Stars im Portrait: MICHAEL MANN

Portrait

Wenn ein Regisseur für seine letzten fünf Filme ein durchschnittliches Budget von 91,4 Millionen verbraucht hat, dabei aber nur auf verhältnismäßig magere 143 Millionen an durchschnittlichem weltweiten Einspiel kommt, dann kann dieser Filmemacher kommerziell nicht annähernd mit Kollegen wie Steven Spielberg oder Michael Bay mithalten, die es allein in den USA auf einen Schnitt von über 156 Millionen, beziehungsweise 184 Millionen pro Film bringen. Nun handelt es sich in diesem Beispiel jedoch nicht um einen größenwahnsinnigen Geldverschwender, dem es einfach nur nicht gelingt will, mit seinen Werken einen Massennerv zu treffen, vielmehr geht es um einen der aufregendsten und elektrisierendsten Regisseure der letzten Jahrzehnte: Michael Mann.

Der aus windy city Chicago stammende Mann hat zweifellos viel Geld in die Hand genommen, um seinen einzigartigen künstlerischen Individualismus umzusetzen und auszukleiden, doch von kaum einer seiner Arbeiten lässt sich sagen, dass das finale Erlebnis es nicht wert wäre. In Zeiten von Auftrags- und Massenfilmern ist Mann einer der letzten Subjektivisten geblieben, der seine Visionen von der Idee, über die Skizze bis zur fertigen Szene haarklein seinen ganz eigenen Wünschen und Vorstellungen entsprechend durchkomponiert. Dennoch schafft er es dabei, das Talent um ihn herum, in Gestalt von Cast- und Crew-Mitgliedern, nicht etwa zu unterdrücken, sondern zu Bestleistungen zu dirigieren. Etwas, das zum Beispiel ein ähnlich patriarchisch arbeitender George Lucas nur sehr bedingt hinbekommt (wobei die beiden in ihrem Schaffen natürlich nicht wirklich vergleichbar sind).

Michael Mann studierte an der University of Wisconsin-Madison und für nicht wenige Filmemacher seiner Generation markierte eine Arbeit des unvergessenen Stanley Kubrick die große Offenbarung. Mann sah Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964) und bewunderte Kubricks inszenatorische Integrität und gleichzeitigen Erfolg des Werkes bei Kritik und Publikum. Nach seinem Abschluss zog Mann Mitte der 1960er nach London und studierte an der London Film School. In den sieben Jahren, die er in Großbritannien verbrachte, drehte Mann einige Werbespots und den Dokumentarfilm Insurrection (1968), sowie den Kurzfilm Juanpuri (1970), der seine Erfahrungen als Teil der 68er-Bewegung beschreibt und in Cannes den Preis der Jury gewann.



Nach der Scheidung von seiner ersten Frau 1971 kehrte Mann in die USA zurück, drehte die Road Trip-Doku 17 Days Down the Line (1972) und gelangte schließlich als Drehbuchschreiber zum Fernsehen. Er verfasste die ersten vier Episoden des populären Cop-Duos Starsky & Hutch (1975), sowie Bücher für einzelne oder mehrere Episoden der Serien Bronk mit Jack Palance, Gibbsville, Police Story (alle 1976) und Vega$ (1978). Manns erster Fernsehfilm Ein Mann kämpft allein (1979), der in Europa sogar im Kino zu sehen war, brachte ihm neben dem Emmy auch eine Auszeichung der Directors Guild of America (DGA) als bester Regisseur. Mit dem Heist-Movie Der Einzelgänger (1981), der James Caan in der Hauptrolle zeigt, und dem prominent besetzten Horrorfilm Die unheimliche Macht (1983, u.a. mit Scott Glenn, Jürgen Prochnow, Ian McKellen und Gabriel Byrne) lieferte Mann seine ersten Arbeiten fürs Kino. Während erster gute und letzterer schlechte Kritken erntete, floppten beide Filme an den Kassen. Daraufhin ging Mann einen Schritt zurück und lieferte statt großer Leinwandkost zunächst einen Meilenstein der Fernsehgeschichte.

Als Ausführender Produzent war Michael Mann stark an Stilistik, Gestaltung und letztlich Erfolg von Miami Vice beteiligt, welches in den USA ab 1984 zu sehen war und mit als erste Serie überhaupt in ihrer Gestaltung die qualitativen Grenzen zwischen Fernseh- und Kinoproduktion verwischen ließ. Die Pastellmode löste Trends aus, Soundtrack, Kameraführung und Schnitt waren wegweisend. Mit diesem Erfolg im Rücken vertraute man Mann 1986 die Regie bei der ersten Adaption eines Romanes aus der Feder von Thomas Harris an. In Blutmond spielte Brian Cox die später durch Anthony Hopkins‘ Interpretation zur Ikone erhobene Figur des Hannibal Lecter (im Film unerklärlicherweise in Hannibal Lecktor geändert). Doch das Kinopublikum schien noch nicht bereit für den wohlgesitteten Kannibalen und Blutmond wurde erneut zu einem Flop, auch wenn er heute von einigen sogar höher eingeschätzt wird, als der spätere Nachfolger Das Schweigen der Lämmer (1991) und gegenüber Brett Ratners Remake „Roter Drache“ (2005) klar als der bessere Film gilt.



Nach diesem neuerlichen Misserfolg arbeitete Mann als Produzent und für einzelne Episoden als Autor und Regisseur an der Serie Crime Story (1986), schrieb und inszenierte das Krimi-Drama L. A. Takedown (1989) und lieferte die Story für den dritten Teil der Mini-Serie Drug Wars: The Camarena Story (1990). Mit der Romanverfilmung Der letzte Mohikaner (1992) war Mann endlich auch ein Kinoerfolg vergönnt, außerdem fuhr das historische Abenteuer mit Daniel Day-Lewis einiges an Auszeichnungen und Nominierungen ein. Der Erfolg des Films öffnete Mann schließlich auch die letzten Türen. In den Olymp der ganz großen Regisseure und hin zum Ruf als visuell-atmosphärischer Meisterkönner katapultierte ihn 1995 das Remake seines L. A. Takedown, Heat. Nicht nur das Aufeinandertreffen der Titanen Robert De Niro und Al Pacino machte Heat zum Meilenstein, sondern auch Manns Umgang mit der komplexen Geschichte, seine in Zusammenarbeit mit Kameramann und Weggefährte Dante Spinotti entstandenen kühlen und dennoch emotionsgeladenen Bilder mit dem heute charakteristischen Blaustich und Manns Fähigkeit durch das Zusammenspiel perfekt aufeinander abgestimmter Komponenten eine greifbare Stimmung zu erzeugen. Ähnliches, noch mehr auf die Charaktere fokussiert, gelang ihm anschließend mit dem 7fach Oscar-nominierten The Insider (1999) mit Russell Crowe und Al Pacino, der bei allem Lob aber auch nur zwei Drittel seiner Kosten erwirtschaftete und gemeinsam mit dem 2001 erschienen Ali untermauerte, dass Mann für Filmstudios nicht gerade eine rentable Investition darstellt. Zwar half die Boxerbiografie Will Smith zum Schritt vom Action-Clown ins Charakterfach, verbuchte jedoch ein gewaltiges Minus in der Gewinnkostenabrechnung.

Mit dem kostenreduzierten Collateral (2004), der im Gegensatz zum 130 Millionen-Budget von Ali mit ‚nur‘ 60 Millionen realisiert wurde, konnte Michael Mann diesen Makel ein wenig gerade rücken, denn wohl nicht zuletzt aufgrund der zu dieser Zeit reichlich vorhandenen Zugkraft seines Stars Tom Cruise wurde der Thriller zum verdienten weltweiten Hit. Überdies setzte Mann hier zum ersten Mal auf hochauflösende HD-Kameras zur visuellen Unterstützung seines Werkes, wodurch sich auch Collateral neben der spannenden Story durch eine bestechende Optik auszeichnet, in der eine weitere Stärke des Regisseurs voll zum tragen kommt: urbane Landschaften kann niemand mit derart vibrierendem Realismus füllen und die Umgebung so zu einem Teil der Handlung machen, wodurch das nächtliche Los Angeles in Collateral zum entscheidenden Protagonisten neben Cruise und Co-Star Jamie Foxx wurde.



Seine Vorliebe zur mehrmaligen Zusammenarbeit mit Kräften, die sich unter seine Führung bewiesen haben (u. a. Spinotti, der Editor Dov Hoenig, die Schauspieler Pacino und Dennis Farina), setzte Mann auch mit seiner Kinoadaption zu Miami Vice (2006) fort, in der er nach Ali und Collateral erneut Jamie Foxx besetzte. Im von Kritikern und Publikum gespalten aufgenommenen Szenario hielt nach den Urlaubspanoramen der Serie ebenfalls der durchgestylt-kühl-realistische Look Manns Einzug, mit welchem er im Jahr 2009 auch seinen jüngsten Film Public Enemies, dessen 30er Jahre Setting und die Stars Johnny Depp und Christian Bale versieht.

Michael Manns Filme sind ein rares Ereignis, was zu Beginn der Misserfolg bedingte, heute der Akribie geschuldet ist, mit der der Regisseur seine Stoffe vorbereitet und durchkonzipiert. Das enorme Spektrum an filmtechnischer Kompetenz, sein scheinbar untrüglicher Sinn für Bildgestaltung und die Auswahl von passgerechten Schauspielern, die Manns nicht immer unbedingt einfallsreiche Charaktere doch stets mit Tiefe versehen und seine audiovisuelle Unverkennbarkeit haben ihn zum wohl letzten großen Autorenfilmer Hollywoods gemacht. So viel künstlerisches Ideal und Qualität muss im gleichförmig-unoriginellen Hollywood dann zwischendurch auch mal 100 Millionen wert sein.

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