Review: AVATAR – EXTENDED EDITION

Erfolg, präzisiert kommerzieller Erfolg, ist so eine Sache. Seit nunmehr siebzig Jahren lautet der Name des Regisseurs, der den erfolgreichsten Film aller Zeiten gedreht hat, Victor Fleming. Egal in welchem Jahr des vergangenen Jahrhunderts man sich den Wert des Dollars auch anschaut, immer wäre sein Vom Winde verweht (1939) die Nummer Eins, ob neunzehnhundert- oder zweitausendzehn. Hysterische Leonardo DiCaprio-Fangirls beim ersten, überteuerter Gimmick-Aufschlag beim zweiten Mal und überhaupt die Infaltion, aufgrund derer man mit dem Geld von damals heutzutage nicht mal mehr die Klofrau im Kino bezahlt bekommt, führten jedoch mittlerweile jemand anderen an die Doppelspitze des All Time Worldwide Box Office. Nach seinem für unbrechbar gehaltenen Rekord mit Titanic (1997), seinerzeit mit 1,8 Milliarden aufgestellt, setzte Visionär James Cameron im Jahr 2009 mit dem über ein Jahrzehnt in der Entwicklung befindlichen Avatar – Aufbruch nach Pandora nochmal kräftig eins drauf. Dank modernster, neu entwickelter digitaler 3D-Kameras und deren visuell bahnbrechenden Erzeugnissen wurde der Zweieinhalbstünder zum Massenphänomen, lockte selbst Kinomuffel nach ewiger Abstinenz wieder vor die Leinwand und begeisterte vom Erstgänger bis zum Stammbesucher die Generationen. Ironischerweise erzählt Cameron dabei mit der Technik von morgen zum Preis von heute eine Geschichte von vorgestern. Denn selbst der eifrigste Pandorafetischist muss wohl in einer Minute des Abstandes und der Objektivität einsehen, dass den Mühen der technischen Innovation (oder Revolution) nur ein mickriger Anteil an Investment in eine originelle Story gegenübersteht.

Story



Der US-Marine Jake Sully ist nach einem Kampfeinsatz von der Hüfte abwärts gelähmt und fristet ein wenig lohnenswertes Dasein auf der Erde. Als jedoch sein Zwillingsbruder, ein Wissenschaftler, getötet wird, eröffnet sich für Jake eine völlig neue Perspektive. Wegen ihrer genetischen Übereinstimmung reist Jake auf den erdähnlichen Dschungelmond Pandora, wo der Abbau des begehrten Rohstoffs Unobtanium betrieben wird. Jake soll an Stelle seines Bruders am Avatar-Programm zur Kontaktaufnahme mit dem heimischen Naturvolk der Na’vi teilnehmen, bei dem er mittels Gedankenverbindung ein künstlich geschaffenes Wesen, erzeugt aus menschlicher und Na’vi-DNS, steuert. Bereits während der ersten Expedition in seinem Avatar wird Jake von seiner Wissenschaftsgruppe getrennt und im unwirtlichen und lebensbedohlichen Dschungel Pandoras von der Na’vi-Prinzessin Neytiri gerettet. Dank ihr erhält Jake Zugang zu dem friedliebenden Volk und vertieft sich mehr und mehr in ihre spirituelle Lebensweise und Bräuche. Doch die Ausbeutung des Mondes durch die Menschen soll weiter vorangetrieben werden, notfalls auch gegen den Willen der Ureinwohner, ohne Rücksicht auf ihre Kultur und mit gewalttätigen Mitteln. Jake muss sich für eine Seite entscheiden…

Der Film

Viele Vergleiche wurden angestellt, die sich in Klein- und Großigkeiten auch noch weit mehr aufdrängen, als bereits obige Inhaltsangabe vermuten lässt. Parallelen zu Der mit dem Wolf tanzt, Braveheart, Die Schlümpfe und natürlich Pocahontas erschließen sich mehr oder weniger selbst jenem Betrachter, der nicht unbedingt ein Dutzend Filme pro Woche konsumiert. Und auch wenn an diesem Beutezug durch die Ideen von damals an sich schon vielerorts die deutlichste Kritik an Avatar – Aufbruch nach Pandora festgemacht wird, so könnte man James Cameron wohlwollend doch ein Hintertürchen öffnen: ginge es immer nur um absolut neue und gänzlich ungebrauchte Ideen könnte man die meisten Filmprojekte sicherlich noch vor der Pre-Production kippen. Dafür gibt es aber in der Film- oder sogar der Menschheitsgeschichte zu viele Ideen, Gedanken und Motive, die es stets auf ein Neues wert sind, aufgegriffen und einem noch unberührten Publikum nahe gebracht zu werden, universelle Geschichten für die nächste Generation, die weder mit irgendeinem Kelvin Cortner, schottischen Freiheitskämpfern, blauen Zeichentrickzwergen mit Stummelschwanz oder der Love Story zwischen einem englischen Kolonisten und einer Indianertochter etwas anfangen können. So ein Film mit einer ewigen, symbolträchtigen Geschichte, aufbereitet und erzählt für die Generation Now and Next, hätte Avatar werden können…



…und wohl auch sollen, schließlich gibt James Cameron die Inspiration und Einflüsse durch andere Werke jederzeit zu. Und das vordringlichste Problem seines Aufbruchs nach Pandora ist es dann auch nicht, das alte Geschichten wieder erzählt werden – sondern das sie überall besser erzählt wurden. Daran ändert auch die Extended Edition nichts, das wird schon in der verlängerten Eröffnungssequenz deutlich, in der eines der größten Mankos des Films zwar angegangen, aber wiederum nicht zufriedenstellend aufgebessert wird. In einigen Minuten mehr ist der an den Rollstuhl gefesselte Marine Jake Sully nun länger auf der überbevölkerten und von aufdringlicher Neonwerbung beleuchteten Heimat Erde zu sehen. Cameron versucht also, den später und in der ursprünglichen Kinofassung so abrupten Kontrast etwas anzureichern, indem Sully ein paar Sätze mehr zu seiner Situation aus dem Off fallen lässt (»I told myself I can pass any test a man can pass.«, »All I ever wanted was a single thing worth fighting for.«) und anmerkt, dass er vor allem kein Mitleid will. Eine Aufforderung, auf die Cameron selbst nichts gibt, wenn er Sully in seinem heruntergekommenen Appartment zeigt und nach einer Kneipenschlägerei in Jesus-Pose in der Gosse liegen lässt. Hinaus über knappe Sätze und ein weiteres Motiv aus der Konserve, den durch ein tragisches Ereignis aus der Bahn geworfenen Barprügler, zuletzt in J.J. AbramsStar Trek-Reboot gesehen, ist Sully weiterhin kein über den Ansatz hinaus interessanter Protagonist; ein greif- und fühlbareres Innenleben, das deutlich macht, wie heftig es den Marine aus seinem Leben vor der Behinderung gerissen hat, das lässt Camerons grobe Charakterisierung nicht zu.

Angekommen auf Pandora, dem in mehrerlei Hinsicht einzigen Ziel des Films, bleiben die Kontraste weiterhin hart gezeichnete, der eben noch auf dem Dreckloch Erde auf den Rollstuhl angewiesene Sully kann nun in drei Meter großer künstlicher Gestalt durch eine Wunderwelt rennen und den emotionalen Hohlraum dazwischen füllt ein simples »That’s great!«. Nebenfiguren werden im Szenentakt eingeführt und mit ihrer einzigen Eigenschaft versehen, Colonel Miles Quaritch, hard- und onelinernder Millitarist, Dr. Grace Augustine, resolute Wissenschaftlerin, Norm Spellman, begeisterter Nerd, Parker Selfridge, linkisch-windiges Betriebsleiterwürstchen, Trudy Chacon, tough kaugummikauende Pilotin, samt eines Haufen Wissenschaftler und Söldner alleman im Auftrag der omminösen Firma, namentlich die Resources Development Administration, auf Pandora. Nach der Ausbeutung der Erdrohstoffe wird dort Bergbau betrieben, nur des Stoffes Unobtanium wegen ist der Mensch auf Pandora, was Cameron in einer direkt ans Publikum gerichteten und damit narrativ minderwertigen Zoffszene zwischen der am Ureinwohnervolk der Na’vi interessierten Augustine und dem geschäftsgeilen Selfridge unterbringt, dem sowieso das durchgreifende Millitär um Quaritch lieber ist, als der diplomatische Ureinwohnerkuschelkurs, den die Wissenschaft im Sinn hat. Konflikt etabliert, Richtung vorgegeben, Abweichungen unerwünscht, denn jetzt ist Pandora-Time, zeig her deine (R)Evolution des modernen Kinos, deinen Wegweiser in die Zukunft des Mediums Film, deinen einzig als Möglichkeit zugelassenen nächsten Schritt des bewegten Bildes, komm schon, Cameron-Baby!.



Schwer fallen, sich darauf einzulassen, muss einem das nicht nur unbedingt der Großkotzigkeit des Schöpfers wegen, mit der Cameron nach seinem Überhit mittlerweile weitere 3D-Projekte gerne mal für SEINER Technik unwürdig erklärt. Die Umgebung, die Kreaturen, die Na’vi, bei all den Schöpfungen des Kreativteams muss der Ursprung gegeben sein, dass einem das Design zusagt (und jetzt wird’s mal kurz ganz subjektiv: mir hat das Design von den ersten Konzeptzeichnungen an bis zum ferigen Ergebnis der Na’vi und ihrer Welt NICHT besonders gefallen). Das ist nichtmal zuvorderst eine Frage der Empathie, ob man darin eintauchen kann oder nicht, sondern einfach ob und welche Reaktionen einem blaue Riesen mit Schwänzen, Katzennasen, Manga-Augen, Shrek-Ohren und esoterischem Habitus abtrotzen. Rein tricktechnsich gibt es daran wahrlich nichts zu rütteln, mit dem Verfahren des Performance Capturing werden zweifellos die bislang besten Resultate, was die Ausdrucksvielfalt von CGI-Figuren angeht, erzielt und auch ansonsten ist der Fotorealismus der am Computer generierten Umgebungen und Viecher über jede Geschmacksfrage hinaus beeindruckend. Wobei Avatar auch in technsicher Hinsicht seine Konservenmentalität beibehält. Die klobigen Mechs, mit denen die Menschen herumförstern, kennt man ganz ähnlich aus Matrix oder noch weiter zurückgreifend aus Camerons eigenem Aliens – Die Rückkehr, der nachts bei Berührung aufleuchtende pandoriansiche Dschungel erinnert an einen ähnlichen Effekt, den der tanzende Michael Jackson in seinem Video zu Billie Jean auslöste. Und bei einer nicht visuellen, sondern akkustischen Sache wird’s dann bei all dem Geschrei von Innovation und co. schon beinahe belustigend: obwohl das Recyclen von Sound Effekten nichts ungewöhnliches ist, mutet es schon seltsam an, wenn man auf Pandora die Dinos aus Steven Spielbergs Jurassic Park brüllen und fauchen hört, am deutlichsten festzustellen bei den sechsbeinigen Pferden der Na’vi, die zigmal das Bellen der Velociraptoren ausstoßen.

Sei es wie es will, man darf James Cameron und seinem Team zusprechen, dass effektemäßig Wort gehalten wurde und tatsächlich hat Avatar seine bei weitem stärksten Momente, wenn er seine Geschichte nicht direkt weitererzählt, sondern sie von dem Punkt ab, an dem sie gerade ist, einfach mal entfesselt. Wie bei Filmen dieser Länge und Art üblich und damit natürlich auch für Avatar geltend gibt es Passagen, in denen die Konflikte mit großem Schritt und dramatischen umwälzenden Ereignissen ein Stück weiter gehen, sowie jene Phasen des Verweilens, in denen die jeweiligen Folgen vertieft werden. Bedeutet für Avatar zum ersten: immer wenn erzählt wird und Konflikte ausgetragen werden hat man einen unterdurchschnittlich schlechten Film voller Story-, Figurenmängel und Logiklöchern (oder zumindest Erklärungsverweigerungen) in Baugrubengröße. Dr. Augustine ist der von den Na’vi akzeptierte Mensch, sie hat Na’vi-Kinder in ihrer Schule die menschliche Sprache gelehrt, trotzdem ist es der Marine Jake Sully, der auch in blau nicht mehr ist als ein Teilnehmer an der Pandora-Tourismus-Tour inklisive Eingebohrenenführer, den der Stamm der Omaticaya in seine Mitte nimmt. Warum? Weil der Plot es so will, der Sully mittlerweile auch zum Ausgesandten Quaritchs macht. Der widerum macht als der große Antagonist, als der er von Anfang an mit Sprüchen wie »when you get soft, Pandora will eat you whole and shit you out«, »I need to know how to force their cooperation or hammer them hard if they won’t« und »You walk like one of her science pukes. You quack like one. But you report to me« aufgebaut wird zwar eine hassenswerte Figur, ist aber beinahe schon die Pandorodie eines Schurken. Vernarbt, Sprüche klopfend, Gewichte stemmend, Abtrünnige ohne Atemmaske jagend, born to be bad und darin derart überfrachtet, dass man ihn als Bedrohung nicht ernst nehmen kann. Und das erdacht von einem Regisseur, der einst den Terminator schuf…



Bedeutet für Avatar zum zweiten: immer wenn nicht nach vorne, sondern in die Breite gegangen wird gibt es durchaus ansehnliche (sowieso) und unterhaltende (nicht so selbstverständlich) Sequenzen, denen man sich ohne viel hinterfragen zu müssen hingeben kann. Jake bekommt die hübsche (?… Doch, kann man sagen, steckt immerhin Zoë Saldaña drunter) und wehrhafte Neytiri zur Einführung in die Na’vi-Bräuche an seine Seite, der culture clash-Mittelteil ist kurzweilig, will in einigen Momenten, wie der Zähmung des Ikran-Flugdrachen oder bei der Zerstörung der Heimat der Na‘vi, zwar viel mitreißender sein, als er aufgrund seiner angesprochenen und weiterer Mängel je sein könnte, dennoch packt einen so manche Szene ihrer schieren, pathetisch-aufgeplusterten Wucht wegen. Etwas, worauf Cameron sich bestens versteht und was er auch bei Avatar nicht verlernt hat. Dennoch muss oder lässt Cameron selbst potenzielle große Momente seines Erklärungsnotstandes wegen im Off passieren, wie einen siegreichen Angriff der Na’vi auf die gigantischen Abholzungsgerätschaften der Menschen oder eine Szene, die sich lange vor ihrem Passieren ankündigt: Neytiri und Jake begegnen mit ihren Ikran dem mächtigen Toruk, eine riesige Flugechse, die erst fünfmal in ihrer Geschichte von einem auserwählten Na’vi, dem Toruk-Makto, gebändigt wurde, um in der größten Not die Völker zu vereinigen. Völlig klar, wer aus unerfindlichen und drum von einer Schwarzblende verschleierten Gründen auf dem Rücken dieser Kreatur landen wird. Ausgerechnet dieses künstliche Wesen, dieser Avatar, nicht richtig Mensch, nicht richtig Na’vi, ausgerechnet dieses wissenschaftliche Erzeugnis ist plötzlich der Auserwählte eines Volkes, das in engstem Kontakt und per eingebauten Tentakeln im Zopf in regelrechter körperlicher Verbindung mit der Natur steht…

Wo Camerons Botschaft von der Stärke, Schönheit und Erhaltenswertigkeit der Natur ohnehin schon eine brüchige ist, wenn er sie in einen Film verpackt, in dem kaum eine Szene vor realem Hintergrund entstanden ist und während dessen Produktion die Greenscreen einzig grüner Gegenstand am Set war, da begründet sich in solchen Storyzügen der nicht zu Unrecht erhobene Vorwurf, dass es wieder Mal den weißen Mann braucht, ohne dessen Handeln die Eingeborenen verloren wären. Und das obwohl der Held hier auch optisch angeglichen ist und von Sam Worthington eigentlich wenig heldenhaft verkörpert wird. Mit wie ohne CGI-Überzug ist das Spiel des Australiers ohne jede Prägnanz, der sehr herkömmliche Sprachgebrauch, den er von Cameron als identifikationsfördernde Maßnahme in den Mund gelegt bekommt, sowie dessen Wandlung in das »Sky People«-, »My brother«-, »I see you«-Geschwurbel der Na’vi rauben zusätzlich jedes bißchen Edelmutspotenzial, das solche Figuren benötigen. Doch im knallig farbenfrohen Dschungel findet der farblose Worthington schnell Gesellschaft, der knusperbraune Posenschurke Stephen Lang, Schlipsträger Giovanni Ribisi und sogar Sigourney Weaver bleiben beinahe das unechteste in der festplattenbasierten Umgebung. Weavers Grace Augustine bekommt in der Extended Edition wenigstens noch ein wenig mehr an tragischer Vertiefung, die, von einem Menschengesicht ausgedrückt, sogar berührt. Wobei dies bei den Na’vi immerhin auch jemandem gelingt, nämlich einer Zoë Saldaña, die mit ihrer Mimik, ihrem Körper und ihrer Sprache die bei weitem beste Leistung erbringt.



Mit der finalen Schlacht werden nochmals alle Stärken und Schwächen von Avatar in einer komrimierten Dreiviertelstunde zusammengefasst. Mit Jake auf seinem Toruk an der Spitze ziehen die Na’vi in die Schlacht gegen Mensch und Maschine und Cameron fährt einen visuelle Grenzbereiche auslotenden Bombast mit einigen großen Momenten auf, heroisches Sterben und Rettungen in letzter Sekunde inbegriffen. Da greift die Öko-Fabel plötzlich auch zu durchaus drastischen Bildern, aber eben auch wieder zu der typischen final battle-Dramatik und –Dynamik. Glorreicher Auftakt, verlustreicher Mittelteil, unerwartete Wende, Sieg. Überwältigend teils, aber ebenso vorhersehbar, mit verhältnismäßig unspektakulärer letzter Konfrontation zwischen Jake und Quaritch im Mech. Mit »This is Jake Sully signing off« teilt Avatar am Ende nochmals etwas mit einem großen Vorgänger, nämlich die Schlussworte aus Ridley Scotts Alien (»This is Ripley, last survivor of the Nostromo, signing off«), zuvor erweist er mit »What do I do? Dance with it?« und in der Extended Edition einer Alienbüffeljagd vom Flugdrachen aus seinem Bruder Der mit dem Wolf tanzt die Ehre und rückt sich somit durch eigene Hand überdeutlich in den Vergleich mit Vorbildern, mit denen er letztlich nicht im Ansatz mithalten kann.

Avatar – Aufbruch nach Pandora bietet mit seiner bunten Welt viele schöne Bilder und auch eine Vielfalt im Kern richtiger Aussagen, aber er übermittelt sie mit höchst unzulänglichen Methoden und mit dem oberflächlichsten bißchen Story, das eben gerade dafür notwendig ist. Avatar ist nicht der Film, der DIE erzählenswerte Geschichte weitergibt, er ist letztlich nur ein zwei-, drei- oder fünfhundert Millionen teurer Beweis visueller Möglichkeiten, ein Film der auszog, mit seiner übermächtigen Tricktechnik dem Rest der Filmwelt seine Berechtigung streitig zu machen und dem es zumindest kommerziell gelungen ist, alles unter sich zu begraben. Und der doch nur ein Mahnmal dafür ist, dass das Kino echter Gefühle durch so etwas nicht ersetzt werden kann und darf.

Wertung & Fazit

Action: 4,5/5
Unvorstellbar, dass ein James Cameron in diesem Bereich versagt – tut er dementsprechend auch bei Avatar nicht.
Spannung: 2/5
Avatar hat natürlich reichlich große, dramatische Momente, insgesamt ist der Film aber im Meilenbereich vorhersehbar, jede Andeutung kann problemlos in ihrem späteren Resultat vorhergesagt werden.
Anspruch: 1/5
Cameron steckt alle möglichen aktuellen und historischen Menschheitssünden in seinen Film, Ausbeutung, Völkermord, Umweltzerstörung,… nur leider ist das alles so platt eingebracht, dass der Denkanstoss schon an der Stirn hängen bleibt.
Humor: 0,5/5
Ein paar der gebräuchlichsten culture clash-Gags werden abgearbeitet…
Darsteller: 2,5/5
Die Figuren werden von Camerons Buch zur austauschbaren und schlichten Meterware degradiert, abgesehen von Zoë Saldaña sticht niemand heraus, Sam Worthington bleibt selbst in blau noch blass.
Regie: 2/5
Die tricktechnische Pionierleistung: steht außer Frage, ist aber nicht Camerons erste. Allerdings insofern eine unrühmliche Premiere, dass es ihm hier zum ersten Mal nicht gelingt, damit auch eine gute Geschichte zu erzählen.
Fazit: 5/10
Optischer Bombastogasmus und erzählerische Frigidität. Was für James Cameron die Zukunft des Kinos ist bleibt in dieser Form nur die Gegenwart des schulterzuckend konsumierten Blockbusters.

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20 Kommentare

  1. Sehr gute Review. Meine Wertung ist damals wesentlich besser ausgefallen, obwohl ich die selben Vorwürfe erhebe wie du. Ich habe die Extended Edition noch nicht gesehen, werde das aber irgendwann ein mal tun um zu sehen, ob der Film “enttarnt” wird, wenn man ihn ohne 3D-Effekt sieht.

    Zurückblickend würde ich heute meine Wertung auch weiter unten ansetzen, aber es war eine Bauchentscheidung, wie meistens bei mir. 😉

  2. Ich gebe zu, dass ich den damals überragend fand. Ich habe mich wie ein kleines Kind gefühlt, dass man alleine auf die Spielzeugabteilung loslässt.

    Als ich ihn mir dann mal ausgeliehen und ohne 3D gesehen habe, war’s einfach nur ernüchternd. Ich habe mich echt gefragt, was jetz so toll an dem Film war. Ja ich finde ihn immer noch gut, aber ich würde ihn nicht mehr so hoch loben, wie Ende letzten Jahres.

    Und eine längere Version brauche ich nicht wirklich, da die Story durch die zusätzlichen Szenen auch nicht mehr gerettet wird.

    1. Stimmt, wird sie nicht, da kommen eher noch Verwunderung und/oder Ärger dazu, dass Cameron die zusätzlichen Minuten nicht für mehr nutzt, als noch mehr Logiglücken zu reißen und noch deutlicher die Vorbilder zu “zitieren”

  3. Kann es sein dass der verkauf von Blue-Rays nicht mehr so rund läuft, den ich habe das Gefühl, dass wieder mehr Megaeditions für DVDs heraus gebracht werden, als es zum Beispiel noch vor einem Jahr der Fall war?

    btw. nicer Blog.

    1. Thanx 😉
      Weiß ich ehrlich gesagt nicht, ich selbst bin auf den BluRay-Zug noch nicht aufgesprungen und schau mir verschiedene Editions erst etwas genauer an, seitdem ich sie hier verlinke. Da das noch nicht so lange ist habe ich da logischerweise keinen Überblick über irgendwelche Marktentwicklungen

  4. Ich fand den 3D-Effekt damals wirklich super (kannte ich vorher aus einer I-Max Doku auch nicht besser) und das war auch das einzige, was mich überzeugt hat – im Heimkino ist der Film für mich unvorstellbar.

    1. Den Effekt als solchen fand ich auch ziemlich beeindruckend – aber auch so deutlich vor den Film gedrängt, dass er für mich auch nur als solcher und jederzeit bewusst wahrnehmbar war. Das sonst nicht viel geboten ist, das ist mir allerdings trotzdem nicht entgangen und die Heimkinosichtung hat’s nochmal bestätigt 😉

  5. Ich kenne die längere Version noch nicht, habe aber auch keine große Lust, dem Film noch eine Chance zu geben. Dafür habe ich mich im Kino einfach zu sehr gelangweilt. Da klingen 5/10 beinahe noch milde.

    1. Der Film verdient die Chance auch nicht. Keinerlei Mehrwert durch die zusätzlichen Minuten. Verglichen mit den Der Herr der Ringe-Extended Editions geradezu lächerlich. 5 Punkte gibt’s, weil mit der Film letztlich viel zu egal ist und bleibt, um ihn richtig schlecht zu finden. Was liegt da näher als die durchschnittlichst-mögliche Bewertung? 😉

  6. Ich litt im Kino sogar unter Blähungen, von denen mich ein Gang zur Toilette befreite. Als Anhänger der Dekonstruktion bezeichne ich “Avatar” seit diesem Erlebnis als “Sein zu Scheisse”.

  7. Toll, wie immer. Danke dafür. Im Kino hab ich andauernd gähnen müssen, und wartete (vergeblich) auf eine Musicallnummer. Seltsamerweise hatte ich dann in der (ersten) Heimkinoauswertung richtig Spaß an den Film, was wohl daran lag, dass ich den nun in 2D sah. Brille auf Brille ist eben nicht so toll. Ich hasse 3D und hoffe, dass sich das nicht durchsetzen wird. 😛 – Gruß – Olli

    1. Bei mir hat’s keinen Unterschied gemacht. 5/10 nach Kinosichtung, 5/10 nach DVD-Sichtung. Aber wie oben gesagt, die Brille, oder in dem Fall der Effekt, den sie auslöst, hat mir auch nicht gerade geholfen

  8. Ich habe nur die acht Minuten längere Version im Kino gesehen (da waren etwa inklusive uns fünf Leute da ^^), weil mir der Film gut gefiel, ich ihn jedoch nur einmal sah. Und so ein Film auf DVD einfach sehr viel an Coolness verliert.

    Ich verstehe aber auch die Kritiker, auch wenn ich der Meinung bin, dass man hier nicht zu sehr auf Anspruch pochen sollte, sondern einfach die Bilder auf sich wirken lassen sollte. Ein besserer Porno halt. 😉

    Du erwähnst etwas interessantes, als du sagst, dass Avatar sich mit Anspielungen auf die Ebene anderer Werke hebt. Ist eine Referenz auf einen anderen Film wirklich zwingend ein Versuch, sich auf die Ebene des zitierten Werkes zu heben? Ich denke nicht, für mich ist es mehr eine Hommage und eine Ideenquelle, deren Cameron zwar schon abertausende zu haben scheint 😉

    Ansonsten: Wie immer – top Review!

    1. Sicher ist das ein schmaler Grad zwischen dem, was man einem Film als Hommage durchgehen lassen kann und dem was geklaut oder stumpf abgekupfert wirkt. Hängt sicher nicht unwesentlich davon ab, wie einem der Film eben insgesamt gefällt, als was man es ihm auslegt.

      Ich finde, Cameron provoziert durch diese überdeutlichen Anspielungen den Vergleich mit genannten Werken, statt seine ach so wunderbare Welt mit etwas ganz und gar eigenem anzureichern und nicht bloß ‘n irdischen Büffel gegen einen pandorianischen auszutauschen und ansonsten die Szene quasi 1:1 nachzustellen. Das werte ich gar nicht unbedingt als einen Versuch, sich auf die Ebene des zitierten Werkes zu heben, lass es meinetwegen eine Hommage sein (oder es ist Rumgeprotze nach dem Motto: “seht mal, wie viel besser das bei mir aussieht”, würd ich Cameron mittlerweile auch zutrauen 😉 ). Aber wie gesagt, es provoziert halt überdeutlich einen Vergleich, den Avatar verliert und dem er sich nicht hätte aussetzen müssen.

      Ansonsten: danke für’s Lob 🙂

    2. Interessanterweise führen wir in Deutsch gerade dieselbe Diskussion zur Intertextualität im Parfüm von Süskind. Aber das nur am Rande.

      Für mich sind es einfach Seitenhiebe auf gute Filme, dass Avatar zumindest was das Renommé angeht, auf einer Ebene mit den Genannten steht, ist imho ohnehin indiskutabel, mangelnde Qualität hin oder her. 😉

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