Review: PAKT DER WÖLFE

Story

Frankreich, gegen Ende des 18. Jahrhunderts: inmitten der französischen Revolution erinnert sich Thomas d’Apcher, dem die Verurteilung durch das aufbegehrende Volk bevorsteht, an die Ereignisse im Gévaudan: 1766 entsendet König Ludwig der XV. den viel gereisten Naturwissenschaftler und Freidenker Chevalier Grégoire de Fronsac in die ländliche Gegend, um eine seit zwei Jahren ungeklärte Serie von Morden zu untersuchen. Eine grausame Bestie ist am Werk, die am Hofe der Aristokratenfamilie Morangias nicht für einen gewöhnlichen Wolf, sondern für ein übernatürliches Wesen gehalten wird, möglicherweise vom Herren selbst ausgesandt, um die Gottlosen zu strafen. Gemeinsam mit seinem ständigen Begleiter und Blutsbruder, dem Irokesen Mani, taucht Fronsac in die Vorfälle ein – und verliebt sich dabei nicht nur in die junge Marianne de Morangias, sondern muss auch bald feststellen, dass sich hinter dem Treiben der Bestie kein übernatürliches, aber ein abgründiges menschliches Verbrechen verbirgt…

Der Film

Was nach Legende klingt, Mythos oder Spinnerei, wenigstens aber der Fantasterei eines findigen Autoren entsprungen zu sein scheint, fußt in Wahrheit tatsächlich auf nachweisbaren historischen Ereignissen. La bête du Gévaudan, die Bestie vom Gévaudan, wütete zwischen 1764 und 1767 in der weitläufigen Gegend der Auvergne und über einhundert Menschen, in der Mehrzahl Frauen und Kinder, fielen ihr zum Opfer. Ursprung und Hintergründe des Tieres und der Morde sind ungeklärt, boten und bieten nach wie vor viel Freiraum für Deutungen und Erklärungsversuche. Regisseur und Co-Autor Christophe Gans nahm sich mit Pakt der Wölfe (Originaltitel: Le Pacte de Loups) jenen Ereignissen an, die auch heute noch ihren festen Platz in der Geschichte Frankreichs einnehmen.


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Von einer düster-poetischen Schönheit ist die Welt, in die Gans den Zuschauer entführt und sein Film ist alles andere, als ein staubtrockenes Historienspektakel von der Unflexibilität eines Korsetts. Keine festgezurrten Schnüre hindern ihn am Verströmen seines durchdringenden kalten Atems, der einem bereits nach wenigen Minuten den eigenen raubt, als inmitten einer hügeligen Weidelandschaft eine flüchtende Frau der Bestie unterliegt, von der scheinbar unbändigen Kraft des Tieres oder Wesens wieder und wieder gegen einen Felsen gedroschen wird. Bis nur noch ihr schreckensstarres Gesicht bleibt, den Blick gen Tod gerichtet. Vom satten Grün und Grauen wechselt das Geschehen mit dem Auftauchen der Helden zu Matsch und Regen. Ein alter Mann und seine Tochter werden von einer Gruppe Jäger massakriert, die glauben, es mit Hexern zu tun zu haben. Wasser und Schlamm spritzen auf, in jedem der in Zeitlupe eingefangenen Tropfen spiegelt sich die Unwirtlichkeit der einsamen Lande. Zwei Reiter kommen näher, einer von ihnen Kampfkünsten mächtig, gegen die die Jäger chancenlos sind.


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Pakt der Wölfe vermengt Kostümdrama mit Monster-Horror und Martial Arts-Action und wie die Geschmeidigkeit des Indianers Mani (die einzige frei erfundene Figur) im Kampfe, so gerät der ganze Film in eine stetige fließende Bewegung, deren Tempo mit erstaunlicher inszenatorischer Sicherheit und Wirkung variiert wird. Manchmal ist das Geschehen von einer beinahe meditativen Ruhe, in der die betörenden Bilder mehr gemalt, statt einfach nur gezeigt werden. Dennoch bleibt die beeindruckende Optik keineswegs sich selbst überlassen. In der Konfrontation des aufgeschlossenen Grégoire de Fronsac mit den Adligen und Gläubigen im Hause Morangias, in dem er und Mani unterkommen, liegt einiges an Witz und Verstand. Samuel Le Bihan spielt Fronsac als Schelm, als einen Schöngeist, dem es aber auch nicht an Drang zur Tat fehlt und dessen kulturelle Offenheit im Gegensatz zu den kirchlich gebundenen Werten steht. So wird der indianische Begleiter des Chevaliers mit höchstem Misstrauen betrachtet. Daraus leitet Gans Widersprüche zwischen Rationalität und Irrationalität, Glaube und Aberglaube ab und entlarvt nicht wenige der gottesfürchtigen Madames et Monsieurs als engstirnig und jeder Kultur, die der eigenen nicht gleich ist, deren Zivilisiertheit absprechend. An den Aufbruch in ein Zeitalter der Aufgeklärtheit, das die französische Revolution mit sich brachte, hat hier noch niemand gedacht, geschweige denn, ihn unternommen. So nutzt Gans den Charakter des Mani und die Fähigkeiten des Schauspielers Mark Dacascos nicht nur für deren Action-Potenzial. Der Regisseur weist ihm eine wichtige und erklärende Funktion hinsichtlich seiner Therorie über die Hintergründe der Ereignisse im Gévaudan zu, die auch mit der Angst vorm Unbekannten und dem gleichzeitigen Wissen um dessen (Aus)Nutzen einhergeht. Überdies ist Dacascos‘ geheimnisvolle Ausstrahlung und natürlich auch die Vorführung seiner Kampfkünste schon für sich sehenswert. Wie schon bei ihrer ersten Zusammenarbeit, der Manga-Verfilmung Crying Freeman (1995), weiß Gans den gebürtigen Hawaiianer in aller Eleganz und Wucht in Szene zu setzen.


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Antrieb und Seele von Pakt der Wölfe ist aber eindeutig Le Bihan und sein Fronsac. Zunächst der klassiche Held, der aufgrund seiner fundierten Kenntnisse entsandt wird, um eine aussichtslose Lage zu retten, der mit spitzbübischem Charme und Humor punktet und sich selbstverständlich in eine ansässige Schönheit verliebt, ist Fronsac doch mehr von herrlich menschlicher leichtlebiger Natur und nicht unter der üblichen Moralkutte begraben. Selbst, nachdem er sich in Marianne verguckt hat, scheut er nach verrichtetem Tagewerk nicht den Besuch eines Bordells und wird dort bald von sämtlichen Damen mit einem entzückten »Uhhhh, Chevalier…« begrüßt. Wahrhaftes Interesse hat Fronsac aber nur an einer der Prostituierten, nämlich an der mysteriösen Sylvia, die mehr über ihn selbst und die Geschehnisse im Gévaudan zu wissen scheint, als sie ihm offenbaren will. Die sinnlich-undurchsichtige Monica Bellucci als Sylvia erweist sich als weiterer Atemräuber des Films, traumhaft jene Szene, in der die Kamera ihren Körper entlang fährt und die üppigen Kurven der Italienerin in eine verschneite Berglandschaft übergehen.

Nachdem eine große Treibjagd außer einer Unzahl toter Wölfe nichts gebracht hat und das Morden weitergeht, kommt auch Fronsac mit seinen Untersuchungen nicht entscheidend voran. An einem Opfer entdeckt er einen eisernen Zahn, eine traumsatisierte Überlebende, die Mani mit indianischer Heilkunst erweckt, berichtet von einem Mann, der die Bestie befehligt. Für Fronsac verdichten sich die Anzeichen einer viel mächtigeren Verschwörung, die die Bestie nur als Instrument ihres Willens einsetzt. Indes fürchtet in Paris der König um seinen Ruf und verlangt, endlich ein erlegtes Monster vorzeigen zu können, woraufhin ein Jäger ins Gévaudan geschickt wird, der Fronsac einen Wolf vorlegt, den dieser entsprechend präparieren soll. Das Tier wird in Paris präsentiert, offiziell ist die Bestie getötet und das Land wieder sicher. Fronsac aber weiß, noch hat das Morden kein Ende und um endlich alle Rätsel zu lösen und Marianne zu schützen reisen er und Mani zurück ins Gévaudan. In den Geschehnissen bis hierhin überwiegend sorgfältig der Historie gefolgt, wird Pakt der Wölfe nun voll von Gans‘ Interpretation übernommen. Durch den Erzähler Thomas d’Apcher lässt er verlauten, dass die nun folgende ‚Wahrheit‘ nicht in den Geschichtsbüchern steht, womit der Regisseur sich einen Freifahrtschein ausstellt, um die Geschichte in einen actionreichen letzten Akt zu leiten. Relativ früh wird die Bestie und ihr Geheimnis offen gelegt, wodurch Gans unterstreicht, dass es um das Tier, um das was und um das wer weniger geht, als um das warum. Mit dem Verlust eines Gefährten und der reifenden Erkenntnis, welcher Wahnsinn sich hinter den Morden verbrigt, tut sich ein Abgrund aus allumfassenden Missetaten, Fanatismus und fehlgeleitetem Glauben vor Fronsac auf, dem der Chevalier sein Äußerstes entgegen setzen muss. Er leitet einen blutigen Rachefeldzug gegen die Verschwörer und Mörder ein, an dessen Ende ebenso unerwartete Feinde wie Verbündete warten.


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In der finalen Phase wirbelt Christophe Gans seine Mixtur aus Fakten und Fiction, aus verschiedensten und unvereinbar scheinenden Genreelementen mitunter ein wenig zu wild durcheinander, dennoch ist Pakt der Wölfe ein schnaubender Koloss, der einen wahren Sturm von Bildern entfesselt. Ausstattung und Kostüme ermöglichen ein tiefes Eindringen ins Frankreich des 18. Jahrhunderts, die Darsteller, neben Le Bihan, Dacascos und Bellucci vor allem der zwielichtige Vincent Cassel, die reizende Émilie Dequenne und Jérémie Renier als junger Thomas d’Apcher, bringen die bei der Vielzahl an Charakteren und Konstellationen nötige Unverwechselbarkeit ein. Le Bihan erweist sich zudem auch für einen Film dieser Größenordnung als vorzügliches Triebwerk und er sorgt dafür, dass Fronsac in jedem Moment funktioniert, auch wenn die Entwicklung, die die Figur vom philosophierend-nachdenklichen Forscher zum resoluten Schlächter durchmacht, noch so radikal verläuft. Kompromisse eingehen muss man hingegen bei der Umsetzung der Bestie, die in Sachen creature design zwar überzeugt, wenn sie als CGI-Erzeugnis auftritt ihren Ursprung aber nicht leugnen kann. Der überragend dichten Atmosphäre, die zu einem Großteil von Joseph LoDucas so opulenten wie morbiden und düsteren Klängen getragen wird, kann dieser verzeihliche Schönheitsfehler ohnehin nichts anhaben. Insgesamt ist Pakt der Wölfe nicht weniger, als ein Messlattenleger für den europäischen Film.

Wertung & Fazit

Action: 3,5/5
Spannung: 4,5/5
Anspruch: 2,5/5
Humor: 1/5
Darsteller: 5/5
Regie: 5/5
Fazit: 9,5/10
Ein Epos, das vor optischen Reizen fast überläuft und entfesselt durch Genres und Dramaturgien fegt, darin aber trotzdem wie ein stimmiges Ganzes und absolut fantastisch wirkt. Große klasse!

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2 Kommentare

  1. Dieser Film steht ganz oben auf meiner Lister, der meiner nach besten Filme. Die großartige Atmosphäre, welche hier aufgebaut wird, die Darstellung der einzelnen Figuren und die eigene Vorstellung der Hintergründer. Das alles ergibt ein unglaubliches Gesamtbild, welches mich trotz seiner Brutalität schon als Kind fasziniert hat.

    Durch diesen Film wurde mein Interesse an den Vorfällen im Gévaudan geweckt und ein Besuch des Museums habe ich mir auf jeden Fall vorgenommen. Ich finde solche Geschichten einfach nur faszinierend, bei welchen Tiere für den Menschen völlig unnatürlich, ja fast schon menschlich handeln. (wie zum Beispiel auch “Der Geist und die Dunkelheit”)

    Toll geschriebene Review. Den Geist des Films hast du wundervoll eingefangen und die Korsett-Metapher ist auch weltklasse. 😉

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