Stars im Portrait: JAMES CAMERON

Portrait

Effekte, Evolution, Ehrgeiz, Egomanie, Erfolg. Beschränkt auf diese fünf Begriffe lässt sich ungefähr die Karriere des James Cameron charakterisieren. Der gebürtige Kanadier prägte besonders das moderne Effektkino wie kaum ein zweiter, sorgte mit neuen Techniken und deren Weiterentwicklung für einige Sensationen. Angetrieben wird Cameron von einem Perfektionismus, dessen Wahnhaftigkeit ihm allerdings nicht nur Freundschaften beschert hat. Im Gegensatz zu Kollegen wie Steven Spielberg oder Peter Jackson wird Cameron für sein filmisches Schaffen zwar nicht minder geschätzt, steht allerdings in dem Ruf, ein weit weniger umgänglicher Regisseur zu sein, der der Realisierung seiner Vision alles unterordnet. Vier gescheiterte Ehen scheinen dies zu unterstreichen. Selbst der Ausruf »I’m the king of the world!«, den Cameron bei der Oscar-Verleihung 1998 aus seinem Titanic zitierte, wurde ihm als Überheblichkeit ausgelegt und entsprechend verübelt. Wieviel Wahrheit auch immer hinter den Geschichten über einen Besessenen stecken mag, unzweifehaft ist, dass dieser Drang zum Mehr einige der absoluten Höhepunkte der Filmgeschichte vorgebracht hat.

Camerons persönlichen Urknall markierte 1968 Stanley Kubricks Sci-Fi-Wunder 2001: Odyssee im Weltraum. Der Film etablierte einige wegweisende Special-Effect-Techniken, besonders die Frontprojektion, ein Verfahren zum künstlichen Erzeugen von Hintergründen bei Studioaufnahmen (heutzutage verdrängt von Blue- und Green-Screen). Der damals 15jährige James Cameron war begeistert von der Machart und Kubricks Inszenierung und wollte fortan zum Film. Anhand von Büchern informierte er sich weitreichend über sämtliche Aspekte des Filmemachens und legte seinen Fokus dabei hauptsächlich auf die Effektarbeit. 1971 erhielt Camerons Vater ein Jobangebot in Kalifornien, was den Sohn der Filmindustrie einen Schritt näher brachte. Zunächst jedoch begann er ein Physikstudium, später wechselte er zu englischer Literatur. Nebenher arbeitete er als Mechanist und Lastwagenfahrer und heiratete 1978 seine erste Frau, Sharon Williams. Die Ehe hielt sechs Jahre und wurde überschattet vom Krieg der Sterne: George Lucas‘ erste (oder, wie man mittlerweile weiß, vierte) Star Wars-Episode kam in die Kinos und spornte Camerons Ego und seinen Willen, bahnbrechendes zu schaffen, erneut an. Fanatisch eignete er sich weiteres Wissen an und drehte schließlich 1979 seinen ersten Film. Xenogenesis, ein Sci-Fi-Kurzfilm, den er gemeinsam mit Randall Frakes inszenierte und schrieb und außerdem produzierte, schnitt, Modellbau und Special-Effects übernahm sowie die Kamera führte, gelangte aber nie in die Kinos. Dennoch war Cameron nun nicht mehr von seinem Wunsch abzubringen, gab Studium und Jobs auf und konzentrierte sich ganz und gar aufs Filmemachen.



Anfang der 80er heuerte Cameron bei New World Pictures an, der Produktionsfirma des B-Movie-Königs Roger Corman. Italienische Produzenten wurden auf die ambitionierte Hinter-den-Kulissen-Arbeit des angehenden Jungfilmers aufmerksam und boten Cameron die Regie zu Piranha 2 – Fliegende Killer an. Der lahme Aufguss des Fischhorrors wurde 1981 zum Desaster und in einer Fassung veröffentlicht, die nicht in Camerons Sinne war. Durch die Erfahrung mit besserwisserischen und wichtigtuerischen Produzenten nicht abgeschreckt, sondern vielmehr in der Erkenntnis bestätigt, sich am besten auf sich selbst verlassen zu können, fertigte Cameron in der Folge das Drehbuch, das seinen Durchbruch mit sich bringen sollte. Mit Lance Henriksen (bereits in Piranha 2 zu sehen) in der Titelrolle und dem gerade in der Rolle des Barbaren Conan bekannt gewordenen Arnold Schwarzenegger in der Heldenrolle sollte 1984 The Terminator entstehen. Recht schnell einigte man sich, das der ehemalige Bodybuilder Schwarzenegger als Killer-Cyborg den besseren Eindruck machen würde und so wurde die LowBudget-Produktion mit ihrer ikonografischen Titelfigur zum Kulthit. Cameron verband hierbei überzeugende Effekte mit einer packenden Story und einer glaubwürdigen Charakterzeichnung und lieferte so den ersten wirklichen Beweis seiner Klasse, die ihn Optik und Geschichte in prächtig gelungenen Einklang bringen lässt. Nebenbei ehelichte er 1985 die Produzentin des Terminators, Gale Anne Hurd.

Nach der, aus Camerons Sicht, desaströsen Umsetzung seines Drehbuchs zu Rambo 2 (für das er die Goldene Himbeere ‚verliehen‘ bekam), durfte er im Zuge des Erfolges mit Terminator unter Eigenregie sein Buch zu Aliens – Die Rückkehr verfilmen. Der Werbeslogan „This time it’s war“ hätte die Marschrichtung der Fortsetzung zu Ridley Scotts klaustrophobischem Original nicht besser beschreiben können und dank brillianter, mörderisch spannender Action gilt der Film als eines der besten Sequels überhaupt. Die atemberaubende Schlacht zwischen einem Trupp Marines und ganzen Horden der außerirdischen Monster wurde für sieben Oscars nominiert und erhielt die Auszeichnung für den Besten Tonschnitt und die Besten visuellen Effekte. Von Camerons Geschick im Anlegen von Figuren zeugt dabei die Nominierung von Hauptdarstellerin Sigourney Weaver. Zudem bewies Cameron Loyalität gegenüber Schauspielern, die sich bereits unter ihm bewiesen hatten und verpflichtete Michael Biehn (Kyle Reese aus Terminator) und wiederum Henriksen. Nach der gefeierten Rückkehr der Aliens bekam Cameron für sein Folgeprojekt ein Budget von beinahe 50 Millionen bewilligt, um das Unterwasserspektakel The Abyss zu realisieren. In Sachen computergenerierten Bildern bot der Film bahnbrechendes und war der erste überhaupt, der Morphing Effekte auf die Leinwand brachte, etwa wenn ein wurmartiger Wasserkörper mehrere Gesicher der Darsteller immitiert. Die Zahlen des Film blieben indes etwas hinter dessen evolutionärem Charakter zurück und tatsächlich kann man ihm den Vorwurf machen, ausnahmsweise zu sehr Zweckobjekt des eigenen Visuellen zu sein, wodurch sein Einfluss insgesamt aber nicht geschmählert wird.



1991, nachdem er sich inszwischen von Hurd hatte scheiden lassen, die Regisseurin Katheryn Bigelow heiratete und sich von ihr trennte, gelang James Cameron ein weiterer Inbegriff eines perfekten Sequels. Terminator 2 wurde mit Produktionskosten von über 100 Millionen zum bis dato teuersten Film aller Zeiten und bot eine beispiellose Materialschlacht, die auch heute noch mit ihrer schieren Wucht begeistern kann. Die Morphing Effekte, mit deren Hilfe der flüssigmetallene T-1000 erschaffen wurde, machten einen riesigen Sprung nach vorn und boten Tricktechnik in nie gesehener Perfektion und Plastizität. Trotz des immens gesteigerten Aufwandes konnte aber auch Terminator 2 mit starker Story und Charakteren punkten und steht dem ersten Teil auch in diesem Punkt nicht nach, will heißen: bei allem technischen Fortschritt hat Cameron das elementare Geschichtenerzählen nie vergessen. Mit der Action-Komödie True Lies, einem Remake des französischen La Totale!, bewies dies auch die dritte Zusammenarbeit Camerons mit Terminator Schwarzenegger. Auch wenn der Plot um einen Agenten mit Doppelidentität genaugenommen sehr platte schwarz/weiß-Malerei bietet, so besitzt der Film doch mehr Charme und Intelligenz als die meisten anderen artverwandt-megateuren Blockbuster.

Der objektiv betrachtet ganz große Wurf, in vielen Augen aber auch den Tiefpunkt seiner Karriere, erreichte Cameron 1997 mit Titanic. Eine von vielen kleinen und größeren Katastrophen gebeutelte Produktion, die die Kosten des Film ins Unermessliche und letztlich auf über 200 Millionen anschwellen ließen, machten für den Filmemacher aus Titanic ein riskantes win or lose-Unterfangen. Was nach Start des Films geschah, hätte wohl so niemand erwartet. Zwar startete er in den USA mit relativ bescheidenen 28,6 Millionen am ersten Wochenende, entwickelte sich jedoch zu einem absoluten Dauerbrenner und weltweiten Phänomen, an dessen Ende ein Einspielergebnis von famosen 1,84 Milliarden und elf Auszeichnungen bei den Oscars (drei davon für Cameron) standen. Fans des Regisseurs werden aber bis heute nicht müde, ihn und den Film für die tragende Liebesgeschichte zwischen Leonardo DiCaprio und Kate Winslet zu kritisieren – und liegen damit auch nicht ganz falsch, hat Cameron hier doch tatsächlich ein bißchen arg dick aufgetragen und der Erfolg des Films erklärt sich eben recht nüchtern anhand der unzähligen schmachtenden 12-15jährigen, die zum Teil 20-30 mal ins Kino rannten, um DiCaprio anzuhimmeln. Dennoch: bei allem Kalkül bleibt Titanic ein inszenatorisch kraftvolles, optisch einmal mehr bombastisches Meisterwerk, das vielleicht nur die Hälfte seines Gewinns wert ist, aber abgesehen davon nahtlos in der Reihe großer Klassiker aufgenommen werden kann.



Während seine vierte Ehe mit Terminator-Akteurin Linda Hamilton 1999 endete, dauerte es bis 2000, ehe James Cameron nach dem Übererfolg mit Titanic ein weiteres Projekt anging. Er entwarf und produzierte die Sci-Fi-Serie Dark Angel mit Jessica Alba, die nach nur zwei Staffeln abgesetzt wurde. Danach widmete er sich mehreren Dokumentationen: fürs Fernsehen produzierte er Expedition: Bismarck, worin er sich der Geschichte des deutschen Schlachtschiffes annahm, im 3D-Verfahren und auf die Ausstrahlung in IMAX-Kinos zugeschnitten drehte er die aufwendigen Ghosts of the Abyss, für den er gemeinsam mit Bill Paxton zum Wrack der Titanic zurückkehrte, sowie Aliens der Meere. Nachdem Cameron 1996 mit dem Kurzfilm T2 3D-Battle across Time, konzipiert für den Universal Studios Freizeitpark, erste Erfahrungen mit der 3D-Technik gemacht hatte, sah und sieht er nun darin den nächsten Schritt der Evolution, den das Kino seiner Meinung nach zu gehen hat. Sein neuer Film Avatar bestätigte dies Ende 2009 und setzte einen weiteren Meilenstein in Camerons filmischem Schaffen und für den Film im allgemeinen. In Rekordzeit fielen sämtliche Einspielrekorde, mittlerweile steht Avatar mit den Shooting-Stars Sam Worthington und Zoë Saldaña bei weltweit über 2,7 Milliarden und hat damit Camerons Titanic abgelöst. Die nicht unerheblichen Aufschläge bezüglich der Eintrittspreise haben dazu natürlich ihren Teil beigetragen. Avatar 2 und 3 sind selbstverständlich dennoch so gut wie beschlossene Sache. Mal sehen, wie sich dies auf James Camerons fünfte Ehe mit der Schauspielerin Suzy Amis auswirkt…

2 Kommentare

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.