MALEFICENT: Kritik zum Fantasy-Märchen mit Angelina Jolie (Blu-ray)

Story

Zwei Reiche und ein brüchiger Frieden: bei den missgünstigen und machtversessenen Menschen herrscht ein drakonischer und kriegslüsterner König, während das wundersame Reich der angrenzenden Moore in Harmonie und Frieden zwischen den unterschiedlichsten Wesen und Gestalten erblüht. Mit ihren weiten Schwingen ist die gehörnte jugendliche Fee Maleficent der Schutzgeist dieser farbenprächtigen Welt, in die eines Tages der arme Menschenjunge und Dieb Stefan eindringt. Maleficent verweist ihn zunächst der Moore, doch zwischen den beiden entsteht eine enge Freundschaft und mehr, als Stefan der Fee zu ihrem sechzehnten Geburtstag ihren ersten Kuss schenkt. Doch seine Zuneigung zu Maleficent wandelt sich mit den Jahren und Stefans Ehrgeiz kennt nur ein Ziel: den Königsthron. Einige Jahre später versucht der Regent King Henry, das märchenhafte Moorreich mit seiner Armee einzunehmen, doch Maleficent, deren Kräfte mittlerweile voll ausgereift sind, kann ihn erfolgreich abwehren. Schwer angeschlagen stellt der sterbende Henry daraufhin demjenigen seine Nachfolge in Aussicht, der die vermaledeite Fee beseitigt und ihn rächt. Stefan ergreift die Gelegenheit: er täuscht Maleficent das alte, vertrauensvolle Verhältnis von damals vor und zwar kann er sich nicht überwinden, sie zu töten, doch nimmt er ihr die Flügel. Und so ergreifen das Böse, Zorn und Rachsucht Besitz vom Herzen der einst guten Fee, die die Zeit für ihre Vergeltung gekommen sieht, als der zum König gekrönte Stefan seine Tochter Aurora empfängt…

Der Film



Viele von uns hatten mit ihnen ihr erstes Mal: den Disney-Märchen und –Zeichentrickabenteuern. Ob mit „Schneewittchen und den sieben Zwergen“, „Dumbo“, „Alice im Wunderland“, „Bambi“, dem „Dschungelbuch“, dem „König der Löwen“ oder, wie in meinem Falle, den Mäuse-Polizisten „Bernard und Bianca im Känguruland“, die meisten nennen einen der unzähligen liebevollen Klassiker aus dem Haus mit der Mouse, wenn es um die erste Berührung mit dem Medium Film und dessen Faszination geht. In den letzten Jahren war es in der Filmwelt Trend, den kindlichen und kindgerechten Märchen und wundersamen Geschichten von damals ein Stück ihres Zaubers zu nehmen, sie neu und anders, aus verschobener Perspektive zu betrachten, oft weniger berauscht am Magischen, sondern bemüht um Grittiness, Düsterkeit. Meist bestenfalls überflüssige Neudeutungen und Dranhängsel, unnütze Se- und Prequels wie Tim Burtons „Alice in Wonderland“, Sam Raimis „Oz the Great and Powerful“, triste oder schlicht grützdoofe Andersbetrachtungen wie „Snow White and the Huntsman“ mit Kristen Stewart und die Schneewittchen-Variationen der *ähem* deutschen Comedyelite *Zwinker Zwinker*, „7 Zwerge – Männer allein im Wald“… All das, was im halben Dutzend zuvor nichts Gutes hervorgebracht hatte, schien nun auch die „Dornröschen“-Verquerung „Maleficent“ zu bieten, Prequel und perspektivische Umgewichtung zugleich, das Märchen von der im todesähnlichen Schlaf gefangenen Prinzessin aus Sicht der bösen Fee, die ihr diese unfreiwillige, hundertjährige Erholungspause eingebrockt hat.

Doch der Fantasyfilm, dem mehr die Zeichentrickfassung von Disney aus dem Jahre 1959 denn das Originalmärchen „La Belle au Bois dormant“ von Charles Perraul als Ursprung dient, ist eine Wohltat im Vergleich zu den vorgenannten Machwerken. „Maleficent“ zeigt als erste dieser Entmärchifizierungstrendproduktionen, dass eine graduelle Verdüsterung einem zauberhaften Stoff nicht die Magie austreiben muss, dass ein verschobener Blickwinkel einen lohnenswerten Lichtwurf auf Ausgespartes oder Missverstandenes ermöglichen kann, dass die Geschichte hinter dem Märchen immer noch ein Märchen sein kann. Regiedebütant Robert Stromberg war zuvor unter anderem bei James Camerons Spacegeschlumpfe „Avatar“ und den erwähnten „Alice in Wonderland“ und „Oz the Great and Powerful“ als Special Effects Artist tätig und sein erster eigener Film erinnert in Gestaltung Designelementen öfter als selten an diese Oscar-gekrönten Arbeiten: wie Maleficent sich ausgelassen und majestätisch durch die Lüfte ihres Reiches, durch Täler und über funkelnde Seen hinwegschwingt hat natürlich was von den Ikran-Flugstunden auf Pandora, doch bekommt Stromberg (vielleicht liegt’s am Namen, hihi) es weit besser als die vermeintlichen Meister hin, CGI-lastige Landschaften, sonderbare Wesen und später auch Schlachtszenen zwischen Menschen und Fabelfiguren mit einer subtextreichen emotionalen Story um Gut und Böse, Liebe und Hass zu verbinden.



Libertär und ungebunden, rein und unschuldig ist die Fee zunächst, ehe es Macht- und Besitzgier anderer sind, die ihr Herz in Dunkelheit und Handeln in Verderbnis stürzen, das brutale Abtrennen ihrer Flügel ein Gleichnis von abstoßender Geschlechterdominanz, wie von Angelina Jolie bestätigt eine intendierte Missbrauchs- und Vergewaltigungsmetapher, das Eindringen des rücksichtslosen Bösen in das Reich des unbeschwerten Guten jedoch auch eine Allegorie auf Leid und Krankheit: die Moore als homogener und gesunder Organismus, das Königreich als karzinogener Parasit, die Schwingenamputation durch das maligne Geschwür Stefan fast eine Vorwegnahme der Mastektomie, die Jolie ein Dreivierteljahr nach Ende des Drehs von „Maleficent“ vorsorglich vornehmen ließ. Symptome und Therapieverlauf (während dem der ihr verbundene Gefährte Diaval dem Wankelmut, den Kaprizen Maleficents ausgesetzt ist) mit Verzweiflung und Zorn, Resignation und wiedergewonnener Stärke und Willenskraft übertragen in eine Fantasywelt, der Weg durch die tiefen Schatten der Depression, ehe ein heller Schein zurück ins Leben führt.

„Maleficent“ dekonstruiert die Gattung und Charakteristika des Märchens nicht einfach mit modernem Zynismus und steriler Effektüberladung, die oft genug von sich aus schon düsteren und grausamen Stoffe werden hier auf lohnenswerte Betrachtungsebenen geführt. Ein vollkommen runder Film gelingt Stromberg dabei nicht, einiges wirkt schon sehr zugeständnishaft, um auch dem jungen Zielpublikum einen Zugang zu ermöglichen: sprechende und vermenschlichte Tiere und Gebrauchsgegenstände sind neben Musicaleinlagen das berühmt-berüchtigtste Element Disneys, um Humor und Niedlichkeit einzubringen, in „Maleficent“ sind es die Streitereien und Kribbeligkeiten zwischen den Schrumpffeen Knotgrass, Flittle und Thistlewit, gespielt von Imelda Staunton, Lesley Manville und Juno Temple, über die der Film nichts als einige Pausenfüllerminuten purer Albernheit transportiert und auch Maleficent ihr gehässiges Vergnügen mit den überforderten Schutzbefohlenen Auroras gönnt. Außerdem übernimmt Janet McTeers/Dagmar Dempes Off-Kommentar ein paar „erst war es so, dann passierte das, und es wurde so“-Informationen zu viel, statt manche Stellen noch etwas weiter auszuerzählen, zum Beispiel die aufkeimende Bindung der jungen Maleficent (bezaubernd natürlich gespielt von der Spielfilmdebütantin Isobelle Molloy) zu Stefan, bevor dieser sie für sein undefiniertes Machtstreben zurück lässt.



Doch das wirkt sich nicht groß schädigend aus; das Erzählerstimmen Handlungsteile knapp zusammenfassen ist für Märchenfilme schließlich gängige Methode und der alberne Humor bleibt maßvoll und wird von Staunton, Manville und Temple nicht zu überkandidelt vorgetragen und wozu es „Maleficent“ übel nehmen, wenn er dadurch seinen Status als Familienunterhaltung deklariert, ohne die erwachsenen Themen im Hintergrund zu beschädigen?! Spätestens wenn die jugendliche Aurora und Maleficent aufeinandertreffen ist der Film nicht nur schön getrickst, sondern außerdem wirklich schön erzählt und schön gespielt, wofür Elle Fanning nicht mehr als verzücktes Staunen anbieten muss, an dem Jolies Verbitterung zusehends zerbricht, je mehr das vereiste Herz der Fee das eigene, vergangene Selbst darin wiedererkennt. Da entstehen wahrlich märchenhafte Momente zwischen Fanning und einer tollen Angelina Jolie, mit deren eigener Adoptionshistorie im Hinterkopf man „Maleficent“ gleich noch als Plädoyer zur Aufnahme leidgeprüfter Kinder aus Problemländern und -haushalten werten kann. Aber genug der Deutungen: Robert Strombergs „Maleficent“ ist eine gelungene Fantasymär mit nettem Creature Design (ohne das kriegerische Erd- und Baummänner und dreckschmeißende Gnome darüber hinaus groß Charakter bekämen) und generell auf der gestalterischen Seite mit Ausstattung/Kostümen/MakeUp ohne Fehl und Tadel, dazu eine überwiegend ernste Geschichte, die den Glanz des Magischen aber nie verliert. Schöner Film!

Wertung & Fazit

Action: 2/5
Relativ herkömmliche Fantasy-Action, in Gestaltung und Niveau dem Genrestandart der letzten Jahre sehr ähnlich. Geht aber in Ordnung, außerdem rauben Schlachten zwischen Rittern und Kreaturen nicht mehr Platz als nötig.
Spannung: 1,5/5
Die perspektivische Verlagerung würzt das bekannte Märchen nicht unbedingt mit Hochspannung, muss aber auch nicht sein.
Anspruch: 2,5/5
Sehr subtextreiche Gestaltung mit kraftvollen Themen, die sich stark in den Märchenkontext einbetten.
Humor: 1/5
Der alberne Humor des Feentrios zündet eher für’s jüngste Publikum, der Zynismus der dunklen Fee Jolie ist was für die Älteren.
Darsteller: 4/5
Klasse gespielt von Angelina Jolie, dem Zweck ihres im Vordergrundstehens geschuldet weniger auffällig von den anderen Darstellern.
Regie: 3,5/5
Gutes Regiedebüt, das gestalterisch zwar an Strombergs vorangegangene Effektarbeiten erinnert, daneben aber auch mit Story und Figuren punktet.
Fazit: 7,5/10
Macht sehr vieles sehr viel besser, als die ganzen anderen Um- und Verdeutungen klassischer Stoffe aus den letzten Jahren. Bei aller Düsterkeit geht das Märchenhafte nicht verloren.

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