DIE TRIBUTE VON PANEM – MOCKINGJAY Part 1: Kritik zum ersten Teil des finalen Akts mit Jennifer Lawrence (Blu-ray)

Story

Nach den 75. Hungerspielen: Katniss Everdeen findet sich in den Reihen der Revolution aus der unterirdischen Anlage des für zerstört geglaubten Distrikt 13 wieder. Ihre eigene Heimat Distrikt 12 liegt in Trümmern, doch in Panem regt sich so vernehmbar wie nie zuvor der Widerstand gegen das dekadente Kapitol und dessen Präsident Snow. Katniss soll endgültig zum Symbol der Rebellion werden, der Spotttölpel das Zeichen des Aufstandes. Doch nur widerwillig kann sich die von den Hungerspielen labilisierte Teenagerin mit diesem Wunsch der Untergrundspräsidentin Alma Coin und ihres Beraters und ehemaligen Spielleiters Plutarch Heavensbee arrangieren, denn ihre vorrangige Sorge gilt ihrem Freund Peeta, der in der Arena der 75. Hungerspiele zurückgeblieben ist und sich nun in den Händen des Kapitols befindet. Eine erschütternde Reise in die Ruinen von Distrikt 12 und ein Besuch im Lazarett des ebenfalls schwer unter Bombenbeschuss genommen Distrikt 8 vergegenwärtigen Katniss jedoch einerseits die Grausamkeit des Kapitols und zeigen ihr andererseits ihre eigene Bedeutung für die Menschen als Hoffnungsbringerin. Es beginnt eine Propagandaschlacht mit dem Kapitol, das wiederum und zu Katniss‘ Leidwesen auf einen zunehmend physisch und psychisch zerfallenen Peeta als sein eigenes Stimminstrument setzt…

Die Filmkritik

Elizabeth Banks, Philip Seymour Hoffman und Julianne Moore in DIE TRIBUTE VON PANEM - MOCKINGJAY Part 1
♫Strange things did happen here, No stranger would it be, If we met at midnight, At the mo-ho-vies♫ Yep, Massen haben sich in den Kinos getroffen, um die „Hunger Games“ zu besuchen, über $2,3 Milliarden (!) hat die Reihe nach der YA-Trilogie-Vorlage von Suzanne Collins bisher eingespielt und Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence zum biggest female BoxOffice-Star gemacht. Ein Erfolg, der, wie könnte es anders sein, zig Nachzügler aus dem Genre der dystopischen Jugendliteraur wie die „Divergent“-, „The Maze Runner“- oder „The Giver“-Reihen nach sich zog, die aber alle nicht annähernd den Erfolg der Hungerspiele erreichten. Mit dem ersten Teil des zweigeteilten Finales, „The Hunger Games: Mockingjay – Part 1“, spalten sich diese nun auch qualitativ nochmal ein ganzes Stück weiter von der Konkurrenz ab. Nach „The Hunger Games“ und „Catching Fire“ ist „Mockingjay“ der bislang beste Film der Panem-Adaptionen.

Die Versäumnisse beim Worldbuilding der Vorgänger können zwar nicht völlig ausgebügelt werden, dennoch schlägt „Mockingjay“ den richtigen Weg ein: schon „Catching Fire“ gelang es partiell, den dramatischen und allegorischen Wert der Panem-Welt vor dem Hinterfragen des Szenarios zu positionieren und „Mockingjay“ gelingt das nun noch wesentlich besser. Der Auftakt des Abschlusses ist ein düsterer und pessimistischer Pre-Kriegsfilm, der schon vor der eigentlichen Eröffnung des offenen Kampfes zwischen Kapitol und Distrikten weiß, dass dieser Konflikt ohne Gewinner bleiben wird. Hinter der Propaganda und den immer aufrührerischen und von Plutark Heavensbee geleiteten Reden des rebellischen dreizehnten Distrikts und seiner Präsidentin Coin steckt zunehmend selbst die Verwerflichkeit einer totalitären Stimmungsmache, die für scheinbar hehrere Ziele zu ähnlichen (Gegen)Mitteln greift. Katniss Everdeens permanent fremdbestimmte Rolle, ihr Abbild als Symbol des Aufbegehrens, wird endlich vertieft und in gewagte, gedankenprovozierende tragische Tiefen gezerrt, die weit darüber hinaus reichen, was die Panem-Welt bislang anbot.
Jennifer Lawrence in DIE TRIBUTE VON PANEM - MOCKINGJAY Part 1
Mit gehörig Technik-Waka Waka wird ein Krieg aufgebaut, der zunächst mit Hilfe von Hackern, den Medien, dem forcierten und gescripteten Propagandismus der jeweiligen Gesichter und Symbolfiguren ausgetragen, auf beiden Seiten legitimiert, torpediert und für die Bevölkerung angeheizt wird. In seinen richtig guten Momenten ist „Mockingjay“ ein eindringliches War-Prequel mit den Scharmützeln, Vorgeplänkeln und strategischen Manövern, die erst hinleiten zum eigentlichen Krieg, von Francis Lawrence nicht als Spektakel inszeniert, sondern als ein grau-brauner Marsch zur propagierten Unvermeidlichkeit einer gewalttätigen Eskalation, wobei der „richtigen“ Seite die selben Initiationsmechanismen recht sind wie der „falschen“ und Gewaltakt mit Gewaltakt vergolten wird. Warum nach über sieben Jahrzehnten drei in die Luft gereckte Finger und das Pfeifkonzert irgendeiner dissenden Drossel ausreichten, um zur prägenden Figur einer überfälligen Gegenbewegung aufzusteigen bleibt dabei weiterhin im Dunkeln, auch die Abhängigkeit des Kapitols von den Erträgen der Distrikte wird nur im Nebensatz erwähnt und warum die dann trotzdem zwei davon in Grund und Boden bomben und die Menschen, sprich Arbeiter und Zulieferer zu tausenden auslöschen, ist ebenfalls nicht grad schlüssig.

Da haben die ersten beiden Filme zu vieles an Erklärung verweigert und „Mockingjay“ holt dies nicht nach, was für Kenner der Vorlage weiterhin kein Problem sein dürfte, doch wenn man Collins‘ Trilogie zwingend gelesen haben muss, um die Welt von Panem ausreichend zu verstehen – warum sich dann das Buch überhaupt in Kino übersetzen lassen? Als melancholischer Abgesang auf Heldentum überzeugt „Mockingjay“ dennoch und es ist ein klarer Vorteil, dass der Film sich nicht den Ballast des Austragens dieser unsinnigen (oder eben einfach untererklärten) Hungerspiele aufladen muss. Die Unterdrückungsparabel gewinnt enorm an Stärke und die Kraft einiger Bilder und Szenen von „Mockingjay“ erreicht einen viel heftigeren Überwältigungs- und Mitreiß-Effekt, als alles was die Vorgänger in den Arenen abgebrannt haben. Katniss in den Trümmern von Distrikt 12, wankend über Schädel und Gebeine, ihr Besuch eines Lazaretts in Distrikt 8, der Bomberangriff auf den unterirdischen Distrikt 13, bei dem Regisseur Lawrence allein auf Reaction Shots im Inneren, nicht auf äußeren Explosionskrawall setzt, die Befreiungsaktion zu Rettung der gefangenen Tribute – das sind intensive Szenen ohne Action-Overkill.
Josh Hutcherson in DIE TRIBUTE VON PANEM - MOCKINGJAY Part 1
Und würde Katniss nicht ständig in ihre Peeta-Krise zurück verfallen könnte das alles sogar noch viel besser sein. In den ersten zehn Minuten und dann immer wieder geht von ihr nicht mehr aus als »Peeta, Peeta, where is Peeta, we need to save Peeta, but what about Peeta!?!?« »War is upon us, Katniss, people are dying by the tens of thousands.« »Yeah, but what about PEEEEETA?!?!«… Gut, die gewachsene Freundschaft zu Peeta, welcher Art diese auch immer ist, ist das einzig Positive und der verbliebene Halt, der ihr während der Spiele in den Arenen geblieben ist, natürlich klammert sich die labile und überforderte Teenagerin daran, genau wie in seiner Abwesenheit an den gutmütigen Gale – doch sie ist ein Catch and Miss-Charakter, die Triebpute von Panem: während die äußeren Umstände ihrer Instrumentalisierung und ihre bewusste Zerstörung und heteronome Steuerung von beiden Seiten der Münze aus (beim Namen der Rebellenführerin COIN wird Collins sich fraglos etwas gedacht haben…) nun endlich in einer spannenden und fordernden Dimension (über das »lächle mal und sei nicht so zickig«-Herumgebiege an ihrem Charakter aus den Vorgängern hinaus) eingefangen werden, bleibt sie aus sich heraus immer noch eine rein reaktive und kaum proaktive Figur. Selbst ihre Forderungen an die Rebellion, an deren Erfüllung Katniss die Bereitschaft zur Übernahme der Rolle des Aufstandssymbols koppelt, lässt sie sich von anderen vordiktieren, in diesem Fall von ihrer kleinen Schwester.

Und auch sonst gibt’s wieder viel »Katniss mach dies, Katniss lass das« und wenn’s nicht grade an die Rettung eines Katers geht zeigt das Mädchen, das in Flammen steht, nur in zwei, drei Augenblicken so ein bisschen was an Initiative, meist ohne damit viel bewirken zu können. Bedingungslos verlassen kann sich die Reihe hingegen auf Jennifer Lawrence, die zuverlässig alle Emotionen aus Katniss hervorkrempelt, denen sie sich stellen muss. Das »Peeta«-Gejaule und Gewimmer würde umso läppischer und redundanter wirken, wenn JLaw es nicht mit solcher Inbrunst vortragen würde. Mit Julianne Moore ergänzt eine weitere großartige Darstellerin das ohnehin hochrangige Ensemble, in dem mittlerweile auch der bemitleidenswert-dauerverschmähte Liam Hemsworth und Josh Hutcherson ihren Platz zu behaupten wissen. Spannend außerdem die Rolle von Philip Seymour Hoffman, sein Plutarch Heavensbee der Fädenzieher im Hintergrund, ein Zerberus der Manipulation, dessen Eingaben die Rebellion über Berge von Leid und Leichen in Bewegung brachten, ist es doch in „Catching Fire“ er gewesen, auf dessen Rat hin Präsident Snow Folter und Tod in den Distrikten verstärkte, Heavensbee war es, dessen Versprechen von der Demontage Katniss‘ in der Arena dem Aufstand die Hoffnung rauben sollte und dessen überkomplizierter Plan zu ihrer Rettung stattdessen endgültig den Funken zum Feuer entzündete – auf Kosten all jener, die bis dahin und danach umso härter unter dem Kapitol leiden mussten. Eine mehr als zwiespältige Figur, dieser Einflüsterer im Hintergrund, souverän gespielt von Seymour Hoffman.
Liam Hemsworth und Jennifer Lawrence in DIE TRIBUTE VON PANEM - MOCKINGJAY Part 1
Das große Finale kann kommen: „The Hunger Games: Mockingjay – Part 1“ ist um einiges besser als seine beiden Vorgänger und die Reihe damit endgültig der Maßstab, an dem sich diese ganzen YA-Epigonen auch in Zukunft werden messen lassen müssen. Der Film ist diffiziler und fordernder als alles, was da sonst so für die junge Zielgruppe auf den Mark schwappt, auch wenn man zum Beispiel die runtergedüsterten letzten drei, vier „Harry Potter“-Episoden dazuzählt ist das wohl beispiellos, wie „erwachsen“ der Film mit seinem anvisierten Publikum umgeht und totalitaristische Systeme nicht nur auf der offensichtlichsten Seite hinterfragt, sondern auch die Prinzipien des Aufstandes aus dem Licht der Rechtschaffenheit ins Dunkle reißt. Die Schwächen der vorangegangenen Teile kosten jedoch besonders die Katniss/Peeta-Story vieles an Stärke und erst das erschütternde Ende mit einer ruinierten Heldin im Parallelschnitt zu aussichtsreichen Mobilmachungsansprachen lassen eine Wucht erahnen, die hoffentlich in den letzten Akt der Panem-Saga transportiert werden kann. Hoffnungsvoll kann man nach „Mockingjay“ zumindest sein, was einen runden Abgang der Quadrilogie im November 2015 angeht.

Wertung & Fazit

Action: 2/5

Keine Spiele mehr, diesmal ist Krieg: weniger Action als in den Vorgängern, dafür weit intensiver.

Spannung: 2/5

Die höhere Intensität sorgt auch für mehr Spannung und einige großartige Momente.

Anspruch: 3/5

Das Worldbuilding der Vorgänger war leider mangelhaft, doch als Kriegsparabel ist „Mockingjay“ enorm stark, fordernd und druckvoll.

Humor: 0/5

Dafür ist endgültig kein Platz mehr in Panem, maximal für ein, zwei kleine Schmunzler gut.

Darsteller: 4/5

Das Ensemble wird von Teil zu Teil größer und hochklassiger und auch die Leistungen der Darsteller sind durch die Bank mindestens überzeugend bis sehr gut.

Regie: 4/5

Das Ensemble wird von Teil zu Teil größer und hochklassiger und auch die Leistungen der Darsteller sind durch die Bank mindestens überzeugend bis sehr gut.

Film: 6.5/10

Es wären mehr Punkte drin für den „Mockingjay“, wenn nur die beiden Vorgänger nicht so vieles aufzubauen versäumt hätten. Panem ist nicht annähernd eine auserzählte Welt und so reicht einiges nicht so weit wie es könnte, dafür besitzt der Film als Einzelwerk und immerhin im Kontext mancher Vorereignisse eine enorme allegorische Wucht. Eindeutig der bislang beste Teil.

5 Kommentare

  1. Irgendwie kann ich nicht direkt auf deinen Kommentar antworten, warum auch immer.

    Vom einem Filmkritiker erwarte ich allerdings ein gewisses Maß an Objektivität, wenngleich das bei der Bewertung von Kunst natürlich nie zu 100 % möglich ist. Dennoch sollte jedem auffallen, dass Teil 3 künstlich aufgebläht worden ist und praktisch nichts erzählt. Mir hat das Intrigante von Snow gefehlt, war in Teil 2 wesentlich besser dargestellt. Die innere Zerrissenheit von Katniss hätte viel besser in Szene gesetzt werden können sowie auch ihr Weg zur Rebellin. Das war mir alles zu oberflächlich. Ich hab die Bücher bisher nicht gelesen, kann also zur Vorlage nichts sagen, wobei ich Filme eh als eigenständige Werke betrachte. Ich hoffe einfach darauf, dass Teil 4 richtig in die Vollen geht und durch die Vorarbeit von Teil 3 gut funktioniert.

    Alles in allem finde ich die Reihe trotzdem überbewertet. Sehe ich bei Harry Potter ebenso, halte den Erfolg jedoch für verdienter und das Gesamtwerk in sich für schlüssiger und wesentlich ausgefeilter.

  2. Ach ja, die Tribute von Gähn… pardon, Panem. Teil 1 fand ich solide, wobei mir an diesem hauptsächlich gestört hat, dass die Figuren nicht besser eingeführt worden waren. Als sich Katniss freiwillig meldete, um ihre Schwester zu schützen, löste das keine emotionale Regung bei mir aus – eben weil den Figuren keine Zeit eingeräumt wurde, sich zu etablieren.

    Teil 2 fand ich wesentlich besser, emotionaler und spannender, vor allem hier die gegensätzlichen Parts Katniss und Präsident Snow. Nach Teil 2 war mir jedoch bewusst, dass dieser nur so gut funktioniert, weil der erste Teil die Geschichte aufgebaut hat. Mit Spannung und Vorfreude erwartete ich Teil 3. Und wurde leider bitter enttäuscht. Total belanglos und absolut langweilig. Nur Geschwafel, keine echte Handlung, die zeigen würde, was denn jetzt eigentlich in den Distrikten und im Kapitol so vor sich geht. Alles Potenzial verschenkt, der schwächste Teil bisher. Einzig in der Szene, als sich die Bürger mit dem Lied auf den Lippen zum Aufstand erhoben, konnte mich bewegen. Aber was war das für ein plumper Anschlag auf den Staudamm?

    Übrigens hat mir Teil 1 von “Die Bestimmung” wesentlich besser gefallen. Mir kam alles schlüssiger vor, es berührte mich mehr und die Figuren wie auch die Story finde ich glaubhafter. Deine Rezensionen lese ich trotzdem gerne, auch wenn ich sie eher selten teile.

    1. Ist doch kein Problem, meinem Verständnis nach muss man Filmkritiken nicht lesen, bloß um die eigene Meinung bestätigt zu bekommen 😉 Andere Sichtweisen kennenlernen macht’s doch erst interessant!

    1. Stimmt schon, da hakt’s an vielen Stellen, aber immerhin hat sich die Reihe doch von Teil zu Teil gesteigert. Kann ja auch nicht jedes Franchise von sich behaupten 😉

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