Kolumne: KlapTrap über STADT DER BLINDEN

Kolumne: KlapTrap über STADT DER BLINDEN
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Ach STADT DER BLINDEN, was machst du nur?
Du hast doch Mark Ruffalo und Julianne Moore,
Hast tolle Ideen, jedenfalls hin und wieder
Doch dumpfe Charaktere ziehen sie nieder.
Ich mochte dein Anfang, die Mitte war lahm,
Der letzte Akt gut, bis das Ende dann kam.
Dort trieft dann Bedeutung quer übers Parkett,
So gehaltlos wie Reime im World Wide Web.

Nun ja – hust – nun möchte ich gar nicht allzu viel auf die Hobbypoeten und Limmerickschütteler eingehen, die uns dieser Tage an jeder virtuellen Straßenkreuzung und in Hobbyblogs begegnen, schließlich habe ich selber dereinst – sisyphosgleich – den lyrischen Stein der große Worte den ewigen Berg der menschlichen Erkenntnis hochgerollt… und mich dabei genauso gefühlt, wie diese letzten Worte klangen… aber die Wahrheit ist ja auch, nur selten kommt etwas Gutes dabei heraus.

Jedenfalls wartet die Welt noch geduldig auf einen Faust 2.0, unter Schmerzen geboren in den großen Hallen der Weisheit von 4chan und der YouTube-Kommentarsektion.
Dabei besagt das Gesetz der Wahrscheinlichkeit doch, das genau das eines Tages passieren wird… Tausend Affen auf tausend Schreibmaschinen und so.

Wir warten immer noch gespannt und spülen derweil unseren Zynismus mit einem Bier und einem guten Porno runter.
Jedenfalls bedient sich STADT DER BLINDEN genau der Art von Stammtischphilosophie und Weltansicht, wie ich sie in den letzten Zeilen hoffentlich adäquat genug umgesetzt habe.
Der Mensch ist schlecht und nichts demaskiert ihn schneller als Extremsituationen.
Und sei es so eine extreme Situation wie die, das die ganze Welt blind wird, und keiner weiß warum.
Aber das was, wie und warum ist auch völlig nebensächlich, bedient sich STADT DER BLINDEN dieser Prämisse nur, wie sich ihr Horrorfilme dem Zombie/Outbreak/Apocalypse-Szenario bedienen: um hilflose Menschen auf engen Raum zu führen, und dann Archetypen gegeneinander auszuspielen.

Es würde tatsächlich nur ein gelangweilter Internet-User, eine Neusynchronisation an gewissen Stellen genügen, und STADT DER BLINDEN wäre ein 1-A-Zombie-Filmchen.
Wir haben den Ausbruch, wir haben die Quarantänesituation, und später dann Bilder von verwüsteten Städten, in denen torkelnde Leiber übereinander herfallen.
Nur, leider, wo Romero die Schnauze hält und seine Subtext-Brücken heimlich, still und leise in den Thrill einfließen lässt, da wird Regisseur Fernando Meirelles gesprächig.
Am Ende gibt es dann sogar Voice-Over. Von einem Charakter (Danny Glover) der fast die volle Laufzeit über sonst nur wenig zu sagen hatte.
Und der sagt dann so putzige Sachen wie „Früher war ich blind, doch jetzt kann ich sehen“ und meint damit natürlich, das er als Sehender blind war, und umgekehrt.
Poesiealbum, anyone?

Einzig Julianne Moore darf ihr Augenlicht behalten, damit sie als unser Mittler funktionieren kann, und damit auch ausnahmslos die Gute, die Mutter Theresa spielen.
Außerdem würde es ohne sie wohl kein Plot geben, da wir sonst nur zwei Stunden voller Menschen hätten, die dauernd über andere Füße fallen.
Zwischendurch darf sie verzweifeln und kurz ihre Brüste ins Bild halten, was beides scheinbar schon seit BOOGIE NIGHTS zu den Trademarks gehört, ohne die sie keinen Vertrag mehr unterschreibt.
Dennoch gelingt STADT DER BLINDEN auch manchmal etwas, was es unter dem Strich zu einer frustrierenden, aber irgendwie auch faszinierenden Reise macht.

Der Film ist komplett undiszipliniert, hat einen guten Anfang, der sich an den Aufbauten von Katastrophenfilmen orientiert, also prismengleich verschiedenen Hauptcharakteren folgt, hat einen viel zu langen Mittelteil, der für sich alleine als Horrorfilm Marke „Wir fallen jetzt mal alle übereinander her“ bestehen könnte, wird dabei mal wirklich drastisch und mal viel zu langatmig, und läuft in ein dystopisches Ende, das an die erste halbe Stunde von 28 DAYS LATER erinnert, und haut dann den Deckel mit absolut unnötigen, bedeutungsschwangeren Schluss-Sequenzen zu, die jedem Poesiealbumschreiberling schon eine Stunde vorher wie Schüttelreime vom Füller fallen würden.
In Internetspeak würde das heißen: What is this I don´t even…
Und das ist, für jeden ersichtlich, noch weit von Goethe entfernt.

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5 Kommentare

  1. PS: @Christian: Deine Seite ist ja toll und so, aber für meinen Geschmack etwas unübersichtlich. Es gibt so viel anzuklicken ^^.

    1. Die obige Archiv-Leiste ist sehr angenehm, aber hier unten im Kommentarbereich ist es mir persönlich alles etwas zu wirr. Unter dem jeweiligen Posts wirkt es auf mich ein wenig überladen, ansonsten ist es tatsächlich übersichtlicher als auf anderen Filmseiten, das stimmt. 😉

  2. Empfand ich damals ähnlich. Und der von dir angesprochene “28 Days Later” schlägt mit seinem Drecks-Ende ja in eine ähnliche Kerbe. Und um deine Frage unter einem deiner letzten Beiträge zu beantworten: Ja, ich bin der Typ von MP ;).
    Etwas Werbung: Habe auch einen Blog: die-blogbusters.blogspot.com

    1. Komischerweise mochte ich das Ende von 28 DAYS LATER. Könnte daran liegen, das sich Danny Boyle wenigstens nicht darauf versteift seinen
      Film am Ende in einen moralinsaures Erziehungsfilmchen zu verwandeln. Der Subtext ist zwar da, gerade in der zweiten Hälfte, aber er steht dem Film nicht im Wege und es blökt auch kein Nebencharakter kitschige Weisheiten dazwischen.

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