Stars im Portrait: KEVIN SPACEY

Portrait

»…the less you know about me, the easier it is to convince you that I am that character on screen…« Ein Zitat Kevin Spaceys, das zu einem Wunsch und einer Annahme führt. Der Wunsch wäre, dass sich mehr und besonders die Garde der Nicht- und Un- und Möchtegernstars diesen Satz auf ihre ausschließlich in den Klatschmedien stürmisch wehenden Fahnen schreibt, die vom wirklichen Können her noch nicht mal den Halbmast erklimmen. Die Annahme hingegen, bezogen auf Spacey selbst, könnte lauten, dass man möglichst wenig über ihn ans Licht kramen und zerschwafeln sollte, um sich von seinen Charakteren auch weiterhin überzeugen zu lassen und sein Schauspiel in vollen Zügen geniesen zu können. In diesem Sinne ist dieser Artikel hiermit der Nutzlosigkeit und Kontraproduktivität überführt und beendet. – Sorry, Kevin Spacey, auch wenn du dir diese Gefälligkeit aufgrund deiner wunderbaren Leistungen verdient hättest, sie kann dir an dieser Stelle dann doch nicht gegönnt werden. Aber mach dir keine Sorgen ob deiner Überzeugungskraft, die wäre ungebrochen, selbst wenn man über Anzahl und Farbe deiner Socken und Unterhosen Bescheid wüsste. Und warum das so ist, das lohnt es sich zu portraitieren.

Als jüngstes von drei Kindern wurde Kevin Spacey Fowler in South Orange, New Jersey, geboren. Der unregelmäßige Job des Vaters, Thomas Geoffrey Fowler, ein technischer Schreiber, führte die Familie je nach Auftragslage quer durch das ganze Land, 1963 wurde nach Süd Kalifornien umgezogen. Sein Interesse am Schauspiel wurde früh durch Late Shows im TV geweckt, zunächst jedoch entwickelte sich Kevin Spacey Fowler als Jugendlicher zu einem (Achtung, plattes Wortspiel voraus) ziemlich fowlen Ei und ging auf die Barrikaden, rebellierte gegen den Vater, zündete das Baumhaus seiner Schwester an und wurde schließlich auf die Northridge Military Academy verfrachtet. Dort folgte wenige Monate später der Rauswurf, nachdem er einem Mitschüler einen Reifen übergezogen hatte. Anschließend wurde Spacey an der Chatsworth High School in San Fernando Valley angenommen, befolgte den Rat und bekam die Möglichkeit, seine aggressiv-explosiven Tendenzen und dramatisches Potenzial mittels der Schauspielerei auszuleben. So trat er im Abschlussjahr im Stück The Sound of Music auf, versuchte sich aber auch mit Prominentenimitationen in Amatuer Comedy Clubs.



Kurzzeitig besuchte Kevin Spacey, der sich inzwischen auf den Geburtsnamen seiner Mutter beschränkte, das Los Angeles Valley College, Schauspielkollege und ehemaliger Chatsworth-Klassenkamerad Val Kilmer überzeugte ihn jedoch von der Juilliard School in New York, an der beide das Drama Programm absolvierten. Um viele prägende und wichtige Erfahrungen reicher verließ Spacey die Juilliard nach zwei von vier Jahren ohne Diplom, aber mit dem unbedingten Willen zu Spielen. Er nahm am New York Shakespeare Festival teil und absolvierte seinen ersten professionellen Auftritt 1981 in Henry VI.. Im nächsten Jahr gab Spacey sein Broadwaydebüt neben Liv Ullmann in Ghosts, 1986 arbeitete er mit einem seiner Vorbilder, Jack Lemmon, an der TV-Produktion Long Day’s Journey Into Night. Regisseur Mike Nichols, der 1984 gemeinam mit Spacey an David Rabes Stück Hurlyburly gearbeitet hatte, besetzte ihn in seiner ersten Spielfilmnebenrolle in Heartburn (1986), womit er die Startlinie für eine Filmkarriere passiert hatte, der Leidenschaft Bühne und Theater aber stets treu blieb.

Als mental instabiler Waffendealer Mel Profitt in der Serie Wiseguy (1987) erntete Kevin Spacey zunächst übers Fernsehen die kultige Verehrung einer breiten Fanbase, machte als Charakterdarteller mit Hang zum Sinistren auf sich aufmerksam, überwiegend blieb es im Kino aber zunächst bei Nebenrollen, wie in Daniel Petries Drama Rocket Gibraltar, Mike Nichols Die Waffen der Frauen oder Henry & June mit Fred Ward und Uma Thurman. Für seine Theaterrolle in Lost in Yonkers bekam Spacey 1991 den Tony Award, als Büro Manager im Makler-Drama Glengarry Glen Ross (1992) spielte er neben Größen wie Jack Lemmon, Al Pacino, Ed Harris. Lange sollte es nun nicht mehr dauern, bis Spacey mit Akteuren dieser Güte die Stufe teilte. Nach dem Krimi Gewagtes Spiel (1992), Ted Demmes schwarzer Komödie The Ref und der Hauptrolle in Swimming with Sharks (beide 1994) besetzte ihn ein unbekannter junger Regisseur namens Bryan Singer im raffinierten Thriller-Kleinod Die üblichen Verdächtigen (1995). Als körperbehinderter Kleinkrimineller und Augenzeuge Verbal Kint, der von der Polizei verhört wird, profitierte Spacey von einem der genialsten Drehbücher der jüngeren Zeit inklusive Kiefer-klappt-auf Erdboden-Twist und legte eine faszinierende Leistung hin, die ihm den Oscar als Bester Nebendarsteller einbrachte. Mit David Finchers Sieben kam im selben Jahr eine nicht minder beeindruckende Rolle hinzu, in der Spacey mit einer unglaublichen Intensität und verstörenden Ruhe zur beinahe greifbaren psychischen Bedrohung wird. So gut wie aus dem Nichts und damit nur umso wirkungsvoller und faustschlagartiger entstiegen dem Filmjahr ’95 zwei der memorabelsten Schurken der Kinogeschichte, einzuordnen in den Regionen eines Darth Vader oder Hannibal Lecter. Tatsächlich war es zu diesem Zweck überaus vorteilhaft, von diesem Kevin Spacey bis dato kaum etwas gekannt und annähernd nichts über ihn gewusst zu haben. Eine größere Bekanntheit hätte diese Portraits der ganz dunklen Seiten in ihrer Ausdruckskraft aber wohl auch nicht mindern können.



Kevin Spacey, der Mann mit dem Jedermannsgesicht, welches er in einer mimischen Nuanciertheit zu verformen im Stande ist, wie es ihm kaum jemand gleich tun kann, hatte ganz langsam, aber mit einer Bestimmtheit, der man sich nicht zu widersetzen traut, seine Klinge unter den Fingernagel Hollywoods geschoben. Auf das abgründige Böse ließ er sich allerdings keineswegs reduzieren, vielmehr reizte Spacey es bis an seine Grenzen aus und zog weiter. Als Staatsanwalt in Die Jury (1997), selbstgefälliger Cop im NeoNoir-Meisterwerk L.A. Confidential (1997), Verhandlungsspezialist in F. Gary Grays The Negotiator (1998) und im fünffachen Oscar-Sieger American Beauty (1999) als frustrierter Vorstädter, der aus seiner Lethargie erwacht, machte Spacey klar, dass es für ihn kein Spektrum gibt, das er nicht abzudecken im Stande ist, keine Rolle, die er sich nicht vollständig aneignen kann, das er jemand ist, dessen Filme man sich am Stück ansehen könnte ohne einmal das Gefühl zu haben, von ihm das selbe zweimal zu sehen. Für Spacey und sein Spiel ist, womit nicht behauptet sein soll, dass er es in jeder Rolle abgerufen hätte, das Maximale an Komplexität erreichbar. Er kann allein durch Mimik Momente und Gefühlslagen eines solchen Spektrum abdecken und vermitteln, das sie Künstler zu Bildern, Sprayer zu Graffitis, Dichter zu Lyrik und Hardrocker zu Gitarrenriffs inspirieren könnte.

Nach dem zweiten Oscar als Bester Hauptdarsteller für American Beauty war Kevin Spacey endgültig nicht mehr Teil des Orchesters, sondern einer der Dirigenten des lauten Konzerts Hollywoods. Was, nach dem auch kommerziell großen Erfolg von Sam Mendes‘ Gesellschaftssatire, in Spaceys Fall aber nicht bedeutete, sich dem Druck der Blockbuster-Zeremonien anschließen zu müssen, sondern die Freiheit zu besitzen, im kleinen und kleinsten Rahmen und immer dort, wo es sich seiner Meinung nach lohnt, den Takt angeben zu können. Auf American Beauty folgten also die in Irland angesiedelte Krimikomödie Ein ganz gewöhnlicher Dieb, Mimi Leders rührendes Drama Pay it Forward (beide 2000), die Rolle eines Psychiatrieinsassen, der sich für einen Außerirdischen hält in K-Pax und Lasse Hallströms schöne Romanverfilmung Schiffsmeldngen (beide 2001). Keiner dieser Filme beeindruckte mit Zahlen, weniger sehenswert macht sie das aber kein bißchen. Auf den Cameo im dritten Agentenulk der Austin Powers-Reihe (2002) folgten das Todesstrafen-Drama Das Leben des David Gale (2003) mit Kate Winslet und The United States of Leland (2004). Bei Beyond the Sea (2004), der Biographie des Sängers Bobby Darin, führte Spacey zum zweiten Mal nach Albino Alligator (1996) auch Regie. Tanz- und Gesangseinlagen Spaceys wurden zwar gelobt, der Film an sich aber eher wenig begeistert aufgenommen.



Im Februar 2003 kündigte Kevin Spacey an, ab der Herbst-Saison 2004 und für die folgenden zehn Jahre als künstlerischer Direktor des altehrwürdigen Old Vic Theatre in London tätig zu sein. Mit Beginn dieses Traumjobs verlagerte Spacey seine Prioritäten deutlich. Acht Monate des Jahres bietet das Old Vic Stücken eine Bühne, was für Spacey, der auch selbst immer wieder als Akteur auftritt, einen Fulltimejob bedeutet, der kaum freie Zeit offen hält. Demnach ist die Rollenauswahl für Filmprojekte nicht mehr vorrangig an Qualitätsmerkmalen wie Story und Charakteren festzumachen, Spacey muss auf terminliche Machbarkeit und sicher nicht zuletzt auch auf gute Gagenangebote achten. Dementsprechend findet sich in seiner Filmographie kein Werk mehr, das man ohne irgendeine Einschränkung zum cineastisch Unbedingten zählen könnte, weder der Thriller Edison (2005), noch Bryan Singers Superheldenlangweiler Superman Returns (2006) oder das Zockerdrama 21 (2007) geben für sich genommen sonderlich viel her, werden aber immerhin durch Spaceys Anwesenheit aufgewertet. Der Fernsehfilm Recount (2008) hingegen wurde sehr wohlwollend rezensiert, ebenso der SciFi-Thriller Moon (2009), in dem Spacey allerdings nur zu hören ist.

Mit The Men Who Stare at Goats ist Kevin Spacey im Jahr 2010 in einer starbesetzten Militär-Satire zu sehen (u.a. mit George Clooney, Ewan McGregor und Jeff Bridges), die in den USA bereits verhältnismäßig erfolgreich lief, weitere Projekte befinden sich in der Entwicklungsphase. Die zwischenzeitliche Ankündigung, mit der Schauspielerei aufhören zu wollen, scheint sich somit nicht allzubald zu bewahrheiten, zum Glück des Filmzuschauers, der etwas Besonderes geboten haben möchte, wenn er sich in abgedunkelte Kinosäle oder zu Hause vor den Fernseher setzt. Denn Besonderes bieten die vielen Spaceys, der er uns bis jetzt hat kennenlernen lassen, immer. Bei ihm ist Unverwechselbarkeit nicht gleichbedeutend mit Festlegung, er hat zusätzlich zum vorhandenen Alphabet des Schauspiels noch ein paar eigene Buchstaben erfunden und zwischen diesen kann er beliebig wechseln, vom S wie süffisant zum P wie perfide zum A wie aufbrausend zum C wie charmant zum E wie ehrfurchtgebietend zum Y wie you have no idea what I am capable of. Ja, er gibt sich viel Mühe, uns Ahnungslos zu halten, damit man Kevin Spacey jedes Mal wieder neu kennenlernen kann und man darf gespannt sein, als wer er sich noch alles vorstellen wird.

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