LUCY: Kritik zum zerebralen Superpower-Actioner mit Scarlett Johansson (DVD)

Story

Die amerikanische Studentin Lucy lebt zurzeit in Taiwan und macht mit ihrer Mitbewohnerin Party in Taipei. Seit einer Woche kennt sie den undurchsichtigen Slacker Richard, der in dubiose Geschäfte verwickelt zu sein scheint und Lucy die Übergabe eines Koffers in die Hände eines gewissen Mr. Jang aufzwingt. Doch die Situation schnappt völlig über: Jangs Schergen töten Richard rücksichtlos, entführen Lucy und zwingen sie ihrerseits zu einem obskuren Drogendeal. Buchstäblich abgelegt in ihren Eingeweiden soll sie einen Beutel der hochkonzentrierten synthetischen Droge CPH4 außer Landes schmuggeln. Mit Folgen, die niemand hätte erahnen können: auf einer Zwischenstation des Transportes wird Lucy von einem ihrer Wächter brutal malträtiert, wobei der Beutel in ihrem Bauch aufplatzt und mehrere hundert Gramm der Wunderdroge in ihren Körper gelangen. Der Stoff entfaltet Lucys zerebrales Potenzial und steigert ihre körperlichen und mentalen Möglichkeiten um ein vielfaches. Ausgestattet mit weiter ansteigenden Fähigkeiten jenseits des bisher bekannten menschlichen Fassungsvermögens wendet sich Lucy zunächst ihren hilflosen Peinigern zu und dann an den anerkannten Hirnforscher Professor Samuel Norman, um mit ihm ihr unbegrenztes Wissen zu teilen. Doch Jangs Männer sind weiterhin auf ihrer Spur…

Der Film

Der Ruf danach ist mal lauter und mal leiser, aber Marvel erhört ihn sowieso nicht: ein Solo für ihre Avengerette Black Widow steht für Scarlett Johansson nicht in Aussicht, gegen die Unterrepräsentanz weiblicher Superhelden gehen stattdessen demnächst DCs „Wonder Woman“ und im Rahmen des MCU „Captain Marvel“ Carol Danvers an. Aber wozu überhaupt ein Alleingang für die Widow, wo doch die Scarlett 2014 mit Luc Bessons „Lucy“ quasi ihren eigenen Heroinenausflug spendiert bekam! Der konnte sich sogar kommerziell gesehen als eines der wenigen Non-Franchise-Projekte unten den Top 20 des BoxOffice-Jahres behaupten, noch weit vor maskulinen Spektakeln wie „300: Rise of An Empire“, „Hercules“ oder „The Expendables 3“. Ein gutes Jahr für die zweifache Sexiest Woman Alive, die mit „Lucy“ sicher den furiosesten Ritt ihrer On Screen-Karriere vollführt hat, ein ultraemanzipatorischer Vengeance-Thriller, wie man es in der Besson‘schen Protagonistinnen-Tradition kennt, dazu ein paar existenzphilosophische Button geheftet an ein optisch sattes Actionfest voller visueller Spielereien zur Sichtbarmachung des expandierenden Verstandes der Titelfigur.


Scarlett Johansson in LUCY


Im Aufbau ist „Lucy“ tatsächlich der Origin Story eines Superheldenstoffes gar nicht unähnlich, von radioaktiven Spinnenbissen, Gamma- und kosmischen Strahlen und Mutationen ist es hin zur synthetischen Droge als Auslöser für außergewöhnliche Fähigkeiten nun kein sonderlich weiter Weg. Nur muss „Lucy“ sich an keine Kompromisse von gutmenschlichen Capeträgern und Spandexuniformierten halten: Johanssons Performance pendelt genau zwischen der (so weit möglich) skrupellosen Black Widow aus dem Marvel Cinematic Universe und der außerweltlichen Gestalt im SciFi-Unikat „Under the Skin“, steht in der Tendenz letzterer aber sogar näher, da Lucy mit zunehmender Geisteskraft an menschlichen Regungen und an Emotionen verliert. Der Weg zum vollständigen Wissen vom Anbeginn der Zeit bis sonstwann kostet sie mehr und mehr ihr humanes Empfinden und Lucys Schlusswandlung ist nur folgerichtig, eine invasive und transitive Speziesextraktion. Doch bis dahin wird schon ab zwanzig Prozent Hirnnutzung ohne Reue und im kalten Kalkül eines Aufbruchs des horizontativ begrenzten Sterblichkeitsbegriffes um sich geschossen und auch Unschuldige ernten Lucys Kugeln, ohne dass sie bloß einen Wimpernschlag an Mitgefühl übrig hätte.

Besson strebt keine moralleuchtende Superwoman an, eher ist ihm nach der gleichgültigen Allmacht eines Dr. Manhattan aus Alan Moores Helden-Dekonstruktion „Watchmen“, wodurch das expansive und der Unbesiegbarkeit immer näher kommende Skillset der Heroine spannender und kantenreicher bleibt, als wenn der Pariser ihr bloß ein strahlendes S auf die Brust bügeln würde. Mit Fragen um den Verbleib von Menschlichkeit in einem Gefüge der Omniszienz setzt sich „Lucy“ damit ganz nebenher besser und gedankenevozierender auseinander, als zum Beispiel der verquast-lahme „Transcendence“ von Wally Pfister im letzten Jahr, obwohl das bei dem zentrales Thema und bei Besson wie gesagt nur Buttonwerk ist. Im Vordergrund steht bei „Lucy“ aber eindeutig der Spaß an einem rabiaten Spektakel, das mit Johanssons Entführungs- und Misshandlungspein ausreichend hart aufgezogen wird, um ihrer eigenen späteren Gewissenlosigkeit den Nährboden ihrer Rachesaat zu liefern. Sind die Revenge-Muster abgetragen macht Lucy schließlich mit einigen Hetzjagdmodulen weiter und die erstaunlichen Fähigkeiten des 1.60 Meter-Hüpfers benötigen nichtmal mehr primitive Waffengewalt, bis sie und der Film schließlich sämtliche Vorstellungsgrenzen von Raum, Sein und Zeit einreißen.


Scarlett Johansson mit Knarre in LUCY


Ein Bildersturm aus Geballer, Evolutionstheorie, einer über die erste Hälfte immer wieder zwischengeschnittenen Vorlesung zur Festigung der Basics, von denen Besson mit seiner „von 10 auf 100%“-Zerebralsynopsis ausgeht, mit Morgan Freeman als verlässlicher Narrateur, internationaler Drogenschmuggel und eine Scarlett Johansson, vor deren Augen die Welt mit ihren Fernbedienungskräften zum unendlichen Wahrnehmungsraum wird – Besson brennt schon ganz schön der Wirsing durch und je höher er die Prozentzahl von Lucys ausgeschöpftem neuralen Potenzial schraubt, desto weiter öffnet der Film die Schleusen. „Lucy“ legt ein höllisches Tempo vor und ein nachvollziehbarer Progress ist Besson über den blanken Sinnesrausch irgendwann egal, womit er sein Konzept so energisch durchzieht, wie er es gleichzeitig aber auch nicht vollends ausschöpft. So nimmt sich der Regisseur fast gar keine Zeit für den Außenschock und die Gegenreaktion, die das Mädchen mit dem Megamind eigentlich auslösen müsste. „Lucy“ ist ein reiner Fun Ride, die actionreichere und alles in allem sinnleerere Variante von Neil Burgers „Limitless“, als solche aber ordentlich fetzig.

Wertung & Fazit

Action: 3/5
Fetzig und auch vom Härtegrad her nicht ohne. Die große Verfolgungsjagd ist nicht ganz optimal getrickst, insgesamt aber alles im Lot.
Spannung: 1,5/5
Der Plot ist marginal und nicht auf die ganz hohen Spannungsspitzen getrimmt, das Tempo ist allerdings enorm hoch und die knackige Laufzeit lässt keine Länge aufkommen.
Anspruch: 1/5
Schon überwiegend ein eher sinnfreier Actioner, allerdings immerhin mit ein paar gedankenanregenden Anklägen, die gar nicht so doof sind.
Humor: 1/5
Entsteht vor allem aus Lucys zunehmender Kaltblütigkeit und der schieren Absurdität des Geschehens.
Darsteller: 4/5
Von schwer verängstigt bis super-tough und in zwei, drei gelungenen Momenten von Restemotionalität kann ScarJo hier einiges zeigen. Morgan Freeman gibt souverän den Erzäher, der Rest ist durchweg sehr solide.
Regie: 3,5/5
Mit der beste Film, den Luc Besson seit seinem letzten richtig guten Film, „The Fifth Element“, zu verantworten hat.
Fazit: 7/10
Irrsinnig flotter Actioner. Cinéma du look-Koryphäe Besson treibt’s auf die Spitze mit seinem beliebten Motiv der Power Woman und pusht sein Werk über die Grenzen der Absurdität. Unterhaltsam ist das aber jederzeit, auch wenn Lucy als Figur der 100%-Auslastung ihrer Kapazitäten näher kommt, als „Lucy“ der Film.

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Ein Kommentar

  1. Ich lese zur Abwechslung auch mal gerne eine positive Kritik zu LUCY, hat der Film mir doch seinerzeit auch sehr, wirklich sehr gut gefallen. Beschwerden von wegen, wie unlogisch die ganzen Geschehnisse doch seien, wie naiv mit dem zerebralen Wachstum umgegangen würde, schmettere ich einfach ab. Wer sich auf die Exposition des Films einlassen kann, bekommt einen in sich nahezu perfekt geschlossenen, spaßigen Action-Trip spendiert, dessen taffe Heldin wirklich gelungener und willkommener im Genre nicht sein könnte.

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