Kolumne: „Hey, geile Effekte!“ – KlapTrap über Roger Ebert, den Film und die Filmkritik

„Hey, geile Effekte!“ – KlapTrap über Roger Ebert, den Film und die Filmkritik

Inzwischen sollte es auch der letzte, halbwegs cinephile Mensch mitbekommen haben, am 4. April dieses Jahr ging Roger Ebert von uns.
Und, keine Angst, dies wird nicht der hundertste Nachruf über eine Person die ich sowieso nie wirklich gekannt habe, auch wenn sie mein Leben maßgeblich beeinflusst hat, davon gibt es schon genügend, gleich hier um die Ecke, im world wide web.
Ich möchte zwar kurz über Roger sprechen, hier, ganz unter uns, aber nur um dann auf etwas zu kommen, das mir schon lange unter den Nägeln brennt, das größer ist, als dieser Text, diese Seite, und die Leute die daran mitarbeiten:
Filme, und was sie mit uns machen.
Nicht zwangsweise umgekehrt.
Aber dazu komme ich noch.
Vorweg: Roger, Ruhe in Frieden!
Ich weiß nicht, wann genau ich dich das erste Mal entdeckte, und zu welchem Film, aber es war definitiv über IMDb, die Seite an der Niemand wirklich vorbei kommt, wenn man sich im Netz zum ersten Mal nach seinen filmischen Interessen umsieht.
Ich glaube, hängengeblieben bin ich an deinen Texten, als du LOST HIGHWAY verrissen hast, damals mein absoluter Lieblingsfilm, und gleichzeitig MULHOLLAND DRIVE deinen höchsten Segen gabst.
Das machte mich so sprach- wie ratlos, sind die beiden Werke von David Lynch doch generell, wenn schon nicht durch ihren Inhalt, so durch ihre formale Ausrichtung hinlänglich als eineiige Zwillinge bekannt.
Und deine Erklärung für dieses merkwürdige Ungleichgewicht, auf das ich erst viel später stieß, und das ich hier nur sinngemäß wiedergeben kann, lautete ungefähr: Well, just because!

Nun, ganz so schnippisch und in Internetspeak war seine Antwort sicherlich nicht formuliert, aber der Sinn dahinter war glasklar. Der eine Film machte ihn fühlen, der andere nicht.
Und das war der rote Faden, der sich quer durch Eberts Karriere zog.
Hier war ein Mann, der mehr Filmwissen in sich vereinnahmte als alle Gehirnzellen die diesen Text je lesen werden, der vor und hinter der Kamera gestanden hatte, Scripts und Bücher geschrieben und mit unzähligen Regisseuren, Stars und auch Kabelträgern gesprochen hatte, der mit dem Ruf leben musste, der bedeutendste Filmkritiker seiner Generation zu sein, und dieser Mensch ging einfach dahin, gab Alex Proyas KNOWING die volle Punktzahl und begründete diese Entscheidung (auf die er wiederholt angegriffen wurde) immer und immer wieder nicht etwa mit halbseidenen Erklärungsfüllwörtern wie „Montagetechnik“ , „Subtext“ oder den genialen, immer wieder gern erwähnten Kamerawinkeln, nein, sondern weil der Film ihn unterhalten hatte.
Peng, Bumms. Aus die Maus.
So einfach war das für den Roger und hunderttausend verkappte Nachwuchs-Shakespeares heulten und wüteten sich Nachts in den Schlaf.
Er war einer der ersten, und wenigen bekannten Kritiker, die Charlie Kaufmans SYNECDOCHE eine glühende Kritik vor die Tür legten, nachdem der Film reihum als überladenes Autorendisaster verschrien wurde, und nannte ihn auch sogleich „the best movie of the decade“.

Auch in diesem Beispiel geht es weniger um Film noch Bewertung, sondern um seinen Text dazu, in dem er frei herausposaunte, den Film nicht zur Hälfte verstanden zu haben. Skandal!
Stattdessen sinnierte er absatzweise über das Leben, sein Leben, unser aller Leben, und gab SNYECDOCHE alleine auf Grund dessen, das der Film ihn zu diesen Gedanken bewogen hat, seine verdienet Wertung: „This has not been a conventional review. There is no need to name the characters, name the actors, assign adjectives to their acting. Look at who is in this cast. You know what I think of them. “
Diese Art zu schreiben, den Gedanken Lauf zu lassen, und sie nicht mit Fakten und Wissen zu unterfüttern, sondern einzig vom empfindenden Ich abzuleiten, hat mich maßgeblich beeinflusst.
Und nachdenklich werden lassen.
Das Kunst, alle Kunst, nur ein Spiegel ist, ist und sollte inzwischen jedem bekannt sein.
Das ironische an ihr ist, das selbst Spiegel einem jeden Tag eine neue, andere Hackfresse präsentieren. Gestern waren die Augen rot, heute hängt der Scheitel schief.
Der Film der mich letzten Monat abstieß, ist heute „the best thing ever“.
Denn unser Lieblingsfilm, Lied, Buch….ist ja nie nur neunzig Minuten Frame an Frame, oder ein gelungenes Gitarrensolo, es ist der verregnete Sommernachmittag, die durchzechte Nacht, die gefundene Liebe mit der wir sie teilen.
Wir lieben Filme, wie alle Kunst, wegen dem was sie mit uns macht, und wie sie sich mit unserem Leben verknüpft.
Wir können dann Gründe suchen, die Kamerawinkel und Schauspielleistungen zitieren, aber den wirklichen Kern treffen wir so nie.
Vergebliche Liebesmühe, Objektivität in etwas zu suchen, das nur subjektiv erlebt werden kann.

Das sind natürlich alles Phrasen von Gestern, oder?
Alles längst bekannt, längst verstanden!
Wirklich?
Denn, wenn man es mal genauer betrachtet, was sagt eine Kritik, eine Abhandlung, ja gleich ein ganzes Buch über einen Film wirklich aus?
Und sagt es nicht vielmehr etwas über den Autor, als über den Gegenstand seines Textes?
Egal ob Roger Eberts persönlichste Texte, oder eine um höchstgradig objektive Filmanalyse zu LOST HIGHWAY, egal ob von einem zwölfjährigen Filmanfänger oder einem studierten Filmanalyst, was steht wirklich hinter allen Worten?
Schreiben wir Kritiken weil wir so gerne Inhaltsangaben verfassen, und der Welt beweisen, wie klug wir Metaphern deuten können ?
Das würde unserem Gehirn doch sehr, sehr schnell langweilig werden.
Nein, wir schreiben aus Leidenschaft, Lust, Obsession, und um diesen Funken haltbar zu machen, zu konservieren, der doch ach so schwer zu greifen ist.
Unserem persönlichen Funken, den nur wir so erlebt haben.
Was steckt also hinter allen, ernsthaften Texten, die jemals zu Film, Musik, Malerei und sonstigen menschlichen Beschäftigungen mit der Unendlichkeit jemals entstanden sind?
Es sind immer wir!
Immer nur wir!

Der Autor der seine Texte auf sein fundiertes Wissen und gedrechselte Sätze über Blenden und Perspektiven stützt, sagt immer noch mehr über sich selbst, sein Wissen, seine Verwendung dieses Wissens, sein Weltbild, damit über seine Empfindungen aus, als über den Gegenstand seiner Abhandlung.
Jede Analyse ist Selbstanalyse.
Jeder Verriss noch Liebeserklärung an sich, das Medium, das Leben.
Schreiben ist zutiefst narzisstisch, Kunst ist zutiefst narzisstisch und jede Hinwendung zur vermeintlichen Objektivität ein glatter Selbstbetrug.
Roger Ebert war einer der letzten, mir bekannten, Kritiker der diese Weisheit tief verinnerlich hatte, der immer ganz von sich aus argumentierte, ohne jemals das humanistische, das empathische in seinen Texten zu verlieren.
Er war sich stets bewusst immer nur von sich aus, nicht seinem Wissen, sondern seinem Gefühl argumentieren zu können, weswegen sein Ruf ihn auch nie daran hinderte in seinen Texten die größten Publikumslieblinge zu demaskieren, die größten Flops zu huldigen, denn er argumentierte so gut wie nie über Zahlen, Techniken und Referenzen, sondern über Wörter wie „thrilling“ , „gripping“ oder „fascinating“.
Nicht, weil er nicht anders gekonnt hätte, seine Bücher und Blogs sprechen da eine andere Sprache, sondern weil es Niemandem etwas gebracht hätte.
Am wenigsten ihm.

Und natürlich ist es so, das sein Wissen, die Jahre an Erfahrung seine Gefühle durchaus geleitet und geprägt haben, aber selten fand diese Art von Ellenbogenkritik in seinen Texten statt, die mit dem Vorrecht einer blendenden „Filmbildung“ versucht hat, alle Gegenstimmen zu übertölpeln.
Es gehörte schon ein gehöriges Stück Filmdesaster dazu, jedenfalls nach Eberts Empfindung, um ihn auf das Glatteis dieser Argumentationsketten zu führen.
Auch dagegen gibt es nichts einzuwenden, wir alle waren schon einmal auf diesem Glatteis, vornehmlich dann, wenn wir unseren Lieblingsfilm angegriffen sehen, unseren Hassfilm allumjubelt.
Denn unterbewusst sehen wir ja nicht nur einen Liebling angegriffen, gleichzeitig sehen wir den verregneten Sommernachmittag, die durchzechte Nacht, all unsere Verknüpfungen mit unserer Liebe in Gefahr.
Und *schwupps* sind wir bei dem Kurzschlussgedanken: Wer meine Lieblinge nicht mag, der versteht mich nicht, und kann mich auch nicht mögen.
Eine Gedankenkette mit denen so gut wie alle populären Kritiker zu kämpfen haben: Kritiker XY mochte Film XZ nicht, Kritiker XY ist ein *********.
Nun habe ich doch halb einen Nachruf geschrieben, und halb keinen, denn selbst Nachrufe sind narzisstisch, sind das „Ich“ das nicht loslassen will, aber loslassen muss, sind Verarbeitungen, Rück- und Vorschau, Antizipation eines Lebens ohne den Nachgerufenen.
Roger, du wirst mir fehlen.
Deine Art zu schreiben wird mir fehlen.
Und ich werde immer an dich denken müssen, wenn ich mal wieder lesen muss das die „Dringlichkeit der Bildästhetik den narrativen Unterbau elliptisch fokussiert“ anstatt das man einfach mal aufs Papier kotzt:
„Hey, geile Effekte.“

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