Stars im Portrait: JOHNNY DEPP

Portrait

Manchmal scheint es, als hätten viele Johnny Depp erst dank des (beim ersten Teil überraschenden, bei den Nachfolgern kalkulierten) Erfolges der Pirates of the Caribbean-Trilogie so richtig wahrgenommen, als wäre er vorher zwar da gewesen, aber, vielleicht aufgrund seiner versteckspielartigen Rollenauswahl, irgendwie auch nicht. Doch wenn einem Schauspieler damit Unrecht getan ist, ihn auf seine (kommerziell) erfolgreichste Rolle zu reduzieren, so ist es der 46jährige Wahl-Franzose. Kaum ein Schauspieler hat so facettenreich und wandlungsfähig ungewöhnlichen Charakteren zu strahlendem Leinwandleben verholfen. Dabei war und ist Depp die künstlerische, die herausfordernde Komponente einer Rolle stets wichtiger, als deren kommerzielles Potenzial.

Johnny Depps Karriere startete im Schatten eines anderen, denn nach A Nightmare on Elm Street (1984) sprach man eher von Pizzagesicht Freddy Krueger, woraufhin für den Highschool-Abbrecher Depp zunächst einige TV- und eine Nebenrolle in Oliver Stones Vietnamdrama Platoon (1986) folgten. Den Durchbruch schaffte er schließlich mit der populären Crime-Serie 21 Jump Street (1987). Die Show machte Depp zum Teen-Idol, er selbst konnte mit seiner, wie er sagt, »Degradierung zum Produkt« allerdings schon sehr bald nichts mehr anfangen. Nach der Serie und John Waters Musical Cry-Baby (1990) spielte er in Edward mit den Scherenhänden (1991) erstmals unter Tim Burtons Regie und löste sich mit dem herzergreifend-schrägen Portrait des künstlichen Menschen Edward ein Stück weit von seinem Schönlings-Image. Ein Weg, den Depp mit Arizona Dream, Benny & Joon, Gilbert Grape (alle 1993) und Ed Wood (1994) konsequent weiterging und seine enorme Wandlungsfähigkeit bewies.


EDWARD MIT DEN SCHERENHAENDEN Pic


Jim Jarmuschs deprimierende Western-Ballade Dead Man (1995), Donnie Brasco (1997) an der Seite von Al Pacino, Terry Gilliams wüster Drogentrip Fear & Loathing in Las Vegas und die Gruselmär Sleepy Hollow (beide 1999), erneut unter Burtons Regie, folgten. Dazwischen gab Depp mit The Brave 1997 sein Regie-Debüt (sieht man von dem TV-Kurzfilm Stuff von 1992 ab), außerdem schrieb er am Drehbuch mit, basierend auf einem Roman von Gregory McDonald. Bei den Filmfestspielen von Cannes hochgelobt und für die goldene Palme nominiert, stieß der Film, in dem sich ein Indianer für 50.000$ von einem Geschäftsmann bis in den Tod foltern lässt, in Amerika jedoch auf hefige Kritik, weshalb Depp sich weigerte, ihn dort zu veröffentlichen.

Als brillianter Charakterdarsteller anerkannt war Johnny Depp inszwischen längst, große Kassenerfolge blieben aber aus, auch deshalb, weil er darauf bedacht war, kaum Wiedererkennungswert zu bieten, sich von Figur zu Figur neu zu erfinden und in seiner Außergewöhnlichkeit schwer fassbar zu bleiben. So glänzte Depp weiterhin, auch in kleineren Rollen, in Produktionen wie In stürmischen Zeiten neben Christina Ricci und Cate Blanchett, Lasse Hallströms Chocolat (beide 2000), der Lebensgeschichte des Kokaindealers George Jung Blow, oder der düsteren Comicverfilmung From Hell (beide 2001), ehe 2003 der Ruf des Blockbusters Pirates of the Caribbean lockte. Depp, nicht gerade als Zugmittel großer Sommerhits bekannt, aber vom Drehbuch begeistert, schuf mit seinem spleenigen Capt’n Jack Sparrow entgegen der Skepsis des produzierenden Studios ein weltweites Phänomen und führte den Film zur Freizeitparkattraktion zum überwältigenden Erfolg.


JACK SPARROW Pic


Johnny Depp erlangte einen gewaltigen Popularitätsschub und galt nach Jahren als Kassengift nun als heißestes Eisen ganz Hollywoods. Nicht zuletzt deswegen verlegte der scheue und nach wie auf seine und die Privatsphäre seiner Familie bedachte Star seinen Wohnsitz nach Frankreich. Filmisch ließ er sich trotz der obligatorischen Pirates-Sequels Dead Man’s Chest (2006) und At World’s End (2007) weiterhin nicht auf Mainstream-Kino festlegen und lieferte beispielsweise 2004 mit The Libertine eines seiner sperrigsten Werke überhaupt, gleichwohl auch eine seiner besten darstellerischen Leistungen. Dafür haben Werke wie die Stephen King-Verfilmung Das geheime Fenster, Marc Forsters toller Finding Neverland mit Kate Winslet (beide 2004) und Tim Burtons Bühnen-Adaption Sweeney Todd (2007) einen Großteil ihres Erfolges bei Publikum und/oder Kritik ihrem einzigartigen Hauptdarsteller zu verdanken. Für sein Mitwirken an einer vierten Pirates-Folge schloss er jüngst einen Megadeal ab, bevor Capt’n Jack allerdings erneut die Segel hisst, war Depp noch an der Seite von Christian Bale in Michael Manns Gangster-Epos Public Enemies (2009) zu sehen, außerdem ersetzte er neben Jude Law und Colin Farrell den verstorbenen Heath Ledger in Das Kabinett des Dr. Parnassus und spielt 2010 in Tim Burtons Alice im Wunderland den verrückten Hutmacher. Diverse, und wie kaum anders zu erwarten höchst abwechslungsreiche, Projekte befinden sich außerdem in Post- und Pre-Produktion.

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