Kolumne: KlapTrap über PEACOCK

KlapTrap über PEACOCK
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Meinen ersten Mindfuck hatte ich, lange bevor das Wörtchen Mindfuck wusste, was das Wörtchen Mindfuck bedeutete, und wenn es gewusst hätte, was es bedeutet, hätte es sich in einer Wolke aus Scham aufgelöst, lange bevor sich verklemmte Deutschlehrerinnen und die noch nicht erfundenen Wutbürger sich ihm angenommen hätten.
Es waren die Achtziger Jahre und vier von drei Frauen – und Nazan Eckes, die laut Wikipedia genau ein Jahr älter ist als ich, wussten weder etwas von Dingen wie dem neuen DOVE-Shampoo, Privatfernsehen oder Wikipedia.
Aber das sind natürlich alles Beobachtungen eines Ewiggestrigen, aus der guten alten Zeit, als Videospieler noch in den Keller gehörten. Und dort auch blieben. Gefühlte zwanzig Jahre lang.
Dann wurden sie erwachsen, oder so ähnlich, emanzipierten sich von Mutti und entdeckten die große, weite Welt. Also das Internet. Und die Möglichkeit von abrufbaren Komplettlösungen für Spielen, mit denen sie in ihrer Zeit Monate und Jahre verbracht haben.

Seitdem haben sie nichts Besseres zu tun, als sich auf virtuelle Marktplätze zu stellen und darüber zu lamentieren, das früher alles besser war. LONG LIVE THE OLD FLESH!
Heute kann jeder sofort erfahren, wer genau wann in FINAL FANTASY VII starb und welches Geheimnis Norman Bates in seiner lauschigen Junggesellenkemenate versteckt hält.
Ob er will oder nicht.
Zwei Klicks, zehn Werbebanner und drei falsche Videos weiter und wir wissen das Rosebud Keyser Söze war und was Mundharmonika auf dem Planet der Affen mit der Freiheitsstatue gemacht hat.
Spoiler everywhere.

Spoiler, dieses Wörtchen das damals noch „Scheiße Mann, jetzt hast du mir den Film versaut“ hieß.
In einer Zeit, als MIndfuck noch „Überraschung“ hieß.
Wie lange noch, bis das erste KINDER-MiNDFUCK-Ei auf den Markt kommt?
Anyway, wie der Neudeutsche sagt, wenn er sich panisch bewusst wird, das er auch nur die Zwei-Nuller-Version seiner miefigen Alten geworden ist, in der guten alten Zeit war es jedenfalls noch um ein vielfaches leichter, Nachts auf einem der drei verfügbaren Kanäle einen Film zu erwischen, und noch nicht zu wissen, wie dieser ausgehen wird.
Und so war mein erster „Überraschungsfilm“ tatsächlich Hitchcocks PSYCHO.
Die große Wendung (Altdeutsch für: Twist) in diesem Film war (Vorsicht: Überraschung!) das sich alles um den Schniedel des Protagonisten drehte.

Die Hälfte der Zeit hatte er nämlich gar keinen, oder dachte das zumindest, und die andere Hälfte hatte er ein Problem damit, überhaupt einen zu haben.
Ein Konzept das mein ca. dreizehnjähriges Ich vollkommen überforderte.
Weniger das Problem mit seiner geschlechtlichen Seite, das für einen hormonüberfluteten, frischgebackenen Dreizehnjährigen durchaus Anknüpfpunkte bot, sondern Vielmehr die Problemstellung und Krankheit, die der Film als Schizophrenie benannte.
Was für ein Wort. Was für ein Konzept.
Und Hollywood muss das so ähnlich gesehen haben, begleiteten mich auf dem Weg durch meine Adoleszenz doch eine Hundertschaft an selten guten, oftmals tranig-traurigen-Transgender-Thrilern (Alliteration des Tages!).
Verständlich, schließlich erscheint mir bis zum heutigen Tage nichts faszinierender, als die geistige Fähigkeit sich quasi verschiedene Partitionen anzulegen. Und für ausgenudelte Plotenden war sich die Traumfabrik ja auch nie zu schade.
Zumal alle Jahre neue Generationen ins Kino gepurzelt kommen und kaum aus der Windel schon FIGHT CLUB buchstabieren können. Schizophrenie is here to stay.
Vor allem in Kino.

Umso angenehmer wenn ein Film wie PEACOCK um die Ecke kommt, und das bis zum Erbrechen ausbuchstabierte Problem der Schizophrenie mal nicht als Effekthascherei und Mindfuck ausbuchstabiert.
Sicher, auch im Bereich des Dramas sind Geisteskrankheiten gern gesehene Besucher, ihre Drehbücher müffeln oftmals geradezu nach Preisregen, Betroffenheit und Sean Penn, aber als sich selbst bewusste, narrative Träger sind Schizophrene NOCH in der angenehmen Minderheit.
Und Cillian Murphy darf diese Minderheit, diesen sich selbst bewussten Norman Bates, in PEACOCK mit Bravour zum Leben (zu den Leben?) erwecken.
Die Tränendrüsen bleiben verschont, gemeuchelt wird auch eher weniger, und der Spannungsbogen zieht seinen Sog einzig aus der Frage, wo unser(e) Hauptdarsteller am Ende ihrer inneren Reise enden werden.
PEACOCK ist kein großer Film. Kein Popcorn, noch überlebensgroßes Drama.

Weder zieht er neue Erkenntnisse aus seiner Geschichte, die sich im Kern um die Selbstbehauptung zweier Charaktere in einem Körper dreht, noch zeigt er bisher ungesehene Montagen, Kameratricks oder sonstigen Firlefanz.
Was er aber ist, ist ein Cillian-Murphy-Schaulaufen.
Zwischendurch dürfen zwar mal kurz Susan Sarandon, Ellen Page und Bill Pullman durchs Bild laufen, aber das Spielfeld hier gehört ganz allein dem Irländer mit den charismatischsten Augen seit Erfindung des Hundeblicks.
Und seine Augen dominieren PEACOCK.
Ein kleines, dicht inszeniertes Charakterdrama, das seinen Reiz hauptsächlich aus der Tatsache zieht, das wir beide Seiten von John Skillpa, unserem Protagonisten, kennen und sogar lieben lernen, und bis zum Ende nicht genau wissen, welcher Seite wir den Vorzug geben sollen.
Damit schafft PEACOCk, trotz seiner ausgenudelten Mutter/Sohn/Schniedel-Problematik etwas, das dem Heer seiner gleichgesinnten Filmkammeraden nur allzu selten gelingt: Verstörung.
Nicht die profunde Verstörung zu der mich Norman Bates damals einlud, aber diesen kleinen, nagenden Sog, dieses störende Fragezeichen, das mir bewusst werden ließ, das ich keine Ahnung habe, wohin PEACOCK mich wohl führt.
Oder wie er enden könnte.
Letzteres weiß der Film leider selber nicht so richtig.
Er endet auf einem Fragzeichen, auf Möglichkeiten, und wird die Happy-Ending-Fraktion unter uns definitiv nicht zufrieden stellen.

Denn er endet definitiv nicht auf einem Exorzismus, einer Katharsis, was übrigens nicht als Spoiler noch als Twist angesehen werden kann, noch wird er so richtig schön edgy, flashy oder gar self-aware.
Genau deswegen findet er aber auch seine Nische im überbevölkerten (Ironie anyone?) Schizophrenia-Land.
Und wem das bis hier zuviele Anglizismen waren, dem sei gesagt, das ich zwar aus der dunklen Steinzeit der Wählscheiben und Sendeschluß-Bildschirme komme, das Internt aber trotzdem lieben gelernt habe.
Wie Millionen andere Schreiberlinge auch, liebe ich es das Internet zu benutzen, mich auf einen virtuellen Marktplatz zu stellen, und dort lauthals herauszuschreien, das früher alles besser war.
Pretty schizophren, isn`t it!

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