Ereignissen und den stillen Höhepunkten eines jeden Kinojahres werden. Eastwoods Stil ist auf das Wesentlichste am Filmemachen reduziert, das mag ihn nicht zum besten Schauspieler aller Zeiten gemacht haben, aber in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem der erlebenswertesten Geschichtenerzähler. Beim Rhythmus, bei der Kunst des Zeigens und des Auslassens macht ihm niemand mehr etwas vor, das zeigt er auch beim Mandela/Rugby-Drama Invictus (2009) mit Morgan Freeman und Matt Damon und mit Sicherheit auch im Jahr 2010 beim übernatürlichen Thriller Hereafter.
Ladys and Gentleman, Mr Clint Eastwood. He makes our day.

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2 Kommentare

  1. Sehr schöne Zusammenfassung einer Ausnahmekarriere und wahren Legende Hollywoods!

    Clint Eastwood ist und bleibt ein Phänomen, und es ist unfassbar, wieviel Energie er in seinem doch fortgeschrittenen Alter aufbringen kann und uns immer wieder mit hochwertigen Filmen beglückt!

    Happy birthday, Clint!

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