MAD MAX: FURY ROAD – Kritik zum totalen Wasteland-Wahnsinn mit Tom Hardy & Charlize Theron (Kino)

Story

Australien in der Zukunft: Kriege um Rohstoffe und Ressourcen haben die Zivilisation zerrissen und alle bestehenden Gesellschaftsformen aufgelöst. Das unwirtliche Ödland durchstreift einsam und von den Geistern der Vergangenheit verfolgt der Ex-Cop Max Rockatansky, der in den frühen Tagen des Kollapses seine Familie verloren hat. Doch nun wird Max von den Schergen des tyrannischen und zugleich gottgleich verehrten Kultführers Immortan Joe zur Strecke gebracht, gefangen genommen und muss als lebendiger Blutspender für Nux herhalten, ein treu ergebener, verstrahlter und tumorbefallener War Boy. Während Max zur Hilflosigkeit verdammt ist unternimmt eine von Joes Anführerinnen, die prothesenarmige Furiosa, einen unerwarteten und gefährlichen Versuch, aus dem totalitärem Wüstenreich zu entkommen: gemeinsam mit den Five Wives, die Joe seine Nachkommenschaft zu schenken bestimmt sind, und einem wahren Ungetüm von Tanklaster macht sie sich auf einen Ritt durch hunderte Meilen von Einöde, um die Frauen in ihre eigene, fruchtbare Heimat und die Freiheit zu führen. Immortan Joe jedoch ist nicht willens, seinen wertvollsten Besitz einfach herzugeben und so macht sich seine gesamte motorisierte kriegerische Kraft an die Verfolgung Furiosas. Mit dabei, vor Nux‘ Wagen gespannt und diesen immer noch mit Blut versorgend: Max…

Der Film

Tom Hardy als Max Rockatansky in MAD MAX: FURY ROAD
Von „Toy Story 3“ und „Rise of the Planet of the Apes“ abgesehen war es bislang so gar keine gute Idee, Film(reih)e(n) mit berühmtem Namen nach Jahrzehnten der Abwesenheit wieder aufzuwärmen, ihnen was vor- oder sie fortzusetzen. Den verspäteten „Sin City“-Nachschlag „A Dame to Kill For“ hätt’s nicht mehr draufgepfropft gebraucht, „Terminator Genisys“ nimmt diesen Sommer den dritten Anlauf, James Camerons SciFi-Action-Monument „Terminator 2“ von 1991 etwas würdiges folgen zu lassen, „TRON: Legacy“ lohnte sich 2010 nur als audiovisuell hochgepimpte Fortsetzung des 1982er Kultfilm. Und die „Star Wars“-Prequels nach sechzehn und „Geriatriana Jones and the Kingdom of the Swinging Monkeys“ nach neunzehn Jahren zerkloppten einer ganzen Generation von Kinogängern ihre Nostalgiedrüsen. Was will da nun nach vollen dreißig Jahren und seit Ende der 1980er andauerndem Produktionshickhack überhaupt noch George Miller mit seinem „Mad Max“-Comeback „Fury Road“?

Ganz einfach: alles, was sich Actionkino nennt, unter einem unaufhaltsamen Gigantensturm von brachial-kataklastischem Stuntwahnsinn und endokriner Endkrasszeit-Abgedrehtheit unter sich zermalmen. Genau das tut „Mad Max: Fury Road“. The actionfilm to end all actionfilms; wenn das Genre nach „Fury Road“ zu existieren aufhörte, würde es in George Millers $150 Millionen teurer Explosion zerschellen, zersplittern und auf einem seiner größten Höhepunkte zergehen. So scheiße geil ist dieser Film. Die gesamte Trilogie bestehend aus „Mad Max“, „Mad Max 2: The Road Warrior“ und „Mad Max Beyond Thunderdome“ hat kaum ein Zehntel der Kosten ihrer Wiederauferstehung verschlungen und wahrhaftig wirkt alles, was Miller da bislang im australischen Ödland entfesselt hat, nur wie eine Aufwärmrunde für das, was er eigentlich mit dieser aus den Fugen geratenen Welt anstellen wollte.
Nicholas Hoult als Nux und Charlize Theron als Furiosa in MAD MAX: FURY ROAD
An der Story von „Fury Road“ muss man sich nicht lange aufhalten; die „Mad Max“-Reihe, das sind Zielfilme ohne verschlungene Umwege, die Welt ist am Arsch, hier herrscht Chaos und nicht Diskurs und die Inhabitanten des Ödlands stoßen in klaren Widersätzen und Konflikten aneinander, da wird nicht lange rumgeschwurbelt und reflektiert, sondern dem eigenen Interesse nach gehandelt. Das braucht starke Motive und darin steht „Fury Road“ besonders den ersten beiden Teilen in nichts nach. Der Drang nach Freiheit und Erlösung treibt Furiosa an, das tonnenschwere Ungetüm, mit dem sie durch die Wüste pflügt, ist das Instrument ihres Willens, der Herrschaft des Wasserdespoten Immortan Joe zu entkommen. Charlize Therons raspelhaarige Kämpferin und ihr Anliegen sind dabei keine bloßen Plotkrücken, um den Film wortwörtlich in die Gänge zu kriegen – die Oscar-Preisträgerin ist in einem geschickten Twist die eigentliche Hauptfigur von „Mad Max: Fury Road“.

Millers Geschick ist es, dass dieser Umstand nicht auf Kosten Tom Hardys und seiner Interpretation des Loners Max Rockatansky geht. Dessen Faden greift „Fury Road“ an einem Punkt, oder sogar noch direkter in einem Moment auf, an dem es für ihn um Nichts als Überleben geht. Reine Instinktsteuerung. Ein anderes Ziel hat Max hier nicht, hat tatsächlich von allen wichtigen Figuren am wenigsten einen story arc, eher sogar gar keinen: der Ex-Cop wird ohne eigenes Zutun in Furiosas Geschichte hinein gerissen und entscheidet sich mit dem gewohnten Widerwillen und zuvorderst am Selbstzweck orientiert dafür, ihre Sache zu unterstützen. Das ist nach dreißig Jahren ein perfekt gewählter Wiedereinstieg für die Ikone, eben indem er nicht als solche durch’s Wasteland mäht, sondern von Furiosa und aus ihrer Sicht und im Zusammenhang ihrer Geschichte auch vom Publikum neu entdeckt wird.
Hugh Keays-Byrne als Immortan Joe in MAD MAX: FURY ROAD
So reißt dann Hardy als Erbe Mel Gibsons die Endzeit-Show auch keineswegs an sich, der sagt kaum was und grunzt meist nur, selbst als er den Maulkorb los ist, den ihm Joes durchgeballertes Gefolge zu Anfang verpasst, drückt sich Max vornehmlich mit Urlauten aus. Und über Hardys Physis, sein Max ist tierhafter, unruhiger als einst Gibson, gequälter: das Schlüsselerlebnis aus Max‘ Vergangenheit greift Miller erstmals seit dem kurzen Flashback am Anfang von „The Road Warrior“ visuell auf, passt es aber an den Stil von „Fury Road“ an, rebootet Max und seine Geschichte also zugleich, während der Film chronologisch nicht klar verortet ist. Sofern er da überhaupt einen Platz einnimmt und nicht seine eigene Chronologie schreibt, denn eigentlich passt er weder zwischen zwei der drei Teile, noch an deren Ende. Was aber auch in Ordnung so ist und vermutlich die weit bessere Alternative zu einer klar zeitlich positionierten Fortsetzung mit Mel Gibson in altbewährter Rolle, wie sie bis vor zehn Jahren immer mal wieder im Gespräch war.

Dennoch ist „Mad Max: Fury Road“ der Ur-Trilogie über Merkmale und Andeutungen verpflichtet, der Zoom auf das aufbrüllende Motorteil von Max‘ V8 Interceptor, weit aufgerissene und hervorquellende Augen, die kleine Musikbox aus „The Road Warrior“ taucht kurz auf – und dann die Action: „Mad Max“ steht seit 1979 als Synonym für energetische Verfolgungsjagden, Car-Crash-Orgien und waghalsige Stunts mit Mensch und Maschine, Regisseur Miller für eine ungebändigte kinetische Wucht. All diese Attribute schnallt sich „Fury Road“ auf den Beifahrersitz – und brettert damit alles nieder, was jemals irgendein Film an stuntlastigem Vehikelkrawall geboten hat. Alles. Nachdem Furiosa mit ihrem Tanklastzug nach links abbiegt statt geradeaus weiterzufahren ist der Film im Grunde ein einziges, zweistündiges Action Set Piece rund um und in ihrem aufgerüsteten Kampfkahn und allem, was Immortan Joe und andere Wüstenvölker ihm entgegen zu setzen versuchen.
Tom Hardy und Charlize Theron in MAD MAX: FURY ROAD
Wie das viertelstündige Finale von „The Road Warrior“, nur als ein ganzer Film. Keine weitere Story, nur »ich bin hier und will nach dort« und dann eine überwältigende Actionsequenz nach der anderen, ohne dass einer davon das Tempo ausginge, ohne dass sich dieses Konzept abnutzen würde. Denn wo Abwechslung auf dem Papier fast nicht möglich scheint, wenn ein Truck durch eine Wüste jagt, findet Miller stets auf’s Neue einen eigenen Dreh, eine weitere Steigerung für seine vollkommen entfesselten Episoden, ob nun ein mächtiger Sandsturm den Weg kreuzt, ein Canyon durchquert werden muss oder die Natur und die Farbdrastik des Films anderweitig für Hindernisse und Kontraste sorgen. Die Panoramen, die Miller hier aufzieht, sind im wahrsten Wortsinne leinwandsprengend, die Explosionen, die umherfliegenden Metall- und Körperschrottteile, die irren Einfälle, wie jener, dass die Kriegshunde von Immortan Joe mit einer Trommeltruppe und einem wilden E-Gitarristen auf eines ihrer Fahrzeuge geschnallt ihren eigenen Soundtrack für die Jagd einspielen… Wahnsinn, blanker Wahnsinn.

Dem es dennoch gelingt, eine physikalische Haftung zu bewahren, im Gegensatz zur „The Fast and the Furious“-Reihe, die das Zepter der Car Crash-Hoheit reumütig wieder an den wahren Meister abgeben muss: die Masse der Vehikel, das schiere Ausmaß dieser dröhnenden Wüstenrallye und das Gefühl für die pure, unwiderstehliche Kraft, die da unterwegs ist, geht „Mad Max: Fury Road“ nie verloren. Egal wie abgedreht der Film wird, die Action fühlt sich dennoch echt an, kommt sehr wohl künstlerisch hyperstilisert, aber trotz CGI-Einsatz nicht künstlich rüber, der Trash- und Exploitation-Appeal der Ursprünge der Reihe und des Restchens an Story von „Fury Road“ geht nicht im Gewand eines modernen Blockbusters verloren. Im schrillen Wasteland-Wahnsinn bleibt Platz für genügend Details, die mit modernem Blockbuster gar so wenig zu tun haben wie Max mit einem Rednerpult, [kleine SPOILER-Tendenzen folgen] die gemolkenen Frauen oder die Zwangsgeburt eines Babys mitten in der Schlacht [SPOILER Ende], da gehen Sachen ab, die weder auf’s Rating noch groß auf politische Korrektheit setzen. Sogar für ein paar religiöse Querbezüge hat Miller noch Platz, wenn Joes ergebene War Boys von ihrem Gang nach Walhalla und in die Unsterblichkeit schwärmen, bevor sie sich in Selbstmordaktionen stürzen.
Tom Hardy in MAD MAX: FURY ROAD
Miller gelangt mit „Mad Max: Fury Road“ zur Vollkommenheit seiner postapokalyptischen Vision. Der Film ist die ersten paar Minuten prägnant und detailreich genug, um dann die ultimative Actionzündung zu starten und sämtliche Bodenbleche aus ihren Verankerungen zu treten, die Motive sind klar und so macht es nichts, dass einige Dialoge im tosenden Lärm der wilden Straße untergehen, dass Bezeichnungen und Namen fallen, für die es nicht viel Kontext gibt, die aber meist selbsterklärend genug sind, um eine Ahnung des größeren Ausmaßes dieser Welt zu bekommen, die nun komplett aus den Fugen gesprengt ist. In beeindruckender und einschüchternder Aufmachung bläst Hugh Keays-Byrne (der Toecutter aus dem ‘79er Original!) zur Jagd auf Furiosa und leitet eines der urgewaltigsten Actionungetüme aller Zeiten ein, „Fury Road“ ist eine Bestie von einem Film, ein total eigenes Erlebnis, ein Endzeit-Orkan ohnegleichen, ein rücksichtslos spezieller Film, der aber hoffentlich ein gewaltiges Publikum findet. Denn SO muss Actionkino sein. Es bleibt hinterher ein tiefer Abdruck im Polster des Kinosessels zurück, dermaßen heftig drückt einen „Fury Road“ da hinein.

Wertung & Fazit

Action: 5/5

Zehn von Fünf. Fünfzig von Fünf. Sechstausendvierhundertzweiundzwanzig von Fünf! Was für ein Brett, was für eine Granate.

Spannung: 4/5

Kaum Atempausen und selbst wenn gerade mal nichts in Bewegung ist schafft der Film noch eine ungehinderte Dynamik. Nicht unbedingt spannend im Sinne emotionalem Mitfieberns, aber aufregend wie hungrige Sau von der Kette gelassen.

Anspruch: 2.5/5

Die Apokalypse bekommt diesmal einen feministischen Winkel und wenn man vor lauter Ekstase dazu kommt, darauf zu achten, stecken da wieder ein paar spannende Subtexte und Metaebenen drin.

Humor: 0.5/5

Einige rasend absurde Einfälle, im klassischen Sinne aber kein wirkliches Kriterium.

Darsteller: 4.5/5

Ohne Charlize Therons starke Leistung würde der Film vermutlich etwas weniger gut funktionieren, denn Tom Hardy stellt sich in den Dienst der Sache, hier einen etwas anders angelegten Max zu präsentieren, der mehr denn je unfreiwilliger Teilnehmer der Geschichte anderer ist. Insgesamt alles und jeder überzeugend im Rahmen der Anforderungen.

Regie: 5/5

Mit stolzen siebzig Jahren auf dem Buckel übertrifft sich George Miller selbst und zeigt, wo der Actionfilm die Stahlglocken hat.

Film: 9.5/10

Postapokalypse Wow: zwei Stunden total entfesselte Endzeit-Ekstase mit emanzipatorischem Anstrich. Eine Action-Rock-Opera, wie man sie noch nicht gesehen hat. „Mad Max: Fury Road“ ist ein spätes Comeback für eine DER Leinwand-Ikonen der 1980er – aber was für eines! Mit der beste Actionfilm des bisherigen 21. Jahrhunderts.

6 Kommentare

  1. Ich bin restlos begeistert! Max ist präsent genug dank Tom Hardy. Max’ “mitlaufen” passt hervorragend zu der Art, wie er in die Geschichte reingeraten ist und da eine Gruppe einen Anführer braucht, konnte das nur jemand anderes machen. Max ist kein Anführer. Max ist wieder Mad. Zerfressen von Schuld und Einsamkeit war sei Platz in der Geschichte genau richtig. Und wirklich: Er ist doch da. Die ganze Zeit.

    1. Genau so sehe ich das auch. Die Grunzlaute von Tom Hardy haben mich nach einer gewissen Zeit nur noch genervt. Und gerade weil Tom Hardy so ein super Schauspieler ist, ist es schade, dass er hier so wenig gefordert wird.

  2. Toller Film, geiler Action-Kracher, der visuell mehr als nur beeindruckt. Aber ich fand’s leider sehr schade, dass es eigentlich kein wirklicher Mad-Max-Film ist, da Max zum Nebendarsteller in seinem eigenen Film wird. Da war Theron echt sehr viel stärker.

    1. Ich hatte mir das schon gedacht, einfach anhand von Therons Marketing-Präsenz. Aber wie oben geschrieben: ich fand das passend als Wiedereinstieg für den Max-Charakter. Was willste aus dem selbst heraus für eine Geschichte erzählen, an dem Punkt, an der er hier ist? So wird er halt unfreiwillig mitgerissen und muss sich dann durchschlagen. Geht für mich in Ordnung, so wird die Figur nicht bloß selbstgerecht daherikonisiert, sondern ist Teil dieser Welt, aber nicht ihre dominierende Kraft. Dieser Ansatz und Hardy haben mir außerdem Bock auf mehr von diesem Max gemacht, statt dass mich seine Zurückhaltung gestört hätte, wehalb ich das insgesamt total überzeugend arrangiert fand.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.