LEGEND: Kritik zum Crime-Thriller mit dem doppelten Tom Hardy & Emily Browning (DVD)

Die Story

Das Londoner East End in den 1960er Jahren: aus einfachen Verhältnissen stammend haben sich die Zwillingsbrüder Reginald „Reggie“ und Ronald „Ronnie“ Kray in der Nachkriegszeit einen berüchtigten Ruf in der Unterwelt erarbeitet und reißen mit Geschick, Einschüchterung, Erpressung und Gewalt zunehmend die Kontrolle über das organisierte Verbrechen an sich. Während sie von der einfachen Bevölkerung verehrt werden und sich in ihrem angesagten Nachtclub selbst Prominente aus Hollywood gerne sehen lassen, hegen die Brüder hinter den Kulissen ihres kriminellen Imperiums zunehmend unterschiedliche Vorstellungen, was ihre Geschäftsführung angeht: der adrett-besonnene Reggie orientiert sich an den Strukturen und wird zum Geschäftspartner der US-Mafia, der impulsive und psychotische Ronnie hingegen pocht auf ein Gangsterleben der alten Schule, in dem es vorsorglich für jeden möglichen Störenfried eins auf die verfickte Fresse gibt. Als Reggie sich in die hübsche Frances Shea verliebt und heiraten will und außerdem die Aufmerksamkeit von Scotland Yard zunimmt, droht er die Kontrolle über Ronnie zu verlieren…

Die Filmkritik

Emily Browning und Tom Hardy als Reggie Kray in LEGEND
Biographische Period Crime-Dramen wie der Prohibitions-Thriller „Lawless“, Ruben Fleischers „Gangster Squad“ oder zuletzt das South Boston-BioPic „Black Mass“ haben alle viel, besonders aber eines gemeinsam: an Genre-Klassiker wie Scorseses „GoodFellas“, Brian De Palmas „The Untouchables“, „Blow“ mit Johnny Depp und Curtis Hansons „L.A. Confidential“ konnten sie trotz vielversprechender Settings, Ansätze und Besetzungen alle nicht anknüpfen. Zu ähnlich werden die Genremuster bedient, zu wenig wird rausgeholt aus den from rags to riches-Untergrundgeschichten solcher „Helden“ des organisierten Verbrechens, wie den alkoholschmuggelnden Bondurant-Brüdern und dem Crime Lord Jimmy Bulger, zu farblos bleiben ihre Gegenseiten. Im Grunde trifft das so auch fast alles auf „Legend“ zu, den Film über die berühmt-berüchtigten Londoner Kray-Brüder von Oscar-Preisträger Brian Helgeland, der den Goldmann einst für sein brilliantes Script zu „L.A. Confidential“ erhielt.

Doppelt schade, dass der mit einer solchen Referenz in der Vita aus der Geschichte von Reggie und Ronnie Kray in vielerlei Hinsicht auch nicht mehr machen kann, als unser average everyday-Crime Drama des Monats, dafür hat sein Film aber einen Gimmick-Trumpf im Ärmel, der dann doch dafür sorgt, dass „Legend“ der beste Beitrag aus den genannten neueren Gangsterstreifen ist. Und zwar das Darsteller-Duo Edward Hardy und Thomas Hardy, die natürlich Edward Thomas Hardy sind, der natürlich Tom Hardy ist und in die Rollen der Kray-Zwillinge schlüpft. Wozu dieser verkomplizierte Umweg mit dem Namen des „Mad Max: Fury Road“-Stars? Weil Hardy die unterschiedlichen Brüder tatsächlich so distinktiv spielt, als sei er zwei Personen. Als weltgewandterer, besonnenerer Reggie und impulsiver, paranoid-schizophrener Ronnie liefert Hardy gleich zwei der besten Leistungen seiner Karriere. Auch der vernünftigere und koorperationsfähigere der Brüder scheut nicht davor zurück, sich die Hände an den Visagen der Thugs und Goons konkurrierender Krimineller dreckig zu machen, doch Reggie sieht sich eher als Gentleman-Gangster, genießt Respekt und Anerkennung, schüttelt Hände, fragt nach Frau und Kindern, umgibt sich mit Berühmtheiten, trifft Geschäftsentscheidungen, die best for business sind – Ron hingegen, schon durch sein plumperes, aufgedunseneres Äußeres, eine Sehhilfe und sein Gemumble um die makellose Attraktivität seines Zwillingsbruders gebracht, hält es in seinen Methoden wie mit seiner Marschroute beim Sex mit multikulturellen toy boys: »I’m a giver… not a receiver…« Ron teilt aus, Hammerschläge, Fausthiebe, Beleidigungen, mit einem Teppichklopfer, bizarre Theorien, etwas gefallen oder reinreden lassen will er sich nicht.
Tom Hardy als Ronnie Kray in LEGEND
Hardy trägt die Kray-Zwillinge weniger mit der physischen Brachialität, die ihn in „Bronson“, „Warrior“ und „The Dark Knight Rises“ ausgezeichnet hat, und nicht mit der undurchdringlichen Stoik aus „The Drop“ vor, sondern verleiht dem East End-Galan Reggie ein swaggendes Charisma, dem lunatic fringe Ronnie hingegen eine manische Sensitivität. Beide eifern ihrem Ideal vom Verbrecherleben nach, channeln mit eleganten Anzügen und pomadisierten Haaren die Coolness von US-Gangstern und ihren Leinwandadapteuren wie George Raft („Scarface“, „Each Dawn I Die“) und James Cagney („The Public Enemy“, „White Heat“), in ihrer Mentalität könnten die Brüder jedoch kaum verschiedener und kontraproduktiver für die Methodiken des anderen sein. Während Reggie seine Nachtclubgäste umsorgt und Kontakte pflegt, hoppelt der geisteskranke Ronnie mit einem Esel durch den Saal und lässt sich von seiner persönlichen Entourage für einen launisch-abfälligen Bühnenauftritt feiern.

Die Szenen mit „beiden“ Hardys vor der Kamera gehören dabei in jede Highlight Reel des Kinojahres, die Extraklasse der Doppelperformance wertet „Legend“ auf, obwohl sie einem als ebensolche nie ganz aus dem Gedächtnis verschwindet, erst recht dann nicht, wenn der Film klassisches Doppelgänger-Framing mit split-screen-Methode und Over the Shoulder Shots anwendet, um den Trick zu ermöglichen. Im Gegensatz zu Ensemble-Stücken wie „Gangster Squad“ und „Black Mass“ zieht Hardy die Aufmerksamkeit voll auf sich mit seiner outstanding twin magic, für die es eigentlich weit mehr Award-Interesse hätte geben müssen, als „nur“ Auszeichnungen vom London Film Critics’ Circle und von der Toronto Film Critics Association. Hardy kratzt mit beiden Figuren auf ihre jeweils ganz eigene Art an der Grenze zum Überdrehen, fängt die Koketterie der Krays mit ihrem bewussten Untergrund-Image mit dem Gestus der Unantastbarkeit aber perfekt ein, ebenso die sich auftuenden Brüche zwischen ihnen.
Twin magic - Tom Hardy als Ronnie und Reggie Kray in LEGEND
Genau wie die Gemüter der Brüder schwankt „Legend“ von herausragenden Szenen wie einem wilden Brawl zwischen Reggie und Ronnie zu Passagen voller eher unspezifischer Allgemeinplätze des Gangsterfilms, die sich erzählerisch und gestalterisch ausbreiten. So fehlt zum Beispiel als Referenz an „GoodFellas“ ein langer Tracking Shot durch Reggies Night Club, in den er Frances ausführt und nochmal schnell einen unbedeutenden Gauner abfertigt, genau so wenig, wie eine doomed romance, das oft verwendete Genremotiv der Frau als Sinnbild für den Niedergang männlich geprägter Imperien, auch wenn Emily Browning als Reggies ergebene Gattin von sich aus keinen zerstörerischen Sog entwickelt und es mehr Ronnies Eifersucht und das Dreiecksgeflecht ist, dem Reggie nicht entkommen kann und das die Liebe ins Verderben reißt. Die Dynamik zwischen dem vernünftigeren Kray und wild card Ronnie erinnert an Robert De Niro und Joe Pesci im anderen großen Scorsese-Mafiaklassiker „Casino“, in dem der eine immer wieder auf’s Neue einreißt, was der andere aufzubauen versucht und der Wahnsinn des einen beide zu zerstören droht.

Der sehr unkonkret erzählte Aufstieg der Brüder trudelt in unaufhaltsamen Wiederholungsspiralen seinem Niedergang entgegen und wenn man sich etwas eingehender und über den verwirrend unklaren Zeitraum des Films hinweg mit dem Werdegang der Krays beschäftigt bleibt das Gefühl hängen, dass Helgeland den Gaul dieses Kreislaufes totreitet, statt auch mal auf vielversprechende andere Pferde zu setzen. Das Imperium der Krays bleibt nur ein Begriff, warum die trotz zahlloser Verbrechen, krimineller Machenschaften und Jahren in Haft bis heute höchste Verehrung genießen und die Menschen zu zehntausenden die Trauerzüge nach dem Tod der Brüder begleiteten, das ergründet der Film trotz eines glorifizierenden Blickwinkels kaum mehr als am Rande. Ein paar Fakten und Ungereimtheiten arrangiert Helgeland außerdem aus dramaturgischen Gründen vereinfachend um.
Taron Egerton und Tom Hardy in LEGEND
„Legend“ ist dennoch insgesamt ein enorm stilsicherer, zum Teil stark überzeichneter Gangster-Thriller mit einem, Verzeihung zwei ausgezeichneten und auszeichnungswürdigen Tom Hardys. Die einhundertdreißig Minuten machen sich ungeachtet der sich wiederholenden und derivaten Plot Beats nicht dekubitös am Sitzfleisch bemerkbar, dafür ist Hardys Zweimann-One Man Show und das ganze Gimmick dieser Doppelrolle auch auf Strecke zu faszinierend und gibt dem ansonsten eben sehr typischen rise and fall-Crime Milieu-Thriller seine Berechtigung.

Wertung & Fazit

Action: 1.5/5

Ronnie Kray sehnt sich in einer Szene nach ‘nem klassischen Shootout und selbige sind tatsächlich kein dominanter Faktor in „Legend“.

Spannung: 1.5/5

Wird wegen Hardys Performance nie langweilig, auch wenn die Story für geübte Gangsterfilmgucker kaum Überraschungen parat halten dürfte.

Anspruch: 3/5

Verknappt und modelt einige Zusammenhänge dramaturgisch um und ist zum Teil stark überzeichnet, mit der ambivalenten Beziehung der Brüder im Zentrum und dem fein ausgestatteten Milieu-Portrait aber dennoch für gehobenere Genreansprüche gut.

Humor: 1.5/5

Ronnies Absonderlichkeit wird bisweilen fast ins comichafte verzerrt.

Darsteller: 5/5

Ein brilliantes Hardy-Showcase, der spielt beide Krays glänzend. Einzig Emily Browning und „Kingsman“-Shootingstar Taron Egerton können daneben noch Akzente setzen, der Rest ist solides Genrehandwerk.

Regie: 3/5

Solides Genrehandwerk bietet auch Helgeland.

Film: 7.5/10

Tom Hardys Leistung bringt dem Film locker einen bis anderthalb Punkte mehr in der Gesamtwertung. „Legend“ ist ansonsten solides Genrehandwerk, das durch die grandiose Besetzung der doppelten Hauptrolle und durch die Dominanz, die Hardy damit über den Film hat, die sehr handelsübliche und teilweise zu unkonkrete rise and fall-Story beherrscht und aufwertet. Kann man Star oder Genre allerdings ohnehin nichts (mehr) abgewinnen, dann muss man „Legend“ nicht gesehen haben.

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