PATERSON: Kritik zu Jim Jarmuschs berührender Alltags-Tragikomödie mit Adam Driver

Die Story

Eine Woche im Leben des Busfahrers Paterson in der gleichnamigen Kleinstadt Paterson, New Jersey: eine stets auf die Minute durchgetaktete Routine bestimmt den Alltag des schweigsamen Schlackses, der ohne Wecker zwischen zehn nach sechs und kurz vor halb sieben aufwacht, seine Frühstücksloops zu sich nimmt, sich mit seiner Lunchbox auf den Weg zur Arbeit macht und dann für Stunden seinen Bus die Linie 23 entlang fährt. Doch heimlich ist Paterson außerdem ein Poet, der zu jeder Pausenzeit Gedichtzeilen aufschreibt, inspiriert von den Dingen und Beobachtungen des Alltags und der Liebe zu seiner Frau Laura. Geduldig hört sich Paterson nach Feierabend deren kreative Vorhaben an, mit einer Cupcake-Bäckerei oder als Country-Sängerin reich und berühmt werden zu wollen, ehe er ihre Englische Bulldogge Marvin ausführt und auf der Runde Halt in seiner Stammkneipe für ein allabendliches Bier einlegt. Zurück in seinem zu Hause geht Paterson schlafen. Um am nächsten Tag wieder alles ganz genauso zu machen…

Die Filmkritik

Morgenritual - Adam Driver und Golshifteh Farahani in PATERSON
Wenn die Redensart stimmt und in der Ruhe wirklich die Kraft liegt müsste „Paterson“ eigentlich ein Superheldenfilm sein und Hauptdarsteller Adam Driver der überpowerte Captain New Jersey. Eine Warnung allerdings, falls bereits nach obiger Inhaltsangabe bei jemandem Defibrillationsmaßnahmen eingeleitet werden müssen: weiter von sowas entfernt könnte der tatsächliche „Paterson“ natürlich nicht sein. Jim Jarmuschs poetische Ballade an die Beiläufigkeit verharrt in einer zweistündigen, meditativen Besonnenheit, die sich an fünf Wochentagen und an einem Wochenende im Leben des genügsamen Busfahrers im Gleichstrom von Routinen und Ritualen ergeht, ohne das irgendetwas von Belang passiert. Augenscheinlich ist das zumindest so, denn (stilistisch beabsichtigte Wiederholung voraus) weiter entfernt von wirklicher Ereignisarmut könnte der tatsächliche „Paterson“ natürlich nicht sein. Nicht die Stadt, nicht die Figur und nicht der Film.

Der Hobby-Poet, der seinen Namen nicht nur mit seiner Heimatstadt teilt, sondern auch mit einem der Standartwerke seines dichterischen Vorbildes William Carlos Williams, wirkt zunächst wie ein Sonderling, etwas abgekapselt und selbstvergessen, ein Gefühlsunterdrücker, der sich nur in den Zeilen seines Notizbuches auszudrücken versteht. Aber Paterson ist ein Beobachter und Zuhörer, nie ein Aktivator, aber immer wieder auch ein Teilnehmer, der in seiner durchstrukturierten und auf den ersten Blick gleichförmigen Alltäglichkeit ungewöhnliche Symmetrien und Repetitionen entdeckt, Teil eines Sammelsuriums von Begegnungen und Miniaturereignissen ist, die Jarmusch nicht mikroskopisch seziert, aber sie an Patersons Seite wahrnimmt, die Geschehnisse aus den Welten der Existenzen neben ihm, wie das tragische Paar, das nicht zueinander findet, oder Patersons schwerenötender Arbeitskollege.
Abendritual - Adam Driver und die Shades Bar in PATERSON
Doch der Film ist nicht auf das Drama dieser Figuren aus, noch auf einfache Ereignis/Konsequenz-Rechnungen. Im Ton ist „Paterson“ schonend und behutsam, nicht seicht, aber von einem rücksichtsvollen Bild des Miteinanders geprägt, von einer künstlerischen und kulturellen Selbstverwirklichung und Akzeptanz beseelt, von Werten und einer Positivität, einer positiv besetzten Liberalität, wie sie im gesellschaftlich zerrissenen Trump-Amerika kaum noch vorstellbar sind. Da begegnet Paterson auf seiner abendlichen Hunderunde ein paar Hip Hop-Gangstern im Low Rider, die ihn slanglastig vor Dognappern warnen. Spoiler: Bulldogge Marvin wird später NICHT von genau diesen Gestalten oder überhaupt gedognappt. Wann anders lauscht Paterson einem angehenden Rapper im Waschsalon, der bedankt sich für das Feedback und die beiden verabschieden sich per Elbow Bump, eine Street Cred-Geste, die für den ruhigen Paterson vollkommen untypisch wirkt, aber zeigt: man versteht sich, man kann miteinander.

Ist das eine blinde Utopie, ein märchenhaft verklärtes US-Vorstadt-Idyll? Ja und nein. „Paterson“ hat etwas märchenhaftes an sich, so skurril, so aufgeführt, wie manche Ereignisse und Begebenheiten wirken. Doch hinter der Behutsamkeit und der Vermeidung jedes dramaturgischen Schlipstritts liegt noch eine andere Ebene, und zwar die einer PTSD-Studie, in der Routine und Rituale der Alltagsrückführung, dem bloßen Aushalten des Alltags dienen. Der in sich gekehrte Paterson ist ein Ex-Marine, wie Jarmusch anhand eines echtes Bildes von Ex-Marine Adam Driver in Uniform auf dem Nachtschrank des Busfahrers in der selben Beiläufigkeit offenbart, die den übrigen Film durchzieht. Paterson strahlt in jeder Szene eine verständnisvolle gutwillige Grundhaltung aus, aber manchmal, und das ist die Kunst in Drivers Spiel aus Güte und Gleichmütigkeit, scheint mehr in ihm zu arbeiten, scheint die äußerliche Zufriedenheit kurz aufzubrechen und dahinter verbergen sich Schatten, die seine gesamte Umweltinteraktion zu besänftigen zu versuchen scheint.
Vorleseritual - Adam Driver und Golshifteh Farahani in PATERSON
Jarmusch erzählt nichts gerade heraus darüber, aber es ist mehr als wahrscheinlich, dass dieser verschlossene Paterson Dinge gesehen und erlebt hat, die die Kleinstadtdramen relativieren und für ihn in ein Licht der Banalität rücken, dem er lauschen oder über das er schmunzeln kann. Das verdunkelt den wonnig-optimistischen Film nicht zum Traumabewältigungs-Deprie-Drama, es eröffnet ihm vielmehr Tiefe und Ausdeutungsmöglichkeiten und es schafft sogar eine Form von Spannung, ob der großherzige und kulante, bisweilen ins soft-phantastische übergleitende Geist des Films und seiner Hauptfigur wohlmöglich doch von ihren Dämonen eingeholt werden: einer Realität, die so rücksichtsvoll und wattiert eigentlich nicht mit ihren Gebrochenen umgeht. Und mit der ächzenden, verständnislosen und den eigenen Willen durchsetzten Dogge Marvin hat Paterson da sogar einen verkörperten Antagonisten, der ihn an der Leine hinter sich her schleift.

Den Zuschauer an die angenehmere Leine nimmt ein wunderbarer Adam Driver. Der staksige Hüne, der immer wirkt, als stecke ein kleinerer Mensch in einem Adam Driver-Kostüm und käme mit dessen motorischen Proportionen nicht ganz klar, spielt zurückgenommen, aber hintergründig. Driver liefert ein stilles, faszinierendes Portrait eines involvierten Außenseiters, „so sober and furious and stubbornly ready to burst into flame“, wie Paterson in einem seiner Gedichte über die Streichhölzer seiner Lieblingsmarke schreibt. Als unstetes Kreativitätsbündel und DIY-Innenraumgestalterin mit Faible für schwarz-weiße Musterkombinationen auf sämtlichem Interieur glänzt die Iranerin Golshifteh Farahani mit Elan und sprunghaftem Tatendrang und dem spürbaren Goodwill, es nicht nur für sich und ihre Entfaltung, sondern auch für Paterson besser zu machen. Die bisweilen fehlmotivierten Auswüchse ihrer Fürsorge und sein durchscheinendes Überfordertsein von ihren Impulsen sind dabei ein weiteres Indiz für den PTSD-Background des Films. Als Barkeeper-Veteran mit Paterson-Gossip-Sammlung hinter der Theke überzeugt außerdem Barry Shabaka Henley.
Bockige Dogge - Adam Driver und Marvin in PATERSON
„Paterson“ ist zwei Stunden ruhige, meisterhaft eingefangene Filmmeditation, hinter deren offensichtlicher Beiläufigkeit und umschmeichelnder Ruhe wahrhaftig tiefgreifende Kräfte liegen: die des Überwindens, die der Künste und des Kunstschaffens, die der Selbstverwirklichung, der Akzeptanz und der Relation. Ein bequemlicher Bummel in einem gemütlichen, gefederten Bollerwagen im Gegensatz zu den Achterbahnfahrten des Blockbusterkinos, das in seinen zielstrukturellen Plots viel klarer, in seinen Bedeutungen aber auch viel ärmer ist. „Paterson“ ist berührend, ohne dass Jarmusch sentimental werden müsste, erzählerisch in seiner Beobachtungshaltung reich, ohne dass die Independent-Ikone das poetische Skript mit nur einem Wort mehr hätte füllen müssen. Und am Ende, nach einem Ereignis, so einschneidend wie der Tod der Waynes oder die Vernichtung Kryptons, ist Paterson sogar doch ein Superheld. Einer des Alltags, der Beiläufigkeit, der Poesie und des Lebens.

Wertung & Fazit

Action: 0/5

Kein Kriterium.

Spannung: 1/5

Ruhiger, zyklischer Film, mehr auf Beobachtung als Narration bedacht und man sieht das „lahhngweilich“ in der durchschnittlichen 1-Sterne-Amazon-Rezensionen geradezu vor sich. Stimmt aber nicht.

Anspruch: 4.5/5

Vieldeutiger, als es zuerst den Anschein hat. Da lässt sich von einer USA-Utopie inmitten dystopischer Zeiten bis zu einer PTSD-Studie vieles heraus lesen. Wenn Augen und Geist weit genug offen sind dafür.

Humor: 1.5/5

Leiser Humor in allerlei skurillen Alltagssituationen.

Darsteller: 4.5/5

Für alle, die Adam Driver nur als Kylo Ren aus „Star Wars“ kennen und den für einen Emo-Posterbubi halten: guckt „Paterson“. Guckt „Frances Ha“. Und „Inside Llewyn Davis. Und „Tracks“. Guckt „Midnight Special“. Und „Silence“. Guckt verdammt nochmal Filme mit Adam Driver.

Regie: 4.5/5

Meisterliches Beobachtungs- und Beiläufigkeiten-Kino mit viel Blick und Gefühl für das, was dahinter liegt. Jarmusch at his best.

Film: 9/10

Hommage an die Poesie und Poeten, utopische Studie eines USA-Ideals inmitten einer dystopischen Realwelt, unaufdringlich-subtile PTSD-Studie und ein berührend-beiläufiger Charakter-Film mit einem wunderbaren Adam Driver. Eines der feinsten Werke aus 2016.

Ein Kommentar

  1. Mir hat der Film auch gut gefallen. Ich bin mit keinerlei Erwartungen an den Film herangegangen und war positiv von dieser vor sich hinplätschernden, sich wiederholenden Geschichte begeistert. Bei anderen Filmen hätte ich das als etwas Negatives empfunden, aber hier war das einfach stimmig.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.