DAS PHANTOM-KOMMANDO: Kritik zum Schwarzenegger-Kult-Actioner

Story

Der Delta Force-Reiseleiter Colonel John Matrix hat den Kriegen in Übersee und den unzähligen blutigen Schlachten abgeschworen, um mit seiner geliebten Tochter Jenny ein postkartentaugliches Leben in den Bergen zu führen und endlich für das Mädchen da zu sein. Doch der Frieden bleibt John nicht lange erhalten: sein ehemaliger Vorgesetzer Major General Franklin Kirby spürt ihn in seiner Idylle auf und berichtet, dass die Männer aus Johns alter Spezialeinheit nach und nach hingerichtet werden und dass der Colonel sich vorsehen soll, denn sicher sind die Killer auch auf seiner Spur. Tatsächlich dauert es nicht lange, bis ein Kommando bei John auftaucht, Jenny entführt und ihn überwältigen kann. Im Tausch für das Leben seiner Tochter soll er für einen gestürzten lateinamerikanischen Diktator den aktuellen Machtinhaber Val Verdes töten. John spielt mit, entkommt jedoch seinem Aufpasser auf dem Flug nach Val Verde und hat nun elf Stunden Zeit, um seine Tochter zu retten und jeden auszuschalten, der mit ihrer Entführung zu tun hat…

Die Filmkritik


Puh, obige Zeilen mit Inhalt zu füllen fiel selten so schwer – Colonel/Kidnap/COJONES hätte eigentlich auch gereicht, um den Kult-Kracher „Das Phantom-Kommando“ relativ punktgenau zu beschreiben. Mark L. Lesters Film nach Script des späteren „Stirb langsam“-Autors Steven E. de Souza gilt vollkommen zu Recht als eines DER Referenzwerke des 80er Jahre-Actionkinos und seiner typischen Merkmale: Arnold Schwarzenegger, mit „Conan der Barbar“ und „The Terminator“ gerade zu Ruhm gekommen, als muskelbepackte Ein-Mann-Armee, ein Plumpplot, markant-brutale Kills an gesichtslosen Gegnern, ein gen Showdown explodierender Bodycount und natürlich Explosionen an sich, die Formel einer ganzen Ära gesinnungsfragwürdiger Auswurfware im politischen Schatten republikanischer Regierungshoheit. Während aber Prägeware wie die nachträglichen Vietnamkrieggewinner „Rambo II – Der Auftrag“ oder „Missing in Action“ unter der Ägide der US-Flagge stramm stehen, lässt „Das Phantom-Kommando“ BetrachtungsMÖGLICHKEITEN zu, die ihn von sonstigem Propagandadreck der Reagan-Zeit abheben und dem Krawallszenario einen subversiven Reiz verleihen.

„Das Phantom-Kommando“ lässt sich viel uneindeutiger als man annehmen könnte lediglich als banale Ballerorgie lesen, neben dem homoerotischen Subtext (hier von Simon Frauendorfer auf Eskalierende Träume erörtert) nimmt das Geschehen zunehmend sarkastische Züge an, es antwortet seinem Zeitgeist mit einer radikalen Überhöhung und bewusst soziopathisierten Hinterfragung seiner Hauptfigur und ihrer Handlungen. Subversion ist dabei das vom Film selbst genannte Stichwort: da verbringt Ex-Colonel Matrix in der Anfangsmontage weichgezeichnet glückliche flauschibauschi Idyllstunden mit seiner Tochter, der krasse Gegenentwurf zu den späteren Gewaltakten, die beiden motschen mit Eis rum und knuschelwuscheln ein Reh und lachen und knuddeln – und dann sagt Matrix am Frühstückstisch, zwischen Saft und Sandwiches: »When I was a boy and rock and roll came to East Germany, the Communists said it was subversive. Maybe they were right.« Ein Streifen von derart spärlicher Dialoggüte, der gerade mit Kitschbildern die zentrale Beziehung der Story skizziert, lässt den all american Helden ausgerechnet erwähnen, dass er unter kommunistischem Regime aufwuchs und selbigem sogar Recht im Streit um Rock’n’Roll gibt.

Ein Jahr, nachdem während eines allgemeinen Hochgefühls von national pride und stars’n’stripes (durch den Boykott der verfeindeten Sowjetunion hatten die USA die Olympischen Sommerspiele 1984 dominiert, Präsident Reagans Wiederwahlkampagne warb mit überpatriotischen Spots und seiner »It’s morning again in America, and under the leadership of President Reagan our country is prouder and stronger and better.«-Propaganda), als mitten in diese rotweißblau gefärbte Stimmung hinein der wohl missverstandenste Song aller Zeiten, Bruce Springsteens regierungs- und kriegskritisches Born in the USA, zur zweiten Nationalhymne aufgestiegen war, erwähnt Matrix, Ziehkind des kommunistischen Feindbildes, die subversive Kraft des Rock’n’Roll. Das ist weder Zufall, noch Nebensächlichkeit, um Schwarzeneggers breiten Akzent zu erklären, das ist vielmehr das vielleicht hinterhältigste Zwinkern, mit dem ein Actionfilm jemals ein reflektionsunfähiges Publikum verarscht und bloßgestellt hat. Zwar stellt Matrix den oben zitierten Satz in Zusammenhang mit der verwirrenden Sexualität Boy Georges, doch der ganze Film ist letztlich Widerhall einer Art von „Betriebsblindheit“ jener Zeit, sobald die Fahne im Wind weht und »U-S-AAAA!« gechantet wird, und des kriegsverherrlichenden Post-Vietnam-Duktus der Genreproduktionen der Epoche. Lester und de Souza (zu welchem Anteil auch immer gewichtet) kann man eine fast prophezeierische Weitsicht attestieren, ihr Colonel John Matrix ist die Verkörperung einer aggressiven Eingriffs- und Präventionspolitik, Sheriff der „Weltpolizei USA“, sein Gegenspieler Arius ist ein „Opfer“ dieses Vorgehens, ein aufgrund von US-Interessen gestürzter Diktator des fiktiven Landes Val Verde, dem in seiner Profillosigkeit ein Stellvertreterposten für eine Vielzahl real existenter Feindbilder zufällt und der schließlich aus Vergeltungsdurst dort zuschlägt, wo der Amerikaner es anno 1985 noch für unmöglich hielt: auf dem eigenen Boden, in der eigenen Familie, gegen das eigene Blut. In der Motivlage beinahe eine 9/11-Allegorie, sechzehn Jahre ihrer Zeit voraus.

Die Bösen machen Mitte der 1980er noch nicht »Yalla, yalla!«, sondern »Vamos, vamos!« und werden mit Schlagworten wie »Folter« und »Tod« verfeindbildlicht, ohne mehr über sie zu sagen (was genau hat Arius in Val Verde angestellt? Wie sieht’s da nach dem Eingriff durch Matrix/die USA aus? Haben demokratische die diktatorischen Strukturen abgelöst?). Matrix‘ alleingängiger Rachefeldzug gegen die Kräfte des Bösen fährt schließlich zweierlei auf. Einerseits ist das pures, spaßwillig konsumiertes „Arnold can“-Spektakel: »Hey Arnold, can you jump off of a starting plane?« »Yees, Ei kähn!« »Hey Arnold, can you turn a car around?« »Foor schuar!« »Hey Arnold, can you lift a callbox?« »Yees, butt whoot foar?« Egal, macht er halt einfach. Mit solchen lächerlichen Aktionen, Schnittfehlern und grützendoofen Dialogen heizt „Das Phantom-Kommando“ die Partystimmung hoch, wie kaum ein zweites Schwarzenegger-Vehikel. Andererseits aber, und darin macht sich der Film extrem geschickt die eklatanten Schauspiellimitationen des Österreichers zu Nutze, zeigt der Film einen rücksichtslos seine Interessen durchsetzenden Soziopathen, eine Bedrohung für’s Gemeinwohl. Matrix zertrümmert Eigentum und die Knochen unbescholtener Wachmänner, Heimat und Feind haben gleichermaßen unter den Ausmaßen seines Gegenschlages zu leiden, Zivilbevölkerung so sehr wie Militärangehörige. Zwangsweise wird die Stewardess Cindy in das Geschehen verwickelt und nie war Schwarzenegger ungehobelter und einsilbiger mit einem weiblichen Co-Star, sein John Matrix ist nichts als eine zielgerichtete Tötungsmaschine ohne jede Art von Sozialvernunft und kollateralem Respekt. Und genau SO einen Typen hätte der bewundernde General Kirby am Ende liebernd gerne wieder in seiner Truppe, für die braucht man Männer wie Matrix, SOLCHE Männer gewinnen Amerikas Kriege…

Das ist so beißend überzogen, wie die gesamte finale Schlacht auf einer Insel und den Horden von Gegnern, die Schwarzenegger mit MG, Pistole, Messer, Machete, Gartenwerkzeug, Granaten und bloßen Händen massakriert. Über offenes Gelände kommen die angerannt und Arnie muss sein ratterndes Gewehr nicht mal in die richtige Richtung abfeuern, um alles niederzumähen. Die Gegner fallen, Explosionen wirbeln sie durch die Luft, Gliedmaßen und Kopfhälften werden abgetrennt und erst wenn es an die main bad guys geht sitzt nicht mehr jede blindlings abgefeuerte Kugel des Helden. Den entscheidenen Drall weiter als jedes andere Actionspektakel überzogen, das sarkastische Bildnis dessen, wie sich ein rechtspolitisches und stolzgeschwollenes Reagan-Amerika einen Krieg ausmalt, wie es sich seine unbesiegbaren Jungs vorstellt. Der Schlussakt mit dem plautzenbärigen, lederbehosten Kettenhemdbösewicht Bennett untermauert dann nochmal die schwulen Thesen rund um den Subtext und dann ist es fertig, dieses Meisterstück des »more than meets the eye«-Actionkinos, dieser subversive Arnold-Rock’n’Roll mit seiner dämlichen »Los! Nein! Doch! Na gut…«-Charakterentwicklung, den Continuity-Macken und den Physik-Aussetzern, den Meta-Kommentaren der zum Sex- und Verführungsobjekt runterdegradierten Rae Dawn Chong und dem uncharmantesten, doch funktionsvertretendsten Helden in Schwarzeneggers Vita. „Das Phantom-Kommando“ ist schon ein irrer Film, selbst wenn nichts von dem stimmen sollte, was ich mir und andere sich absatzweise darüber zusammenreimen, oder es zumindest nicht der Intention der Macher entsprach: es ist trotzdem DA und es hallt hinaus über das Geballer, die Feuerbälle, die Leichen. Allein schon das können nur wenige andere Actionfilme von sich behaupten.

Wertung & Fazit

Action: 4.5/5

Spannung: 1/5

Anspruch: 2/5

Humor: 3/5

Darsteller: 3/5

Regie: 4/5

Film: 7/10

Ein Meisterwerk subversiven Actionkinos oder eine gewaltverherrlichende Ballerorgie ohne Verstand? Beides! Schwarzenegger-Kult, aus dem sich ein prallgefüllter Subtext herauslesen lässt, wenn man denn bereit und willens ist, die Augen und Ohren dafür zu öffnen.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code