Stars im Portrait: EWAN McGREGOR


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Portrait

Typisch Hollywood ist es nicht, sein Grinsen: Teenies will er damit nicht zum Posterkauf treiben, da steckt keine Selbstzufriedenheit dahinter, nichts herablassendes, sondern pure, unverfälschte Begeisterung und die Offenheit, sich begeistern zu lassen. Manchmal erkennt man bei Ewan McGregor aber auch eine diebische Freude, als hätte er Hollywood bei einem Pokerspiel ordentlich beschissen und sei damit ungestraft davon gekommen. Denn wenn man sich Filme und Rollen des eigenwilligen Schotten betrachtet stellt man recht schnell fest, an dem Kerl ist nix typisch Hollywood und das so deutlich, dass man es fast schon für eine kalkulierte Masche halten könnte. Doch dafür ist McGregor schon wieder zu ehrlich, zu echt. Und genau damit, purem Charisma gepaart mit tabuloser Spielfreude, hat er es geschafft, die Traumfrabrik in den letzten Jahren um einige ihre begehrtesten Rollen zu „betrügen“ und sich trotzdem nie von ihr korrumpieren und in ein Image pressen zu lassen, das ihm nicht gerecht wird. Ganz nach dem Vorbild des schottischen Volkshelden William Wallace hat McGregor sich seine Freiheit erhalten.

Mit der Unterstützung seiner Eltern, immerhin beide Lehrer, aber im Falle seiner Mutter Carol auch mit schauspielender Verwandtschaft, ging Ewan Gordon McGregor im Alter von sechzehn Jahren frühzeitig und ohne Abschluss von der Crieff and Morrison Academy ab, um am Perth Repertory Theatre zu arbeiten. Ab 1988 studierte er, übrigens gemeinsam mit Daniel Craig, in London an der Guildhall School of Music and Drama. Ein halbes Jahr vor seinem Abschluss verließ er die renommierte Schule für ein Engagement in Dennis Potters Lipstick on your Collar (1993), einer TV-Produktion mit insgesamt sechs Episoden. Ebenfalls 1993 gab er sein Spielfilmdebüt in einer kleineren Rolle in „Being Human“, dessen Cast von Größen wie Robin Williams, John Turtorro, Bill Nighy und Vincent D’Onofrio angeführt wird. Ein Jahr später arbeitete McGregor erstmals mit dem britischen Regisseur Danny Boyle zusammen und wurde für sein Mitwirken in dessen schwarzer Komödie Kleine Morde unter Freunden (1994) prompt mit dem Empire Award als Bester britischer Darsteller ausgezeichnet.



Das war aber noch nichts gegen den Erfolg, den Boyles Verfilmung eines Romans von Irvine Welsh, der wilde Drogentrip Trainspotting (1996), mit sich brachte. Als Heroinabhängiger, der sich mit seiner Clique durch die schottische Hauptstadt Edinburgh schlägt, setzte Ewan McGregor sein bereits kurze Zeit nach Erscheinen des Films kultig verehrtes Brandzeichen und erhielt gleich mehrere Preise als Bester Schauspieler seines Landes. Sauferfahren, wie er ohnehin war, dachte McGregor aus Authentizitätsgründen an echten Drogenkonsum, begnügte sich aber mit dem Verlust von fünfzehn Kilogramm an Körpergewicht und schuf mit Mark Renton einen Charakter, der voll den Nerv einer Generation traf, die noch heute Haustiere nach ihm benennt und dessen »I chose not to choose life«-Monolog vom Beginn des Films nicht wenigen als Lebensmotto galt/gilt. Nach seiner Hochzeit mit der französischen Produktionsdesignerin Eve Mavrakis im Juli 1995, dem Erfolg von Trainspotting und der Geburt seiner ersten von inzwischen drei Töchtern im Februar 1996 erlebte McGregor Mitte der 1990er ein berufliches wie privates ‚goldenes Zeitalter’.

Dem Ruf des Mainstream blieb Ewan McGregor zunächst fern, spielte in Peter Greenaways Die Bettlektüre einen bisexuellen Übersetzer, die Jugendliebe einer Wirtschaftsprüferin in der britischen Arbeiterklasse-Komödie Brassed Off und einen charmanten Galan in der Jane Austen-Adaption Emma (alle 1996). Nach einem Gastauftritt in der dritten Staffel der Erfolgsserie Emergency Room folgte mit Nightwatch die erste Hollywood-Hauptrolle. Das Remake des gleichnamigen dänischen Originals von 1994, in beiden Fällen inszeniert von Ole Bornedal, geriet zwar solide, aber nicht sonderlich erfolgreich. Im Anschluss an die britisch/deutsch/französische Co-Produktion The Serpent’s Kiss begingen McGregor und Danny Boyle mit A Life Less Ordinary (alle 1997) ihre dritte Zusammenarbeit. In der durchgeknallten Geisel-Komödie spielt er neben Cameron Diaz, Holly Hunter und Stanley Tucci und erhielt seinen nächsten Empire Award. In Todd Haynes Rückblick auf die GlamRock-Ära, Velvet Goldmine (1998), ist McGregor gemeinsam mit Christian Bale, Jonathan Rhys-Meyers und Toni Collette zu sehen und spielt einen geschlechtsübergreifenden Sex und Drogen konsumierenden Sänger, der an Iggy Pop angelehnt ist.



Die Erstklassigkeit seines mimischen Könnens mit noch nicht einmal dreißig Jahren mehrfach bewiesen, sich dabei aber nicht bloß zum Kritikerliebling aufgeschwungen. Ewan McGregor hatte sich derart wenig um ein gelacktes Image gekümmert, hatte beinahe mehr männliche, denn weibliche Schauspielkollegen geküsst, sich ohne großartige Muskepakete vor Nacktheit nicht gescheut und sein Privatleben wunderbar bodenständig von jeder Form der Öffentlichkeit separiert, dass auch dem Filmfan nichts anderes als Sympathie für den Schotten übrig blieb. Und dann kam das Angebot eines gewissen George Lucas, der diesen für Hollywood-Verhältnisse widerspenstigen Typen (der aber noch nicht einmal aus dieser Widerspenstigkeit prestigefördernde Maßnahmen ableitete) zur Weiterführung einer der ikonographischsten Rollen der Filmgeschichte wollte. Entgegen dem Rat seines Onkles Denis Lawson, der Wedge Antilles aus der Original-Trilogie, übernahm McGregor den Part des Obi-Wan Kenobi in Star Wars: Episode I – The Phantom Menace (1999). Dem weltweiten Hype folgte, besonders unter Hardcore-Fans, eine bittere Ernüchterung. McGregor selbst sprach offen über die frustrierenden Dreharbeiten, die hauptsächlich vor Green Screens stattfanden und outete den Dreh derartiger Effektspektakel als für einen Schauspieler hassenswerte Erfahrung. Mehrere Lichtschwertdoubles fielen seinem Zorn zum Opfer, dennoch ist McGregors Performance in den Fußstapfen des großen Alec Guiness einer der wenigen nicht-technischen Lichtblicke des ersten Prequels, sein Obi-Wan insgesamt der menschliche Stabilisator der neuen Trilogie und er blieb von den teils gnadenlosen Verrissen verschont.

Nach dieser ersten Blockbuster-Unternehmung spielte Ewan McGregor in den kleineren Produktionen Das schnelle Geld – Die Nick-Leeson-Story, Das Auge (beide 1999) und der Biographie Nora (2000). In Buz Luhrmanns grell-genialem Musical Moulin Rouge glänzte er darstellerisch wie gesanglich als Schriftsteller Christian und wurde dafür mit zahlreichen Filmpreisen ausgezeichnet und nominiert. Ridley Scotts Kriegsdrama Black Hawk Down (beide 2001) um die Schlacht von Mogadischu folgte 2002 mit Attack of the Clones die zweite Star Wars-Episode, die etwas wohlwollender aufgenommen wurde. Es folgten die 60ies-Huldigung Down with Love mit Renée Zellweger, ein weiterer Nacktauftritt nebst Tilda Swinton in Young Adam und Tim Burtons märchenhafter Big Fish (alle 2003). Gemeinsam mit seinem Freund Charley Boorman und Kameramann Claudio von Planta begab sich McGregor 2004 auf eine Marathonreise mit dem Motorrad, die das Trio über eine Gesamtdistanz von fast 36.000 Kilometern von London, über die Ukraine, Russland, Sibirian, Kazakhstan, die Mongolai und Kanada bis nach New York führte. Unter dem Titel Long Way Round (2004) wurde der Trip zu einer erfolgreichen TV-Serie einem ebensolchen Buch verarbeitet.



2005 versöhnte der düstere Star Wars: Episode 3 – Revenge of the Sith Fans und Kritiker, im gleichen Jahr floppte Michael Bays Die Insel mit McGregor und Scarlett Johansson in den Hauptrollen gewaltig, während Marc Forsters Mysterie-Drama Stay zu überzeugen wusste. Einige Zeit galt McGregor als Favorit für die Nachfolge von Pierce Brosnan im kommenden Bond, Casino Royale. Allerdings wollte er nach Obi-Wan keine weitere derart im kollektiven Bewusstsein des Publikums verankerte Figur verkörpern und lehnte zugunsten von Studienkollege Daniel Craig ab. Im folgenden Jahr sah man McGregor also stattdessen im Teenie-Spionagefilm Stormbreaker, der Dramödie Scenes of a Sexual Nature, sowie in der Kinderbuchautorinnen-Biographie Miss Potter mit Renée Zellweger und 2007 in Woody Allens Cassandras Traum. In Long Way Down (2007) unternehmen McGregor und Charley Boorman ihre zweite große Motorradtour, die diesmal über eine Distanz von 24.000 Kilometern von Scottland bis ins südafrikanische Kapstadt führte. Dabei durchreisten sie neben Engalnd, Frankreich und Italien unter anderem auch Libyen, Ägypten, Äthiopien und Kenia. Einen Teil der Reise wurden sie von McGregors Frau Eve begleitet.

Nachdem dieses zweite Abenteuer bestanden war, spielte Ewan McGregor in seinen beiden folgenden Projekten an der Seite von Michelle Williams, zunächst in Incendiary, dann in Deception (beide 2008), in dem sie sich gegen einen aalglatten Hugh Jackman zur Wehr setzen müssen. 2009 trat McGregor neben Tom Hanks in Ron Howards Illuminati auf, außerdem im starbesetzten The Men who stare at Goats mit George Clooney, Kevin Spacey und Jeff Bridges. Im kleinen Rahmen startete im Oktober das Bio-Drama Amelia. Der Start von I Love You Phillip Morris, in dem sich Zellengenosse Jim Carrey in McGregor verliebt, ist für Anfang 2010 angesetzt, vorraussichtlich in jenem Jahr wird er außerdem in Roman Polanskis The Ghost, neben Eva Green in The Last Word und in der WorldWarII-Satire Jackboots on Whitehall auftreten. Damit ist Ewan McGregor bestens im Geschäft und wird das Publikum weiterhin sympathisch unterhalten und immer wieder auch weit ab vom Mainstream zur Entdeckung von Charakteren herausfordern, die dank seiner Vielseitigkeit und den aus allen Rahmen des Herkömmlichen ausbrechenden mimischen Fähigkeiten des Stars erlebenswert werden. Und zu Hause beömmelt er sich dann, wenn auf den massentauglich-züchtigen Blockbuster der nächste schwengelschwingende Nacktauftritt in einem Indie-Film folgt und Hollywood ihm das mal wieder durchgehen lässt…

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