Review: 96 HOURS – TAKEN 2 (Extended Cut)

Story

Anderthalb Jahre sind vergangen, seit der Ex-CIA-Operative Bryan Mills seine Teenagertochter Kim aus den Händen eines albanischen Menschenhändlerrings befreien konnte. Doch die Familien jener Männer, die Mills auf seinem brutalen Rettungs- und Vergeltungsfeldzug getötet hat, sinnen nun ihrerseits auf Rache für ihre Söhne, Brüder und Ehemänner. Die Gelegenheit scheint gekommen, als Mills‘ Ex-Frau Lenore und Kim ihn in Istanbul besuchen kommen. Der rücksichtslose Murad Hoxha und seine Schergen schlagen zu, entführen diesmal Mills selbst und auch Lenore fällt ihnen in die Hände. Einzig Kim kann sich dem Zugriff entziehen und nachdem Mills sich mit ihrer Hilfe befreit hat startet er einen weiteren, leichenstapelnden Feldzug, um seine Liebsten zu beschützen…

Der Film

Da kratzte sich mancher am Kopf, als Liam Neeson 2008 durch den Entführungs-Thriller 96 Hours preschte: der Ire hatte seine Karriere bis dato zwar nicht gerade im Liegen verbracht, immerhin ist der Mann zum Beispiel Jedi-Ritter und Lehrmeister Batmans gewesen, doch einen solchen schieß- und prügelwütigen Berserker-Auftritt wie in Pierre Morels schnörkellosem Euro-Actioner hatte man für den Charakterdarsteller und Mitfünfziger nun auch nicht kommen sehen. Spielbergs Oscar-nominierter Schindlers Liste-Hauptdarsteller legte in seiner späten Lebensmitte einen Imagewandel hin, plötzlich war nicht mehr viel mit Drama, stattdessen veredelte Neeson immer häufiger Blockbuster und Krawallware wie The A-Team, Clash & Wrath of the Titans, Unknown und Battleship, oder legte sich im knüppelharten Survival-Thriller The Grey in der Wildnis Alaskas mit einem Wolfsrudel an. Liam Neeson, ein Actionstar mit Niveau, ein Aufwertungsargument selbst für schwächere Filme. Zumindest bis zum unvermeidlichen Sequel 96 Hours – Taken 2.



Transporter 3– und Colombiana-Regisseur Olivier Megaton übernahm für die Fortsetzung den Posten Morels, als Konstante blieb cinéma du look-Eklẹktiker Luc Besson in Produzenten- und Co-Autoren-Funktion. Und wenngleich einiges an Grundzutat von 96 Hours – Taken 2 gleich geblieben ist, so ist der Film doch ein ganzes Treppenhaus von Stufen schlechter als sein Vorgänger. Der fegte nach einer die family values der Mills‘ etablierenden Einleitung mit Tempo und Drastik durch sein ideologisch fragwürdiges Setting und bediente sich einer moralisch so unsauberen wie schwer zu verneinenden Frage: würde mit entsprechender Befähigung nicht jeder so konsequent und brutal handeln, wie der Papa, der sein Kind wiederhaben will? Manipulativ, reaktionär, durchzogen von Klischees und weit jenseits einer differenzierten Darstellung von Gut und Böse – eben ein Film für den niederen Instikt und darin so wirksam wie seine Vorgänger im Geiste aus den 80ern. Taken 2 (um den unsinnigen deutschen Beititel ab hier mal fallen zu lassen) könnte sich dem auf einer anderen Ebene nähern, indem er die Väter und Brüder der Opfer Mills’ aus Teil Eins nun ihrerseits zum Rachefeldzug antreten lässt, da böte sich natürlich eine Projektionsfläche über den ewigen Kreislauf der Vergeltung, den zirkulierenden Wider- und Unsinn des Konzeptes Rache.

Aber um all so was schert sich Taken 2 nicht mal am Rande, das Bild der diesmal blut- statt jungfrauenfleischdurstigen Albaner bleibt ein absolut einseitiges, die verbrecherischen Taten der Mädchenhandel betreibenden Söhne schmälern ihr Bild unter ihren Angehörigen nicht. Womit der Tod jener gesichtslosen Gegnermaße auf Mills‘ Wuttour durch den Pariser Untergrund das bleibt, als was der Film ihn verkaufte: verdient. Ein weiterhin unreflektiertes Bild über Schuld, Maßnahme und Rechtfertigung also, vollständig dem simplen Plot untergeordnet, in seiner Plumpheit fast schon als Satire begreifbar, im ersten Teil jedoch vor allem als dumpfer, aber geradliniger Actioner konsumierbar. Taken 2 gilt es nicht vorrangig seiner Weltanschauung wegen zu hinterfragen, sondern wegen seines rapiden Mangels an Dynamik und Dramatik. Ewig viel Zeit verplempert die Story mit der Weiterführung der Mills-Bagage, Mama Lenore steckt mitten in der Trennung von ihrem reichen Schnöselmacker und Tochter Kim hat ihren ersten Freund, was Actionhelden ja gewohnheitsgemäß nicht sonderlich in den Kram passt. Im Vorgänger erfüllte der behäbigere Auftakt einen Zweck, Ex-CIA-Mann Mills wurde da als an den Rand gedrängter leiblicher Vater gezeigt, dessen Pflicht-vor-Familie-Mentalität ihn das Privileg auf Frau und Kind gekostet hatte und der sich seine Umgangsrechte mit dem Töchterchen mit Gewalt zurück eroberte, sozusagen. Teil Zwei lässt Mills eher wie einen pedantischen Stalker dastehen, was ein paar zusätzliche Szenen des Extended Cut noch verstärken.



Taken 2 könnte sich seine repetitiv-banale Einleitung komplett sparen, die Familie direkt in Istanbul zusammenführen, ein paar erklärende Worte und dann zum Punkt. Aber wenn’s dann endlich ans Entführen und Rache machen geht offenbart sich erst, was für ein Komplettreinfall das hier eigentlich ist: Taken 2 teilt ein paar Shots und Schauplätze über den Dächern der türkischen Millionenmetropole mit dem Opener von Skyfall, wirkt aber nicht bloß im Gegensatz zum letzten Bond ansonsten wie ein billig runtergekurbelter C-Actioner. Als hätten ein paar YouTube-Amateure ihre Videoauarüstung mit in den Urlaub genommen und einen Fanfilm gedreht. Schon Taken 1 war in Zeiten von Bourne, Bond und Bauer kein ausgeschöpftes Optimum in Sachen Verfolgungsjagden, Schießereien, Kloppereien und Foltereinlagen, doch der war sauber gefilmt und mit Dampf unter der Haube, Taken 2 indes stolpert wie ein eşek mit Hufschiefstand und Hüftlähmung herum, Kameramann Romain Lacourbas steht kaum mal da wo er müsste und selbst der unumstößliche Liam Neeson wirkt diesmal behäbig in seinen Aktionen, schwerfällig in seinen Moves, da muss schon ein überhektischer Schnitt helfen, um eine Unze Dynamik aus den Fights herauszukitzeln. Trotz identischer Altersfreigabe muss außerdem erst der Extended Cut mit einigen explizieteren Gewalteinstellungen und zusätzlichen Blutspritzern den Härtegrad in die Nähe des Erstlings bringen, ohne diesen in seiner Direktheit vollends zu erreichen.

Eine nicht sehr weise Entscheidung ist das Mehr an Tat für Filmtochter Kim, höchstens eye candy-tauglich verkörpert von Maggie Grace, die mit fast Dreißig so langsam nicht mehr als bald Zwanzig durchgeht. In einem voll innovativen Turn der Ereignisse aus dem Vorgänger ist Mills zunächst das Entführungsopfer und benötigt Kims Hilfe, die zieht daraufhin wild mit Granten um sich schmeißend los, um Mills anhand des Explosionslärms einen Standortabgleich zu ermöglichen – jaaaaa, alles klar, da turnt eine Amerikanerin auf den Dächern Istanbuls rum und wirft mit Granaten, sprengt Autos und Wassertürme und nobody gives a shit. Jaaaaaa. Genau. Ein nach Willen der Stuntkoordinatoren umkartographiertes Istanbul ist später Hintergrund einer wirren und unspektakulären Autoverfolgung, in der Kim, zu Beginn des Films als Fahrprüfungsdurchfallerin geoutet, plötzlich rast wie NASCAR-Queen Danica Patrick. Elf Stunden Zeitunterschied zwischen der Türkei und der US-Westküste fallen genausowenig ins Gewicht, wenn Mills zwischendurch seinen alten CIA-Kumpel Sam anruft und beide zur augenscheinlich selben Tageszeit miteinander sprechen. Sowas in einem Action-Thriller zu beanstanden fällt zwar möglicherweise unter nitpicking, es unterstreicht aber doch auch, wie lieblos und desinteressiert der ganze Taken 2 rüberkommt.



Den undankbarsten Part in diesem den-Fuß-nicht-von-der-Bremse-Krieger bekommt Famke Janssen: als Xenia Ohne…äh…Onatopp einst James Bond durchgewalkt, als Jean Grey/Phoenix den Krallenmann Wolverine um den Finger gewickelt und ihm mit ihrer Psych-Power das Fleisch vom Adamatium geschält – und in Taken 2 gibt’s nur die von Beginn an lamentierende und flennende Opferrolle und ständige Rettung, nur um wieder zurück gelassen und von neuem entführt zu werden. Um dann wieder gerettet werden zu müssen. Und das, wo man der toughen Holländerin ein bißchen ass gekicke an der Seite Neesons doch viel eher abgenommen hätte, als die Mischung aus Entschlossenheit und Rumjammerei, mit der sich Grace zum kurzzeitigen Sidekick aufschwingt. Sobald Mills wieder die schwarze Lederjacke überstreift gehört der Rest der Show aber eh ihm allein, nach überlangem Herumgeirre und Nachverfolge der Stationen seiner Entführung darf noch ein bißchen Dresche ausgeteilt werden, die bestimmt noch ein paar mehr Albaner wütend zurück lässt, ehe zwei arschlahme boss fights Taken 2 beschließen. Ein in Gänze überflüssiges Sequel, in allen Punkten schwächer als der wenigstens solide Vorgänger.

Wertung & Fazit

Action: 2/5
Zerschnitten, mies eingefangen und unspektakulär. Weder in Klarheit, Unmittelbarkeit oder Härte dem Erstling ebenbürtig.
Spannung: 1/5
Kein spürbarer Zeitdruck diesmal und viel zu umwegig, statt einfach straight forward drauflos zu preschen.
Anspruch: 0/5
Nix zu vermelden. Ein ideologisch höchst fragwürdiges und reaktionäres Weltbild plattest präsentiert.
Humor: 0/5
Ein Actionheld ist Liam Neeson in beeindruckender Manier geworden, eine Onelinerschleuder allerdings nicht. Ansonsten könnte man manches für satirische Überhöhung halten, dafür ist’s dann aber wieder viel zu humorlos und grimmig runtererzählt.
Darsteller: 2/5
Ein müder Liam Neeson und viele zerkaute Klischeerollen.
Regie: 1,5/5
Olivier Megafürdietonne bekommt nichts von dem rekonstruiert, was dem Vorgänger seine gewaltige Popularität einbrachte.
Fazit: 2/10
Viel näher an der thematisch ähnlichen Euro-Action-Gurke The Cold Light of Day, denn an den Qualitäten des Vorgängers. Inklusive des sonst so zuverlässigen Liam Neeson ist hier alles mehrere Hausnummern schlechter.

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