FELONY: Kritik zum australischen Cop-Drama mit Joel Edgerton & Tom Wilkinson (DVD)

Story

Sydney: bei einer Razzia setzt Detective Malcolm „Mad Mal“ Toohey ein entscheidendes Zeichen im Kampf gegen eine Drogenorganisation und steht kurz vor der Zerschlagung des Schmugglerringes. Nachdem er sich während des Einsatzes eine Kugel in die schusssichere Weste gefangen hat gibt es anschließend gleich doppelten Grund zu feiern, den Ermittlungserfolg ebenso wie die Tatsache, dass Toohey mit einem ordentlichen Bluterguss davongekommen ist. Auf dem Nachhauseweg wird der hochgelobte und angeheiterte Cop jedoch in Ereignisse verwickelt, die sein Leben und seine Karriere zerstören könnten: unachtsam rammt Toohey mit der Wagenseite einen Jungen vom Fahrrad, der mit schweren Kopfverletzungen liegen bleibt. Statt den wahren Tathergang zu schildern verwickelt sich der Detective in ein Lügenkonstrukt, demnach er lediglich als Ersthelfer am Tatort einer möglichen Fahrerflucht zugegen war. Als der erfahrene, zynische Detective Sergeant Carl Summer eintrifft, der selbst gerade mitten in der Observierung eines Falles von Pädophilie steckt, stützt er Tooheys Lüge, um die Polizei nicht in Verruf zu bringen und die anstehenden Ermittlungserfolge nicht zu gefährden. Doch Summers junger Partner Jim Melic, gerade erst nach Sydney versetzt, traut der Geschichte nicht und lässt in seinem Idealismus nicht locker, Toohey überführen zu wollen…

Die Filmkritik

Joel Edgerton in FELONY
Nach dem Selbstfindungs-Trip „Tracks“, der Postapokalypse-Depression „The Rover“ und dem schnarchigen Gangster-Thriller „Son of a Gun“ lässt sich mit „Felony“ mal wieder eine australische Produktion blicken, diesmal ein moralgetränktes Cop-Drama aus der Feder von Hauptdarsteller Joel Edgerton. Dieses Quartett jüngeren Känguru-Kinos teilt die Eigenschaft, sich auf ausgetretene Pfade zu begeben, trotzdem enorm vielversprechend zu wirken – und letztlich mehr oder minder den Erwartungen nicht gerecht zu werden. Den Plot vom Cop, der in eine Unfalltragödie verwickelt wird und daraufhin einen Schutzmantel aus Lügen und Tatsachenverfälschungen übergestreift bekommt, gab es so ähnlich in James Mangolds „Cop Land“, Edgerton verlagert die Schwerpunkte der Story und verteilt sie auf die drei Schulterpaare der Detective-Fronten: seinen eigenen fallen Hero Toohey, den verschlagenen old school Sergeant Summers und den idealistischen Rookie Melic.

Drei Cops im Standpunktwettstreit mit- und gegeneinander und mit sich selbst, dazu drei Kriminalfälle, von denen der scheinbar unbedeutendste und für’s Sozialwohl entbehrlichste ausgerechnet der ist, der das triologische Dilemma auslöst. Edgerton entwirft mit seinem Script ein einnehmendes Szenario, der Film baut sich ruhig auf, die Lagerhausschießerei zu Beginn ist keine stilisierte Actionballade, sondern rauer Razziaalltag, die lange Sequenz des alles verändernden Unfalls entwickelt eine starke Sogwirkung mit dem um Fassung und Ausreden ringenden Edgerton, den ein kurzer Moment der Unachtsamkeit Karriere und Familienleben kosten könnte, sollte er sich zu Ursache und Konsequenz seines Fehlers bekennen. Der Film verteilt die Rollen gekonnt, Edgerton spielt den Cop nuanciert, der sich in einem verzweifelnden Augenblick seiner Profession zu vergegenwärtigen und die Situation zu handeln versucht.
Tom Wilkinson in FELONY
Ein Auftakt, der ein intensives Psycho-Kammerspiel und Charakterdrama verspricht, doch man merkt „Felony“ an, dass in Edgertons Gedanken zuerst die „Cop vertuscht Unfallschuld“-Idee kam und das das einen guten Aufhänger für eine Moralexkursion über Sünde und Verantwortung hergeben würde. Nur ist das noch keine Story, sondern lediglich ein Ansatz, den „Felony“ ausreichend zu entwickeln versäumt oder nicht die richtigen Methoden wählt. Edgertons Geschichte errichtet zwei ethisch getrennte Säulen des Schuldbegriffes; die eine Tat, die ohne böse Absichten ausgelöst wurde, und die andere Tat, die in böser Absicht begangen wurde: während Detective Toohey mit seinem Gewissen ringt sind seine Kollegen Summer und Melic einem Pädophilen auf der Spur, Toohey selbst geht gegen einen Drogenring vor und hat einen entscheidenden Durchbruch erreicht, und obwohl „Felony“ am Ende nicht nach DER moralisch korrekten Antwort fahndet stellt er doch plakative theoretische Modelle nebeneinander.

Darf der „gute“ einheimische Cop ungestraft davonkommen, wenn er aufrecht gegen immigriertes Verbrechen angeht? Und muss dafür dem im Gesellschaftsbild niedersten Sexualstraftäter-Abschaum nicht viel schärfer nachgegangen werden und müssen die Justizurteile da nicht weit heftiger ausfallen? Zugestanden, die Fragen in „Felony“ sind komplexer als diese zwei Vereinfachungen, die Falllage aber ist nicht nur auffallend konstruiert, sondern in einem Wertekodex verortet, der was von Kneipenrunde und Stammtischgegröle hat. Die straftätliche Relevanz eines Unfalls und eines Kinderschänders gegenüber zu stellen ist ein Extrembeispiel, eine Mausefallenkonstellation, die auf einer Ebene dazu verleitet, die Schuld des Cops als vergleichsweise gering abzutun, was der Film so natürlich nicht meint, es aber als gedankliche Kerkereinrichtung anlegt, in der man sich unweigerlich zu verstolpern droht.
Melissa George und Joel Edgerton in FELONY
Das schärft die Zeichnung von Tooheys Dilemma aber nicht, dem „Felony“ sogar die Kraft nimmt, es weniger ausfeilt, indem es ihm dem Vergleich mit der sehr dünnen Kinderschänder-Sub-Ermittlung aussetzt. Es hätte keines solchen krassen Kontrastes im Auslegen eines Begriffes von Vorwerfbarkeit bedurft, um Tooheys verhängnisvolle Lüge in ihrer Notwendigkeit auszuloten, der Film hätte genug gehabt, anhand dessen er den Kompass des Cops ins Schlingern hätte bringen können: seine Bedeutung für die Drogen-Ermittlungen, die psychischen Auswirkungen, nachdem auf ihn geschossen wurde, der aufwallende mentale Stress nach dem Unfall mit jeder Verschlechterung des Zustandes des Jungen im Krankenhaus, Tooheys Familie – wenn der Film sich auf diese Punkte stützt, sofern er sie überhaupt nutzt, entwickelt er Intensität, lässt Edgertons Blicke sprechen, findet in seiner Ruhe zu Anspannung und emotionalem Ballast, unterstützt von einer zurückhaltend-akzentuierenden Musik…

…aber diese Stimmung verpufft, wenn „Felony“ dann wieder im bemühten Streben einer Erhöhung seiner eigenen Meinungsimmunität darauf zurückkommt, dass Verbrechen nicht gleich Verbrechen ist und ein Verbrechen schlimmer als ein anderes sein kann, um einen Standpunkt herauszufordern, um dem aus erhöhter Lage ’ne Nase zu drehen und um den es hier eigentlich gar nicht geht. Die Frage des Plots und der ersten Viertelstunde ist doch nicht: wie viel Schuld hat der Unfall-Cop im Vergleich mit einem Kinderschänder! Auch nicht: wie viel Schuld hat er generell? Sondern wie ist diese Schuld zu ertragen, wie kann er damit klarkommen, wo ist sein Beitrag wichtiger als seine Bestrafung und kann man das überhaupt abwägen und beurteilen, muss es eine Konsequenz geben für die Scheiße, die er gebaut hat, oder schützt ihn sein Status? Edgertons Script behindert, nicht befördert diese Kernfragen, indem er den Pädophilie-Nebenstrang so betont wie luftleer in den Raum stellt, in dem sie herum schwirren.
Tom Wilkinson, Jai Courtney und Joel Edgerton in FELONY
„Felony“ ist nun kein schlechter Film, hat seine sehr guten Momente vor allem auf Seiten des Schauspiels zu verbuchen, doch er erreicht nie die Höhen und Falltiefen, nach denen der Plot und sein zentrales Dilemma sich strecken. Edgertons Schuld-Synonyme sind einfach zu platt angelegt, um dem Drama die Tiefe zu geben, das die Ausgangslage verspricht, er versucht mit einem gesellschaftlichen Konsensthema in dessen oberflächlichster Betrachtung für moralische Spannbreite zu sorgen, wo Konzentration auf den Kern genügt hätte, um eine spannende Charakterstudie zu entwerfen. Die Darsteller machen ihre Sache gut, neben Edgerton überzeugen Tom Wilkinson und Melissa George als Tooheys Frau, die mit in sein Lügengeflecht gerät und eine schreckliche Entscheidung für das Wohl ihrer Familie treffen muss. Über Jai Courtney („Terminator Genisys“) hingegen lässt sich einmal mehr wenig Gutes sagen, dem Bengel fehlt auch in „Felony“ jedes Charisma, seine Rolle ist zudem die am schwächsten angelegte: ein weniger unbeholfener Rookie ohne Ansehen, der außerdem nicht in einem Creep-Move versucht, die Mutter des Unfallopfers klarzumachen, hätte dem Film besser gestanden. Sowie „Felony“ sich eine lächerliche Wendung kurz vor Schluss hätte sparen sollen. Und den halbgaren Schluss selbst.

Wertung & Fazit

Action: 0.5/5

Kaum ein Kriterium, ruhig erzählt mit ein paar gezielten Ausbrüchen.

Spannung: 2/5

Kein Whodunit zum fiebernden Miträtseln, die Spannung ergibt sich aus dem moralischen Dilemma, wird aber nur selten ausgespielt.

Anspruch: 2/5

Realitätsbetontes Drama einerseits, mit grobem Taktstock zusammenkonstruiert andererseits. Steckt mehr drin, als Edgerton mit seinem Script rausholt.

Humor: 0/5

Kein Kriterium.

Darsteller: 4/5

Edgerton ist stark, ebenso Wilkinson. Courtney leidet neben seiner zu schwach und lappig angelegten Rolle an seinem mittlerweile gewohnten Talentmangel.

Regie: 2.5/5

Zum Teil sehr stimmungsbewusst gefilmt.

Film: 5/10

„Felony“ deutet ein starkes Psycho-Drama an, setzt dann aber zu sehr auf platte Moralvergleiche, um seine Schuldrechnungen aufzustellen.

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