Stars im Portrait: LEONARDO DiCAPRIO

Portrait

Hassobjekte sucht sich der gemeine Fan ebenso gerne und mit der gleichen Inbrunst, mit der er seine Lieblinge ausruft. Das ist in der Rivalität zwischen Fußballvereinen und ihren Fans so, das ist bei der angesagten Teenie-Popband so, die von den einen verehrt und von den anderen verschmäht wird. So wenig Objektivität die eine von der anderen Gruppe erwarten kann und so sehr es sich meist eh um subjektiv gefasste und rein emotional erfahrbare Vorlieben und Abneigungen handelt, so sicher ist, dass sich dieser „wo geliebt wird, da wird auch gehasst“-Mechanismus in sämtlichen Kreisen des künstlerischen Ausdrucks wiederfindet. Natürlich auch in Sachen Filme und ihrer Stars. DAS Liebe/Hass-Objekt schlechthin stellte im Zelluloidkosmos viele Jahre Leonardo DiCaprio dar, seine zumeist weiblichen Fans kreischten sich die Lungen aus den bebenden, zuckenden und letztlich in Ohnmacht sinkenden Körpern, die überwiegend männlichen Hasser (Neider?) pinnten den Milchbubi auf ihre Dartscheibe und zerlöcherten sein ach so niedliches Konterfei. Dass im Falle des deutsch-italienisch-stämmigen DiCaprio ein bei neutraler Begegnung enormes Schauspieltalent zu bewundern war, interessierte die eine Gruppe nicht vorrangig und die andere wollte es nicht wahrhaben. Doch, nachdem das Gekreische verhallt war, mit der Reifung des ehemaligen Posterboys Nummer Eins unter Regisseuren wie Martin Scorsese und Ridley Scott hat sich DiCaprio mitterweile auch unter männlichen Filmfans den verdient-berechtigten Respekt erspielt.

Leonardo Wilhelm DiCaprio wuchs nach der Trennung seiner Eltern vorwiegend bei seiner deutschen Mutter Irmelin Indenbirken-DiCaprio auf. Seine Karriere vor der Kamera begann mit Auftritten in Werbespots und Lehrvideos, ehe er 1990 eine Rolle in der Serie Eine Wahnsinnsfamilie, basierend auf der gleichnamigen Steve Martin-Komödie, bekam. Am Set lernte er Tobey Maguire kennen und zwischen den aufstrebenden Jungstars entwickelte sich schnell eine Freundschaft. Nachdem es die Wahnsinnsfamilie auf gerademal eine Staffel mit insgesamt lediglich zwölf Episoden brachte, trat DiCaprio in kleinen Parts im Seifenoperndauerbrenner California Clan, der Kläffer-Neuauflage The new Lassie und der Prekariatssitcom Roseanne auf. Sein Spielfilmdebüt gab er im zweiten Aufguss des Gremlins-Nachahmers Critters 3, der 1991 direkt auf Video erschien. Kurze Zeit darauf wurde DiCaprio ein Cast-Mitglied der langlebigen Comedyserie Unser lautes Heim (1985 – ’92), allerdings stellte sich der erhoffte Quotenschub nicht ein, so dass seine Rolle noch vor dem offiziellen Ende der Serie wieder daraus verschwand.



Der Durchbruch gelang Leonardo DiCaprio 1992, als er aus über einhundert Castingteilnehmern für die Hauptrolle in Michael Caton-Jones‘ Drama This Boy’s Life ausgewählt wurde, dabei unter anderem Kumpel Tobey Maguire ausstach (der eine kleinere Rolle im Film erhielt) und schließlich an der Seite des legendären Robert De Niro vor der Kamera stand. DiCaprio überzeugte neben einem der größten seiner Zunft mit einer leidenschaftlich-reifen Darbietung. Noch größeres Lob zog jedoch seine Leistung als geistig behinderter Bruder von Johnny Depp in Gilbert Grape (1993) nach sich, DiCaprio wurde erstmals für den Academy Award nominiert und galt fortan als DIE Entdeckung Hollywoods. In Sam Raimis Neo-Western Schneller als der Tod fiel er anschließend eher mit großer Klappe, denn herausragendem Talent neben Sharon Stone, Gene Hackman und Russell Crowe auf, im Drogendrama The Basketball Diaries, basierend auf dem Leben des Schriftsteller Jim Carroll, und als Liebhaber von David Thewlis in Total Eclipse (alle 1995) ernteten jedoch schnell wieder seine mimischen Fähigkeiten einhelliges Lob.

Im folgenden Jahr bahnte sie sich schließlich langsam an, nur um dann umso heftiger auszubrechen, die einen brüllten »Leo, I want your baby«, die anderen grummelten »I hate that babyface«, es begann die „Leo-Mania“. Mit Claire Danes spielte Leonardo DiCaprio in Baz Luhrmanns virtuosem Romeo + Julia, einer wilden, in die Moderne übertragenen Version des klassischen Shakespeare-Stoffes, vorgetragen in dessen unverwechselbaren Worten. In Marvins Töchter (beide 1996) blieb er dann etwas im Schatten der Stars Meryl Streep, Diane Keaton und Robert De Niro, nur um 1997 selbst plötzlich den größten aller Schatten auf die Leinwand zu werfen. Nachdem Claire Danes, Gwyneth Paltrow, Billy Crudup und Christian Bale im Gespräch gewesen waren erhielten die junge Britin Kate Winslet und DiCaprio die Hauptrollen des unvergesslichen Liebespaares Rose und Jack in James Camerons monumentalem Titanic, der nach einer verheerenden, von Katastrophen und Budgetexplosionen beherrschten Produktionsgeschichte und wider allen Erwartungen zum Film der Filme wurde, sämtliche Einspielrekorde brach und elf Oscars einfuhr. Für DiCaprio blieb zwar nicht einmal eine Nominierung übrig, dennoch war er zum absoluten Megastar und Teenie-Schwarm avanciert, auf dem über Nacht die Augen der Welt ruhten.



Erwartet wurden nun Posterboy-Auftritte am laufenden Band, doch ebenso wie die großartige Kate Winslet verweigerte sich auch Leonardo DiCaprio recht früh und zielstrebig diesem Weg. In dem Wissen, weder an den Erfolg der Titanic, noch an die Popularität der Rolle anknüpfen zu können, versuchte DiCaprio dies gar nicht erst und machte sich einigermaßen rar, statt sich wild in sämtliche Projekte zu stürzen, die ihm angeboten wurden. 1998 spielte er eine Doppelrolle im wenig begeistert aufgenommenen Der Mann in der eisernen Maske, in dem DiCaprio neben den Musketieren Jeremy Irons, John Malkovich, Gérard Depardieu und Gabriel Byrne verhältnismäßig blass blieb. Im gleichen Jahr absolvierte er einen Cameo in Woody Allens Celebrity. Recht enttäuschend geriet Danny Boyles Romanadaption The Beach (2002), der, besonders in den USA, kommerziell wenig ausrichten konnte, vor allem aber künstlerisch Alex Garlands Vorlage nicht gerecht wurde. Die DiCaprio-Hasser sahen sich langsam darin bestätigt, dass der Bengel zur Eintagsfliege werden würde, die Fans waren mit der Rollenauswahl ihres Idols nicht unbedingt glücklich.

Mit einem lange geplanten Projekt und auf Empfehlung Robert De Niros nahm sich im Jahr 2002 Meisterregisseur Martin Scorsese Leonardo DiCaprios havarierender Karriere an. Seit den 1970ern hatte Scorsese Gangs of New York verwirklichen wollen, Malcolm McDowell, De Niro, Mel Gibson und Willem Dafoe waren in unterschiedlicher Konstellation über die Jahre für die Hauptrollen im Gespräch gewesen, die nun mit DiCaprio und dem fabulösen Daniel Day-Lewis besetzt wurden. DiCaprio legte Muskelmasse zu und trotz seines nach wie vor sehr jungenhaften Aussehens überzeugte er Fans und Kritiker. In Steven Spielbergs Gaunerstreich Catch me if you can (2002), in dem er über mehrere Lebensabschnitte den Betrüger Frank Abagnale jr. spielt, kam ihm sein Äußeres entsprechend entgegen. Die vollkommene und nachhaltige Loslösung von seinem Sweety-Image gelang ihm erneut unter Martin Scorseses Regie, nämlich im Howard Hughes-Biopic Aviator (2004), für den DiCaprio erstmals für den Hauptdarsteller-Oscar nominiert wurde (und ihn zur Überraschung vieler nicht erhielt), und in Departed (2006), dem Remake des Hongkong-Klassikers Infernal Affairs (2002). Darin spielte DiCaprio neben Jack Nicholson, Matt Damon und Mark Wahlberg und lieferte als Undercover-Cop in Bedrängnis eine seiner besten Leistungen.



Wenngleich eine Auszeichnung mittlerweile als überfällig betrachtet wurde, reichte es auch bei der dritten Nominierung für seine Leistung in Edward Zwicks Afrika-Actiondrama Blood Diamond (2006) nicht für den Oscar, Leonardo DiCaprio faszinierte jedoch mit perfekt imitiertem rhodesischen Akzent und seiner puren Präsenz zwischen rücksichtslosem Actionheld, hartem Zyniker und lausbübischer Frechheit. Ähnliches bot er in Ridley Scotts Body of Lies (2008), in dem er sich als CIA-Außendienstler im Nahen Osten mit seinem Vorgesetzten Russell Crowe anlegt. Der Politthriller enttäuschte zwar an den Kassen, bot aber einen weiteren starken Auftritt DiCaprios, weit ab des sich nur noch in Reihen der obstinatesten Verächter seines schauspielerischen Vermögens haltenden Bildes des glattgeleckten Girliedreamboys. Ebenfalls im Jahr 2008 vereinte Regisseur Sam Mendes das Titanic-Traumpaar Winslet/DiCaprio erneut, doch der bittere Niedergang der Werte einer Ehe in Zeiten des Aufruhrs eignete sich kaum für romantisch-verträumte Händchenhaltenunterhaltung. Anfang 2010 bescherte ihre vierte Zusammenarbeit, der Psychothriller Shutter Island, Martin Scorsese dessen stärkstes Startwochenende an den US-Kassen, zudem steht der heiß erwartete, mit genialen Trailern die Spannung schürende Inception von Christopher Nolan an, in dem DiCaprio neben Ellen Page, Michael Caine, Marion Cotillard und Joseph Gordon-Levitt spielt. Abseits von und in Kombination mit seiner Arbeit beim Film engagiert sich der Star zudem für den Umweltschutz und brachte 2007 den aufrüttelnden, selbstproduzierten Dokumentarfilm The 11th Hour in die Kinos.



Rein oberflächlich betrachtet kann man es natürlich nicht so ganz übersehen, dass Leonardo DiCaprio in vielen Rollen auf den ersten Blick noch immer zu jugendlich und der propagierten Härte seiner Figuren anscheinend nicht angemessen erscheint, doch es ist seine Hingabe an jede Rolle und seine Fähigkeit, mit seinen Darstellungen eine über das Äußere hinaus reichende Komplexität zu schaffen, die diesen Eindruck immer wieder nach Sekunden vergessen lassen. DiCaprio trägt zwar beim besten Willen keine Charakterfresse vor sich her, aber es bezeugt seine Klasse eher, als das es ihr im Wege stünde, dass er dennoch in scheinbar untypischen Rollen überzeugen kann, ohne auch nur für eine Sekunde tatsächlich so fehlbesetzt zu wirken, wie man es sich eventuell im ersten Moment vorstellt. Der Titanic und seinem Bubi-Image ist er damit in jedem Fall längst entkommen und für alle, die das noch immer nicht einsehen wollen, bleibt vielleicht ein netter Trost und Anreiz, sich seine Filme trotzdem anzusehen: in überdurchschnittlich vielen stirbt DiCaprio am Ende. Aber als Gegner sollte man sich darüber nicht zu sehr freuen, denn mit dem nächsten Film wird er ziemlich sicher den nächsten Argumentsverstärker pro seiner selbst liefern.

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6 Kommentare

  1. Die meiste Zeit war er wirklich für mich einfach das Babyface, welchem jedoch ein großes Talent in die Wiege gelegt zu sein schien. Mich hatte einfach gestört, dass er in Filmen wie Titanic und The Beach nicht zeigen konnte, was er kann.

    Doch mit Filmen wie Departed, Blood Diamond hat er mich überzeugt, dass das Talent wirklich vorhanden und nicht nur eingebildet ist. Shutter Island und Inception haben ihn nun zu einem der derzeit größten Charaktermimen gemacht, wie ich finde.

    Wenn man jetzt noch bedenkt, wieviel Zeit ihm noch gegeben ist, uns mit großartigen Leistungen zu erfreuen…

  2. “Aber als Gegner sollte man sich darüber nicht zu sehr freuen, denn mit dem nächsten Film wird er ziemlich sicher den nächsten Argumentsverstärker pro seiner selbst liefern. “…und genau das hat er mit “Shutter Island” getan! Ich sah ihn in London und bin begeistert!

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