Review: ZERO DARK THIRTY

ZERO DARK THIRTY Filmkritik
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Story

2003: die junge CIA-Analytikerin Maya wird nach Pakistan versetzt und unterstützt dort ein Team auf der Suche nach al-Qaida-Anführer Osama bin Laden, der Hauptverantwortliche für die Anschläge vom 11. September 2011 und das Gesicht des Terrors. Gemeinsam mit dem Agenten Dan gelangt Maya durch akribische Arbeit und nicht zuletzt Folterungen gefangener al-Qaida-Sympathisanten an den Namen eines vermeintlich hochrangigen al-Qaida-Kuriers, „Abu Ahmed“. Während Dan sich der Überdrüssigkeit gegenüber seiner Tätigkeit wegen in die USA zurückzieht und das Team einige herbe Rückschläge zu verzeichnen hat ist Maya fest davon überzeugt, mit der Auffindung Abu Ahmeds auch an Osama bin Laden selbst zu gelangen. Es beginnt ein jahrelanger Kleinkrieg, mehr gegen Vorgesetzte und Entscheidungsträger, denn gegen den Terror selbst, doch Maya verfolgt die Spur mit aller Besessenheit weiter. Bis ihr schließlich ein Durchbruch gelingt, der zur Ergreifung des meistgesuchten Mannes der Welt führen könnte…

Der Film

Achtung: Kritik enthält milde Spoiler

Kathryn Bigelow, wohl die am wenigsten fast-62jährig aussehende fast-62jährige der Welt, drehte mal ganz passable Action- und Thriller-Ware, nichts weltumrundend phänomenales, aber durchaus sehr durchsetzungsfähige Werke in männerdominierten Domänen wie Near Dark, Blue Steel, Point Break und Strange Days. Nach dem U-Boot-Flop K-19: The Widowmaker im Jahr 2002 sah es jedoch nach dem Genickbruch ihrer Karriere aus. In einer post-9/11-Welt war (oder sah sich?) die Bigelow allerdings gemeinsam mit dem Journalisten Mark Boal zu Höherem berufen, zu einem Kino mit Relevanz. Nach seinen Erfahrungen mit Bombenentschärfungstrupps im Irak verfasste Boal das Script zum Kriegs-Drama The Hurt Locker, für dessen Realisierung Bigelow Finanzmittel erbetteln ging und schließlich einen paukenschlagenden Oscar-Triumpf landete. Mit Zero Dark Thirty legte das Award-gekrönte Duo thematisch nach, wieder beschäftigen sich Boal und Bigelow mit operativer US-amerikanischer Außenpolitik im direkten Anschluss an jenen Tag im September, der einen nie gekannten Bedrohungsmaßstab fundamentalistischen Terrors über die Staaten und die Welt brachte. Und wieder ist das relevantes, wieder ist das preisüberschüttetes und wieder ist das ganz starkes (nicht-)Kino geworden.



(nicht)Kino? Jawollo. Die Jagd auf Osama bin Laden ist im Film und war in der Realität kein adrenalintreibender Kriegsshooter im Stile eines Call of Duty: Modern Warfare, der Reihe wird ja eine besondere inszenatorische Nähe zum Hollywood-Blockbusterkino nachgesagt. Ebenso war die eine Dekade andauernde Hinweissuche kein seichtes Teile zusammen puzzeln wie beim Da Vinci Code und seinen rasch konsumierten Kapitelhäppchen. Folglich inszeniert Bigelow nicht wie ein Activision-Entwickler und schreibt Boal nicht wie Trivialliterat Dan Brown. Wie The Hurt Locker verweigert sich Zero Dark Thirty einer klaren, von A über B zum Ziel schießenden Narration, einer Standartdramaturgie. Der Film ist eine sequentielle Chronologie, die Szenen ausschwitzt und aussitzt, ohne sie künstlich anzuheizen. Das ist, wie in der Sauna beim Entstehen von Schweißperlen zuzusehen. Spannend muss man das nicht nennen. Aber es ist intensiv. Denn in Kathryn Bigelows Sauna stehen keine freundlichen Finnen mit Aufgusskelle. Bei ihr hängen Folteropfer von der Decke und Sprengsätze explodieren. Und wie The Hurt Locker vermeidet Zero Dark Thirty jegliche Komfortzone.

Zero Dark Thirty datiert und kartographiert oder verschlagwortet Ereignisse aus zehn Jahren Krieg, beziehungsweise etwas weniger populistisch: aus zehn Jahren Ermittlungsarbeit gegen den Terror und mit einer ungefähren Zeit- und Standortkenntnis ist der unvermeidliche Ausgang einiger Szenen (und natürlich des Films generell) untrüblich klar: London 2005, das Marriott-Hotel in Islamabad 2008, dort werden Bomben detonieren. Zero Dark Thirty schürt eine ununterbrochene Anspannung mehr aus dem Wissen, DAS etwas passiert als aus der Frage, OB etwas passiert. Eine regelrechte Strapaze, wie stramm der Film den Faden während des Camp Chapman-Selbstmordattentats am 30. Dezember 2009 spannt. Wie sich quälend lang eine trügerische Hoffnung auf den entscheidenden Durchbruch regt, gespanntes Warten auf Antworten und Rückmeldungen – und die Explosion perfiderweise nicht schockt, sondern beinahe einer Erlösung gleichkommt aus diesem Klammergriff der realen Ereignisse in der Chost-Provinz im Osten Afghanistans.



Wie sein Sidequel The Hurt Locker drückt einen Zero Dark Thirty über zweieinhalb Stunden unbarmherzig zu Boden und offeriert Momente, durch die man aufgrund der kompletten Abwesenheit einer wirklich so zu bezeichnenden Geschichte geradezu brutal geschleift wird. Das schwarze Bild mit Tonaufnahmen vom 11. September gleich zu Beginn, das erste Viertel, das immer wieder zu schonungslos heftigen Folterszenarien mit dem Gefangenen Ammar zurückkehrt, die Nichtverhinderung weiterer Anschläge, eine mehrsträngige Ausweglosigkeit aus den Kreisläufen des Terrorismus und seiner Bekämpfung und die Frage nach der Rechtfertigung der Mittel. Immer wieder, wenn auch kein zweites Mal derart explizit wie im Falle Ammars, streut der Film Aufzeichnungen von Gewaltandrohung und Folter ein. Waterboarding, brutale Erniedrigung, körperliche und psychische Deformationen… Bigelow lässt das Wertbild ihres Zuschauers bestimmen und die Kunst ihres Filmes besteht nicht darin, selbst eines zu vermitteln, sondern das eigene möglicherweise sogar am harten Realismus zerbröckeln zu lassen. Die Folterszenen sind grausam und abscheulich, die Abwesenheit jeden Hauchs von Menschwürde an Orten, an denen Grund- und Menschenrechtsgesetze, an denen Ethik und Moral nichts bedeuten im Schatten einer angenommenen Notwendigkeit. Berührt der Film betreffs des schieren Ausmaßes und der Auswüchse der Folterskandale lediglich eine Oberfläche bleibt trotzdem die Frage: ist es nicht letztes, sondern tatsächlich einziges Mittel? Menschen zu brechen?

Kathryn Bigelow ist nationalbewusst, doch sie ist keine Propagandistin. Ihr Film pro Folter? Mitnichten. Müsste oder sollte er eine deutlichere Gegenstellung beziehen? Ebensowenig. Eine Nation, oder zumindest ihre Organe, verlieren ihre Identität an den Terror, indem sie ihren Vergeltungsdurst stillen und ob das am Ende zu Erfolgen führt oder nicht: dieser Verlust bleibt nicht rückgängig zu machen. Dazu muss Zero Dark Thirty keine Meinungsäußerung vor einer Bewusstseinsschaffung positionieren und diese gelingt dem Film. Nicht zuletzt mit seiner Hauptfigur. Die nachnamenlose CIA-Analytikerin Maya ist das Abbild ihrer Nation nach 9/11, diese Frau gab es nicht vor dem Terror und es gibt sie nicht mehr ohne dessen Gesicht, sie ist der donnernde Zorn, die Bessenheit eines Landes. Was sie für die CIA außer dem Fall bin Laden geleistet habe, wird sie an einer Stelle gefragt. Nichts, lautet ihre Antwort. Dieser „Krieg gegen den Terror“, dieses Unterfangen, so unkonkret wie seine Protagonistin. Jessica Chastains Spiel ringt Maya keine charakterlichen Nuancen ab, die nicht vorhanden sind, es intensiviert dafür ihre Empfindungen, die einzig die zermürbende Jagd auf die unbekannte Gestalt Abu Ahmeds auslösen, ihr über die Jahre wachsender Glaube, zur Ergreifung bin Ladens bestimmt zu sein.



Es gibt kein Triumpfgeheul, wenn das Objekt ihres Verlangens im Leichensack vor ihr aufgebahrt liegt. Eine Frau bleibt zurück mit ihren Tränen und es sind keine Tränen der Erleichterung, sondern des erschütternden Gewahrwerdens ihrer Existenzlosigkeit ohne dieses alles und nichts zugleich bedeutende Ziel. Maya, die Symbolfigur, sie ist die Anstrengung, die Bürde, die Verantwortung im Kampf gegen den Terror – und im Schlussbild von Zero Dark Thirty das Gesicht und die Tränen seiner Aussichtslosigkeit. Was bleibt am Ende schon von diesem Sieg… Ein Leichnam und die Nachkommenschaft seiner Ideologie, das Haus, in dem Bin Laden stirbt, ist ein Haus, in dem Kinder leben, die in der Nacht des 2. Mai 2011 ihren ganz persönlichen Schreckensmoment erleiden, als sie die Körper ihrer Väter und Mütter zerschossen und in Blutpfützen liegend vor sich sehen. Da bleibt Unruhe zurück, Ungewissheit und Unbehagen, dafür sorgt allein schon Alexandre Desplats Score, der nie und erst recht nicht im Moment dieses vermeintlichen Triumpfes zu Fanfaren und Heldenmärschen ansetzt, wie sie wohl vielen bei der Nachricht vom Tod bin Ladens durch den Kopf tönten. Die Ereignisse bis zu diesem Moment haben weit mehr Narben und offene Wunden hinterlassen, als diese eine Genugtuung aufwiegen könnte. Mit Kathryn Bigelow hat sich definitiv die Richtige zur Chronistin dieser Ereignisse aufgeschwungen.

Wertung & Fazit

Action: 1/5
Nichts, worin der Film seine oberste Erfüllungspflicht sehen würde.
Spannung: 4,5/5
Einen Spannungsaufbau ersetzt in Zero Dark Thirty die extreme Intensität der Ereignisse, die auch dann aufrecht gehalten wird, wenn wenig bis zeitweise gar nichts oder gar Rückschritt passiert.
Anspruch: 4,5/5
Fakten und Fiktion werden bei diesem wie jedem anderen historischen Ereignis niemals vollkommen voneinander getrennt werden können. Doch Bigelows und Boals Bild ist akribisch, detailiert, fordernd.
Humor: 0/5
Kein Kriterium.
Darsteller: 4,5/5
Den Charakteren, besonders Jessica Chastains Maya, fällt ein gewisser Symbolismus zu, der auch in diesem Bereich klassische Aufbau- und Entwicklungsmethoden kaum zulässt, die Leistungen der Darsteller in ihrer Prägnanz und Stärke aber nicht geringer macht.
Regie: 5/5
Zitat aus der The Hurt Locker-Kritik: Kathryn Bigelow inszeniert mit purer Power und das besonders wirkungsvoll, weil sie nicht mit politischen Ideologien um sich wirft, sondern mit scharfem, aber nüchternen Blick dem Thema begegnet.
Fazit: 8,5/10
Zero Dark Thirty: was als Nachschau der Battle of Tora Bora im Dezember 2011 konzipiert war entwickelte sich zur Chronik einer ganzen Dekade im Kampf gegen den Terror. Und zu einem einschnürenden, einem bockstarken Film.

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