PLANET DER AFFEN: PREVOLUTION – Kritik zum Schimpansen-Reboot mit James Franco

Story

San Francisco in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft: der junge Wissenschaftler Will Rodman ist guter Hoffnung, mittels einer Gentherapie die Heilung der Alzheimer-Krankheit bewirken zu können, als Forschungsversuche an der Affendame Bright Eyes erstaunliche Ergebnisse liefern. Das ALZ-112-Virus steigert die Intelligenz und zerebralen Funktionen der Primatin um ein vielfaches, doch während einer Präsentation für den Vorstand eines Pharmaunternehmens dreht Bright Eyes plötzlich durch, richtet Chaos im Labor an und wird schließlich vom Wachpersonal getötet. Die Aggressionen des Tieres als Nebenwirkung der Therapie fehldeutend wird Wills Arbeit sofort gestoppt und sein profitversessener Vorgesetzter Jacobs lässt die Versuchstiere einschläfern. Inmitten des verwüsteten Labors entdeckt der Forschungsassistent Robert dabei ein neugeborenes Schimpansenbaby, das Bright Eyes nach seiner unbemerkten Geburt zu schützen versucht hatte. Will nimmt sich des Affen an und stellt schon bald fest, dass sich die wundersamen genetischen Verbesserungen der Mutter weitervererbt haben. Verzweifelt ob der fortschreitenden Demenzerkrankung seines eigenen Vaters Charles wendet Will die Therapie schließlich bei diesem an – mit überwältigenden Erfolgen: Charles Rodman scheint buchstäblich über Nacht geheilt und in einem besseren Zustand als je zuvor. Das Schimpansenjunges indes, das sie Caesar taufen, wächst mit den Jahren zu außergewöhnlicher Intelligenz heran. Doch dann treten unerwartete Schwierigkeiten auf…

Der Film



Was schien 2011 noch unnötiger, als ein Pavianarsch in einer Geburtstagstorte? Richtig, ein Film mit „Planet of the Apes“ im Titel. Über vierzig Jahre nach dem Charlton Heston-Klassiker, dessen vier durchwachsenen Sequels und dem verheerend schlechten Remake von Tim Burton aus dem Jahr 2001 schien die Sachlage um das Franchise klar: der Affe war tot und begraben. In einem Zeitungsartikel über domestizierte Schimpansen, die in Anpassungskonflikte mit ihrer menschlichen Umgebung und ihren Haltern geraten, sah Drehbuchautor/Produzent Rick Jaffa jedoch eine passende Grundidee, um nicht an die Saga anzuknüpfen und sie nicht nachzustellen, sondern ihre Vorgschichte zu präsentieren, die Wurzeln des Affenaufstandes zu ergründen. Und wie es auch zustande gekommen sein mochte: irgendwie wurde ein Film draus, der mit dem umständlichsten Titel des Kinojahres 2011 zu dessen überraschendstem Erfolg mutierte: „Rise of the Planet of the Apes“ ehrte das Original und verschandelte es in keiner Weise mit seinem Prequelgestus. Nötig hat Franklin J. Schaffners Primaten-Parabel die Ausleuchtung freilich nicht, so unabhängig wie sich eins vom anderen betrachten lässt bleibt die Prevolution der Affen jedoch einfach eine gute Geschichte, und die sind IMMER erzählenswert.

Eine gute Geschichte, erzählt mit klassischen Mitteln: „Rise of the Planet of the Apes“ verschenkt sich weder an den Usus moderner, aufhängerlastiger Blockbuster, bei denen nach der Grundprämisse nicht mehr viel kommt, noch gerät Rupert Wyatts Reboot in irgendeiner Weise besonders originell in Rhythmus und Struktur. Man nehme den Beginn: nach einem kurzen Ausflug in den Dschungel, der das seelige ‘68er Original und dessen Menschenfangszene umkehrt und spiegelt, geht es in den sterilen Laborkomplex von Gen-Sys, wo die Affen ihren natürlichen Lebensraum gegen Käfige und Versuchsapparaturen zu tauschen gezwungen sind. Der Film wechselt in eine Parallelmontage; ausgerechnet während einer erfolgversprechenden Produktdemonstration des Wundermittels ALZ-112 läuft Äffin Bright Eyes im Labor Amok und kann natürlich erst niedergestreckt werden, als sie den Konferenzsaal mit den schockierten Pharamaunternehmern erreicht hat. Das ist dramaturgisch das ganz kleine Einmaleins der effizienzerprobten Storytellingmechanismen, leicht zu durchschauen, aber wirkungsvoll.



Wyatt, Jaffa und seine Mitschreiberin Amanda Silver denken und deuten „Rise of the Planet of the Apes“ nicht um unnötig viele Ecken, auf der Handlungs- und Figurenebene bleiben sie schlicht und klar (um mal das negativ besetzte „stereotyp“ zu vermeiden). Hierbei ist nicht etwa nach Versäumnissen im Script zu suchen, das ist viel mehr eine graduelle Zwangsläufigkeit der Erzählperspektive: die liegt nur stellvertretend beim nominellen Lead James Franco und geht zunehmend in den Besitz des hochintelligenten Schimpansen Caesar über. Der Menschenaffe ist nicht der heimliche, er ist der eigentliche Hauptdarsteller von „Rise of the Planet of the Apes“, was sich aus seinen Wahrnehmungen und Empfindungen heraus ergibt ist die Story, der Kern und, Pathos voraus, das Herz und die Seele des Films. Caesars gesteigerter Intellekt befähigt ihn nicht nur zur Lösung von Geschicklichkeitsaufgaben, er potenziert seine Eigenwahrnehmung, sein Verständnis von evolutionärer und rassenethischer Hierarchie, die das Tier vom Menschen unterscheidet und es, in der Deutung der Menschen, der vermeintlich höheren Spezies untertan macht. Und er begreift seine Fähigkeiten in Relation zu den biologischen Restriktionen des Menschen, der als unspezialisiertes Mängelwesen die Herrschaft über das Tier lediglich aus der Arroganz evolutionärer Transformativität heraus beansprucht: die erlernten und entwickelten Fähigkeiten, zu sprechen, zu forschen, zu schaffen, zu unterdrücken.

Wahnhaft, selbstversessen und gierig zeigt „Rise of the Planet of the Apes“ das Streben nach dem Beheben und Perfektionieren der Fehlerhaftigkeit des Konzeptes Mensch, das Krankheit und Verfallsprozessen genauso wie environmentalen Veränderungen letztlich nicht gewachsen ist und deren einziger Vorteil darin liegt, dass das Tier allgemein dies nicht erkennt, beziehungsweise es nicht in seiner Natur liegt, dies zum Nachteil des Menschen zu verkehren. Bis Caesar kommt. Acht Lebensjahre verbringt der Film an der Seite des Affen und zeigt die menschlichen Charaktere dabei nicht als ausformulierte Persönlichkeiten, sondern als Querschnitt einer klar dahingehend fixierten Handlung, dem Primaten den Aufstand zu lehren. In groß angelegten (aber nie marktschreierischen) und subtilen Momenten reift in Caesar das Verständnis vom Selbst und der Wille zum Widerstand, was sich am dramatischsten nicht in einer Actionszene steigert, sondern als das Tier zu sprechen beginnt, es den Evolutionsvorsprung des Menschen endgültig einholt und überwindet. Mit einem einzigen Wort, das genug sagt, um alle Fesseln zu sprengen. Bis dahin hat „Rise of the Planet of the Apes“ Caesar genug erleben und durchmachen lassen, um seinen Aufstand emotional zu rechtfertigen, die unausweichliche MUSS-Aufgabe des Films: der Mensch muss es „verdienen“, dass seine Herrschaft gestürzt wird. Sein Wille ist der Architekt, sein Handeln der Aufbau, seine Überheblichkeit der Auslöser des Untergangs. Die Affen die Macht, die sich erhebt.



Klar: klassische Erzählweise und –perspektive hin oder her, „Rise of the Planet of the Apes“ fährt eine hart manipulative Methodik auf, um ans Ziel seiner Vorstellungen vom Affenaufstand zu gelangen. Wills profitgeiler Forschungschef Steven Jacobs fehlt nur noch das hinterhältige Gackern, dann käme er ähnlich überzeichnet wie SpongeBobs pfennigfuchsender Chef Mr. Krabs rüber. Und Caesar, der im Laufe der Story und nachdem er versucht hat, Wills verwirrten Vater zu schützen, in einer Primatenauffangstation landet, gerät in Person von Slytherin-Lehrling Tom Felton selbstverständlich an den fiesesten und sadistischsten Tierquäler überhaupt. Solche Figuren sind nicht subtiler, als ein gezielter Wurf mit Ekskrementen: das stinkt und verdeutlicht den Standpunkt aufdringlicher als nötig. Dennoch: neben nur wenigen überzogenen Momenten entwirft „Rise of the Planet of the Apes“ mit diesen Mitteln überwiegend sehr starke und ausdrucksvolle Kompositionen der Vorgänge um und in Caesar und in einzelnen Szenen beweist Wyatt gar ein herausragendes Gespür, den Film nicht visuell zu überpowern, aber ihn mit passenden und ikonischen Bildern aufzuladen.

Neben im Ausmaß größeren Shots, wie sie sich zum Ende mehren, ist das in der Hauptsache Verdienst eines Mannes: an einer Lobeshymne auf den Performance Capture-Guru Andy Serkis ist in einer Besprechung dieses Films kein Vorbeikommen. Mehr als auf der Leistung jedes Programmierers basiert Caesar auf der Darstellungskunst des wuschelhaarigen Engänders, das Spektrum an Emotionen, das er dem Schimpansen verleiht, ist eine in dieser Form nahezu einzigartige Meisterleistung in der Kombination und Interaktion aus Tricktechnik und realer Aufnahme. Bei aller Brillianz der heutigen Effektstandarts und –fertigkeiten der Mouseclick-Künstler stechen Caesar und seine Affenschar trotz allem Fotorealismus aus der Szenerie hervor, doch es ist Serkis‘ Performance hinter den Texturen, dank der Caesar dennoch DA ist, glaubhaft wirkt, dieses an Hochleistungsrechnern gerenderte Pixelprojekt lebt und fühlt und man es spürt. Seine Schultern tragen den Film, auch über jene Abgründe hinweg, die an anderen Stellen durch die Komprimierungen von Figuren und Handlungen aufklaffen. „Rise of the Planet of the Apes“ ist in diesem Punkt abhängig von Güte und Gelingen seiner Effekte, verlässt sich ansonsten aber nicht auf eine alles wegtrumpfende CG-Inszerniung: eine mitreißende und sinnstiftend in die Handlung gebrachte Actionszene kann eben auch aus zwei rivalisierenden und durch das Gehege holzenden Primaten bestehen, ohne dass ganze Großstädte im Hintergrund zu Schutt zerbombt werden.



Der Ausbruch der Affen aus ihrer Gefangenschaft, die Stürmung der Labore und der Showdown auf der Golden Gate Bridge können im Ausmaß nicht mit den gängigen Superheldenfilmen und Blockbuster-Konsorten mithalten, bieten jedoch eine Intensität, die selbige oft nicht mitbringen. Es hat Gewicht, wenn Caesar sich erhebt. Bedeutung, Nachdruck. Seine Geschichte, seine Reise bis an diesen unvermeidlichen Punkt ist stets Zentrum des Films und nicht nur die Randnotiz, die an überproportionierten Krawallsequenzen heftet. „Rise of the Planet of the Apes“ begeistert und berührt mit einer emotionalen, affektiv erreichten Wucht, die dem Geschehen zu Grunde liegt, wie schlicht dieses auch in seinen Teilen gestaltet sein mag. Es sind die Augen Caesars, die eine nachvollziehbare Geschichte von Erwachen und Erkenntnis, Unterdrückung und Protest erzählen, mit vielen Referenzen an den Originalfilm geschmückt (auch wenn manche arg bemüht wirken), ausgewogenen Actionanteilen und straffem Tempo. Die menschlichen Darsteller treten mehr und mehr in den Hintergrund, beziehungsweise als rein an ihre Hybris gebundene Geschöpfe auf, abgesehen von Freida Pinto: die hübsche Inderin ist als Primatologin nur dabei, weil es sonst bis auf zwei glucksende Teenie-Hühner und eine Krankenpflegerin in Kurzauftritten überhaupt keine weiblichen Figuren im Film gäbe. Das ist so bemerkenswert, aber letzlich auch so egal wie der Umstand, dass sich im Laufe der acht Jahre abdeckenden Handlung weder Frisuren, noch Bärte oder in irgendeiner Form die Erscheinungsbilder der Charaktere verändern. Bis auf Caesar. Der ist eben in jeder Beziehung das Besondere an „Rise of the Planet of the Apes“.

Wertung & Fazit

Action: 3,5/5
In Ausmaß und Einsatz ungemein passig in die Handlung gebettet, mit einigen verdammt starken und wirkungsvollen Bildern aufgeladen.
Spannung: 2,5/5
Es ist relativ klar, worauf der Film zusteuert, besonders Caesars emotionale Reise dorthin bleibt aber bis zum Schluss spannend.
Anspruch: 2/5
Kein unbedingt wahnsinnig komplexes, aber ein nachvollziehbares Szenario, das von der Entwicklung Caesars getragen wird.
Humor: 0,5/5
So richtig affig wird es nicht, der Film ist zwar nicht schwer verdaulich, Gags werden aber sehr dezent gestreut.
Darsteller: 4,5/5
Andy Serkis liefert eine herausragende und zutiefst beeindruckende und, noch wichtiger, berührende Performance Capture-Darstellung. Die menschlichen Darsteller um James Franco sind passend, aber zunehmend nur der Hintergrund des Geschehens.
Regie: 4/5
Starke Leistung von Wyatt, der einen Blockbuster mit Erdung und Besinnung auf klassisches Storytelling inszeniert. Letzteres gerät dabei zwar nicht sehr originell und bisweilen schablonenhaft, aber dennoch effektiv.
Fazit: 7,5/10
Kein Zweifel: natürlich der beste Film mit „Planet of the Apes“ im Titel seit dem legendären Original von 1968. Der Film ist nicht perfekt, aber auf klassische Werte besonnenes SciFi-Blockbusterkino mit starkem emotionalen Zentrum in Gestalt eines perfekt umgesetzten CGI-Primaten und dem herausragenden Darsteller dahinter.

Mehr zum Film

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