Stars im Portrait: JENNIFER ANISTON

Portrait

Blinde Hühner finden Körner, dumme Bauern ernten dicke Kartoffeln und in Kombination aus Rolle, vorteilhaften Begebenheiten und eigener Leistung gelingt selbst dem miesesten Schauspieler im Laufe seiner Karriere wenigstens einmal ein guter Auftritt. Ein Antimimiker wie Steven Seagal, der nach wenigen Filmminuten den Heldentod in Einsame Entscheidung stirb, ein Jean-Claude van Damme, dessen Selbstüberschätzung oft noch mehr anschwillt als seine selbsternannten „Muscles from Brussels”, der aber in JCVD tatsächlich Selbstironie beweist, oder Flageolettregister-Trällertante Mariah Carey, die sich so lange über ihre vier Minuten Videoclips hinaus ins Filmformat gedrängt hat, bis bei Precious letztlich etwas respektables dabei herauskam, jeder hat sein Korn gefunden, seine Kartoffel geerntet. So auch Jennifer Aniston, die in…
»Hey hey, Moment Moment, hier soll ernsthaft behauptet werden, die gute Jen stünde in dieser Reihe der Untalentierten und Wannabes?«
Ähm, na ja, so ganz ist das sicher nicht das selbe, aber…
»Das ist kein bißchen das selbe, denn die Jen hat eine richtig gute Rolle richtig gut gespielt – und seitdem macht sie das einfach immer wieder!«
Zugegeben, das ist ein Unterschied. Aber ist immer das gleiche nicht auch reichlich beschränkt und langweilig und bieder und mutlos, pickt sie nicht immer an dem selben Korn rum und budelt sie nicht immer die selbe Kartoffel ein und wieder aus?
»Nein.«

»…«
Weil?
»Weil die Jen ‘ne süße ist und man sie einfach nur mögen kann.«
Hm, aber selbst wenn man sie ganz doll mögen wollen würde, macht sie einem das nicht verdammt schwer mit ihrer Filmauswahl? Oder hat sie da etwa irgendetwas in ihrer Vita, um das sie Oscarpreisträgerinnen wie Meryl Streep, Kate Winslet oder Angelina Jolie beneiden würden?
»Ach, Oscars Schmoscars! Harmlose Unterhaltung mit ‘nem zuckersüßen Mädel, bei dem man weiß, wo man dran ist, das hat auch was für sich. Aber guck doch mal genauer hin, vielleicht findet sich ja auch noch was anders und da wären dann zumindest die Prügelklöppse und die Oktaventante neidisch drauf.«
Na gut, sehen wir sie uns mal näher an, die Jennifer Aniston…

…beziehungsweise Jennifer Joanna Anastassakis, als die sie 1969 in Sherman Oaks geboren wurde. Nachdem sie ein Jahr ihrer Kindheit in der griechischen Heimat ihres Vaters, des Schauspielers John Aniston, verbracht hatte zog die Familie nach New York und Anistons Eltern ließen sich einige Jahre später scheiden. Aufgezogen von ihrer Mutter Nancy Dow, ebenfalls Schauspielerin, wurde Aniston im Alter von elf Jahren Mitglied des Rudolf Steiner School’s Drama Club, entdeckte dort auch ihre Liebe zur Kunst und setzte ihren Schauspielunterricht an der Fiorello H. LaGuardia High School of Music & Art and Performing Arts fort, wo sie 1987 graduierte. Aniston trat in einigen Off-Broadway-Stücken wie For Dear Life und Dancing on Checker’s Grave auf und verdiente ihren Lebensunterhalt als Telefonverkäuferin und Fahrradkurierin.



1989 zog Jennifer Aniston nach Los Angeles und spielte in den ersten beiden Folgen der Serie Molley, deren restliche Episoden danach nicht mehr auf Sendung gingen. Einer der Hauptrollen im Fernsehfilm Camp Cucamonga (1990) folgte ihre Rolle als Jeannie Bueller in der auf John Hughes‘ Ferris Bueller’s Day Off (1986) basierenden Fernsehserie Ferris Bueller (1990-’91), die es jedoch auch nur auf dreizehn Episoden brachte. Nach einigen weiteren Auftritten in scheiternden TV-Serien bekam Aniston ihre erste Hauptrolle in einem Kinofilm in Mark Jones‘ Kobold-Horror Leprechaun (1993). Mit in den USA eingespielten 8,5 Millionen wurde auch dieser alles andere als ein Hit und Karrieren hatte man schon besser starten sehen. Das sah Aniston selbst nicht viel anders und erwägte bereits das Ende ihrer kurzen und erfolglosen Karriere.

Dann sprach sie allerdings für die Rolle der Monica Geller in einem Pilotprojekt namens Friends Like These vor. Doch nachdem Courteney Cox den Part bekam wurde Jennifer Aniston stattdessen als verzogene Vorstadtprinzessin Rachel Green engagiert, die es nach New York verschlägt, wo sie nun ohne die Hilfe ihrer reichen Eltern klarkommen muss. Die auf den Titel Friends verschlankte Serie um das Manhattan’er Quassel-Quartett entwickelte sich schnell zum Quotenhit und wurde in über 200 Folgen zu einer der beliebtesten und besten Sitcoms. Für ihre hilflos-aufgedrehte, gleichwohl flapsig-charmante Performance als Rachel erhielt Aniston einiges an Preisen, darüberhinaus wurde sie zur Mode- und Stil-Ikone.



Während Friends zum Dauerbrenner und Popkultur-Phänomen wurde arbeitete Jennifer Aniston weiter an einer ernstzunehmenden Filmkarriere. Für höhere Aufgaben, als austauschbare Romantic Comedy-Ware schien sie jedoch niemandem zu taugen. Edward Burns‘ She’s the One mit Cameron Diaz, der komplett untergehende Dream for an Insomniac (beide 1996), Der gebuchte Mann mit Kevin Bacon und Jay Mohr oder Til There Was You (beide 1997) an der Seite von Jeanne Tripplehorn, Dylan McDermott und Sarah Jessica Parker – Anistons Rollen gerieten Rachel-like, die Filme verbuchten keinen nennenswerten Erfolg. Neiderreger waren und blieben ersteinmal nicht zu entdecken, denn auch The Thin Pink Line, Liebe in jeder Beziehung (beide 1998) mit dem späteren Friends-Co-Star Paul Rudd und Mike Judges Office Space (1999) veranlassten Kritiker nicht zum Jubel- und Publikum nicht zum Kinosturm.

Eine kürzere Leinwandpause und die darauffolgenden Arbeiten zeigten schließlich jedoch Jennifer Anistons Willen, schauspielerisch mehr bieten zu wollen, als nur das verführerische Zurückstreifen ihrer Haare und ihren Parts mehr Ausdruck verleihen zu können, als es die pro Staffel ansteigende Brustwarzensteifigkeit in Friends vermuten ließ. Neben Mark Wahlberg spielte sie im Musiker-Drama Rock Star (2001), großes Kritikerlob brachte ihr ein Jahr später ihr zurückgenommender Auftritt als deprimierte Kleinstadtkassiererin in The Good Girl. Für ihre sehr sehenswerte Leistung als Ehefrau des tranigen John C. Reilly und Geliebte des depressiven Jake Gyllenhaal erhielt sie mit den Nominierungen für den Satellite Award, den Independent Spirit Award, sowie den Online Film Critics Society Award erstmals außerhalb ihrer Parderolle der Rachel Green die Aufmerksamkeit der Preisverleiher. Die „Jim Carrey spielt Gott“-Komödie Bruce Allmächtig (2003) wurde zu ihrem bis heute kommerziell größten Erfolg, auch John Hamburgs eher wenig witziger …und dann kam Polly (2004) wurde nicht zuletzt dank Anistons quirliger Performance zum soliden Hit.



Mit Rekordgagen und –quoten gingen die Friends 2004 nach zehn Staffeln Off-Air, Gerüchte um eine Reunion im Kino nach Sex and the City-Vorbild halten sich bis heute. Jennifer Aniston machte indes aus ganz anderen Gründen eine schwere Zeit durch. Nach fünf Jahren Traumehe mit dem Mehrfach-Sexiest Man Alive Brad Pitt kam nach dessen Affäre mit Angelina Jolie und nach viel medialem Rambazamba im Januar 2005 die Scheidung des ehemaligen Vorzeigepaares. Das skandalträchtige Drumherum und Anistons nachfolgend scheiternde Beziehungen interessierten zu dieser Zeit die Presse mehr, als ihre Filmprojekte. Wohlgemerkt verdienten aber auch weder der schnarchige Thriller Entgleist, noch die Mehrgenerationen-Liebeskomödie Wo die Liebe hinfällt… (beide 2005) mit Kevin Costner, Shirley MacLaine und Mark Ruffalo besondere Aufmerksamkeit.

Überhaupt versteifte sich Jennifer Aniston nun vollends auf schmerz- und kantenfreies RomCom-Einerlei, zwar überwiegend von solider Qualität, andererseits innovations- und entwicklungsfrei. Nicole Holofceners mit Frances McDormand, Joan Cusack, Catherine Keener und Jason Isaacs toll besetztem Freunde mit Geld folgte das unverschämt lahme Beziehungsgezicke in Trennung mit Hindernissen (beide 2006), der jedoch genau wie der sentimentale Marley & Ich (2008) mit Owen Wilson locker die 200-Millionengrenze beim weltweiten Einspiel knackte. Aniston reduzierte sich auch in Er steht einfach nicht auf Dich und dem gelungenen Love Happens (beide 2009) weiter zur schnuckeligen Variation ihrer Rachel Green, deren Charakter sie mal um dieses ergänzte, mal um jenes kürzte, ihm letztlich aber immer ähnlich blieb. Daran ändert auch Andy Tennants The Bounty Hunter (2010) nichts, in dem sie neben Gerard Butler zu sehen ist, auch dem kommenden The Switch, der im November 2010 startet, ist nicht wirklich ein grundlegender Wandel zuzutrauen und mit Just Go with It (voraussichtlich 2011) steht sie schon für die nächste romantische Komödie vor der Kamera…



Zugegeben, besonders bei weiblichen Hollywood-Stars bestimmen Nachfrage und etablierte Erfolgsformeln das Rollenprofil und Jennifer Aniston mangelt es wahrlich nicht an der nötigen Attraktivität und Energie, um noch ein paar weitere Jahre der RomCom ihr Gesicht zu verleihen. Aber, so ansehnlich sie auch sein mag, so viel Charme es ihr auch einzubringen gelingt, dass sie den Kleidern der allgegenwärtigen Rachel Green jemals mit schauspielerischer Vielfalt und mimischer Wandlungsfähigkeit entwachsen wird ist irgendwie nicht abzusehen. Selbst nur ihr zwischenzeitliches Bemühen in diese Richtung scheint völlig abgeflaut und dem bloßen Kalkül gewichen zu sein…
»Hey hey, Kalkül, das klingt jetzt auch schon wieder viel zu negativ. Ein Star darf auch einfach nur unterhalten wollen und zwar in dem Bereich, in dem er das drauf hat. Kein Mensch will die Jen in ‘nem verquasten Arthousedrama sehen, oder als schwertfuchtelnde Amazone in ‘nem Fantasykracher. Dafür sind andere da. Die Jen sorgt einfach für die unbefangene Unterhaltung für zwischendurch, genau da gehört sie hin, genau dafür kann man sie mögen.«
Ja. Kann man. Wenn sie einem das mit dem Mögen nur nicht manchmal so schwer machen würde…

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