Stars im Portrait: QUENTIN TARANTINO

Portrait

Als 1994 Pulp Fiction in die Kinos kam hätte allein mit einem kommerziellen Erfolg wohl schon niemand gerechnet. Dass der Film jedoch zu einem Kultereignis werden würde, welches derart tiefe Wurzeln ins Genre des Gangsterfilms und die gesamte Popkultur schlägt, daran hätte erstrecht niemand gedacht. Mit einem Budget von nur 8 Mil. Dollar, Stars in der Krise (John Travolta, Bruce Willis) und einer allen Konventionen widersprechenden Handlungsstruktur schuf Quentin Tarantino sein bedeutendstes und einflussreichstes Werk. Und erhob sich selbst zu einem Sinnbild revolutionären, visionären und kompromisslos-unabhängigem Filmemachens.

Mit Tarantino hielt ein Stilmittel im von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommenen Film Einzug, dessen Begründer er zwar nicht ist, das durch ihn aber zu weitreichender Popularität gelangte: heftige Gewaltdarstellung in Kombination mit absurdem Humor. Dieses Element gibt es in ähnlicher Form zum Beispiel im Frühwerk der Coen-Brüder, Tarantino evolutionierte es jedoch auf die nächste Entwicklungsstufe. Viel zu oft allerdings, gerade von Kritiken, wird er darauf reduziert.



Quentin Tarantino ist ein wahrer Filmverrückter, der eine Unmenge an Einflüssen und Zitaten in sein Werk einfießen lässt. Trashige B-Movies, asiatische Kampfsportfilme, Italo-Western und unzähliges mehr bringt er in seinen Filmen zusammen und vollführt dabei das Kunststück, aus diesen sich scheinbar fremden Zutaten ein stets funktionierendes Gericht zusammen zu brauen. Tarantino hat sich so einen ganz eigenen Mikrokosmus immer wiederkehrender Motive und Markenzeichen geschaffen, durch die seine Filme (manchmal offensichtlich, manchmal subtil) miteinander verknüpft werden. Beispiele: Vic Vega aus Reservoir Dogs ist der Bruder von Vincent Vega aus Pulp Fiction, ein Handyklingelton aus Death Proof ist die Titelmelodie von Kill Bill.

Neben aller Bildsprache und Referenzen-Würdigung zeichnet sich Quentin Tarantino noch durch ein weiteres großes Geschick aus: er ist ein überragender Dialog-Schreiber. Zwar ist er auch auf diesem Gebiet äußerst zitierfreundig (und übernimmt auch mal ganze Passagen Wort-für-Wort), aber gerade in der ‘mündlichen Auseinandersetzung’ entwickeln Tarantinos Filme eine fast beispiellose Dynamik. Noch aus den lapidarsten Themen (wie etwa Fußmassagen oder Supermans Geheimidentität) wird bei ihm ein orales Kuriositätenkabarett. Allein anhand der Dialogstruktur ist es möglich, jene Szene in Sin City zu erkennen, für die Tarantino die Gastregie übernommen hat. Deutliches und krassestes Beispiel für die Unterscheidung zwischen dem ‘visuellen’ und dem ‘akustischen’ Tarantino sind sicherlich Kill Bill Vol. 1 & 2. Vol. 1 setzt voll auf Action, Schauwerte und die Huldigung seiner Vorbilder, erreicht dabei jedoch als eigenständiger Film nicht sonderlich viel Tiefe. Vol. 2 hingegen fährt den Action- und Gewaltanteil weit zurück, vertieft aber Charakere und Handlung dank der feingschliffenen und brillianten Dialoge.

So hat Quentin Tarantino das moderne Kino um mehr als nur (die ihm oft als selbstzweckhaft unterstellte) Gewalt bereichert, sondern weit darüber hinaus um etwas, von dem Filme leben und für das Fans danken: exzessive Leidenschaft und nicht zuletzt tolle Geschichten.

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