CLOVERFIELD: Kritik zu Matt Reeves’ Found Footage-Monsterfilm mit flüchtenden Leuten

Die Story

Twentysomething Rob steht kurz vor der Abreise von New York nach Japan, um dort seinen neuen Job anzutreten. Organisiert von seinem Bruder Jason und dessen Freundin Lily schmeißen seine Kumpels eine Überraschungsparty in seiner Wohnung. Der Clou: Jason soll den Abend mit einer Videokamera dokumentieren, um Rob ein cooles Abschiedsgeschenk zu bereiten. Der gibt die Verantwortung aber lieber an Robs besten Freund Hud weiter, der sich eher tapsig als fachmännisch unter’s Feiervolk mischt, um Statements und Aufwiedersehensgrüße zu sammeln. Dabei kommt ihm jedoch mehr als erwartet vor’s Objektiv, als Robs hübsche Jugendfreundin Beth erscheint, mit der dieser vor kurzem einen One-Night-Stand hatte. Ihre Beziehung ist seitdem merklich abgekühlt und als Beth nun auch noch mit einem anderen Typen auftaucht gehen die beiden schließlich im Streit auseinander. Doch als Rob sich gerade bei seinen Freunden auskotzt erschüttert plötzlich ein gewaltiges Beben das Gebäude und innerhalb kürzester Zeit bricht in Manhattan das totale Chaos aus: der Kopf der Freiheitsstatue schlägt wie ein Geschoss vor Robs Haus ein, nicht weit entfernt fällt ein Wolkenkratzer in sich zusammen, Schreie und blanke Panik erfassen die Stadt. Kurz darauf erhascht Hud durch die Kamera einen kurzen Blick auf eine gigantische Kreatur, die eine Schneise der Zerstörung durch New York schlägt…

Die Filmkritik

Wenige Monate vor Kinostart ein Teaser Trailer aus dem nichts mit einer neugierig machenden, schockierenden Catch Scene, ein nicht minder effektives Postermotiv, virale Tricks und Teases und ansonsten strikte Informationssperre – und angefacht war eines der größten Hypephänomene der Kinogeschichte, der von J.J. Abrams’ produzierte „Cloverfield“. Der etablierte den serienerfahrenen New Yorker, der kurz zuvor mit dem dritten „Mission: Impissible“ seine erste Big Budget-Blockbuster-Regiearbeit abgeliefert hatte, endgültig als Marketing-Genie, dem es im vergangenen Jahr mit „Star Wars: The Force Awakens“ sogar gelang, eines der größten „all eyes on“…-Projekte überhaupt weitestgehend geheim zu halten und kaum Details und Plotelemente vorab zu spoilern. Niemand stellt sich dermaßen geschickt und kompetent wie Abrams im Schüren von Erwartungen und im Nutzen der Möglichkeiten viralen Marketings an. Nur ist das bloß alles fauler Zauber, wenn der Film, der dabei herauskommt, am Ende nicht abliefert.
Der Kopf der Freiheitsstatue in CLOVERFIELD
Was das angeht, um eine Plattitüde zu bemühen, scheiden sich im Falle „Cloverfield“ die Geister. Schon das Found Footage-Gimmick mit der strikt durchgezogenen first-person narrative, bei der man akzeptieren muss, dass da eine im Film handelnde Person oft gegen jede Logik und Vernunft permanent mit Kamera rumläuft, ist nichts für jeden. Revolutioniert von Ruggero Deodatos Exploiter „Cannibal Holocaust“ (1980), in der belgischen Serienkiller-Mockumentary „C’est arrivé près de chez vous“ (1992) angewandt und durch das umhypte „Blair Witch Project“ Ende der 1990er und die „Paranormal Activity“- und „REC“-Reihen popularisiert ist das Hüllen einer fiktionalen Narration in das Gewand einer Dokumentation ein gebräuchlicher Kniff, um die Distanz zwischen Film und Publikum zu brechen. Die Machart versucht mit ihren subjektiven Mitteln den komfortablen Rückzugsraum des Zuschauers, den »it’s just a movie«-Gedanken, weitestgehend wegzunehmen, um ein unmittelbares Gefühl für den Thrill-Ride zwischen Kannibalen, an der Seite eines Mörders oder heimgesucht von Geistern und Kreaturen zu wecken.

Bei „Cloverfield“ versetzt einen die unzuverlässige, wacklige, kippende, stürzende Digitalkamera mitten in das Chaos, die umherirrende Verunsicherung und die wiederholt (und wiederholt und wiederholt und wiederholt…) in gehechelten, geschrienen und gekeuchten Ungläubigkeitsbekundungen nach Antworten suchende Ausnahmesituation einer Monsterattacke. „Cloverfield“ ist „Godzilla“ im Schleudergang, ein Kaiju-Katastrophenfilm aus Amateursicht – und als Erlebnis ‘ne echte Wucht. Der zwanzigminütige Auftakt mit den verliebt-giggelnden und nach einem Zeitsprung auf dem Videoband Party machenden Twens und Yuppies ist wie das Warten in der Schlange vor der Achterbahn, das nervt und dauert viel zu lange und man bleibt mal mit dem Blick auf ‘nem Dekolleté hängen und schnappt lauter banale Gesprächsfetzen auf, die an der geistigen Reife der Mitrumsteher zweifeln lassen. Doch sobald New York zu beben beginnt und der Perspektivenpraktikant Hud vom Dach aus auf eine aufwallende Explosionssäule zoomt und kurz darauf der Kopf der Freiheitsstatue durch Lower Manhattan poltert kennt die Schienenfahrt „Cloverfield“ kein Halten mehr.
Lizzy Caplan und Straßenschlachten in CLOVERFIELD
Die Zerstörung durch das turmhohe Ungetüm fegt die nachbetrachtet geschickt als Gegenpol gesetzte Trivialität der ersten Minuten komplett über den Haufen, wenn es für Rob und seine Buddies nicht mehr um tolle Berufsaussichten, Unbeholfenheit beim Anbaggern der unnahbaren Marlena und quer durch’s Partyvolk verteilten Gossip, wer da mit wem Sex hatte geht, sondern um Überlebenskampf inmitten einer kollabierenden Stadt, die keinerlei Vorbereitung darauf bieten kann, was da über sie hereinbricht. Überdeutlich verortet „Cloverfield“ seine Furcht und Unischerheit säenden Bilder und Soundkulissen in einer terrorparanoiden Post-9/11-Stimmung: eine Kreatur und ihre Abkömmlinge starten ohne Warnung einen scheinbar in ihrer Natur liegenden und unaufhaltsamen, weil physisch nicht zu besiegenden und ideologisch nicht zu erklärenden Vernichtungsfeldzug. Was hat sie angelockt und, denn davon erfährt man im Film ebensowenig, schlägt das Monster präventiv zu oder wurde es provoziert, setzt sich diese bizarre Kreatur gegen militärisch unter Beschuss genommene Fremdenfeindlichkeit wohlmöglich bloß zur Wehr?

Die Rampage-Runde des Riesenviechs Manhattan hinauf ist vielleicht eine geschicktere 9/11-War on Terror-Allegorie, als die simple „Monster attacks New York City“-Prämisse zunächst glauben macht und die Verweigerung des Films gegenüber jedem Erklärungsansatz schafft natürlich entsprechenden Interpretationsspielraum. »Whatever it is, it’s winning«, raunt ein Soldat im Laufe des Films Rob und seiner Gruppe zu und formuliert damit eine ähnliche Aussichtslosigkeit, wie sie auch noch fünfzehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September im Krieg gegen den modernen Terrorismus herrscht, gegen den alle Strategien weiterhin hilflos erscheinen. Die Einfältigkeit der Figuren, ihre Komplexbeladenheit, die genrekonform-repetitiven und im Ausgang stets nutzlosen Versuche des Militärs, das Monster zu bändigen – war der Original-„Gojira“ in den 1950ern Traumabewältigung und Warnung vorm Missbrauch der Atomkraft ist das „Cloverfield“-Kaiju Ausdruck einer unterbewusst ständig gegenwärtigen Angst und Schutzlosigkeit gegenüber Attentaten und Anschlägen auf eine „freie“ Welt, die sich in Sekundenbruchteilen vom Schrecken fesseln lässt.
Das CLOVERFIELD-Monster greift an
„Cloverfield“ ist ein Abbild der Generation ahnungs- und hilflos, von Menschen, die quer durch die Medieneinflüsse Informationen aufschnappen oder diese Medien selbst kreieren und publizieren und sich über Schlagworte und Sinnesreize hinaus nicht weiter anstrengen, die Vorgänge und Hintergründe zu verstehen (siehe YouTube-„Star“ Dner und dessen unreflektierte AfD-Unterstützung vor zwei Jahren); eine aufgescheuchte, dauerverschreckte Gesellschaft, immer auf der Kante jonglierend, in blinde Panik auszubrechen. Das oft kritisierte Motiv Robs, in der Unstetigkeit und den Wirren der Stampede den roten Faden nicht in der Flucht, sondern einer Bergungsmission aufzugreifen, symbolisiert dabei einen Funken Hoffnung: ohne einen solchen Aufbruchs-, Beschützer- und Retterreflex gäb es sehr viel weniger Feuerwehrmänner, Sanitäter und Wohltäter auf der Welt – und ganz sicher einen Haufen denkwürdiger Plots weniger. Stell dir mal Luke Skywalker vor, der sein Heim verwüstet und seine Pflegeeltern verbrannt vorfindet und sich denkt: »Oh Mann, dieses Imperium ist echt harter Scheiß und wer weiß, in welchen Sektenquatsch mich der senile Alte verwickelt und was soll so eine extravagant frisierte Junior Monarchin schon von einem Bauerntölpel wir mir wollen? Ich hau ab…« Der Storyfaden von „Cloverfield“ ist ein Rudimentärplot mit Rudimentärfiguren, hier stehen die Präsentation und das intensive Erlebnis klar im Vordergrund, aber das Handeln der Gruppe ist, ob immer sinnhaft oder nicht, zutiefst aufrichtig und moralisch gerechtfertigt, vielleicht das nobelste, was Rob und seine Kumpels überhaupt je unternommen haben.

Etwas westlich-reaktionäres steckt da allerdings auch in „Cloverfield“, die „Fratze des Terrors“, wie es so oft schlagzeilenträchtig heißt, wird in einem grauenerregenden Monster und seiner gefügigen Brut manifestiert, mit Hud kloppt ausgerechnet der Hohlkopf der Gruppe die schnell aus Unbildung resultierenden und als unterbelichtet entlarvten Verschwörungstheorien raus (»I don’t read the papers. Maybe our government made this thing.«) und „Cloverfield“ zieht eine klare Linie zwischen der Bösartigkeit seines Monsters, der unschuldigen Unbedarftheit der Protagonisten und den wackeren Bemühungen des bewaffneten Verteidigungsapparates. Ob der Film also eine beklemmende und offen-neutrale Zustandsbetrachtung oder doch eine wertende Terrorallegorie ist kann man so und so beantworten – oder nicht danach fragen, denn „Cloverfield“ ist in seiner Deutungs-Infinität ein strammes und brettmosphärisches Schreckensspektakel, bei dem der Reiz in der bewährten „Jaws“-Ökonomie liegt, das Grauen nur häppchenweise zu präsentieren, die Vorstellung mitarbeiten zu lassen. Das Monster ist nie vollständig zu sehen, wird nicht in Wide Shoots ausgestellt und es posiert nicht für die Kamera, die es kaum mal in den Fokus bekommt…
Jessica Lucas, Michael Stahl-David und Odette Annable in CLOVERFIELD
…oder ziellos in die Schwärze zeigt und es ertönen nur das Brüllen und Jaulen des Kaijus, das Gurren seiner krebsspinnenartigen Zellenviecher, Kriegslärm, schwirrende Gewehrsalven, dröhnende Panzergeschosse, der Krach herabstürzender Gebäudetrümmer und Schreie. Darin werden die Machart und die Handlungsführung von „Cloverfield“ einfach arschintensiv, die Begegnung mit dem Monster lauert an jeder Straßenecke, ohne dass es den Figuren dermaßen aufdringlich zu „folgen“ scheint, wie es Gareth Edwards in seinem „Godzilla“ arrangierte. Dicht ist die apokalyptische Stimmung mit einigen großartigen Bildern, die dem Film seiner Machart gemäß mehr zufällig gelingen, dünn hingegen bleiben die Dialoge, doch in Panik wird niemand plötzlich zu Shakespeare, in Panik brabbelt man Quatsch, um sich von Todesangst und Ungewissheit abzulenken. Das entschuldigt nicht jeden unangebrachten und dämlichen Spruch und besonders Hud wird von der Gruppe zurecht mehrmals gebeten, doch endlich mal die Klappe zu halten. Dennoch: das Konzept, die Präsentation und das Szenario von „Cloverfield“ gehen für mich voll auf. Der Film ist hart und unerbittlich schroff, viel zu brutal für sein mildes PG-13/FSK12-Rating und hat über seine offensichtlichen 9/11-Referenzen hinaus durchaus an Gewicht gewonnen, ist aber auch rein als Monster-Horror extrem brettig.

Wertung & Fazit

Action: 3/5

Zieht nach sacklahmen zwanzig Minuten mächtig an und präsentiert die Zerstörungswut des Monsters und die militärischen Gegenschläge intensiv und mittendrin.

Spannung: 4/5

Nochmal: zieht nach sacklahmen zwanzig Minuten mächtig an und überlässt den Schrecken des Monsters über weite Strecken der Ungewissheit und Vorstellungskraft.

Anspruch: 2.5/5

Die 9/11-Referenzen und das Stimmungsbild des Films haben über die Jahre durchaus an Gewicht gewonnen und sind in mehrere Richtungen lesbar.

Humor: 0/5

Kein Kriterium.

Darsteller: 2.5/5

Schwer zu beurteilen. Die Darsteller sind mehr Symbolfiguren, nicht unbedingt Sympathieträger und schon gar nicht ausgearbeitete Charaktere, halt eine Gruppe von selbstfokussierten und quengeligen Yuppie-Narren in einer Extremsituation.

Regie: 4/5

Matt Reeves reizt die Präsentationsform aus und auch der allegorische Wert von „Cloverfield“ ist nicht (mehr) zu unterschätzen.

Film: 8.5/10

Brettmosphärischer Monsterkracher, der das Genre und die Möglichkeiten seines Präsentations-Gimmicks zu einem intensiven Erlebnis vereint. Mit einer der besten Found Footage-Filme überhaupt (wobei da die Auswahl auch nicht gerade überläuft…).

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6 Kommentare

  1. Ich muss zugeben, ich war ein wenig entsetzt, als ich hörte, dass der zweite Teil (?) (man weiß ja nicht so recht, was es tatsächlich sein soll?) nur Bescheidene 5 Millionen US-Dollar gekostet hat. Was erwartet mich da wohl? :/ 🙂 Naja, ich werd’s mir ansehen. War schon lange nicht mehr im Kino und so. ^_^

    1. Na ja, wenn ein Film, der neunzig Minuten in ‘nem Bunker spielt, über hundert Millionen kosten würde, wäre glaub ich mehr Anlass zur Sorge gegeben 😉 Ich seh den morgen Nachmittag und werden dann berichten.

    2. Wie man hört, handelt es sich nur um eine Semifortsetzung und man sollte daher nicht mit der Lupe nach Gemeinsamkeiten suchen. Find das eigentlich ein spannendes Konzept und es geht auch ein bisschen mit dieser Kritik hier einher. Das Unfassbare einfach wahrnehmen und nicht versuchen, zu begreifen.
      Wie enttäuscht wäre ich jetzt von einer Fortsetzung, die mir das ganze Konzept und die Geschehnisse aus “Cloverfield” erklären würde.

      Es ist immer schön zu sehen, wenn einer die Vorgänger nicht kaputtsequelt und dennoch was zu sagen hat.

    3. Richtig. Zumal ja als direktes Cloverfield-Sequel mal ein Film im Gespräch war, der parallel zu diesem hier aus der Perspektive anderer “Hobbyfilmer” gespielt hätte. Das wäre doch auch ziemlich dämlich gewesen…

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