Stars im Portrait: MERYL STREEP

Portrait

»Mamma Mia, here she goes again, My my, how could we resist her?« Widerstehen können ihr nicht nur jene Damen und Herren nicht, die sie in ihrer über zwanzigjährigen Karriere für annähernd einhundert Film-, Fernseh- und Theaterpreise nominierten und auszeichneten, widerstehen kann ihr auch niemand, der außergewöhnliches schauspielerisches Können zu schätzen weiß. Dafür sind selbst mannigfaltig ausgehändigte Filmpreise zwar prinzipiell nicht der verlässlichste Indikator (man denke nur an Spaßveranstaltungen wie die MTV Movie Awards oder die Teen Choice Awards), doch die darstellerischen Qualitäten einer Meryl Streep und deren Beständigkeit repräsentieren einige Zahlen dann doch recht gut: 16 Oscar-Nominierungen (2 Auszeichnungen), 25 GoldenGlobe-Nominierungen (7 Auszeichnungen), 12 BAFTA-Nominierungen (1 Auszeichnung), 11 Nominierungen für den Screen Actors Guild Awards (2 Auszeichnungen). Und immerhin 2 Nominierungen für den Teen Choice Award.

»Me? I’m OK. I’m fine. I go along, you know.« (Linda, Die durch die Hölle gehen)
Mary Louise Streep wuchs nahe Bernardsville, New Jersey auf, besuchte die Bernards High School und studierte anschließend Theater am Vassar College, einer Elitehochschule, an der zum Beispiel auch Hope Davis und Lisa Kudrow abschlossen. Von der Yale School of Drama erhielt sie den Master of Fine Arts. Anschließend spielte Streep in verschiedenen Theater-Produktionen in New York, trat etwa beim New York Shakespeare Festival in den Stücken Henry V, The Taming of the Shrew und Measure for Measure (hier lernte sie ihren späteren Verlobten John Cazale kennen) auf. Ebenso war sie im Broadway-Musical Happy End zu sehen und gewann für Alice at the Palace einen Obie-Award, den unter anderem auch Dustin Hoffman, William Hurt, Morgan Freeman, Olympia Dukakis und Kathy Bates ihr eigen nennen. Mitte der 1970er begann Streep sich auch auf Filmrollen zu bewerben – und denkwürdiger hätte ihre Leinwandkarriere kaum beginnen können. Bei einem Vorsprechen zu Dino De Laurentiis‘ Remake des Klassikers King Kong wandte dieser sich an seinen Sohn und meinte auf Italiensich: »She’s ugly. Why did you bring me this thing?«. Woraufhin der nichtsahnende Produzent von der frisch graduierten und des Italienischen mächtigen Streep die passende Antwort bekam.



»He’s better off without me.« (Joanna Kramer, Kramer gegen Kramer)
De Laurentiis fand schließlich in Jessica Lange seine weiße Frau und Meryl Streeps Nicht-Mitwirken sollte nicht zu ihrem Schaden sein. Ihren ersten Filmauftritt hatte sie schließlich 1977 in Fred Zinnemanns Drama Julia, in dem Jane Fonda, Vanessa Redgrave und Jason Robards die Hauptrollen spielen und Streep nur kurz zu sehen ist. Für den TV-Mehrteiler Holocaust (1978), in dem sie eine mit einem Juden verheiratete Arierin im Nazi-Deutschland spielt, erhielt sie einen Emmy, wobei sie später angab, die Rolle nur der Bedürftigkeit nach Geld wegen angenommen zu haben. Schon während dieser Zeit war bei ihrem Verlobten Cazale Knochenkrebs diagnostiziert worden und ohne wirkliches Interesse an der Rolle, aber um bei ihm sein zu können, spielten sie gemeinsam in Die durch die Hölle gehen (1978). Michael Ciminos Vietnam-Drama brachte Streep die erste Oscar-Nominierung. Nach ihrer Rückkehr von Dreharbeiten in Deutschland und Österreich pflegte sie Cazale bis zu dessen Tod im März ’78. Nach einer wilden Romanze heiratete Streep bereits im September ’78 den Skulpturenkünstler Don Gummer, mit dem sie bis heute zusammen ist und vier Kinder hat.

»…that must be what they make you to drink in paradise.« (Sophie Zawistowski, Sophies Entscheidung)
Neben der neuen Beziehung fand Meryl Streep Trost und Ablenkung in der Arbeit, spielte in Woody Allens Manhattan, dem TV-Film Uncommon Women… and Others, sowie neben Alan Alda und Rip Torn in Die Verführung des Joe Tynan (alle 1979). Zum Drehbuch des späteren Publikums- und Kritikererfolgs Kramer gegen Kramer (1979) ließ Regisseur Robert Benton Streep selbstverfasste Dialoge für zwei Schlüsselszenen beisteuern, da die Schauspielerin sich generell unzufrieden über die Darstellung ihrer Figur Joanna Kramer geäußert hatte. Wie ihr Filmpartner Dustin Hoffman wurde sie für das Scheidungs- und Sorgerechtsdrama mit einem Oscar ausgezeichnet. Ihre ersten wirklichen Hauptrollen spielte Streep 1981 in Die Geliebte des französischen Leutnants, ein Jahr später neben Roy Scheider und erneut unter Bentons Regie in In der Stille der Nacht und in Sophies Entscheidung (1982), für den sie ihren zweiten und bisher letzten Oscar erhielt.



»Denys will like that. I must remember to tell him.« (Karen Blixen, Jenseits von Afrika)
Weitere Nominierungen gab es für Meryl Streep zuhauf, sowohl für Silkwood, als auch für einen ihrer populärsten Filme, Sydney Pollacks groß angelegte Lebensgeschichte der dänischen Autorin Karen Blixen auf dem Schwarzen Kontinent, Jenseits von Afrika (1985), der bei den Oscars bei insgesamt 11 Nominierungen mit 7 Trophäen bedacht wurde. Mit Jack Nicholson spielte sie sowohl in Mike Nichols‘ Sodbrennen (1986), als auch in Hector Babencos Wolfsmilch (1987), in der australischen Produktion Ein Schrei in der Dunkelheit (1988) spielte sie neben Sam Neill. Wenngleich Streep, was die Dichte und Unnachahmlichkeit ihrer Performances in den 1980ern angeht, unter Kolleginnen ihresgleichen sucht und sie besonders in dieser Zeit ihren Ruf als erstaunliche Charakterdarstellerin begründete (zwischen ’79 und ’89 erhielt sie 8 ihrer 15 Oscar-Nominierungen), war ihr Rollentypus doch ein sehr festgelegter und es fehlte an Variation zu den bravourösen Verkörperungen reifer Frauen im Zwist mit diversen Widrigkeiten, weshalb mancher Kritiker von fehlendem menschlichen Zugang zu Streep und ihren Figuren sprach. Dem wirkte Streep, beginnend mit dem auf Ulknudel Rosanne Barr zugeschnittenen Die Teufelin (1989), Anfang bis Mitte der 1990er mit eher durchwachsenem Erfolg entgegen. Der Liebeskomödie Rendezvous im Jenseits folgte das Effektspektakel Der Tod steht ihr gut von Robert Zemeckis und die Dramödie Grüße aus Hollywood (alle 1991), worin Streep eine alkohol- und drogensüchtige Schauspielerin darstellt. Nach der Romanverfilmung Das Geisterhaus (1993) überraschte sie als Heldin des ziemlich konventionellen Action-Thrillers Am wilden Fluss (1994), in dem sie Gangster Kevin Bacon zeigt, wo das Boot sein Paddel hat. Der recht deutliche Rückgang in der Qualität einiger dieser Filme ist jedoch ganz und gar nicht allein einem zwanghaften Imagewechsel seitens der Akteurin zuzuschreiben, vielmehr ist er auch Produkt eines typischen und von Streep durchschauten Mechanismus Hollywoods, der die Rollenauswahl für Frauen, die ihr vierzigstes Lebensjahr hinter sich haben, erschwert.

»And in that moment, everything I knew to be true about myself up until then was gone.« (Francesca Johnson, Die Brücken am Fluss)
Eine Art Wendepunkt markierte hierin ausgerechnet der alte Haudegen Clint Eastwood, der mit Die Brücken am Fluss das Liebesdrama zweier Protagonisten weit jenseits der Vierzig inszenierte, damit weltweit über 182 Millionen einspielte und Meryl Streep wieder unangefochten dorthin zurückführte, wohin sie gehört: unter die Großen ihrer Zunft. Dies unterlegte sie mit Jerry Zaks Marvins Töchter (1996), Carl Franklins Familiensache (1998) und Wes Cravens Music of the Heart (1999), für den Streep zwecks der autobiografischen Darstellung der Roberta Guaspari Violine spielen lernte und ihre zwölfte Oscar-Nominierung erhielt. Dem folgten der Spike Jonze-Geniestreich Adaption, Stephen Daldrys großartige Romanverfilmung The Hours (beide 2002) und ein Cameo in der Farrelly-Klamotte Unzertrennlich (2003). Für Mike Nichols‘ prominent besetzte Miniserie Angels in America (u. a. mit Al Pacino, Emma Thompson und James Cromwell) gab es 2004 einen weiteren Emmy, in der morbiden Kinderbuchverfilmung Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse (2004) fällt sie Verwandlungskünstler Jim Carrey zum Opfer.



»But I have my certainty!« (Aloysius Beauvier, Glaubensfrage)
Die Gewissheit, auch aktuell und nach wie vor zu den gefragtesten und einfach besten Schauspielerinnen überhaupt zu gehören, kann Meryl Streep sich zu Recht erlauben. 2004 wertete sie das missglückte Remake Der Manchurian Kandidat auf, bewies in Couchgeflüster (2005) und Robert Altman’s Last Radio Show ihr komödiantisches Talent auch abseits jener wicked witch-Rollen, wie sie sie in Der Teufel trägt Prada (beide 2006) zum Leidwesen von Anne Hathaway pflegte. In Machtlos des südafrikanischen Regisseurs Gavin Hood und Robert Redfords Von Löwen und Lämmern (beide 2007) wurde es politisch, ehe ihr mit der schwungvollen Filmumsetzung des Jukebox-Musicals Mamma Mia! (2008) eine weitere Überrschung gelang, denn so aus sich herausgehend hatte man Streep noch nicht gesehen. Mit über 600 Millionen an weltweitem Einspiel ist das mit den Hits der Popband ABBA gespickte Feel Good-Movie überdies ihr bislang erfolgreichster Film überhaupt und konnte sich sogar gegen die übermächtige Konkurrenz des dunklen Ritters, The Dark Knight, behaupten. Anfang 2009 erhielt Streep zudem ihre fünfzehnte Oscar-Nominierung für ihre Darstellung der strengen Schwester Aloysius Beauvier in John Patrick Shanleys sehenswerter Theater-Adaption Glaubensfrage. Im Jahr 2009 ist sie außerdem noch mit Glaubensfrage-Partnerin Amy Adams in Julie & Julia zu sehen, die romantische Komödie It’s Complicated startete im Dezember in den USA und läuft im Januar in Deutschland an. Die GoldenGlobe-Nominierungen gabs für beide Rollen wie selbstverständlich dazu und für Julie & Julia wurde es Anfang 2010 sogar die siebte Auszeichnung.

Meryl Streep hat sich jedes bißchen Anerkennung, das sie für ihr Spiel erntet, durch ihr hervorragendes Saatgut verdient. Sie gehört zu jenen Hollywood-Actricen, denen ihr steigendes Alter nicht sämtliche Türen zugeschlagen hat, da, und da hat Dino De Laurentiis auf rüde Art etwas im Kern Bedeutendes verständlich gemacht, sie nie zu den Vorzeigeschönheiten der Traumfabrik gehörte, deren Äußeres das Nichtvorhandensein von Talent über einen gewissen Zeitraum ignorieren lässt. Streeps zeitloses Können, ihre unbedingte Entäußerung ihrer selbst an ihre Charaktere und ihr mehrmals durchgeklungener Drang, eine Rolle im Sinne der Figur zum Besseren, zum Optimalen zu beeinflussen überdauert jede Form von Vergänglichkeit. So wenig man Meryl Streep heute ignorieren oder gar vergessen kann, wenn man über die wahre Kunst des Schauspielens nachdenkt, so wenig wird man dies irgendwann können, denn zweifellos ist eines bei ihr sicher: ein unerwartetes und plötzliches Ende wird ihre Großartigkeit nicht finden und sie wird noch viel davon mit ihrem Publikum teilen. …and why should we resist her?

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