MUD: Kritik zum Südstaaten-Drama mit Matthew McConaughey und Reese Witherspoon (DVD)

Story

De Witt, im Herzen Arkansas‘: der vierzehnjährige Ellis lebt mit seinen zerstrittenen Eltern auf einem Hausboot am Fluss, für ihn ein beschauliches Dasein, an dem sich nichts ändern soll. Mit seinem besten Freund Neckbone fährt er eines Tages den Fluss runter und zu einer kleinen Insel, auf das die letzte Flut ein Boot getragen haben soll. Die Jungs finden das Wrack schließlich in einem Baum hängend und erklären es zu ihrem Besitz. Bei einer Erkundung stellen sie allerdings anhand frischer Nahrungsvorräte fest, dass schon jemand da gewesen sein muss. Und tatsächlich stoßen sie auf einen zerzausten Landstreicher, der vorgibt, in der Gegend aufgewachsen zu sein und die Jungs um Hilfe in Form von Essen bittet. Mud, wie er sich nennt, kann nicht selbst in die Stadt gelangen und wartet nur noch auf die Ankunft seiner großen Liebe Juniper, um dann mit ihr weiter zu ziehen. Ellis, fasziniert von der Geschichte des Fremden, beliefert ihn mit Vorräten seiner Eltern und als diese ihre Ehe und das gewohnte Leben auf dem Hausboot aufzugeben beschließen sucht der Junge mehr und mehr Muds Nähe. Doch der hat ein dunkles Geheimnis mit auf die Insel gebracht, das ihn langsam einholt…

Die Filmkritik


Ein Oscar als später Triumpf über das Stigma des Typecastings: als der zum Ausziehen verführte und in zehn Tagen losgewordene Womanizer und Schatz zum Verlieben Matthew McConaughey seinen Goldmann im März 2014 empor reckte bekam er damit zugleich die Bestätigung ausgehändigt, vor ein paar Jahren den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Der auf Schönling abonnierte Ex-Sexiest Man Alive hatte 2009 genug von RomComs und seichten Abenteuern, schob eine Zweijahrespause ein und legt seitdem ein Bangrangpalooza der Schauspielkunst hin, vorläufig gipfelnd in seiner Performance im HIV-Drama „Dallas Buyers Club“. Schon ein bißchen länger zurück liegt hingegen Jeff Nichols‘ Südstaaten-Coming of Age-Drama „Mud – Kein Ausweg“, der es nach seiner Cannes-Premiere 2012 hierzulande trotz des McConaughey-Runs nicht in die Kinos schaffte und nun, fast genau zwei Jahre nach der Côte d’Azur-Aufführung, auf DVD und Blu-ray debütiert. Getreu dem Motto »besser zu spät als gar nicht«, denn „Mud“ ist zwar kein ganz so intensives Glanzstück wie Nichols‘ „Take Shelter“, aber dennoch ein höchst gelungener Jugendfilm im Geiste eines „Stand by Me“ oder Mel Gibsons „The Man Without a Face“.

McConaugheeeeeey-hiiii, soviel vorweg attestiert, liefert auch hier eine klasse Leistung, seine Kunst liegt in „Mud“ aber nicht darin, den Film völlig an sich zu reißen und allein zu tragen, sondern als einer von mehreren Faktoren die Leistung von Nachwuchsschauspieler Tye Sheridan („The Tree of Life“) zu katalysieren. Nimmt man’s genau müsste „Mud“ eigentlich „Ellis“ heißen und nicht McConaughey sondern eben Sheridan das Cover zieren. Nichols erzählt die Geschichte des Vierzehnjährigen, ein Junge auf der Suche nach Liebe. Nach Angst in „Take Shelter“ ist Liebe das zentrale Thema in „Mud“, beides skizziert in verschiedensten Ausprägungen. Da ist Neckbone, Ellis‘ gleichaltriger dickster Kumpel, der von »Titten« und »Ärschen« spricht und die Liebe von seinem Onkel Galen vor allem als Sex vorgelebt bekommt, Attributisierung nach Ausprägung sekundärer Geschlechtsmerkmale, mal hier eine, mal da eine. Zwischen Ellis‘ Eltern ist die Liebe nach Jahren erloschen, Ernüchterung und Erkenntnissen über den jeweils anderen gewichen, die nicht mehr vereinbar mit einem gemeinsamen Lebensinteresse sind. Ihnen gesteht Nichols wenig zu, keine langen Reden, was das Paar entzweit hat. Sie schieben sich voneinander fort wie aus Ellis‘ Raum weg, mit ihnen verbrachte Zeit scheint Pflicht, ohne sie verlebte hingegen Befreiung, aber auch Suche…

Eine Suche zwischen Kindlichkeit und Erwachsensein, Entscheidungen, die dem Grad einer Vernunftsbegabung entsagen und aus etwas irrational-emotionalem in Ellis gebieren: eben wieder die Liebe. Der Junge glaubt, in Mud und seiner Liebe zu Juniper einen Halt zu finden, während die Welt um ihn auseinanderfällt. Seine Eltern trennen sich, das Hausboot auf dem Fluss wird per Gesetz Brett für Brett auseinander genommen und Nagel für Nagel abmontiert, sobald sie es verlassen und die Besitzrechte der Mutter erlischen, die es in die Stadt zieht, während sein Vater nur dasitzt. Mud hingegen bietet den Widrigkeiten auf dem Weg zu seiner Juniper die Stirn und Nichols mischt dem tragischen Paar klassische Märchen- und Romantik-Dramen-Motive wie die Trennung der Liebenden durch Raum und Umstände bei, ein Fluss, über den der eine nicht gelangen kann, eine Familie mit bösem König im Rücken des anderen, die eine Vereinigung zu verhindern sucht. Ellis der Knappe des unglücklichen Ritters und selbst der Ritter, der Helfer und Bote in diesem Märchen, dem zum Happy End zu verhelfen er bestimmt scheint. Währenddessen keimen in ihm selbst Gefühle für die zwei Jahre ältere May Pearl, in einem ritterlich-beschützerischen Ehrverständnis stürzt er sich in Prügeleien, um die holde Maid aus dem Turme der Misshandlung zu erretten. So wie Mud es vorlebt, den Ellis ob seines Motives in seinen Taten nie in Frage stellt: eben weil er es für die Liebe tut.

Ein junges Gefühlsbild, im Erwachen begriffen, von Enttäuschungen geprägt: sensibel, emphatisch und getragen von Empathie zeichnet Nichols sein Südstaaten-Drama, „Mud“ gleitet nicht in Kitschregionen ab, da er die Liebe nie als eine Endgültigkeit darstellt oder ihr kein »aber« zu entgegnen wagt. Was wie Rettung erscheint kann auch Abhängigkeit sein, eine noble Geste ein Verbrechen, Unreife, einem Bildnis verzweifelnd nachjagend und Trauer von Zurückgebliebenen, denen mehr genommen als gegeben wurde. Ganz schön viel, um es aus der Sicht eines Teenagers zu erzählen, doch Nichols erlegt seine Figuren nicht in symbolischen Zwängen, die bürdet er ihnen deutlich weniger auf als noch in „Take Shelter“, „Mud“ ist weniger umschnürend, nicht durch angsterfüllte, sondern hoffnungsvolle Augen erzählt, der Film atmet ungleich leichter. Sheridan und Jacob Lofland spielen angenehm natürlich (immer DAS Wort und Kriterium bei der Bewertung von Jungschauspielern…) und Nichols legt ihnen kein neunmalkluges Geschwätz in den Mund. Die Namen von Nichols‘ Stammkraft Michael Shannon („Man of Steel“) und Oscar-Preisträgerin Reese Witherspoon („This Means War“) prangen neben McConaughey ebenfalls prominenter als jene der außerhalb ihrer Rollen siebzehnjährigen Jungs auf dem Cover des Films, der Maniac und das Hübschblondchen sind in kleinen Parts aber eher die Geschmacksabrundung denn vollwertige Attraktion.

Ein kleiner Vorwurf muss aber doch in Nichols‘ Richtung gehen: obgleich die Märchenbezüge und deren Verzerrbildlichung nicht zu übersehen sind (und damit einhergehend auch das Frauenbild gewagt unterdimensioniert gerät, Meinungen über Sexismus und den Film als Rechtfertigung häuslicher Gewalt evozierend, siehe die Kollegin von Bitch Flicks und ihre Review) melkt der Autor und Regisseur den Moment der „Convenient Coincidence“ etwas oft, sprich er bringt solche Szenen unter, in denen die Protagonisten plotdienlich-praktisch über ein Zufallsereignis stolpern. Abgesehen davon: alles dufte. „Mud“ ist ein schöner Film, ohne falsche Hoffnungsbilder zu zitieren, ein einnehmender Film, ohne sich als manipulative Wohlfühloase anbiedern zu müssen. Um eine Erwähnung der schwülen Südstaaten-Atmosphäre kommt man in einer Besprechung des Films nicht herum, einfach weil sie wie ein zusätzlicher, allgegenwärtiger Darsteller ihren Beitrag leistet. McConaughey und die Jungsstars sind in bestechender Form, die unerwartete Eskalation am Ende und ihre Auflösung nicht ganz so. Alles in allem ein schwelgerisches Coming of Age-Drama, das die Anschaffung lohnt.

Wertung & Fazit

Action: 0.5/5

Bis kurz vor Schluss kein Kriterium, dann spritzt aber doch noch ein bißchen Blei.

Spannung: 3/5

Mit dem Geheimnis um Mud ist es wie mit der Leiche in „Stand by Me“: der Weg ist das Ziel. Hochspannend und allzu mysteriös inszeniert Nichols das nicht, spannend oder mindestens atmosphärisch bleibt der Film dennoch.

Anspruch: 3.5/5

Gevatter Zufall ist des öfteren Freund des Plots. Die Märchenelemente sind geschickt verpflochten und werden durchaus subtil aufge- und entschlüsselt (Retter und Schutzbedürftige usw.). Und auch rein als Jugenddrama voll überzeugend.

Humor: 0/5

Der Grundton ist nun nicht bleischwer, trotzdem ist Humor kein Kriterium.

Darsteller: 4.5/5

McConaugheys Streak bleibt ungebrochen, die Jungstars Jacob Lofland und vor allem Tye Sheridan machen ihre Sache großartig. Reese Witherspoon bleibt außer Leiden nicht viel zu tun, Michael Shannon kommt noch kürzer, dennoch eine runde und ausfallfreie Besetzung.

Regie: 4/5

Nach Nichols’ drittem Spielfilm darf man wohl endgültig davon sprechen, dass er im kleinen Kreis der spannendsten US-Autorenfilmer angekommen ist.

Film: 8/10

Jugenddrama in Märchengewand oder Märchen in Gestalt eines Jugenddramas von hoher Darstellungs, Inszenierungs- und Erzählgüte. Schade drum und unverständlich, dass es sowas hierzulande nicht ins Kino schafft…

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