Stars im Portrait: J.J. ABRAMS

Portrait

Ein Directed by… wird dem Spektrum, das Jeffrey Jacob Abrams mit seiner Arbeit abdeckt, eigentlich nicht gerecht. Im Falle des gebürtigen New Yorkers müsste es eher Created by… heißen. Schließlich hat Abrams im Jahr 2009 mit Star Trek erst seinen zweiten Film vorgelegt, bei dem er auf dem Regiestuhl saß. Ungleich öfter war er jedoch für Drehbücher verantwortlich, produzierte oder komponierte. Bekannt und berühmt geworden ist Abrams besonders für seine Serienkonzepte.

Die Agentenserie Alias mit Jennifer Garner erschloss Abrams die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit und nur wenig später sorgte er, gemeinsam mit Damon Lindelof und Jeffrey Lieber, für eine wahre Sensation im Serienfernsehen: die Mischung aus Drama und Mysterie, gepaart mit spannenden Charakteren und Konflikten machten Lost zum weltweiten Phänomen und Zuschauerhit. Abrams wurde zum neuen Wunderkind Hollywoods erklärt. Profitieren kann ein Filmemacher auf die Dauer eigentlich nicht von dieser reichlich inflationär gebrauchten Begrifflichkeit, die zumeist bereits nach dem ersten, durch dazu veranlassende Innovation glänzenden Werkes verpasst wird (Musterbespiel: M. Night Shyamalan, The Sixth Sense). Zumeist ist damit eine kaum zu befriedigende Erwartungshaltung verbunden, die aus innovativen Mechanismen filmischen Schaffens sehr schnell ausgelutschte werden lässt. Im Falle von J.J. Abrams täuscht die Verehrung, die ihm seit Lost zuteil wird, aber vor allem darüber hinweg, dass er sich lange Zeit zuvor bereits im Geschäft positioniert hatte – und dabei mehr Standartware, denn originelle Ideen abgeliefert hat.



Der Sohn eines Fernsehfilm-Produzenten fand seinen Weg zum Film auf den typischen märchenhaften Pfaden. Ein gemeinsamer Besuch mit Großvater Abrams weckte im damals achtjährigen J.J. den Wunsch nach einer Karriere als Autor und Regisseur. 1990 gelang ihm der Verkauf seines Drehbuches zu Filofax, welches er gemeinsam mit Jill Mazursky geschrieben hatte und das mit James Belushi und Charles Grodin in den Hauptrollen verfílmt wurde. Die Verwechslungskomödie fiel weder beim Publikum, noch bei Kritikern großartig auf. Für Abrams‘ nächste Projekte konnten zwei der größten Stars jener Zeit gewonnen werden: das Drama In Sachen Henry mit Harrison Ford (und Abrams selbst in einer kleinen Gastrolle) und die sentimental-phantastische Liebesgeschichte Forever Young mit Mel Gibson boten wenig Neues innerhalb ihrer Genregrenzen, wurden allerdings zu recht soliden Kassenerfolgen, wenn beide Filme auch weit hinter den Zahlen zurückblieben, für die ihre Stars üblicherweise standen. Mit seiner 1996 gegründeten Firma Abrams/Katims/Webster Productions brachte er die schwarze Komödie The Pallbearer heraus, inszeniert von Matt Reeves und besetzt mit Friends-Star David Schwimmer und Gwyneth Paltrow. Dem folgten der größte Flop und anschließend der größte Hit in Abrams Schreiberkarriere. Der $100.000 Fisch, eine Komödie mit Danny Glover und Joe Pesci, versank an den Kassen, während die Jerry Bruckheimer-Produktion Armageddon zum Höhenflug ansetzte. Abrams erntete für sein Buch, an dem ebenfalls Jonathan Hensleigh und Tony Gilroy beteiligt waren, zu Michael Bays Asteroiden-Actioner allerdings eine Nominierung für die Goldene Himbeere.

Gemeinsam mit Kindheitsfreund Reeves wandte sich J.J. Abrams nun dem Fernsehen zu. Sie entwickelten und produzierten Felicity, in der es um die Kollegezeit der von Keri Russell gespielten Felicity Porter geht. Die Serie erhielt mehrere Preise, darunter Emmy und Golden Globe, wurde jedoch, trotz treuer Fangemeinde, nach der vierten Staffel nicht mehr fortgesetzt. Nebenbei schrieb Abrams das Script zu JoyRide, einer Art Teenie-Variante von Steven Spielbergs genial-minimalem Duell von 1971, in der es ein Trucker auf ein paar Jugendliche abgesehen hat. Einmal mehr hielten sich sowohl der kommerzielle Erfolg, als auch die künstlerische Errungenschaft seitens Abrams in Grenzen. Doch mit der über die Jahre 36fach Emmy-nominierten Serie Alias rund um die abtrünnige CIA-Agentin Sydney Bristow, preisgekrönt dargestellt von Jennifer Garner, gelang ihm schließlich der große Durchbruch. Die insgesamt 105 Folgen in fünf Staffeln, herausgebracht über Abrams‘ Produktionsfirma Bad Robot, sorgten für beachtliche Quoten, wobei von der erfolgreichsten Staffel, der vierten, hin zur abschließenden ein deutlicher Einbruch verzeichnet wurde. Ausgelöst durch Verschiebungen des Sendeplatzes inklusive einer Verkürzung von 22 auf 17 Folgen, aber auch einen in abstruse Gefilde abdriftenden Plots fand die Agentenhatz so nicht unbedingt das Ende, dass die Fans sich gewünscht hätten.

Parellel zu Alias entwickelt Abrams in Auftrag des Senders ABC Lost und festigte seinen Ruf als TV-Mastermind nicht bloß, sondern zementierte ihn geradezu in den Annalen des Fernsehens. Bereits mit dem enorm aufwendig inszenierten und raffiniert konstruierten Pilot schlug die Geschichte um die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes, die auf einer geheimnisvollen Insel stranden, die Zuschauer in ihren Bann. Durch die komplexe Flashback-Struktur, die mysteriösen Ereignisse und eine geniale Zeichnung der Charaktere und deren Gruppendynamik ist Lost auch während der fünften Staffel noch ein Publikumsrenner, auch wenn die Tendenz von Jahr zu Jahr leicht nach unten geht. Darüberhinaus mehren sich die Befürchtungen der Fans, dass das auf insgesamt sechs Staffeln ausgelegte Konzept am Ende nicht zufriedenstellend aufgelöst werden kann, da man sich in zu viele Rätsel und Mysterien verstrickt hat.



2006 sollte J.J. Abrams schließlich auch im Kino für Furore sorgen. Produzent Tom Cruise konnte ihn für Mission: Impossible 3 verpflichten, für den Abrams zusammen mit den Alias-Schreibern Robert Orci und Alex Kurtzman das Drehbuch beisteuerte und zum ersten Mal die Regie eines Spielfilms übernahm. Im Zuge von Cruise‘ fragwürdigen medialen Auftritten blieb der Film am Ende weit hinter den Erwartungen zurück. Zu deutlich auf den Selbstdarstellungswillen des Stars ausgelegt präsentierte sich auch das Script trotz guter Ansätze zu harmlos und klischeebeladen, um zu überzeugen. Immerhin gelangen Abrams handwerklich starke Action-Sequenzen und das Scheitern des Films ist nicht als sein persönliches zu verzeichnen.

Im Jahr 2008 war Abrams der Drahtzieher hinter dem viralen Marketing des Projekts Cloverfield. Der in pseudo-dokumentarischem Stil gedrehte Angriff eines riesigen Monsters auf New York schürrte mit genialen Trailern eine riesige Erwartungshaltung, die die einen lange vor Start des Films darauf hinfiebern ließ, andere eher nervte oder gar abstieß. Abrams bewies sich als ungemein talentiert, was den Aufbau eines medienwirksamen Hypes angeht, nutzte er ähnlich geschickte Kampagnen doch auch für Überbrückungen zwischen den Lost-Staffeln. Seit 2008 läuft außerdem Fringe, eine Krimiserie mit Mysterie- und Sci-Fi-Elementen, in der eine FBI-Agentin übernatürlichen Ereignissen auf den Grund geht.

Bereits nach Abschluss von Mission: Impossible 3 fragten die Paramount Studios bei J.J. Abrams wegen einer Wiederbelebung des Star Trek-Franchise an. Wiedrum mit seinen angestammten Kollegen Orci, Kurtzman, Lindelof und Bryan Burk (Produzent z. B. von Lost, Fringe), einer illustren Mischung aus Kennern und Ahnungslosen (zu denen Abrams gehört) bezüglich des Star Trek-Universums, gelang Abrams ein grandios gelungener Neustart der Reihe, bei dem er nun endlich sein volles Potenzial als Regisseur auch auf der großen Leinwand entfalten konnte.

Es ist sicherlich ein nicht zu leugnendes Merkmal im Schaffen des J.J. Abrams, dass Projekte, an denen er beteiligt ist, bei oberflächlicher Betrachtung „Kopie!“ zu schreien scheinen. Ob Cloverfield (=Godzilla), Fringe (=Akte X), oder seine früheren Drehbücher; zumindest Anleihen sind nicht zu übersehen. Dennoch, Abrams steht zu seinen Vorbildern, bedient sich respektvoll und nicht räuberisch und ist mittlerweile auch in der Lage, sie nicht ausschließlich zu zitieren, sondern meisterhaft mit den Grundzutaten zu jonglieren und ihnen das überzustülpen, was ihn ausmacht, nämlich eine immense Fingerfertigkeit beim Anlegen von Figuren, einen sehr symbiotischen visuell-erzählerischen Stil und ein beinahe untrügliches Auge für Potenzial, sei es bei Autoren, Schauspielern, oder dem grundlegendsten und wichtigsten aller Elemente: Ideen.

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