ENEMY: Kritik zu Denis Villeneuves Psycho-Studie mit Jake Gyllenhaal (DVD)

Story

Der Geschichtsprofessor Adam Bell geht seinem geregelten, eintönigen Alltag nach: an der Uni referiert er im stets gleichen Wortlaut über die Vergangenheit, seine Freizeit verbringt er fast ausschließlich in einer kargen Wohnung, abends hat er Sex mit seiner attraktiven Freundin Mary, mit der er ansonsten aber so gut wie nichts teilt. Ein Kollege empfiehlt ihm eines Tages einen angeblich sehenswerten Film, gedreht in der gemeinsamen Heimatstadt Toronto. Adam leiht sich die DVD, lässt die Produktion teilnahmslos über sich ergehen, bis ihm im Traum in der anschließenden Nacht etwas ins Bewusstsein kommt: ein kaum weiter auffälliger Nebendarsteller in dem Film sieht ihm zum Verwechseln ähnlich. Der faszinierte Adam recherchiert nach dem Schauspieler und findet ihn unter dem Namen Daniel Saint Claire. Nachdem er dessen Agentur aufgesucht hat spürt Adam den Doppelgänger unter dessen bürgerlichem Namen Anthony Claire auf und nimmt telefonischen Kontakt auf, erreicht zunächst aber lediglich Anthonys verunsicherte Frau Helen, ehe der ebenfalls anfangs ablehnende Schauspieler sich zu einem Treffen mit seinem gespiegelten Gegenüber verabredet. Doch die Lage zwischen Adam, Mary, Anthony und Helen wird nach der Zusammenkunft zunehmend bizarrer: wie können die beiden einander bis auf’s Haar gleichen?…

Der Film

[ACHTUNG, die folgende, zum Teil sehr interpretative Kritik könnte Spoilertendenzen enthalten!]Ein beeindruckendes Thriller-Doppel, das Regisseur Denis Villeneuve und Schauspieler Jake Gyllenhaal da 2013 servierten: mit dem über zweieinhalbstündigen Entführungskrimikoloss „Prisoners“ gelang ihnen einer der besten Aufschläge des ganzen Jahres. Und mit der kanadisch-spanischen Produktion „Enemy“, noch vor „Prisoners“ gedreht, jedoch sehr viel später im Kino, lieferten sie ein zweites Ass. Für den Frankokanadier Villeneuve waren es die ersten Arbeiten in englischer Sprache und nach Filmen wie der Montreal Massacre-Aufarbeitung „Polytechnique“ und dem Drama „Incendies“ sorgte der Québecer sogleich für Assoziationen mit zwei Großmeistern des Thrillers: den beiden Davids Fincher und Lynch, „Prisoners“ der düstere und abgründige Thriller, „Enemy“ das undurchsichtige Psycho-Kammerspiel mit massig Interpretationsspielraum. Letzterer eine lose Umsetzung des Romans „O Homem Duplicado” des Literaturnobelpreisträgers José Saramago, ein sepiasatter Meta-Trip mit phobischer Symbolik und hypnotisch-surrealer Atmosphäre. Quasi der Film, den Til Schweiger in seinen gelbstichigen Albträumen sieht – um dann sowas wie „Sechsdarmenten“ zu drehen…



Im Gegensatz dazu ist „Enemy“ ein faszinierendes Verwirrspiel um Identität und Adaptation, darüber, wer man in verschiedenen Stadien seines Lebens ist oder bereit ist, zu sein. Ein Film über Obsessionsverdrängung und tiefgelagertes sexuelles Verlangen, über die gespannten Netze der Verantwortung und unterbewusste Gefangennahme. Eine hedonistische, misogyn-ödipale Psychostudie, ein Männerfilm: nicht im Sinne von Action, Explosionen und Muskelmachismo, sondern in maskuliner Eigenfaszination, in der gendertypischen Divergenz, wer ein Mann gezwungen ist zu sein und wer er gern wäre. Hier der unscheinbare, geduckte und biedere Lehrer Adam, der in Stangenware von der Vergangenheit erzählt, dort der motorradfahrende Schauspieler (also die Selbstflucht an sich) in Lederkluft und ichbewusster Körperhaltung, leidenschaftlich bis ins Obskure, statt berechenbar und vom Alltag in die Bedeutungslosigkeit gerissen.

„Enemy“ setzt auf Dualität, motivische Wiederkehr- und Gegenbilder, nicht nur beim doppelten Jake Gyllenhaal, der zu Anfang zweimal den gleichen Vortrag über Kontrolle hält, später Philosophen zitiert: »It was Hegel who said that all the greatest world events happen twice, and then Karl Marx added, the first time is a tragedy and the second time is a farce.« Durch kleinere und größere, lautere und leisere Hinweise konstruiert Villeneuve das Bild hinter den Bildern, zusteuernd auf eine Auflösung, die zwar einige Male den sprichwörtlichen Zaunpfahl schwenkt, die aber dennoch so konsequent wie ergiebig in ihrer Deutungsvielfalt ist und nicht auf den Pfad der Enttäuschung lockt, wie es viele solcher „was is’n hier eigentlich los?!?“-Filme tun, bei denen die Fragen interessanter als die Antworten geraten. Aber hier stammt das Script ja schließlich nicht von Damon Lindelof. Tatsächlich endet „Enemy“ auf einer sich einbrennenden Pointe, ein phänomenal-erschreckendes Schlussbild, ganz dem subjektiven Verstand selbstzwanghafter Verwahrung entsprungen, Liebe übergegangen in eine Fesselgestalt, die Lust in ihrem Wandel zur monogamen Ergebenheit abgeschlossen, der Schrecken eines sexuell manischen Geistes…



Unentwirrbar ist er sicher nicht, der Knoten, den Villeneuve und sein Star Jake Gyllenhaal mit „Enemy“ knüpfen: was kryptisch und bisweilen kafkaesk anmutet und mit der wiederkehrenden Spinnensymbolik in einen irrealen Phantasmus abgleitet, ist im Kern letztlich ein Fremdgeh- und Reue-Drama, eine zyklische Selbstbetrachtung aus Erinnerung, Gegenwart und Zukunftsangst. Doch die Perspektive, aus der Villeneuve dies seiner Betrachtung unterzieht, ist geschickt und lässt den Film auch über den Schluss hinaus auf mehr als einem (möglichen) Boden stehen. Gyllenhaal², der die Hauptrolle(n) nach den zuvor gehandelten Javier Bardem und Christian Bale übernahm, liefert die entscheidenen schauspielerischen Nuancen, um die Figuren Adam und Anthony voneinander zu trennen, erweckt zwei Kontraprodukte aus Verdrängung und Memorierung. Für Mélanie Laurent und Sarah Gadon hat diese Perspektive wenig Profilschärfe übrig, die beiden machen sich nackig und fügen sich in die oppositive Konstellation des Films.

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 4/5
Ähnlich wie letztens bei „Under the Skin“: könnte man unter „kein Kriterium“ buchen, aber die Unterbewusstseins-Reise des doppelten Gyllenhaal ist auf ihre Weise vielmehr eines der spannendsten Erlebnisse des Jahres!
Anspruch: 4/5
Psycho-Studie, die sich im Nachgang als Drama um Verantwortung und Reue, aber sicher auch auf ganz andere Weisen lesen lässt…
Humor: 0/5
Kein Kriterium.
Darsteller: 4,5/5
Ein starker Gyllenhaal, dessen Perspektive die weiblichen Co-Stars in ihrer Charakterzeichnung unterstehen.
Regie: 4/5
Die Vergleiche Denis Villeneuves mit David Fincher und David Lynch sind im Grunde so überflüssig, wie solche Vergleiche eben sind, verstecken muss sich der Kanadier mit dem Doppel aus „Prisoners“ und „Enemy“ aber sicher nicht vor den Meistern.
Fazit: 8/10
Atmosphärisch fesselndes Psycho-Drama mit gelegentlichen Thriller- und Horrorelementen, alles passig miteinander verbunden und trotz der übersichtlichen Laufzeit von unter neunzig Minuten keinesfalls ungenau oder übereilt in seiner Charakterzeichnung.

Mehr zum Film

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3 Kommentare

  1. Irgendwie ist es schon faszinierend, wie man aus einen recht gradlinigen und übersichtlichen Buch so einen „komplizierten“ Film machen kann. Ich hab mir den Film inzwischen dreimal angesehen, weiß aber immer noch nicht, was mir der Regisseur mit seiner Interpretation des Romans sagen möchte.

    1. Kann ich nicht beurteilen, hab die Vorlage nicht gelesen. Und mein eigenes Geschwurbel da oben kapier ich anderthalb Jahre nach dem Verfassen auch nicht mehr 😉

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