Review: WIE BEIM ERSTEN MAL (OT: Hope Springs)

WIE BEIM ERSTEN MAL (OT: Hope Springs) Filmkritik
KLICKEN ►mehr zum Film

Story

Kay und Arnold Soames sind seit mittlerweile 31 Jahren verheiratet – und allein aus dieser Tatsache leitet der grantige Büroarbeiter die Annahme ab, in einer vielleicht nicht perfekten, aber doch zufriedenstellenden Gemeinsamkeit zu leben. Die unglückliche Kay hingegen sieht das ganz anders: das Paar schläft seit Jahren nicht mehr im selben Zimmer, der Versuch, Arnold Avancen zu machen, wird von ihm kaum wahrgenommen. Nachdem er mal wieder bei seinen langweiligen Golfsendungen vor’m Fernseher eingeschlafen ist hat Kay am nächsten Tag genug und stößt nach der Lektüre eines Ratgebers auf den Ehetherapeuten Dr. Bernie Feld, der in einem verträumten Küstenörtchen in Maine praktiziert. Auf eigene Kosten und bis zum Eintreffen in Hope Springs gegen Arnolds Willen bucht Kay die Therapie. Doch die Sitzungen und erste Aufgaben laufen schleppend an, nach einer gefühlten Ewigkeit der körperlichen Entfremdung fällt es beiden, vor allem aber dem dauermeckernden Arnold schwer, Nähe und Berührungen wieder zuzulassen. Auf leise Fortschritte folgen laute Rückschläge und langsam schleicht sich die Frage heran, ob ihre Ehe überhaupt noch zu retten ist…

Der Film

Als wäre nach 23 Jahren eine inoffizielle Trilogie mit unzähligen Spin- und RipOffs endlich zu ihrem Abschluss gekommen: 1989 lieferte Rob Reiner mit Harry und Sally einen der ultimativen Liebesfilme, eine Genreschablone für alles, was sich danach so RomCom nannte, ehe der Regisseur zehn Jahre später mit The Story of Us ein Gedankenspiel servierte, wie es wohl mit so einem Traumpaar weitergeht, wenn Kinder und Routine und die Unbesonderheit des Alltags über die Liebenden herein brechen. Was mit Reiner, Billy Crystal und Meg Ryan, sowie mit Bruce Willis und Michelle Pfeiffer fortlief wird nun quasi von David Frankels Hope Springs beendet. Hier liegen 31 Jahre zwischen der Besonderheit einer Zusammenkunft und einem mittlerweile nur noch von Gewohnheiten arrangierten Zusammensein, die rosarote ist der Lesebrille gewichen und nervige Streitigkeiten um Nichtigkeiten werden nicht mal mehr durch den Katalysator Versöhnungssex gejagt. In Hope Springs herrscht die Trisesse des Alters, der Alteingessessenheit, kein Funken Magie mehr übrig, der die Ascheüberreste einer erstickten Flamme neu entzünden könnte.



Hope Springs ist das Sequel zu Harry und Sally, zu jeder Aniston-/Heigl-RomCom und im Gegensatz zu letzteren ewig weit entfernt von der sonst so verkitschten und verklebten Vorstellung Hollywoods von Romantik und Liebe. Viel weniger heiter, als Titel oder Poster erahnen lassen, erwachsen und gereift und bisweilen deprimierend desillusioniert von Wunschvorstellungen und Idealen zeigt sich Frankels Film. Innerhalb eines ähnlich klaren, nur weniger geplüschten und mit Puscheln verzierten Muster angeordnet ist er allerdings auch. Nach einem die Situation der langjährigen Ehepartner spiegelnden und im Zuge dessen etwas schleppendem Intro wird dieses Muster im beschaulichen Hope Springs wieder und wieder durchlaufen: Sitzung bei Dr. Feld, Arnold mault missmutig und unwillig herum, Kay verzweifelt an der Granitschale ihres Gatten und zuerst heitere Versuche des Aufbrechens münden in eine niederschmetternde Bitterkeit, in Tränen und Zweifel – und wieder einen neuen Versuch. Die Problemebenen, auf die der Ehetherapeut, seine Erkenntnisse und letztlich natürlich der Film selbst seine Protagonisten herunterbricht fassen sich unter klaren Oberbegriffen und einem noch klareren Entgegenwirken zusammen: Öffnung, Annäherung, Berührung, Sex. Sie finden also vor allem im (verebten) körperlichen Verlangen ihren Ansatz.

Leidenschaft und vielleicht sogar Schönheit haben in Arnolds und Kays Beziehung die Tests der Zeit nicht bestanden, und um gemeinsam weiterzugehen müssen die beiden ihre irgendwann erwachsene Scheu vor’m Körper des anderen überwinden. Recht mager, könnte man meinen, wenn das alles sein soll, was Hope Springs nach drei Jahrzehnten als Problem einer verfahrenen Ehe sieht. Doch wenn das alles wäre, dann hätte Frankel keinen Film, sondern lediglich einen überlangen Viagra-Werbespot, »Bügel die Alte auch noch im Alter, Alter!«. Der Sprung vom ersten Gespräch mit Dr. Feld, hin zu dessen Fragen und Ratschlägen in Bezug auf Sex ist tatsächlich einigermaßen heftig, wie der Film dann damit umgeht allerdings ausdifferenziert und aufrichtig. »Na los, Tommy Lee, pack die Meryl halt an«, könnte man denken, doch Hope Springs schafft es, diese unsichtbare Barriere zwischen den beiden, diese Hemmung des Miteinanders, dieses Schwerfallen von Berührung und sich berühren zu lassen in einer Weise zu vermitteln, die manchmal Heiterkeit hervorruft – meist aber echtes Mitleid und Beklommenheit weckt. Da beginnt eine Szene wie ein old aged American Pie, da gehen Kay und Arnold ins Kino und sie versucht ihm eine lang gehegte und nie ausgesprochene Sehnsucht zu erfüllen, indem sie ihm in der Öffentlichkeit einen zu blasen beginnt und zunächst, noch witzig, an Platzmangel und Dunkelheit scheitert – und dann, final, an ihrer Unfähigkeit und Erfahrungslosigkeit auf oralem Gebiet und vor allem dem nicht genügenden Willen zur Überwindung ihres eigentlichen Unwills.



Sex als Kopf- und nicht Körperproblem und das nicht mal dann als peinliche Zotenparade, wenn Meryl Streep den Oralverkehr auf dem Klo mit Bananen übt. Schon ein kleiner und auch in der Frequenz seiner Wiederholungen immer wieder gelingender Kunstgriff, dieser Hope Springs. Je höher die Hoffnung für Kay und Arnold nach Teilerfolgen springt, desto heftiger stürzen sie durch irgendeinen Auslöser zurück in ihr scheinbar auswegloses Loch, meist durch eine weitere Schimpftirade Arnolds oder ein weiteres Scheitern im Bemühen, ihre einstige Nähe zu rekonstruieren. Entscheidendes bleibt unausgesprochen, Wahrheiten nicht beim Namen genannt, andere hingegen bekommen beide nicht aus ihrer gegenwärtigen Vorstellung vom anderen gelöst. Bis kurz vor Schluss hält der Film die Frage offen, ob dieses Paar noch zueinander gehört, die Frage, ob sie voneinander getrennt nicht weniger allein wären, bis zum Schluss lässt er beiden die Möglichkeiten einer bitteren Erkenntnis und eines Schritts zur Seite, um endlich wieder vorwärts zu kommen. Und wenn Hope Springs an einer Stelle ins Dunkel blendet hätte er einen wunderbaren Schlusspunkt darin finden können, seinen Figuren diese Möglichkeiten weiter offen zu halten. Bis dann ein kurzer Epilog und eine bis in den Abspann hinein getragene Sequenz folgen und diese vorher so bemerkenswert ehrliche Studie über Liebe und Alter, Vergänglichkeit und Trotz, Wunsch und Wahrheit etwas entwürdigen.

Hängt wohl vom Empfinden des Zusehers ab, ob man den Figuren nun Glück oder Erkenntnis wünscht, dem Gelingen des Films ist es aber nicht zuträglich, dass er sich zu einer derart klaren Antwort berufen fühlt, wie er sie am Ende gibt. Es mindert Hope Springs nicht unbedingt des Gefühls wegen, mit dem man die Story verlässt, wohl aber ein bißchen hinsichtlich seines narrativen Wertes. Na ja, whatever, auch das mag ein rein persönliches Empfinden sein und soll auch nicht allzu sehr verdecken, dass das hier eine über weite Strecken großartig gelungene RomCom mit Falten und mürrischem Blick geworden ist, ein im Gleichklang des romantsichen Hollywood-Singsangs ungewohnt fein und eine Note neben dem konsensfähigsten Ton gestimmter Film, den, wie kaum anders zu erwarten, seine Darsteller tragen. Meryl Streep und Tommy Lee Jones haben vorher noch nie zusammen gedreht und wirken doch aufeinander eingespielt, als hätten sie seit Karrierebeginn nichts anderes gemacht, Steve Carell nimmt sich als Therapeut komplett zurück und es nützt seiner Figur ungemein, dass (bevorzugt von Arnold) zwar mal die Frage nach seiner Befähigung gestellt wird, sie aber keinen ausformulierten Hintergrund bekommt. Bloß kein Subplot um einen durch persönlichen Verlust oder sonstwas zur Einsicht gelangten Berater. Carell ist der Mann im Sessel gegenüber der Couch, der die richtigen Ansätze findet. Genügt. Wie am Ende eben auch der fade-out genügt hätte…

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 1,5/5
In ihrem Ausgang längst nicht so vorhersehbar, wie die übliche RomCom. Dennoch einem immer gleichen Muster folgend und bisweilen etwas schleppend, gerade zu Anfang.
Anspruch: 3,5/5
Obwohl’s um Blasen, Sex und Masturbieren geht ist Hope Springs keine Zotenschleuder, Intimität und Körperlichkeit einer langjährigen Beziehung und ihr Stand im Alter werden vielschichtig und mit Würde portraitiert.
Humor: 1,5/5
Herrlich, wie sich Meryl Streep immer wieder verschämt an der Bluse zu zuppeln beginnt und Tommy Lee Jones herum grantelt. Mehr Schmunzler als Lacher, aber trotz schlüpfriger Themen mit Niveau und Anstand.
Darsteller: 4,5/5
Meryl Streep und Tommy Lee Jones, da haben sich zwei gefunden. Reife Leistungen, ebenso von Steve Carell.
Regie: 3/5
David Frankel und das Script von Vanessa Taylor verreißen am Ende etwas, was sie zuvor so klug und pointiert aufgebaut haben.
Fazit: 7/10
Not just your average RomCom: die abgekühlte Ü60-Romanze ist so lange sehr gut gelungen, bis sie zu klar eine Position bezieht, die nach dem häufigen Einhauchen tiefer Bitterkeit zum Schluss eher fadenscheinig wirkt. Dennoch ein klarer und ehrlicher Liebesfilm mit tollen Darstellern.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Liken/Teilen

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code