Filmmusik – CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR, Henry Jackmans Score in der Kritik

Der Score (Kritik von Lasse Vogt)

Musik komponiert von Henry Jackman

Der dritte Marvel-Film mit dem Superpatrioten als Leading Man ist angelaufen und bekommt nicht nur großen Kritiker-Zuspruch, auch dem Volk gefällt´s. Es ist zudem die zweite Runde für Komponist Henry Jackman, seinen Beitrag zum MCU zu leisten. Er löste Alan Silvestri und seine klassisch-heroische Komposition des ersten Films für „The Winter Soldier“ ab und verpasste dem Streifen einen eher durchschnittlichen Score mit viel Elektronik und wenig Platz für ein heldenhaftes Thema. Das war natürlich auch dem Film geschuldet, „Civil War“ hingegen präsentiert auch viele andere Superhelden im Kampf gegeneinander und da sollte doch sicher mehr drin sein. Und tatsächlich: der Soundtrack von „Captain America: Civil War“ ist ein deutlicher Schritt nach vorne im Vergleich zum Vorgänger, aber trotzdem lange nicht der beste musikalische Beitrag zum cineastischen Marvel-Universum.

Das große Problem von Jackmans Score ist, dass er teilseise zu anonym und ziellos klingt, um die Titel gezielt den jeweiligen Szenen zuordnen zu können. Die wirklich guten Tracks beginnen erst ab der zweiten Hälfte, davor fehlt der Musik – bis auf einige Ausnahmen – eine klare Linie oder gar Identität, von einem echten Leit-Motiv ganz zu schweigen. „Siberian Overture“ beginnt gleich mit einer leisen, aufsteigenden Spannungs-Melodie, vorgetragen mit Holzbläsern, Streichern und rollenden Trommeln, welche von einem schrillen, unirdisch klingenden Klagelaut abgelöst wird. Bei 2:24 setzt dann erstmals ein kurzes Statement der Helden-Töne ein, schmetternd und erhaben, welches das Marvel-Logo untermalt. „Lagos“ präsentiert ab 0:50 die erste Action, düster, militärisch und laut. „Consequences“ lässt die Streicher tragisch aufspielen, „Ancestral Call“ lässt zu Anfang interessant klopfende Percussion anklingen, danach vermittelt die Musik durch eine fremdartige Holzbläser-Stimme, Celli und Hörner gedankenverlorene Traurigkeit. „Zemo“ bringt die Spannungs-Melodie vom Anfang wieder zurück und funktioniert von da an als Thema des von Daniel Brühl finster gespielten Schurken. „The Tunnel“ ist ein weiterer Action-Titel und untermalt eine rasante Verfolgungsjagd zwischen dem Winter Soldier, Black Panther und dem Cap. Bei 1:02 werden die hellen Blechbläser-Klänge, welche Teil von Steve Rogers Erkennungs-Melodie sind, in den ansonsten von schnellen Streichern und Percussion dominierten Track eingeflochten.

„Celestial Bodies“ verschafft dem Hörer eine Verschnaufpause und überrascht mit ruhigem Glockenspiel und leisen Geigen-Stimmen, wohingegen „Boot Up“ mithilfe von leisen Gongs und elektronischem Geklacker und Streichern die Spannung zurückbringt, auch das Thema für Zemo kehrt wieder, inklusive des schrillen Grusel-Tons. Der Track wird immer lauter, bis er ab der Hälfte größtenteils nur noch aus dem unheimlichen Klagelaut besteht. „A New Recruit“ ist da viel besser, hier scheint tatsächlich so etwas wie eine Themen-Entwicklung stattzufinden, Klavier, leise Trompeten, Holzbläser sowie sachte Streicher formen einen schönen Titel für Peter Parker, dem Thema für Eggsy aus „Kingsman: The Secret Service“ nicht unähnlich. Am Ende hört man gar drei aufsteigende Blechbläser-Töne, die dem Ende des „Iron Man 3“-Motivs von Brian Tyler sehr ähneln. Ausladend und gewaltig ertönen die Hörner in „Stepping Up“, „Standoff“ fängt mit einem Teil-Statement des Helden-Themas an (welches nicht nur dem Cap, sondern der gesamten Gruppe gilt), kurz vor der Hälfte beginnt dann die Action mit wilden Streicher-Ostinati und dröhnenden Blechbläsern, mit weiteren kurzen Schnipseln der heroischen Melodie, ganz ähnlich der, mit welcher Jackman vor ein paar Jahren noch die X-Men in „First Class“ ausstattete.
CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR Henry Jackman Soundtrack Cover
„Civil War“ macht seinem Namen alle Ehre, baut sich innerhalb der ersten Minute immer weiter auf, bis er sich schließlich mit einem tragischen Orchester-Ausbruch entlädt. Dann geht es mit der Action weiter, ebenfalls durchsetzt mit heroischen Takten, das Ende ist besonders cool. „Larger Than Life“ bringt das Motiv der Helden für einen sprichwörtlich gewaltigen Fangasm-Moment (locker eine der besten Szenen des Films) wieder ins Spiel, sowie die Iron Man-Töne, der Rest des Titels bringt auch die Spannung, Tragik und Erhabenheit mit rein und hat ab 3:03 ein bombastisches Finale, dass sich geradezu triumphal aufbäumt! Im krassen Gegensatz dazu steht „Catastrophe“, mit einer ruhigen Version der Iron Man-Töne und einem bedächtigen Streicher-Teppich, welche aber ab der Hälfte kurz von lauten Blechbläsern abgelöst werden. „Revealed“ hat wieder leises Klavier zu bieten, welches die Tragik-Melodie spielt, danach bauen die Instrumente langsam aufeinander auf, ebenfalls mit tückischen Gongs versetzt und ein weiteres Mal wird das Zemo-Motiv eingewoben. Zwischendurch kommt kurz geisterhafter Chor dazu, ab 4:00 steigert sich die Musik allmählich zu einem kleinen Marsch. Ähnlich, aber kürzer ist „Making Amends“ aufgebaut, mit einer sehr coolen Version der Helden-Melodie, genau so lieben wir Henry Jackman.

„Fracture“ bietet zu Anfang wieder die leisen, wirklich interessanten Gongs, bei 2:00 kommen dunkle Trommel-Schläge und das unbehagliche Quietschen zum Einsatz, was wirkungsvoll Spannung vermittelt, fortgesetzt mit Streicher-Wellen. „Clash“ ist ein von Bedauern durchzogener Action-Titel, mit mehreren Statements der tragischen Blechbläser. Das wird von „Closure“ ruhig fortgesetzt, mit einer klagenden Flöten-Stimme, einer Streicher-Version von Zemos Thema und endet mit Klavier. In „Cap´s Promise“ darf das Orchester noch einmal zeigen, was es kann, denn ab 1:42 kommt das volle Hauptthema des Films zum Einsatz, das extra für den Abspann arrangiert wurde und es kann sich wahrlich hören lassen: eine Mischung aus Jackmans Helden-Thema aus „The Winter Soldier“ und seinem neuen Motiv für „Civil War“, mit subtilen Anklängen an Alan Silvestris „Avengers“-Melodie, die Kombination ist schlicht grandios. „Adagio“ lässt das Album schließlich auf einer unheilschwangeren Note ausklingen.

Fazit: 3.5/5

Bei einem Franchise mit derart vielen unterschiedlichen Filmen kann man nicht erwarten, dass die Musik jedes Mal gleich klingt, geschweige denn, dass sie immer großartig ist. Seit Ramin Djawadis eher belanglosem „Iron Man“ ist einige Zeit vergangen und die Musik für das MCU hatte ihre Höhen und Tiefen. Zuletzt konnten Brian Tyler und Danny Elfman mit „Age of Ultron“ und vor allem Christophe Beck mit „Ant-Man“ (meiner Meinung nach der beste MCU-Score bisher) am meisten überzeugen. Henry Jackman bleibt dem eher ernsthafteren Ton der „Captain America“-Filme treu und benutzt seine Arbeit für „The Winter Soldier“ als Basis, baut darauf auf, entwickelt das Material weiter und liefert einen Score ab, der dem Film und seinen Figuren zwar vor allem in den wirklich tollen Action-Passagen im Mittelteil sowie in dem Abspann-Stück würdig ist, aber ansonsten einfach das gewisse Etwas vermissen lässt, was die Musik definitiv und fraglos an eben diesen Film binden müsste. „Captain America: Civil War“ ist kein schlechter Score und beiweitem nicht der schwächste musikalische Marvel-Beitrag, aber abseits der heroischen Parts hat er nicht viel mehr als generische Drama- und Action-Untermalung zu bieten, wie man sie von „Remote Control Productions“ zur Genüge kennt. Weniger „Winter Soldier“ und „Man On a Ledge“ und mehr „Kingsman“ und „Gulliver´s Travels“ das nächste Mal bitte, Herr Jackman, denn die letztgenannten Arbeiten haben richtig Spaß gemacht! Für diesen Soundtrack jedenfalls sind 3,5/5 Punkte absolut gerechtfertigt mit der Hoffnung, dass Henry Jackman, falls er auch für die „Infinity War“-Filme angeheuert wird, sich nochmal steigern kann. Denn einen Schritt in die richtige Richtung hat er mit „Civil War“, was seine Marvel-Musik angeht, auf jeden Fall gemacht!

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

1. Siberian Overture – 2:56
2. Lagos – 2:10
3. Consequences – 2:21
4. Ancestral Call – 2:36
5. Zemo – 3:09
6. The Tunnel – 3:51
7. Celestial Bodies – 1:44
8. Boot Up – 5:16
9. A New Recruit – 1:47
10. Stepping Up – 1:59
11. Standoff – 4:01
12. Civil War – 4:26
13. Larger Than Life – 3:40
14. Catastrophe – 2:36
15. Revealed – 5:38
16. Making Amends – 1:34
17. Fracture – 4:00
18. Clash – 3:54
19. Closure – 5:32
20. Cap´s Promise – 3:46
21. Adagio – 2:18

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code