MAD MAX 2 – DER VOLLSTRECKER: Kritik zum brachialen Action-Sequel mit Mel Gibson (Blu-ray)

Story

Einige Jahre sind vergangen, seit Max Rockatansky seinen Partner und besten Freund Goose und seine Familie an die Gewaltakte der Höllenjockeys des rücksichtslosen Gangführers Toecutter verloren hat und Max diesen zur Strecke bringen konnte. Ziellos streift der Ex-Cop seither durch die Wüsten der gesprengten Zivilisation, die im Krieg um Rohstoffe zugrunde ging. Auf der Suche nach Benzin stößt Max inmitten des gewaltverseuchten Ödlandes auf einen Gyrokopterpiloten, der ihm von einer Raffinerie berichtet, die Öl und Benzin in rauen Mengen zu Tage fördert. Doch die Raffinerie sieht sich der Belagerung des Wüstenkriegers Humungus ausgesetzt, der mit seinen wilden Marodeuren in den Besitz des schwarzen Goldes gelangen will. Um seinerseits an ausreichend Treibstoffvorräte zu gelangen handelt Max mit den Raffineriebewohnern einen Deal aus: im Tausch für eine Menge an Benzin beschafft er der Gemeinde eine Zugmaschine, mit der sie ihren riesigen Treibstofftank und sich selbst in eine mehrere tausend Meilen entfernte Sicherheit bringen können. Tatsächlich gelingt es Max, ein geeignetes Vehikel zu beschaffen, doch als es an den Fluchtplan geht hetzen Humungus und seine motorisierten Bestien ihm gnadenlos nach…

Der Film

Vernon Wells als Wez und Jerry O'Sullivan als Golden Youth in MAD MAX 2 - DER VOLLSTRECKER
Zwanzig Jahre lang, bis sich 1999 drei neugierige Studenten in den Wäldern von Burkittsville, Maryland, auf die Suche nach einer Hexe machten, galt eine australische Produktion mit unbekanntem Regisseur, unbekanntem Hauptdarsteller und Mikrobudget als der profitabelste Film aller Zeiten: George Millers postapokalyptischer Carsploitation-Revenge-Actioner „Mad Max“, ein Sensationserfolg in seiner Heimat und mit den Jahren ein weltweites Phänomen und stilprägend für zahllose Endzeit-Epigonen. Eine Referenz in Sachen Stuntkino und verdienter Kult, der sich mitten zwischen „Star Wars“-Hype und „Indiana Jones“-Abenteuern behauptete. Mit mehr als verelffachtem Budget (und immer noch „nur“ 4,5 australische Dollar teuer) konnte Miller das Sequel „Mad Max 2“ realisieren, in den USA als „The Road Warrior“ vermarktet, und setzte das Fortsetzungsmantra „höher, schneller, weiter“ mit voller Dröhnung um: „Mad Max 2“ ist ein Ultrasequel, einer der besten zweiten Teile und einer der besten Actionfilme, die je über die Leinwand bügelten.

Für den Zugang zur zuvor kaum mehr als grob umrissenen Endzeit-Vision von „Mad Max“ gibt es am Anfang der Fortsetzung, die mühelos als Stand Alone funktioniert, endlich den Hintergrund zum Ödland-Epos, ein allegorisierter Großmachtskonflikt im Schatten des Kalten Kriegs und der Ölkonflikte im Nahen Osten, der im Streit um die natürlichen Ressourcen der Erde in einen Vernichtungskrieg mündet und die Gesellschaftsstrukturen zerbersten lässt. Gab es in „Mad Max“ noch den verzweifelten Versuch der Regulierung in einem bandenähnlichen Kampf zwischen Gesetzesresten und dem brutalen Gesetz der Straßenschlächter, haben sich diese letzten Versuche der Ordnung in „Mad Max 2“ endgültig aufgelöst. Die Ankerketten sind gekappt, die Menschenwracks haben abgelegt und treiben völlig verroht und wildgeworden durch den endgültigen Wasteland-Wahnsinn.
Mel Gibson und sein Hund in MAD MAX 2 - DER VOLLSTRECKER
Weit draußen in der Wüste warten auf den einsam umherziehenden Max Rockatansky diesmal keine Motoradrocker, sondern schrille, aber nicht weniger brutale Fetisch-Punks in selbst zusammenmodellierten SM-Outfits und mit exekutiver Militär- und Behördenvergangenheit, Veteranen der alten Zeit. Auch der Humungus und seine dogs of war haben Verlust erlitten und Qualen erduldet, sie sind Spiegelgestalten des einstigen Cops Rockatansky, der seinen Schmerz wiederum nicht in einer marodierend-soziozidalen Subgesellschaft zu lindern versucht, sondern in seiner Sozialuntauglichkeit die Nachwehen der Apokalypse mit sich allein abmacht. Diese Parteien von Endzeitverrückten treffen mit den Siedlern in der Raffinerie auf einen Gegenpol, auf den Versuch einer Zurückführung zum rechtschaffenden Miteinander, weißgekleidete Idealisten, die im Chaos zu überleben versuchen, ohne ihre Menschlichkeit und ihre Werte aufzugeben.

In dieser Konstellation liefert „Mad Max 2“ überhaupt nicht unbedingt einen Plot, sondern eine fortlaufend drängende Zündung von Ereignissen und Konsequenzen, die im Gegensatz zum Vorgänger, der bewusst auf kontrastierende ruhige Momente setzte, den Stiefel gar nicht mehr vom Gas nimmt. „Mad Max 2“ überschlägt sich fast vor Bewegungsenergie, Millers rammender Erzählstil zieht von der ersten Szene nach der monologisierten Einleitung ungedrosselt auf Höchsttempo an und lässt über Anderthalbstunden keinen einzigen Einbruch seiner röhrenden, berserkernden Leistungskraft zu. Miller rückt alles, was er an „Mad Max“-Signatures im Vorgänger etabliert hat, noch ein gewaltiges Stück weiter, der Film ist nochmal um einiges klarer als der schon durchweg straighte erste Teil, aber auch runder und kommt ohne die Plotbehelfsmäßigkeiten aus, mit denen Rockatanskys Weg vom aufrechten Cop zum verstandsverlustigen Rächer über ein paar sehr wacklige Brücken gebaut war. „Mad Max 2“ ist pure Kraft, pure Beschleunigung, pures Filmemachen.
Kjell Nilsson als Humungus in MAD MAX 2 - DER VOLLSTRECKER
Ödland-Outlaw Max ist ohne Marke, ohne Familie und damit letztlich ohne Motiv zum ultimativen Antihelden der Actionfilmgeschichte geworden, der sich zuerst um seine Belange schert, einen schwer verwundeten Raffineriebewohner nicht aus dem Staub rettet, damit der Mann überlebt, sondern damit er ihm etwas schuldig ist. Statt seiner Entwicklung im bildlichen und übertragenen Sinn aus dem Vorgänger ist Max‘ Weg hier keine Reise mehr, einzig das Ziel ist das Ziel, nur darauf liegt der Fokus eines Mannes, der alles verloren und mit allem gebrochen hat, ein empathieloser Loner, ein Restmensch und Resteverwerter, den das siedende Bad der Gewalt abgestumpft hat. Der 1979 noch bubihafte Mel Gibson sieht zwei Jahre später härter, abgehärmter und reifer aus und überzeugt ohne jeden Einwand als Road Warrior, der umso entschlossener handelt, je mehr man ihn zerschindet. Neben dem ungebremsten Tempo zieht auch der Gewaltgrad in „Mad Max 2“ nochmals merklich nach oben, Folter, Missbrauch und Tötung beherrschen das Outback und worin einige Kritiker des Films und der Reihe eine Verherrlichung der Brutalität ausmachen liegt deren essentielle Zugehörigkeit für die „Mad Max“-Welt: vergleicht man Millers R-Rated-Ansatz, der in Deutschland gar jahrelang auf dem Index stand, mit der heutigen Car-Stunt/Crash-Referenzreihe „The Fast and the Furious“, in der die Protagonisten die absurdesten Stunts mit kaum einem Kratzer wegstecken, werden in „Mad Max“ einfach der Druck und die Bedeutung der Ereignisse spürbar, indem die Brutalität Ausmaße und Folgen aufweist, Max zum Beispiel sein schwer verwundetes Bein mit in den zweiten Teil bringt und solche Körperabnutzungen nicht blind in der nächsten Szene vergessen sind.

Hinterfragen hingegen kann man „Mad Max 2“ ob seiner sexuellen Metaphorik: während die „Guten“ nach heteronormen Beziehungen und Familien streben, ergehen sich die „Bösen“ überwiegend in orgiastischer und homoerotischer Stilisierung; muskulöse, in Leder und Uniformteile geschnürte Körper, blanke Ärsche, ein kaum anders denn als Lustknabe zu deutender wallend blonder Schönling hinten auf dem Bike des teuflischen Schurken Wez, dazu [SPOILER voraus!] der finale Knall, in dem der eine den anderen Bösewicht buchstäblich von hinten nimmt [SPOILER Ende] – das lässt sich durchaus als homophobe Tendenz lesen, wo auf der Meta-Ebene nicht der Kampf zwischen guten Siedlern und bösen Schlächtern ausgefochten wird, sondern zwischen klassischen Werten und einer expressiven Schwulen- und Fetischkultur. Aber: ein Thema Millers und seiner „Mad Max“-Trilogie ist ganz klar die Enthemmung, in gewissem Sinne eine Befreiung oder ein Outing, ein Menschenabbild, das sich seinen Bedürfnissen und Vorlieben ohne eine Beugung vor sozial wertgeschätzteren Modellen hingibt, worin ein bitterzynischer Subtext steckt, nach dessen Aussage Homosexualität erst ihr Recht auf Anerkennung zugesprochen bekommt, wenn Polit-, Religions- und Gesellschaftsstrukturen keinen Stellenwert mehr besitzen – was im ohnehin fibrillierenden Gut/Böse-Schema des Films aus Humungus und seinen Jungs Husaren des Gay Pride machen würde. Nein zur Unterdrückung und zum Versteckspiel, »Smegma crazies to the left! Gayboy berserkers, to the gate!«, überrennt diese idealistischen Naivlinge mit ihren antiquierten Wertvorstellungen!
Mel Gibson und Emil Minty in MAD MAX 2 - DER VOLLSTRECKER
Aber gut, sexuelle Metasymbolik lässt sich in tausend Richtungen deuten (in „Mad Max“ auch bei der Titelfigur, die Diskrepanz zwischen Max als khakitragendem Bügelfaltendaddy und als Bad Ass in martialischer Lederkluft…) und viele mögliche Intentionen entstehen hier eh erst in der Rückwärtsbetrachtung und im Zeitabstand von über dreißig Jahren. Was sicher ist: auch nach dieser Zeit ist „Mad Max 2“ einer der ganz großen, brachialen Höhepunkte des Actionkinos der 1980er Jahre, bevor überlebensgroße Muskelmänner mit ordentlich Schusskraft die Bühne übernahmen war und ist das weiterhin ein Film von erschlagender Wucht. Der viertelstündige Showdown, eine einzige lange Verfolgungsjagd, in der sich irre Crashs übertrumpfen und neue Maßstäbe in Sachen praktischer Stuntarbeit gesetzt wurden, ist Kino für die Ewigkeit, ein Barrieren durchbrechender Koloss von einem Finale, in dem Miller das Steigern der Steigerung gelingt. Mit den Prisen blanker Absurdität, unter anderem von Bruce Spence und seinem vogeligen Gyrokopterpiloten eingebracht, der dauerpushenden, organischen Handlung, dem arschcoolen Antihelden und der krachenden Action ist und bleibt „Mad Max 2“ einer der am unumstößlichsten eingerammten Meilensteine des Genres.

Wertung & Fazit

Action: 5/5
Selbst wenn bis zum Finale alle nur rumsitzen würden gäb’s allein für den Showdown schon die volle Punktzahl.
Spannung: 3,5/5
Macht Dampf ohne Ende und die konsequente Gewaltdarstellung sorgt für eine allzeit gefährliche Atmosphäre.
Anspruch: 2,5/5
Steckt voller Deutungsebenen, die Miller kaum alle zu bedienen im Sinn hatte – aber das macht sie nicht ungeschehen.
Humor: 1/5
Absurder und noch abgedrehter als der erste Teil.
Darsteller: 4,5/5
Von den Schurken kommt keiner so ganz an Hugh Keays-Byrnes Toecutter ran, dafür gibt Gibson einen nochmal cooleren (Anti)Helden und Bruce Spence einen geeigneten Sidekick.
Regie: 5/5
Das elffache an Kohle und damit weniger Zwang zum Kompromiss bei der Umsetzung seiner energetischen Endzeitvision kommt Millers Stil natürlich enorm entgegen. Eine Action-Regie nahe der Perfektion.
Fazit: 9/10
Keine Superhelden, kein CGI, keine glattgebügelte Unverwundbarkeit – „Mad Max 2“ ist ein roher Actionkracher, der permanent auf Hochtouren läuft und mit keinerlei Altersverschleiß immer noch zu den besten Actionfilmen aller Zeiten gehört. DIE Messlatte für postapokalyptischen Endzeitterror.

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