Nerdalyze This: mach mal ‘ne Pause vom Leiden, Leonardo DiCaprio…

Neulich bei Movie Fights, dem „Nerds mit mal mehr, mal weniger Ahnung debattieren sich die Kehlen über Nerdzeugs wund“-Format der Screen Junkies: diskutiert wird das Thema „Pitch a Franchise with Leo DiCaprio“, Alison Haislip plädiert für die Cruise-Nachfolge in „Mission: Impossible“, Ben Begley argumentiert pro Bond-Schurken-Performance und die Antwort von Baseballspieler Cody Decker halten alle erstmal für einen Scherz. Der Keulenschwinger schlägt ihn in einem Reboot der „Police Academy“ vor, ungezwungen und ohne Aaaaacting!-Mühen einfach mal entertainen solle der oft brütende, gequälte DiCaprio, „It would be such a change of pace that I would welcome it with open arms“, meint Decker.

Und vielleicht geht’s ihm da nicht allein so. Vielleicht ist Deckers Argumentation am Ende nicht konkret genug, um in der Movie Fights-Runde den Punkt zu holen, aber verdammt, der Gedanke an sich ist ein Homerun. Mach disch ma logger, Leonardo! DiCaprio pflegt seit Jahren einen sich am Oscar-Berg bisher vergeblich abrackernden intensiven Schauspielstil, there’s so much heavy acting going on, ob im meine-Alte-is-irre-Doppel „Shutter Island“ und „Inception“, dem Anti-Gewohnheitsehe-Downer „Revolutionary Road“, dem Sierra Leone-Action-Drama „Blood Diamond“ oder aktuell im Survival-Rache-Western „The Revenant“, by god, is he aaaaacting! Award-Bettelei mag man mit böser Zunge nennen, was DiCaprio sich da seit Jahren an Projekten rauspickt und an Leistung wortwörtlich abringt, auf das der nackte Goldmann im Februar endlich seinen Weg auf die heimische Lokusablage finden möge.
Leonardo DiCaprio angespannt in INCEPTION
DiCaprio spielt mitunter, als sei die starre Pose eines Bodybuilders in Bewegung geraten, ein Zeugnis von Willensleistung und Anstrengung, anatomisch beeindruckend – und irgendwie nicht ganz natürlich. Wenn er die Lippen schürzt und die Augenbrauen zusammendrückt oder die Zähne fletscht wirkt er als erwachsener Mann fast ein bißchen wie die Karikatur seines Bubi-Gesichts aus den 90ern. To be clear: dieses mimische Früchte pressen gibt einen köstlichen Saft und mit knapp 25 Filmen in zwanzig Jahren überpowert DiCaprio seine Masche auch nicht, da fällt nicht mal groß auf, dass sein engagiertes Skillset meist im Dienst sehr ähnlicher Figuren steht: verlustgeplagte oder -prädestinierte Antihelden und/oder Liebhaber („Romeo + Juliet“, „Titanic“), großmannssüchtig-manische Tycoone im ständigen Wahn der Steigerung und Selbstflucht („The Aviator“, „The Great Gatsby“, „Django Unchained“, „The Wolf of Wall Street“), geschundene harte Hunde gefangen zwischen den Welten („The Departed“, „Body of Lies“) – DiCaprios Schaffen ist in den eigenhändig ausgekratzten Marmor aus Konflikt, Leid und Sterben gemeißelt.

Ein „change of pace“, wie ihn Kansas City Royal Decker vorschlägt, würde folglich nicht nur Leonardo DiCaprio gut tun – sondern dem Kino an sich. „Police Academy“ müsst’s nicht gleich sein, obwohl der Leo als pain in the arse-Charakter gegenüber einem von, let’s say, J.K. Simmons in disziplinierter Cholerik gespielten Captain Harris sicher auch was für sich hätte. DiCaprio kann hervorragend charmant, spitzbübisch, eloquent kumpelig und doch autoritär, menschenfängerisch, das zeigt er zur Genüge in nicht ausschließlich grübeldominierten Rollen wie in „Inception“ oder besonders Scorseses wilder Broker-Satire „The Wolf of Wall Street“. Der Leo kann mühelos weltmännisch und einnehmend, das Gläschen schwenkend wie in „The Great Gatsby“ oder, da ins Absurde und Abscheuliche verkehrt, in Tarantinos „Django Unchained“. Und das ist dann kein Abrackern am Schauspiel, das ist dann ein natürlicherer Star-Appeal, Optik gepaart mit Manier eines klassischen Hollywood-Lieblings.
Leonardo DiCaprio leidet in SHUTTER ISLAND
Aber abgesehen davon, dem für seine Mühen fürstlich entlohnten und weltweit geschätzten DiCaprio mal ein paar entspanntere Arbeitswochen zu gönnen: wozu sollte er das denn nun wirklich mal machen? Ganz einfach: dem komödiantisch-stilvollen Unterhaltungskino fehlt gegenwärtig eine leinwandikonenhafte Starpersona wie DiCaprio. Vielmehr: es gibt dieses Kino überhaupt nicht mehr neben Action-Blockbustern mit Autos, Action-Blockbustern mit Superhelden, Action-Blockbustern mit Dinos und SciFi-Action-Blockbustern mit Laserschwertern. Ein Charmeur wie Cary Grant, ein Entertainer wie Frank Sinatra, ein verschmitztes Duo wie Walter Matthau und Jack Lemmon, die brauchten ihr Publikum nicht permanent at the edge of their seats, die haben uns wohlig darin versinken lassen. George Clooney und Brad Pitt machen seit den gemeinsamen „Ocean’s“-Abenteuern nicht mehr häufig in unbeschwerter Unterhaltung. Will Smith kämpft sich gerade erst aus einem selbstgeschaufelten Tief heraus. Tom Cruise kommt auch eher von der Action- und SciFi-Schiene angejumpt. Robert Downey Jr. ist Marvel-Zugpferd. Und mehr an Megastar mit Wirkung und acting chops im Gleichmaß ist grad nicht in Sicht.

Es wäre an DiCaprio, diese Lücke zu schließen. Der brächte ALLES für einen entspannten, stil- und humorvollen Kinoabend mit, abseits des R-Rated-Rotzes, der mit Zoten und Zynismus das Comedy-Segment an sich gerissen hat. Und was wäre nun der passende Film für DiCaprio, oder besser noch: das passende Franchise? Klar, da kann’s nur eine Antwort geben: ein Reboot/Sequel der „Ocean’s Eleven“-Reihe mit Leonardo DiCaprio als Bruder von Clooneys Danny Ocean, Lenny Ocean. Inszeniert von Steven Soderbergh, falls der nochmal Bock kriegt, ersatzweise von Glenn Ficarra und John Requa, die letztes Jahr mit dem unterschätzten „Focus“ ein ähnlich stilbewusst-gewievtes Gaunerstück hingelegt haben (in dem zudem Will Smith beweist, dass er diese Nummer noch drauf hat). Suit up Leo, schmeiß den Swarve an und dann ab nach Las Vegas, stell dich lässig an einen Casino-Tisch, schnips ein paar Chips zwischen den Fingern hin und her und hab Spaß mit einer Truppe illustrer Co-Stars, die einen Heist planen, der einem Ocean würdig ist. Oder irgendsowas.
Leonardo DiCaprio in Feierlaune in THE GREAT GATSBY
Gebt dem Bengel Ende Februar also endlich den überfälligen Oscar, bevor sich golden bemalte Nacktprotestler vor’s Dolby Theatre werfen, um auf diese empörliche Leofeindlichkeit hinzuweisen, und damit DiCaprio uns endlich unbeschwert unterhalten kann. Tu es, Leo, bevor es zu spät zum Lockerwerden ist und du dein lobgepreistes Vermächtnis früher oder später in Adam Sandler-Komödien und als „Dirty Grandpa“ vollsudelst, wie’s die Pacinos und De Niros deiner Method Acting-Zunft im hohen Alter für nötig halten. Mach disch ma logger, Leonardo, dein Spiel muss sich nicht in jeder zweiten Szene wie ein Hospizbesuch anfühlen, spann mal aus vom krassen Gesichtssmuskel-Workout und sei der schelmische Bursche, der sich unter Bärten und einer Maske der Angestrengtheit verbirgt. Dann könntest du das Kino noch um einiges reicher machen.

Wie ist eure Meinung? Würdet auch ihr DiCaprio gern mal in lockerer Star-Laune auf der Leinwand erleben und einen klassischen Unterhaltungsfilm ohne Action-Overkill genießen? Oder habt ihr ihn masochistisch leidend mehr lieb?

2 Kommentare

  1. Also ich hoffe das mit dem Ocean’s Eleven Reboot ist nicht ernst gemeint.
    Abgesehen davon würd ich Leo auch gern mal wieder in sowas wie Catch Me If You Can sehen. Oder gern auch etwas, wo er richtig lustig sein kann. zB eine Satire von Alexander Payne oder gleich eine Crime Comedy von Wes Anderson. Das wärs!

  2. Ich denke, es geht sich nicht darum, was wir denken, sondern was Leo will. Und so wie es aussieht, will er einfach nur ein guter Schauspieler sein, der die Herausforderung liebt und vielleicht auch ohne diese gar kein Interesse an einer Rolle hätte. Und ganz ehrlich, ich sehe ihn sehr gern und habe ihn bis jetzt alle Leistungen abgekauft (zumindest die, die ich bis jetzt gesehen habe). Und ich weiß jetzt schon, dass er mir auch in einer “zahmen” Rolle gefallen würde. 🙂

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