Stars im Portrait: DAVID FINCHER

Portrait

Seinen Weg ins Filmgeschäft fand David Fincher bereits im Alter von 18 Jahren. Als Trickfilmzeichner in George Lucas’ legendärer Effektschmiede ILM arbeite er unter anderem an Die Rückkehr der Jedi-Ritter (1983) und Indiana Jones und der Tempel des Todes (1984). Erfahrungen, die seinen späteren makellosen und innovativen Umgang mit Special Effects prägten.

1992 lieferte Fincher mit dem dritten Teil der Alien-Reihe ein Regiedebüt ab, dessen künstlerisches und kommerzielles Versagen, vor allem aber dessen Produktionsumstände, andere junge Regisseure wohl für immer aus dem Business vertrieben hätte. Mehrere Wechsel auf dem Regieposten, eine Unzahl an Drehbuchautoren, ein Starttermin, der bereits vor Produktionsbeginn auf Werbeplakaten datiert wurde – aus Alien ³ wurde ein ziel- und konzeptloses Objekt, dem man seine zerfahrene Entstehung jederzeit anmerkt und mit dem im Nachhinein keiner der Beteiligten zufrieden war. David Fincher am allerwenigsten.

Umso erstaunlicher, wie der vormalige Musik- und Werbeclip-Regisseur drei Jahre nach diesem desaströsen Start seine Karriere 1995 mit Sieben fortsetzte. Der abgründig böse Noir-Thriller mit Brad Pitt, Morgan Freeman und Kevin Spacey wurde zu einem jener Impulsgeber, deren Einfluss sich bis heute im eigenen Metier und genreübergreifend feststellen lässt. Vom verstörenden Vorspann bis hin zu einem der besten Endtwists der jüngeren Filmgeschichte ist Sieben in seiner Stilistik und Konstruktion ein Meisterwerk und erster wirklicher Beweis der Klasse des David Fincher.

Schuldig blieb er diesen 1997 mit The Game nicht, obwohl das hinterlistige Psychospiel in Sachen Einfluss und Resonanz nicht an Sieben heranreichte. Dennoch etablierte es Fincher als einen Meister der inszenierten Täuschung und düsteren, fesselnden Unterhaltung. Zwar wurde dem Film, in dem Michael Douglas und Sean Penn als Brüder zu sehen sind, oft unterstellt, er würde nach vielen Wendungen in seiner überraschenden Auflösung weit hinter der schockierenden Konsequenz seines Vorläufers liegen, doch damit nahm Fincher geschickt den Druck von sich, eben jeden Film mit einem derart erschütternden, weil bösen Knalleffekt enden lassen zu müssen, um sein Publikum nicht zu enttäuschen. So ist The Game in jedem Punkt eine Stufe unter Sieben einzuordnen und doch in Finchers Gesamtwerk vielleicht sogar der wichtigere Film.



In die Endgültigkeit eines Kultfilmers gelangte Fincher 1999 mit Fight Club. Im Kino kaum erfolgreich (auch wegen der hohen Altersfreigabe), wurde die sarkastische, kontrovers diskutierte Zivilisations- und Gesellschaftskritik mit der Video- und DVD-Auswertung zu einem Phänomen, einem Film den man liebt oder hasst und dem von den überschwänglichsten Lobeshymnen bis hin zum völligen Verriss eigentlich nichts gerecht werden kann. Wie man auch zu ihm stehen mag, unzweifelhaft bleibt, dass Fight Club von einer enormen visuellen Sogkraft und erzählerischer Raffinesse profitiert. Fincher reizt das ihm gegebene Potenzial des unkonventionell-innovativen, düster-kompromisslosen Erzählens vollends aus und schafft damit einen moralsich ebenso vielschichtigen wie fragwürdigen, aber auch hochinteressanten Film, der seine Hauptdarsteller Brad Pitt und Edward Norton zu Karrierehöchstleistungen trieb.

Wie in der Folge eines so extrem gehypten Werkes üblich, spalten Finchers folgende Arbeiten die Fangemeinde. Ob den verhältnismäßig unspektakulären Plot des Panic Room (2002), in dem sich Jodie Foster und die junge Kristen Stewart vor Einbrechern verschanzen, die detailstrotzende und schwer zugängliche Rekonstruktion des Zodiac-Falles (2007) mit Jake Gyllenhaal und Robert Downey jr. als Journalistengespann, oder der stilistisch in eine völlig andere Richtung gehende Der seltsame Fall des Benjamin Button (2009) – seit Fight Club steht Fincher auf dem Prüfstand wie kaum ein anderer Regisseur. Dass Panic Room dabei eine spannende Reflektion von Terrorängsten und Paranoia bietet, Zodiac der erste Serienkiller-Thriller seit Sieben ist, dem eine ernsthafte Belebung des Genres gelingt und Der seltsame Fall des Benjamin Button eine so sinnvolle wie grandios gelungene Erweiterung von Finchers Repertoire darstellt, wird (eben typisch für kultige Verehrung) leider oft einfach übersehen.

Benjamin Button ist sicher Finchers dem Mainstream am nächsten gelegenes Werk, dafür spricht nicht nur der Erfolg an den Kinokassen, sondern auch die Aufmerksamkeit seitens der Filmpreisverteiler, die den Regisseur zuvor stets ignorierten. Dennoch zeigt er auch hier sein grandioses bildsprachliches Gespür, seine Fähigkeit, Schauspieler zu Höchstleistungen anzuleiten und einen unbezähmbaren Drang zum Perfektionismus. Dass er sich dabei nun nicht länger den Grenzen des Thrillers-Genres unterordnet, die er selbst schließlich ausdefiniert hat, macht aus David Fincher nur einen umso bedeutenderen und schätzenswerteren Virtuosen hinter der Kamera. Und es katapultiert ihn letztlich weit darüber hinaus, zum bloßen Erfüllungsgehilfen eines fremdverursachten Kultes zu werden, der so viele andere Regisseure in die Lächerlichkeit des Selbstzitates und der Bedeutungslosigkeit geführt hat.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.