EXODUS: GODS AND KINGS – Kritik zu Ridley Scotts Bibel-Epos mit Christian Bale (DVD)

Story

Im Jahr 1.300 vor der Geburt Jesu Christi: seit 400 Jahren leben die Israeliten unter dem Joch der Ägypter und verrichten Sklavenarbeit für die Pharaonen und das privilegierte Volk, erbauen Paläste und Monumente und werden selbst gehalten und malträtiert wie Vieh. Am Hofe des Herrschers Seti indes sind dessen leiblicher Sohn Ramses und der besonnene Moses wie Brüder aufgewachsen, ihre Beziehung zueinander geprägt von gegenseitiger Anerkennung und einem steten Wettstreit ihrer Talente. Und auch wenn die Thronfolge Ramses als nächsten Herrscher vorsieht, so ist es doch Moses, der in Setis Gunst höher steht als das eigene Kind. Eines Tages reist Moses ans Ramses‘ Stelle nach Pithom, um den Stadthalter Hegep zu sprechen, der einen Aufstand der Sklaven fürchtet. Doch als er von einem der Ältesten der Hebräer um ein Treffen gebeten wird erfährt der ägyptische Prinz von einer unglaublichen Geschichte: Moses selbst soll ein Israelit sein, von seiner Mutter ausgesetzt, als der Pharao vor Jahren die Erstgeborenen der Sklaven töten ließ. Einige Zeit später und nachdem er den Thron von Seti geerbt hat kommt auch Ramses die Herkunft seines „Bruders“ zu Ohren, woraufhin Moses aus Ägypten verbannt wird und nach einer ewigen und mühseligen Wanderung in einem einfachen Hirtendorf unterkommt und eine Familie gründet – bis ihm neun Jahre später Gott begegnet und Moses entsendet, um die Hebräer aus Ägypten zu befreien und in ihre Heimat zu führen…

Die Filmkritik

„Alien“, „Blade Runner“, „Gladiator“ und „Kingdom of Heaven“ – vier Meisterwerke und persönliche All Time Favorites hat Ridley Scott in der Filmografie stehen, jeweils zwei in den Bereichen Science Fiction und Historien-/Monumentalfilm. Doch einer der großen Visualisten des Kinos, dessen Zenit einige ja bereits seit den 1990ern oder spätestens nach dem Oscar-gekrönten Kolosseum-Epos „Gladiator“ im Jahr 2000 für überschritten halten, hat zuletzt doch deutlich an cinematorischer Potenz verloren. Scotts „Robin Hood“-Reboot enttäuschte, die lang erwartete Rückkehr zur SciFi „Prometheus“ war von der dramaturgischen Brillanz von „Alien“ so weit entfernt wie LV-223 von der Erde und mit der prosaischen Cormac McCarthy-Adaption „The Counselor“ wurden nur wenige warm. Visuell, im Gestalten von Welten und komponieren von Bildern ist der 77-jährige zwar kein bißchen altersmüde, mehr als das hat er zuletzt aber nicht aus zugegebenermaßen durchwachsenen Scriptvorlagen herausgeholt. Und nun kommt der Bibel-Monumentalfilm „Exodus: Gods and Kings“, wieder was historisch-monumentales, wieder was mit gewaltigen Bildern, wieder was auf dem Papier verkacktes…
Christian Bale in EXODUS GODS AND KINGS
…und um niemanden zu erzürnen: damit ist nicht die biblische Grundlage gemeint, sondern die Umsetzung des Drehbuchquartetts Adam Cooper, Bill Collage, Jeffrey Caine und Steven Zaillian, sowie Scotts in jeder Hinsicht unzulängliche Übersetzung auf die Leinwandbreite. Wer die Geschichte vom Findelkind und Propheten Mose kennt, ob nun direkt aus dem Buch der Bücher oder aus einer der Verfilmungen (von Cecil B. DeMilles fast vierstündigem „The Ten Commandments“ bis zur Animationsversion „The Prince of Egypt“), der kann sich „Exodus: Gods and Kings“ von vornherein sparen, denn der Film ist kaum mehr als ein Best of der biblischen Begebenheiten und das noch bloß in der light Version. Ein auf Diät gesetztes Epos, das zwar ganz üppig aussieht, unter der Oberfläche aber nur ausgedörrte Magerkost bietet. Wie man auch zur heiligen Schrift stehen mag, die mythische Exoduserzählung von der Knechtschaft über Moses bis zur Befreiung der israelitischen Sklaven ist rein nach Storytellingmaßstäben beurteilt ziemlich großartig, emotional komplex mit tragödialen Klimaxen, eine Sage von überwältigender Größe und Tragweite (zur Not betrachtet man’s halt als Fantasy-Abenteuer, wenn die Nummer mit Gott gar nicht klargeht 😉 ).

Dem wird Ridley Scott mit „Exodus: Gods and Kings“ nicht im Mindesten gerecht, da ist kein erzählerisches Fleisch dran an seinem Film, der mit der Schauwertgüte eines modernen Blockbusters aufwartet, aber beim Geschichte erzählen versagt und sich den Sehgewohnheiten eines rein spektakelfixierten Publikums zu verschreiben verpflichtet fühlt, Snack-Kinogängern, die alles schnell fertig serviert haben wollen und nicht auf Nährwerte achten. Wo DeMille das alttestamentarische Epos in monumentale Breite walzte und die nichtmal halb so lange DreamWorks-Adaption immerhin die prägnantesten Punkte gekonnt betonte setzt Scotts Film auf Verkürzung, Aussparung, Schwerpunktverschiebung, Raffung, eine viel höhere Schlagzahl bei seiner gehetzten „Ereignis, Ereignis, Ereignis!“-Abfolge, die kaum Ruhe zulässt und keinerlei Gravitas aufbaut. Schnöde Texttafeln sagen zu Anfang mehr vom Leid der Sklaven, als das der Film es zu begreifen scheint, die Bindung zwischen Moses und Ramses wird nicht etabliert, sondern in den ersten paar Szenen von einer fadenscheinigen Prophezeiung entdröselt und den Weg vom ungläubig-rationalen Prinzen von Ägypten hin zum gläubigen Gottesjünger rauscht „Exodus: Gods and Kings“ nur so durch.
Joel Edgerton in EXODUS GODS AND KINGS
Christian Bale („Batman Begins“, „The Dark Knight“) und Joel Edgerton („Warrior“, „The Great Gatsby“) waren wohl noch nie so gut gebräunt, aber auch selten so blass wie in ihren abgespeckten Abbildern von Moses und Ramses, können für sich genommen hier und da mal ein schauspielerisches Glanzlicht setzen, kommen in ihren Dialogen und acting manirsms aber zu anachronistisch rüber, blenden wie die gesamte Besetzung nie so überzeugend in Kostüme und Sets über, dass das Historienspektakel nicht jederzeit wie nachgestellt wirken würde. John Turturro kann man nach seinen fremdschämigen Ausflügen mit den „Transformers“ generell nicht mehr ernst nehmen, so auch hier nicht als sorgenvollen Pharao, der ewige Ben Kingsley ist unter »hey, it’s Ben Kingsley…« abzubuchen, über Sigourney Weaver und ihre intrigante Königin Tuja wird mehr geredet, als dass sie selbst zu Wort käme und dann kommt sie wie so vieles, das in „Exodus: Gods and Kings“ anklingt, schnell überhaupt nicht mehr vor.

In die Moderne hallende Ansätze wie der Fanatismus eines Gottglaubens und die terrorallegorischen Methoden der Israeliten und ihres himmlischen Glaubensoberhauptes versanden in ihrer Stichpunktartigkeit und im Effektgewitter, das „Exodus: Gods and Kings“ heraufbeschwört, wenn der zürnende Herr die Ägypter mit den zehn Plagen straft. Genau wie Moses’ Weg werden auch die zacke zacke aneinander montiert, nichts kann wirken und während Gott nach dem Roland Emmerich-Plagiatspreis trachtet wird der Konflikt der „Brüder“ behandelt, als hätte dieser damit überhaupt nichts zu tun, als wäre es nicht essentiell für die Exodus-Geschichte, dass ihre gemeinsame Tragik und Auseinandersetzung im Mittelpunkt des apokalyptischen Zornessturmes steht. Bales Moses tritt nicht prophetisch auf, sondern steht meist nur daneben, wenn sein Gott die Katastrophenshow orchestriert, Edgerton kommt nicht über eine lapidare Dimension von Bockigkeit hinaus, seinerseits nur die light Version von Vatermörder Commodus aus Scotts „Gladiator“.
Christian Bale, Aaron Paul und Ben Kingsley in EXODUS GODS AND KINGS
Dass „Exodus: Gods and Kings“ den Geisteszustand Moses und die Ursache der Plagen hinterfragt und in ein Erklärkorsett zwängt folgt Hollywoods jüngstem Entmystifizierungstrend, kann aber überhaupt nicht neben der symbolischen und dramaturgischen Kraft bestehen, mit der die Inszenierung „wahrer Wunder“ und Moses als deren Bote einherginge. So kommt’s halt rüber, als käme der Befreier nur mal kurz in Ägypten vorbei, schwafelt sowas wie »Hey, seht ihr diese ganzen absurd wirkenden Wetter- und Umweltphänomene, von denen eigentlich eines total naturgesetzmäßig auf’s andere folgt? Das macht mein Gooooooottttt!!!« und dann erwartet, damit durchzukommen. Nur kann sich die Geschichte dem übernatürlichen Gotteswirken in letzter Konsequenz natürlich nicht vollkommen entziehen und schmeißt den ganzen weltlicheren Ansatz zwangsläufig selbst wieder um und macht ihn völlig überflüssig. Einen Film nur oder mehrheitlich für Bibelnerds könne man heutzutage nicht mehr machen, meint Ridley Scott sinngemäß im Audiokommentar über „Exodus: Gods and Kings“. Ein halb durchdachter Zwitter aus fundierter Darlegung und den Vernunftsgesetzen entsagendem Glauben ist doch aber kompletter Quatsch. Dann sollte man so einen Film einfach überhaupt nicht machen. Das wäre hier sowieso die beste Entscheidung gewesen…

Wertung & Fazit

Action: 2.5/5

Zu Anfang gibt’s generisches Schlachtengetümmel statt sorgfältigem Figurenaufbau, später kommen die Plagen wie Roland Emmerichs Katastrophenkino über Ägypten: erschöpfend und eine Geschichte mehr ersetzend, als ergänzend.

Spannung: 1/5

Die Geschichte ist bekannt, ihr dramaturgisches Potenzial bleibt auf der Strecke und die paar frischeren Ansätze des Films sind kaum der Rede wert…

Anspruch: 1/5

Mit viel zu großer Hast rasiert der Film den Exodus-Mythos auf’s Gröbste runter.

Humor: 0/5

Kein Kriterium.

Darsteller: 2.5/5

Das Whitewashing ist fragwürdig und gerade in den vielen Nebenrollen, die hier mit großen Namen besetzt sind aber kaum Screentime bekommen, ärgerlich und nicht nachvollziahbar. Bale und Edgerton tun ihr Möglichstes, können aber auch nicht entscheindend dagegen an, dass die Präsentation der Moses-Geschichte hier kaum Interesse an ihnen zeigt.

Regie: 2/5

Schicke Bilder, Ridley Scott. Mehr is’ wieder nicht.

Film: 2/10

„Exodus: Gods and Kings“ löst vielleicht in ein paar Jahren Cecil B. DeMilles Monumentalfilm-Klassiker „The Ten Commandments” im Osterprogramm der Privatsender ab, was die Geschichte von Moses so groß macht wird danach aber niemand mehr verstehen. Scott liefert eine emotional und dramaturgisch kastrierte Version der Bibel-Saga, die an den verkehrten Stellen auf die Rationalisierung göttlicher Wunder setzt und alles viel zu überhastet runterrasselt.

5 Kommentare

  1. Ich persönlich finde, “Gladiator” ist einer der überbewertetsten Filme aller Zeiten. Kann den nicht ausstehen und nicht nachvollziehen, warum der soviel Lob gekriegt hat. Flach und öde (commodus und die Action machen aber Spaß). “Kingdom of Heaven” finde ich aber ziemlich gut. Robin Hood war okay und Prometheus furchtbar. Diesen hier habe ich noch nicht gesehen, aber habe allgemein nicht viel Gutes gehört und mir auch ähnliches gedacht. Gute Review wie immer.

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