IN THE HEART OF THE SEA: Kritik zum Walfang-/Schiffbruch-Drama mit Chris Hemsworth

Die Story

1850 besucht der Schriftsteller Herman Melville die Insel Nantucket vor der US-amerikanischen Nordost-Küste. Fasziniert von Erzählungen über den Untergang des Walfangsegelschiffes Essex sucht Melville den letzten Überlebenden des Hochseeunglücks auf, den verbitterten Thomas Nickerson, der als vierzehnjähriger Frischling an Bord der Essex beschäftigt war. Nur äußerst wiederwillig erklärt dieser sich bereit, Melville gegen eine fürstliche Entlohung von der Geschichte des Schiffes zu berichten… Im Jahr 1820 ist Nantucket das wirtschaftliche Zentrum der Walfangindustrie. Der tüchtige und erfahrene Seeman Owen Chase hat die Zusage auf einen Posten als Kapitän, wird jedoch bei der Besetzung der flott gemachten Essex zugunsten des unerfahrenen, aber durch verwandtschaftliche Verhältnisse begünstigten George Pollard übergangen. Als die Essex schließlich in See sticht kommt es schnell zu Reibereien zwischen Pollard und dem Ersten Maat, die sich weiter zuspitzen, als die Fangerfolge ausbleiben. In Ecuador erfahren sie schließlich von einem schiffbrüchigen Kapitän, dass weit draußen auf dem pazifischen Ozean die Fanggründe reich und ergiebig sind – doch dort soll ein gewaltiger und artuntypisch aggresiver weißer Wal lauern. Die Geschichte als wirres Märchen abtuend nehmen Pollard und Chase das Risiko 2.000 Meilen westwärts auf sich…

Die Filmkritik

Chris Hemsworth als Owen Chase in IN THE HEART OF THE SEA
Für „In the Heart of the Sea“ heuert Oscar-Preisträger Ron Howard seinen „Rush“-Star Chris Hemsworth an und schickt den Avenger auf’s weite Meer hinaus, um die Ursprünge und wahren Hintergründe von Herman Melvilles Literaturklassiker „Moby-Dick“ zu ergründen. Die in langen Rückblenden erzählte Geschichte um den Untergang eines Walfangschiffes, die den amerikansichen Schriftsteller zu einem der bedeutendsten Werke der Weltgeschichte inspirierte, inszeniert Howard als raues Seefahrer-Survival-Drama im Kampf des Menschen gegen die unerbittliche Natur in einer Epoche, in der Männer noch Monate und Jahre auf Ozeanen verbringen mussten, um mit ihrer Beute, dem Fettgewebe von Meeressäugern, unsere Häuser zu erleuchten. Nach „In the Heart of the Sea“ weiß man die heimischen Glühbirnen, Steckdosen und andere Privilegien der Moderne jedenfalls ein bißchen mehr zu schätzen…

…uuuuuuuund sonst? Sonst ist „In the Heart of the Sea“ ein Film gemäß dem berühmten Swinger-Motto: kann man sich geben, muss aber nicht. Howard übernimmt den blau-grün-gold-Filter aus seinem Formel 1-Drama „Rush“ und gestaltet seinen 19tes Jahrhundert-Epochenfilm wie ein Ölgemälde, manche Shots frieren bis auf einzelne Elemente ein, um zeitlich etablierende Panoramen zu schaffen oder die Dramatik von Szenen in impressionistischen Bildern zu betonen, wie beim Abschied von Seebär Hemsworth von seiner schwangeren Gemahlin, bei der sich sein Ruderboot von ihr fort- und auf die weiter draußen vor Anker liegende Essex zubewegt. Der artsy-Anstrich schmückt den Look des Films und passt zum Hochsee-Delirium, in das die Crew des Walfängers nach monatelangem Schwappen über den Atlantik und den Pazifik abgleitet, dem Rand der Welt näher, als festem Boden unter den Füßen.
Angriff des Riesenpotwals in IN THE HEART OF THE SEA
Howards hübsche Digital-Haute Couture hat aber den Nachteil, dass der ganze „In the Heart of the Sea“ extrem künstlich aussieht, der Film kann nie verbergen, dass die Schauspieler in Green Screen-Kulissen agieren, der erzählende Thomas Nickerson seine Erinnerungen an die Schicksalsfahrt der Essex wie ein Bühnenstück stage’t, was der Film in künstlerischer Form eher rechtfertigen könnte, wenn er inhaltlich gefüllter wäre. Hemsworth’ und Benjamin Walkers Hauptfiguren des unterpriviligierten, aber dem Leistungsprinzip nach topqualifizierten Owen Chase und des abstammungselitären, aber praxisunerfahrenen George Pollard bleiben in eindimensionalen, auf Eitel- und Bockigkeiten runtergebrochenen Konflikten stehen, ihre Charaktere dem langweiligen Drehbuch-Einmaleins verhaftet, mit dem sie an Land eingeführt werden.

Nach den schwachen Kassenergebnissen von „In the Heart of the Sea“ und Michael Manns misslungenem Hacker-Thriller „Blackhat“, die bei Kosten von $170 Millionen in den USA lediglich $33 Millionen eingespielt haben, muss Hemsworth aufpassen, nicht als nächster Sam Worthington oder Taylor Kitsch zu enden, wenn er sich in absehbarer Zeit dauerhaft ohne Marvel-Bonus wird beweisen müssen. Der australische Hüne mit dem Posterboy-Charme ist sicherlich sympathisch genug und immerhin ‘ne Ecke talentierter als sein Bruder Liam, ein variantenreicher Akteuer ist der ältere Hemsworth aber dennoch nicht. Als kerniger Kerl auf See, die Takelage erklimmend und bei aller Jungen- und Kumpelhaftigkeit eine gewisse Authorität ausstrahlend: da kann sich Hemsworth ganz auf Physis und seine Donnergott-Routinen verlassen, sein Selling der Figur ist aber nicht immer ausreichend.
Chris Hemsworth und Benjamin Walker in IN THE HEART OF THE SEA
Die expositorischen Vorwurfs/Rechtfertigungs/Vergebungs/Herzschmerz-Dialoge mit Film-Gattin Charlotte Riley (im echten Leben an Tom Hardy vergeben #RandomTrivia) sind zugegeben dermaßen banal, dass auch versierte Schauspieler damit nicht mehr aus den Figuren herausholen könnten (»Ich bin schwanger und du lässt mich allein!« »Aber ich muss dem Traum meines Vaters folgen und kann nix anderes, Männermodels sind halt 1820 noch nicht gefragt!«), aber besonders im Epilog von „In the Heart of the Sea“ versagt Hemsworth darin, den erschütternden (und bis dahin ja unterstützt von Make Up und ‘na Magerkur durchaus hingebungsvoll dargestellten) Leidensweg, den Chase hinter sich hat, mit seinem Spiel zu vermitteln. Da hätten Kaliber wie Russell Crowe, Daniel Day-Lewis oder der dauergequälte Leonardo DiCaprio mehr moralische Komplexität herausholen können, vor allem in Verbindung mit einem ausführlicheren und standfesterem Script, zum Beispiel vom zum Nihilismus neigenden David Ayer, wenn man mal sieht, wie der seine DEA-Arschlöcher in „Sabotage“ und die Weltkriegs-Wracks in „Fury“ skizziert.

„In the Heart of the Sea“ hat nämlich ein Gewissensproblem: dadurch, dass Hemsworth, Walker und die Crew der Essex insgesamt so kalt und ohne echten Charakter bleiben muss man sie aufnehmen, als was sie präsentiert werden. Als Walfänger, die nicht in einer Notsituation handeln, sondern sich für egoistische Ziele von verlogenen, habgierigen Magnaten einspannen lassen, die ihre Marktführerschaft behaupten und ausbauen wollen. Jubelnd und johlend wird die erste Walschule empfangen, der sie auf ihrer Jagd begegnen, ein Sport, die Meeressäuger zu erlegen. Die Walfang- und -ausbeutungs-Szenen sind grausam, ein bitteres Zeugnis, wozu der Mensch sich evolutionär auserkoren fühlt, um seinen Fortschritts- und Herrschaftsanspruch gegenüber den anderen Geschöpfen der Erde zu beweisen. Wenn die letzte Fontäne eines zu Tode harpunierten Säugers sich von der Brise getragen wie ein blutiger Sprühregen auf Owens und die Gesichter seiner Männer legt ist da immerhin ein Ausdruck des „was tun wir hier eigentlich?“ in Hemsworth’ Augen…
Kleine Boote, großer Wal - Überlebenskampf in IN THE HEART OF THE SEA
…aber wenn später der urzeitlich-gewaltige Moby-Dick seinen erbarmungslosen Vergeltungsfeldzug gegen die Menschen startet, als hätte die See, als hätte die Natür diese mächtige Meeresbestie als den Beschützer ihrer Schätze gesandt – dann gönnt man dem Albino-Pottwal-Bullen seine Rache, soll aber andererseits die zweite Hälfte des Films um das Überleben der Schiffbrüchigen mitbangen und wenn da die erste grausame Entscheidung ansteht, was mit einem verstorbenen Kameraden auf See geschehen soll, kennt man nichtmal dessen Namen und Beziehung zum Rest der Crew. Ausgiebige Schiffbruchs-Dramen gab’s zuletzt in „Life of Pi“ oder Angelina Jolies Leidens-Porno „Unbroken“ zu sehen, jenes in „In the Heart of the Sea“ kann sich aber nie voll entfalten, dafür sind die Charaktere zu schwach ausgebarbeitet, dafür kippt die Gleichung Mensch gegen Natur zu deutlich auf die Seite der Natur, obwohl Howard sich „bemüht“, die Grazie und Edelmütigkeit der Wale ihrerseits nicht zu sehr zu emphatisieren.

Ebenso verteufelt Howard seine menschlichen Protagonsten zwar nicht konsequent, doch Hemsworth’ Owen Chase und Benjamin Walkers George Pollard amalgamieren in ihrer Profit- und Geltungssucht und dem eigenen Dürsten nach Rache zum Vorbild für Melvilles Kapitän Ahab und obwohl beide an unterschiedlichen Punkten des wiederwilligen gemeinsamen Weges ihren kathartischen Moment bekommen fehlt auch ihrem persönlichen Drama und dem Konflikt ihrer Figuren letztlich die Aussagekraft. Ihr Ansichtsstreit wird mit einem kurzen Dialog über Gotteszorn, Arroganz und Einsicht (»You really feel like an earthly king after everything that we’ve been through? We’re nothing. We’re… we’re specks. And dust.«) auf den Punkt gebracht, aber nicht überzeugend durch den Film getragen. Dazu kann auch der im Grunde überflüssige Erzählrahmen (wie man ihn aus anderen Schiffbruchs-Aufarbeitungen wie Camerons „Titanic“ und Ang Lees esoterischen „Life of Pi“ gewohnt ist) und die Perspektive des jungen Nickerson wenig beitragen.
Chris Hemsworth und Tom Holland in IN THE HEART OF THE SEA
Lohnen sich die vermeintlich wahren Ereignisse hinter der „Moby-Dick“-Fiktionalisierung durch Melville also, oder kann man einfach mal wieder den 1956-Klassiker von John Huston mit Gregory Peck einlegen? Der bietet auch heute noch das faszinierendere, schicksalhaftere und einschnürendere See-Erlebnis, aber Ron Howards Film hat seine Vorzüge. Die Tiefe des Storytellings mag mit den Visuals nicht mithalten können, dennoch gelingen oft beeindruckende erzählende Bilder, die Hilflosigkeit der Spezies Mensch verdeutlichend, wenn sich die Natur, derer wir uns überlegen fühlen, gegen uns wendet. Tricktechnisch gibt es nichts auszusetzen und der etwas artifizielle Look kommt der CGI-Arbeit entgegen, die Masse der Walherden und des gewaltigen Weißen (vom Poster-Marketing des Films nochmal locker ums zehnfache vergrößert, size does matter…) sind nicht voll erfühlbar, imposante Präsenz strahlen die Säuger aber trotzdem aus. Insgesamt ein solider Film, der jedoch viel, besonders erzählerisches Potenzial liegen lässt.

Wertung & Fazit

Action: 1/5

Die Wal-Attacken haben Wucht, dennoch überwiegend ruhig und bisweilen beinahe lethargisch erzählt.

Spannung: 1.5/5

Der Film bringt einem die Figuren nicht wirklich näher, drum fällt das große Mitbangen und -leiden größtenteils weg.

Anspruch: 3/5

Akkurat ausgestattetes Zeitportrait und die ganzen Seefahrerbegriffe haben die Schauspieler vermutlich auch korrekt auswendig gelernt. Die Charaktere und die Konfliktdimensionen bleiben allerdings sehr flach.

Humor: 0/5

Kein Kriterium.

Darsteller: 2.5/5

Die Figuren bleiben blass, Hemsworth ist ein sympathisch-kerniger Kerl, sein Selling aber nicht optimal. Große Namen wie Cillian Murphy, Ben Whishaw oder Brendan Gleeson bleiben unterfordert.

Regie: 3/5

Nicht Howards erster biographischer Historienstoff, aber bisher hat er das besser hinbekommen, einer überzeugenden visuellen Projektion auch gute Charaktere beizufügen.

Film: 6/10

„In the Heart of the Sea“ ist ein raues, unerbittliches Seefahrer-Drama, das in Bildern wie aus Öl gegossen die anmaßende Selbstverständlichkeit des Menschen als Krone der Schöpfung in Frage stellt, Demut lehrt und dennoch Werte und Willen lobpreist. Leider bleibt das von den Figuren her sehr eindimensional und unausgewogen in seinen moralischen Standpunkten.

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