Filmmusik: IN THE HEART OF THE SEA, Roque Baños’ Score in der Kritik

Der Score (Kritik von Lasse Vogt)

Musik komponiert von Roque Baños

Ein epischer Action-Adventure-Film mit namhafter Besetzung, inszeniert von Ron Howard? Für aufmerksame Filmmusik-Fans klang das sofort nach einem weiteren Score von Hans Zimmer, der sich in den letzten Jahren als Howards neuer Stammkomponist mit einigen gelungenen Arbeiten behaupten konnte. Doch weit gefehlt: den Zuschlag bekam diesmal Roque Baños. Die beachtliche Filmografie des Spaniers beschränkt sich vor allem auf Drama und Horror und mir war sein Name bisher nicht bekannt. So war ich neugierig darauf, wie seine Herangehensweise an die wahre Geschichte, die Herman Melvilles „Moby Dick“ zugrunde liegt, wohl klingen würde. Die Antwort ist schnell gegeben: „In the Heart of the Sea“ ist ohne jeden Zweifel einer der besten Scores des Jahres 2015!

Stilistisch erinnert die Musik tatsächlich an den Output von Zimmer und Konsorten, allerdings gibt es interessante Orchester- und Klang-Experimente, die dem Score – entschuldigt das platte Wortspiel – mehr Tiefe verleihen. Der erste Titel ist ein düsterer Streicher-Brodem mit geradezu sphärischen Flöten und leisen Gongs, sowie gruseligen Tönen, die sich tatsächlich nach Wal-Gesängen anhören. Doch dann wird es schneller mit Geigen-Ostinati und der Titel endet auf einer heroischen Note. „Chase Walking Nantucket“ ist Seemanns-Musik alter Schule, ein Schlaginstrument, dass wie ein Cembalo klingt, rohe Trommeln sowie wahrhaftige „Shanty“-Streicher formen einen tollen Track. Die hier vorgestellte Melodie ist ein Teil des Themas für die Figur von Chris Hemsworth, die über den Score verteilt mehrfach variiert wird und auch als Hauptthema für den Film fungiert. „Farewell“ beginnt mit einer traurigen Klavier-Variante des Stücks und geht dann in Streicher über, „Young Nickerson“ startet ebenfalls mystisch, insgesamt klingt es eher nach New-Age-Fantasy, vor allem wenn der Titel weitergeht und eine einzelne Gesangs-Stimme mit Synthie- und Percussion-Unterstützung übernimmt. Dann formen Hörner das Hauptthema und beenden den Track.

Mit „Essex Leaving Harbor“ tauchen wir ein ins Abenteuer, kraftvoll, majestätisch und unheilverkündend spielen schnelle Streicher, dröhnende Blechbläser und klackernde Trommeln weitere Variationen der Haupt-Melodie. „The Knockdown“ ist wieder heroischer, auch hier darf das Main Theme nicht fehlen. Nach anderthalb Minuten wird es jedoch lauernd und unheimlich, die Streicher fangen an zu kratzen, Trommeln sowie Holzbläser werden aggressiver, bis es in eine wahre Action-Nummer mündet. „Blows“ macht genau dort weiter, man spürt die wilde See wogen sowie die Entschlossenheit der Walfänger, hier erinnert der Score am ehesten an etwas, das auch Steve Jablonsky für „Transformers“ komponiert hätte, allerdings in diesem Fall mit weniger Elektronik versetzt. Natürlich kriegen wir auch mehrfach das Hauptthema zu hören. Am Schluss kommt auch der Gesang wieder.
IN THE HEART OF THE SEA Soundtrack Cover
„A Thousand Leagues Out“ präsentiert das Hauptthema zu Beginn sehr exotisch und bedrohlich, bis es nach einer Minute lauter wird, eine Flöte und nach Dschungel klingende Trommeln dominieren hier. Dann kommen die mystischen Glockenklänge aus dem ersten Track wieder, aber nur kurz, denn dann übernimmt abermals die Flöte, unterlegt mit Synthesizer. Auch „Lower Away“ bietet tolles Schlagwerk, diesmal mit Streicher-Ostinati und einer Blechbläser-Variation der Haupt-Melodie, ab der Hälfte flaut die Musik kurz ab, bis die Spannungsschraube wieder angezogen wird. „The Attack“ untermalt natürlich den ersten Angriff des weißen Wals und ist nichts für schwache Nerven: anfangs mit langsamem Aufbau, explodiert die Musik nach 37 Sekunden in einer Kaskade aus elektronischem und echtem Schlagwerk, fremdartigem Dröhnen und sausenden Streichern, die dem Titel eine animalische Wucht geben, wie man sie selten hört. Das Ende verschafft dem Hörer eine kleine Pause, bis es mit „Abandon Ship“ entschlossen und tragisch weitergeht, mit der Melodie, die schon den ersten Titel beendete. Die Streicher spielen hier die Hauptrolle und wieder denkt man an Hans Zimmer und seine Abschluss-Suite aus „The DaVinci Code“. Der Track wird von ein paar einzelnen Glockenschlägen unterbrochen, dann geht es etwas langsamer, aber nicht weniger beeindruckend weiter, diesmal auch mit einem Horn-Statement des Hauptthemas, dann übernimmt ein Cello und spielt es ein weiteres Mal.

„Separations“ erklingt mit Synthesizer und Streichern sehr melancholisch und ruhig und die Klavier-Stimme ab 3:33 ist so traurig, dass man die Tränen kaum zurückhalten kann. „Stand Off“ bringt die Action zurück, ebenso die heldenhafte Wucht, bis es ab der Hälfte wieder stiller wird und die Melodie aus dem Vorgänger-Titel wiederholt wird, auch hier mit einem Klavier-Solo. In „Homecoming“ setzt nach einer Weile eine Gesangs-Stimme ein und wird von wahrhaftig rührenden Streichern abgelöst, auch das Klavier kehrt wieder. Das Haupt-Motiv erhält hier einige extrem emotionale Statements, die es ebenfalls schwer machen, nicht an Ort und Stelle loszuweinen, es klingt gar ein wenig nach Thomas Newmans meisterhaftem Score zu „Findet Nemo“. „The Story Is Told“ setzt diesen Stil fort, diesmal mit mehr Betonung auf Holzbläser, hier erreicht Roque Baños gar die schwelgerische Qualität eines John Williams: das muss man gehört haben! „The White Whale Chant“ beendet das eigentliche Album und wiederholt das gefühlvolle Motiv aus den beiden Vorgänger-Titeln, diesmal lauter, mit Blechbläsern und Einzel-Chor-Stimme.
Im Unterschied zur CD enthält der digitale Download des Soundtracks eine Handvoll Bonustitel, welche die bei Sammlern sonst nicht gern gesehene Alternative zur Silberscheibe in diesem Fall rechtfertigen. So bietet zum Beispiel „The Second Attack“ im letzten Viertel eine Variation des Wal-Angriff-Themas, „Desert Island“ weiß mit schöner und am Ende düsterer Streicher-Arbeit zu überzeugen und „Finding the Dead“ verströmt mit fremdartiger Flöte eine geradezu meditative Atmosphäre.

Der allerletzte Titel, „End Credits (Alternate Version)“ gehört auch zu den Bonus Tracks und ist das definitive Highlight des gesamten Albums. Zwar nur etwas mehr als eine Minute lang, ist die hier dargebotene Erweiterung des Hauptthemas ein Schmaus für die Ohren, das Schlagwerk donnert, die Streicher sausen und die Hörner… oh, die Hörner. Was hier an Blechbläsern aufgeboten wird, könnte klarer, imposanter und heroischer nicht sein! Besonders ab 0:48 tönt es so grandios erhaben und gleichzeitig tragisch aus den Boxen, dass man am liebsten jubeln möchte. Ein perfektes Ende, das nach Applaus schreit!

Fazit: 4.5/5

Fazit: „In the Heart of the Sea“ ist ein etwas generischer, aber extrem wirkungsvoller Score, der zeigt, dass man auch mit altbewährten Mitteln viel machen kann, solange man nur das nötige Talent mitbringt. Roque Baños´ Musik überzeugt durch epische Wucht, memorable und erstaunlich bewegende Melodien und eine kreative Orchester-Arbeit, was alles ein kraftvolles Hörerlebnis garantiert. Besonders der letzte Track ist einer meiner absoluten Evergreens der letzten Monate und erklingt täglich mehrfach aus den Kopfhörern. Für einen so mächtig tönenden Abenteuer-Score mit gewaltig emotionalem Anteil gibt es verdiente 4,5/5 Punkte. Ich freue mich, einen neuen Komponisten für mich entdeckt zu haben und bin neugierig darauf, auch mal in seine anderen Arbeiten hineinzuhören – es gibt einiges nachzuholen.

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps:

1. Arriving Nickerson´s Lair – 2:52
2. Chase Walking Nantucket – 2:06
3. Farewell – 2:47
4. Young Nickerson – 2:17
5. Essex Leaving Harbor – 3:07
6. The Knockdown – 6:16
7. Blows – 7:08
8. A Thousand Leagues Out – 3:23
9. Lower Away – 3:54
10. The Attack – 5:48
11. Abandon Ship – 6:09
12. Separations – 4:29
13. Stand Off – 3:10
14. Homecoming – 7:33
15. The Story Is Told – 6:41
16. The White Whale Chant – 4:38
17. Meeting Old Nickerson (Bonus Track) – 2:27
18. The Second Attack (Bonus Track) – 4:20
19. Lost At Sea (Bonus Track) – 2:50
20. Desert Island (Bonus Track) – 3:45
21. Finding the Dead (Bonus Track) – 2:04
22. End Credits (Alternate Version) [Bonus Track] – 1:18

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